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Nr. 60. — 1. Jahrgang-___________________

wirken. Des weiteren verbreitet sich der Redner über den in Cassel bestehenden Fürsorge-Verein für die schulentlassene Ingens, der sich der Waisen annehme, oder die Kinder unbemittelter oder zur Erziehung unfähiger Eltern. Diesen Kindern würden Lehrstellen verschafft und ihnen in jeder Weise geholfen, daunr sie getrost den Weg ins Erwerbsleben antreten könnten. Nun wißen Sie alle (fuhr Her: Kimpel fort), daß sich in Cassel die Gesellschaft für G e m e i mv o h l niedergelassen hat, die genau denselben Zweck verfolgt, wie ihn die heutige Versammlung zu erstreben sucht: Den Zu­sammenschluß aller der Bestrebungen, die auf die Jugendfürsorge hinauslaufen. Tic Gesellschaft für Gemeinwohl befaßt sich aber nicht nur mit der Jugendfürforge, fon- dern auch mit der Fürsorge für Erwachsene, Strafentiaffcnc und andere der Fürsorge Be­dürftige. Ich will aber damit nicht gesagt habcrsi daß der heutige Abend umsonst sei und daß * ...

der deutsche Jugendverband in Gaffel keine Stätte , für seine Entwicklung findet. Weil gerade der Jugendverband seine Arbeiten aus kleinerer Grundlage sucht, und nur die Jugendvereine zusammenschließen will, wird er segensreich wirken. Es würde indes­sen eine andere Frage fein, ob er sich der Ge­sellschaft für Gemeinwohl angliedern soll. Das Gewerbliche Lehrlingsheim und der Verein zur-Fürsorge für die schulentlassene Jugend haben sich jener Gesellschaft angegliedert. Ich mochte wünschen, daß in Cassel eine Orts­gruppe des deutschen Jugend-Verbandes zu­stande kommt, und was ich mitwirken und tun kann, um das Werk zustande kommen zu las­sen, das soll geschehen.

Herr Sekretär Wegener: Es ist bedauer­lich, daß die Versammlung so schwach besucht ist; aber es' freut mich von ganzem Herzen, daß die Versammlung cinberufen ist. Als Ver­treter der Jünglingsvereine darf ich es wohl aussprechen, daß. die Jünglingsvereine schon feit'Jahrzehnten an der Jnaend arbeiten. Wir freuen uns, daß man endlich einmal anfängt, der Jugend zu gedenken.

Wenn auch die Einladung einseitig gewesen ist (sie hat nur in den „Casseler Neueste Nachrichten'' g-standen), so meine ich doch: Wenn einmal m 30000 und einmal in 32 000 Exemplaren ejngeladen wird, hätte doch eine ganz andere Versammlung zustande kommen müssen. Aber ich glaube, eine kleine Geschichte scheint auch aus. Cassel zuzutreffen: „Man wird erst um nenn Uhr w ach !" Als 1866 die Landwehr in Berlin einberufen wurde, hatten die Leute Noch die Mützen mit dem großen Schirm getragen. Als sie einge­kleidet waren und die Mützen aufhatten, sagte der. Hauptmann: Morgen früh um sechs Uhr wird angetreten!, worauf ein Landwehrmann erwiderte: Herr Hauptmann, bett seht nich! Als der Hauptmann fragte, warum das nicht gehe, erhielt er zur Antwort: Unter dem Schirm werden wir erst um neune wach! Das ist eine lustige Geschichte; aber ich glaube, diele Geschichte trifft auch auf Cafs el zu. Wenn eine Anzahl Damen und Herren ein Verständnis für die gegenwärtige Situation hätte, wenn sie einen tiefen Ein­blick tun könnte in die sittliche Not ünfefer Jugend^ und in die Verhetzung, bann, glaube ich ganz gewiß, hätte heute abenb eine große Versammlung zustande kommen müssen. Aber wir wollen deshalb nicht verzagen, wir orbei- M ten auch bann, wenn wir nur wenige sind.

Herr Lehrer Hassenpflug verbreitet sich in kurzen Ausführungen über die Schädigungen, die durch die Schundliteratur hervorgerufen werden. >

Herr Brinkmann (Vertreter des Casse­ler Fußballvereins) tritt dafür ein, daß auch ' '

die Sport- und Turnvereine in dön Jugendverbanb eingeschlossen werden, da sich diese Vereine das Ziel gefetzt hätten, die jungen Leute an Körper und Geist zu stäh­len..

Herr Lehrer Kühnemnth weist darauf hin, daß in der Gesellschaft für Gemeinwohl ein

Casseler Neueste Nachrichte«

Ausschuß zur Förderung von Leibesübungen und Wanderungen gegründet worden fei, an dessen Spitze HerrRegierungsratRött- g e r steht. Wenn der Jugendverband gebil­det werden soll, bann muß der vorgesehene Beitrag von vier Mark herabgesetzt werden.

Herr Professor Sand rock empfiehlt, zur nächsten Versammlung als Hauptredner Herrn General Keim zu bitten, daß er in einem Vortrage die Ziele und Zwecke des Deutschen Jugend-Verbandes barlegen möge. . Man müsse feiner an die O p f e r w i l l i g k ei t a l l e r K r e i f e zu apellieren, bantit die Mittel zur Schaffung einet Zentralstelle aufge­bracht würben, die für die Arbeiten der Ju­genderziehung, so notwendig fei. ,

Herr Hauptmann a. D. Simons dankte zum Schluß für die mannigfachen Anregun­gen und fchloß die Versammlung mit dem Wunsche, daß die nächste Versammlung bes­ser besucht sein möge. -ss-

3wei Millionen Defizit.

Die Bilqnz der. Brüsseler Wellausstellung. (Telegraphische Meldungen.) Die Bilanz der Brüsseler Weltausstellung ist nunmehr- so weit, gediehen, daß man sich über bie Einnahmen und Ausgaben ein Bild machen kann. Dieses Bild ist kein erfreuliches, denn der Riesenbettieb der Weltausstellung hat ein beträchtliches Defizit ergeben, des­sen Deckungsmöglichkeit zurzeit noch nicht ge­sichert ist. Es heißt sogar, daß der ungünstige Abschluß noch Anlaß zu großenProzes- f e n geben werde. Ein Telegramm be­richtet über die Angelegenheit folgende Ein­zelheiten:

Brüssel, 14. Februar:

Nach der Meldung eines klerikalen, halb- offiziösen Blattes schließt die' Weltausstel­lung mit einem Defizit von 1 446 000 Franken. Dabei ist zu berücksichtigen, daß nach den Angaben.des Komitees der g r o ß e Brand, im August dem Ausstellungs-Ko­mitee eine Million Franken gekostet haben soll. Man kann die Richtigkeit dieser Ziffern nicht bezweisesn, trotzdem scheint es sicher zu sein, daß der Staat die mit der Ausstel lungsgeftllfchaft vereinbarte Garantie von einer Million Franken bezahlen muß, während der Rest von den Zeichnern des Garantiefonds aufgebracht werden muß. Für Platzmieten und Konzessionen wurden rund fünf Millionen eingenommen, für Entrees und Abonnements während der siebenmonatigen Dauer der Ausstellung ebenfalls rund fünf Millionen; die Lotterie (deren Einrichtung geradezu einen Skandal berbergerufen hatte) brachte dem Ausstellungskomitee den Nutzen von drei Millionen. Die Reklame hat dem Ko­mitee angeblich anderthalb Millionen Fran­ken gekostet. Bei der Abrechnung dieser Posten sollen sich große Differenzen heraus.gestellt haben; das halboffiziöse klerikale Blatt spricht sogar davon,, daß es zu einem öffentlichen Skandal kommen werde. Zu erledigen sind Noch die Schabener- s atz klagen wegen des Brandes. Das Ergebnis der verschiedenen Prozesse muß erst -noch abgewartet werden, bis man ein end­gültiges Urteil über das Ergebnis der Aus­stellung .'fällen kann. Denn we.nn Verurtei­lungen des Komitees erfolgen, wird sich das Defizit noch Erheblich .vergrößern und es werden dann sicher rund z w e i. M i l- lionen herauskommen, die noch gedeckt werden müssen!

Die Ausstellung ist bekanntlich mit einem Kapital von nur zweiMillioneu Fran­ken von den Gründern unternommen worden und auch davon wurde nur der achte Teil ein- gezahlt, sodaß es unverständlich erscheint, wie das enorme Defizit möglich geworden ist. Die aufgedeckten Differenzen erstrecken sich über

den gesamten Ausstellungsbetrieb, und es hat sich ergeben,. daß seitens der Ausstel­lungsleitung in geradezu sträslich leicht­fertiger Weife gewirifchaftet worden ist. Eine Anzahl Prozesse sind bei den Gerichten bereits anhängig gemacht.

Sie Politik de» Zages.

cä3 Die Versicherung Der Privatbeamten. (Telegramm unferes parlamenta­rischen Mitarbeiters.). Wie uns aüs Berlin berichtet wird, hielt die Siebenerkom­mission des Hauptausschusses für die Pensions- Versicherung der Privatangestellten gestern im Reichtagsgebäude eine Sitzung ab,.zu der auch eine Reihe-von Reichstagsabgeordneten geladen waren. Alle Fraktionen waren durch Abge­ordnete vertreten. Diese erklärten übereinstim­mend, daß der Reichstag großen Wert darauf lege, noch in dieser Session das Gesetz zustande zu bringen, und daß man alles tun werde, um sowohl bie Beratungen, im Bundesrate zu de- schleunigen, als auch eine glatte Erledigung im Reichstag herbeizuführen.

s Die „Frucht von Potsdam"? (Spezial- Telegramm.) Nach einer uns aus Paris zu- gehenden Drahtiyeldung ist ber „Matin" auf Grund von Mitteilung aus angeblich autori­tativer Quelle in der Lage mitzuteilen, daß zwischen Deutschland und Rußland aussichts­volle Verhandlungen schweben, die bald zum Abschluß gelangen dürfen, obgleich der endgül­tige Wortlaut des Abkommens noch nicht fest- steht. Wie das Blatt weiter erfahren haben will, steht die Unterzeichnung des Ab­kommens nahe bevor. Beide Mächte feien zu einer Verständigung über Persien und die B a g d a d b a h n f r a g e gelangt.

cä3 Nach Potsdam ^Venedig! (Spe­zial-Telegramm.) Aus Rom berichtet uns ein Telegramm unseres Kor­respondenten: Von .authentischer Seite wird mir soeben mitgeteilt, daß eine Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem König von Italien nunmehr bestimmt, stattfinden wird. Es ist nur noch die Frage zu erledigen, ob die Zusammen­kunft auf der Hinreise des Kaisers nach Korfu oder auf der Rückreise ftattfinben soll. Beide Monarchen werden sich in Venedig treffen, In Diplomatenkreisen heißt es, das die Be­gegnung einen hochpolitischen Charakter tra­gen wird.

S> „Die Hände auf dem Degenknauf . . ." (Priva11efegramm.) Aus Paris wird uns berichtet: Im Senatsgebäude erfolgte gestern im Beisein mehrerer, Mitglieder des diplomattschen Korps die feierliche Ueberrei« chung einer Nobelpreis-Erin-ne- rungsmedaille an den bekannten Vor­kämpfer der Friedensbewegung. D e st o u r - nelle de Constant. Dabei sagte der Se- natspräfldent D u b o ft: „Vergessen Sie bei Ihren rühmenswerten Bemühungen um den Weltfrieden nicht, daß wir Söhne des ver­stümmelten Frankreichs inmitten des waffenstarrenden Europas, die Hände auf d em Degenknauf gestützt, die Stunde der a u s g l e i ch e n b e n Gerechtigkeit er- warttu. Den Tag der allgemeinen Mensckien- berbrüberung werben wir wohl kaum erleben."

tS3 Der Kampf ums Land des Jemen. (Sp ezial-T ele g ramm.) Aus Mailand wirb uns bepeschiert: Wie bem „Sortiere be la Sera" aus Konstantinopel gemclbet wirb, ist Hobeiba von ben Arabern vollstänbig umzingelt, beten Zähl sich auf über fünf« zigtaufenb Mann beläuft. Trotz aller opti­mistischen Mitteilungen bes Kriegsministers ist bie Lage bet Stabt verzweifelt unb bie Belagerten finb im Begriff, ihre letzten Pa­tronen zu verschießen.

cS> Der König a. D. (Spezialtele­gramm.) Einer Depesche aus Lissabon zufolge teilt die portugiesifche Regierung offi­ziell mit, daß die Verwaltung der Güter des Hauses Braganza an den König Manuel

Sonntag, 12. Februar T9IL

die Gesamtsumme der Erträgnisse dieser Gü­ter ohne jede Störung absenden konnte. Seit Dezember vorigen Jahres wurden bem König insgesamt zweihunberttausendFran- ken übersandt, bie aus bem Verkauf von Schatzscheinen herrührten.

c§P Tie Dreadnought Werst in Flammen. (Telegramm.) Depeschen aus Liver­pool zufolge ist auf bei Schiffswerft bet Firma Gammel Lairb & Go. in Birken- heab, auf bet sich ein Dreabnought vom neuesten T p p im Bau befinbet, heute früh Feuer ausgebrochen. Es gelang, bas Feuer auf bie am Ufer befindlichen Gebäude zu beschränken, die vollständig auSbrannten, wobei auch einige Pläne des Dreadnought ver­nichtet wurden. Der durch das Feuer ange» richtete Schaden ist beträchtlich. -

Neues vom Tage.

Bendetta.

(Von unserm Korrespondenten.)

Man schreibt uns aus Rom: Eine eigen­artige und wahrhaft ergreifende Zeremonie beschloß dieser Tage in Santa Teresa di Gal- lurg auf Sardinien verhängnisvolle, auf Blutrache zuruckzuführende Fayrilien- feind schäften, bie sich jahrhundertelang von Generation zu Generation fortgeerbt und zahlreiche Verbrech e n zur Folge gehabt hatten, Verbrechen, bie ganze Familien vernich­teten unb vertilgten, unb anbere an den Bet- 5 telftab brachten ober zur Auswänberung »er« anlaßten.

Morb unb Totschlag waren etwas so Ge­wöhnliches, Alltägliches geworben, baß sie aus ganz nichtigen Ursachen begangen wurden. Die Versöhnnngsverfuche. die von neutral geblie­benen Personen gemacht wurden, scheiterten fast immer an bem Wiberstanb bet Frauen, bie sich weit rachsüchtiger' zeigten als bie Männer, unb unter allen Umständen Sühne für das vergossene Blut ihrer Angehö­rigen forderten. In einigen Orten gelangen bie Versöhnungen aber trotzdem, und man spricht in Sardinien noch heute von der im Jahre 1884 in Terranova erfolgten Versöh­nung der Familien P i 110 r a unb Quag- li 0 ni, bie mit großem Pomp unb in Gegen­wart bes Präfekten unb des Carabinierimajors von Sassari, der Bischöfe von Tempio und von Ozieri, sowie aller Notabilitätcn Sardi­niens gefeiert wurde. Die Versöhnung von Santa Teresa, das „Ereignis unserer Taae", fand in der Kirche statt. Dort hatten sich mehr als tausend Personen versammelt, unter ihnen alle Häupter der feindlichen Fa­milien. Es sprachen der Bürgermeister von Tempio, der Bürgermeister und der Geistliche von Santa Teresa unb andere: Alle Redner rieten zum Frieden und zur Eintracht. Daraus chritten bie Häupter ber verfeindeten Parteien, Advokat Orecchioni und Ritter Carbi, gesenkten Hauptes aufeinanber zu, um sich,. aufs tieffte erschüttert, zu umarmen und zu küssen. Die Menge begleitete biefen svmboli- chen Versöhnungsakt mit lautem Jubel. Aus allen Teilen Sarbiniens gelangten an ben Bürgermeister von Santa Teresa Glückwunsch­telegramme. Derartige Verföhnungsakte gel­ten in Sarbinien für heilig, sodaß ein Wort- - bruch als eine verächtliche, ehrlose Handlung bettachtet werden würde. Nach ber Umar­mungszeremonie versammelten sich die Vertre­ter der ausgesöhnten Familien zu einem Ban­kett, und der Vergangenheit wurde mit keinem Worte mehr gedacht: Der „Dolch bet Blut­rache" war feierlich begraben . ... Dr. 8.

~ Der fingierte Raubanfall. Rach einer Depesche aus Berlin wollte bie Frau eines Steuererhebers auf bem Weg zum Post­amt, wo sie über taufenb Mark einzuzahlen hatte, im Flur ihres Hauses überfallen unb bes Gelbs beraubt worben sein. Sie legte neuerbings ein umfassendes Geständnis dahin ab, baß sie ben Ueberfatt erbichtet habe. Um ben Ueberfatt glaubhaft zu machen, z e r-

Konzert im Hostheoter.

.Tas fünfte A t> 0 nnemenis - Ko nzert.

Eins der. charaktervollsten Werke ber neue» teil Literatur, die h -’m olI - SYmp h o nie von- Tschaikowsky, bildete ben Eingang zu ben Genüssen des gestrigen Abonnements- konzerteL Obwohl dieser Meister in einigen feiner Werke spezifisch russische Töne an- fchlägt, so gehört er doch nicht zu den eigent­lich russisch-nationalen Komponisten, da er durch ^Anlehnung an unsere Klassiker, beson­ders Schumann und Raff, sowie durch Beein­flussung von Liszt und Wagner, auch sehr viel deutsche Eigenart verrät. Tas Charakteri- 'ttsche, jedoch nicht - ganz Einwandfreie ber Tschaikowskyschen Tonsprache, ist bas un.aus- zeglichene Jneinanderg-eijen zweier Gittern,’, das , snner lyrischen ©igenart unb das bes Stoürussen, bes Halbbärbaren, ber seine Wild- 6eit in der Gntfn'tung instrumentalen Lärms unb in bem Zutobehetzen derselben kurzen rythmischen Motive ausläßt. Nichtsdestoweni- gcr kann man seine Orchesterwerke ben besten Ptogrammsymphonicn zur Seite stellen. Mit der sechsten ShmPhonic h-moll op. 74, genannt, die „Pathetische", lernen wir das letzte Werk des .AI ei st e rsk enn e n. bas er noch tun vor sei­nem tragischen Ende (bekanntlich würbe er am 5. .November 1893 durch die damals grassie­rende, Cholera hintoeggerafft) vollendete.

Mit bem Ausdruck „pathetisch" hat ber Komponist bie Phantasie des Hörers nur int großen Umriß anregen wollen, wir haben es also mit einer Programmsymphonie im engeren Sinne nicht zu tun. Wirklichen Grund bat die Benennung „pathetisch" auch nur in Bezug auf be.it ersten Satz, obwohl selbst hier die melancholisch-leidenschaftliche Grundstirn- tnitng teilweise durch lyrische Stellen nn- Icrbrochen ivitb. Während in dem nun folgen« !K» zweiten Satz liebliche Anmut zum Aus- »rud kommt, schwingt sich der dritte zu Heller Ktettbe cmvor, und im Finale läßt der Kom ooriB einen unerwarteten Klogegesam. eriö- :tcn. Was bie Konstruktion des ersten Scwes iVdagi»^Allegro no, troppo) anbelangt, so ist iw VervSsich ben Arbeite», anderer großer

Meister, die ben ersten Satz ber Symphonie stets im gleichen.Zeitmaß schrieben, ein öfterer Tempowechsel zu verzeichnen, wodurch ttotz Versuch einer guf Einheit hinzielenden, tüchti­gen thematischen Arbeit leicht ein zerrissener Eindruck beim Hörer hervorgerufen Wirb, wie auch bie günstige Wirkung bieses Satzes burch bie etwas lärmenbe Coda im dritten Teile nicht gerade erhöht wird. ’ Das Glühende sei­ner Tonsprache, und seine hier vorhandene ab­solut-nationale Ausdrucksweise lassen uns je­doch diese kleinen Mängel vergessen.

Von höchster Anmut und Behaglichkeit ist der zweite Satz D-dur, dessen Tempo art (Alle­gro con grazia) das in der Symphonie bisher an dieser Stelle stehende Adagio ober Andante verdrängt. Bemerkenswert ist hier auch ber vom Komponisten angetoanbte unb aufs ge­lungenste durchgeführte Fünfviertel-Takt, der sich besonders bei den Jungrussen großer Be­liebtheit erfreut. Die in biefem Satze austre- tenben vielen Wiederholungen ber Melobie. bie in ber Eigenart der russischen Volksmusik begründet sind,- hüt der Komponist durch Vari­ierung in den verschiedenen Instrumenten ■ ge­mildert. Der dritte Satz Allegro molto vi­vace, ist eine eigenartige Verbindung zweier verschiedener Kompositionsformen, nämlich eines, einem Mücken- ober Elfentanz ähnelnden Scherzes int Tarantellenrythmus, und eines Marsches von fast militärischem Gepräge. Es tritt uns Yes Daseins heiterste und ausgelas­senste Seite entgegen, wodurch dieser Satz noä weniger als der zweite zum Titel der Sym­phonie in programmatischer Beziehung steht, jedoch einen trefflichen verstärkten Kontrast zum ersten Satze bildet. Daß Tschaikowsky den vierten-Satz entgegen ber herrschenden Art, zu einem Adagio lamentofo ausgestaltete, gibt Veranlassung, daraus hinzuweisen, baß dieS eine alte Svohr'fche Idee ist, von bcr sich bcr Meister wohl auch leiten ließ.

Eine besonbere Bekrästigung ersähet biefe Vermutung noch dadurch, daß ber von ben Geigen umspielte elegische Gelang in Charakter und Anfangstönen aufs Ausfallendste mit dem Hauvtthcma im Finale der „Weihe der Töne" von Svobr übereinftimmtCbwobi irgendwelche

Gedanken, die möglicherweise dem Komponisten bei dem Entstehen dieses Satzes vorschwebteii, nicht bekannt sind so glaubt Riemann in oie- sem Finale die Wehklage eines auf dem Felde der Ehre zu Tode verwundeten Kriegers zu hören. Und diese Darstellung ist nicht von der Hand zu weisen, tarnt doch das bis zu höchster Sraftentfaltung' gesteigerte Marschthema des vorhergehenden Satzes sehr leicht bie Vorstel­lung einer heißen Felbschlacht wachrufen.. Auch das Verblassen der Lebenskräfte des Kriegers unb ber Sterbemoment ist treffenb durch einen leisen und verklingenden Tamtamschlag und ebenso ausgeführte Posaunenakkorde gekenn­zeichnet. Daß nun Tschaikowsky selbst unter bem Einbruck bieses Symphonieausgangs, bei gleichsam seinen Schwanengesang hüben sollte, auf ber Höhe seines Schassens aus bem Leben scheiben mußte, ist eine Tatsache, bie wohl kaum durch ein anderes Komponistenschicksal an Tragik und Traurigkeit übertroffen worden isi.

Tw Wiedergabe ber Symphonie durch bi: Königliche Kapelle sunter' Leitung des Herrn Professor D r. Beier) ließ sorgfältige Vorbe­reitung erkennen. An bieser Stelle kann die schon des Ccftcren geäußerte Würdigung und Anerkennung dieses auf künstlerischer Höhe ste­henden Orchesters unb feines Leiters bähet nur wieberbolt werden. Die wuchtige Tragik bes letzten Satzes hätte burch eine plastischere Aus­arbeitung vielleicht noch von tieferer Wirkung fein können. Hatte ber Gast des Abends, Herr Prof. Dr. Kraule aus München uns schon mit seiner Messias-Arie „Warum entbrennen bie Heiben" von Händel in die Stimmung eines verschollenen Jahrhunderts zurückversetzt und uns damit an ben (im Vergleich nt feinen Jn- strumentalkomvo sitionen) weit mächtigeren Ora- torienkomponisten erinnert, so trat uns in ber ersten Nummer bes zweiten Teiles (Concerto grofib Nr. 6, g-moll, für Streichorcbest-r. mit zwei obligaten Violinen und einem Violoncell) ebenfalls ein echter, ganzer Hänbel entgegen. Es ist das sechste von zwölf Konzerten, bie Hän­bel in bcr enorm kurr-m Zeit hon einem Monat 1 Oktober 17374 schrieb unb die besonders in England große Berühmthett erlangten.

An den ernst gehaltenen, voll und breit er- ningenben ersten Satz (Largo afsectuolöi schließt siel, ei» vierstimmig fuaierteä Allegro an, dem

bann eine Musette (ländlicher Tanz, für bie Sackpfeife geschrieben, mit bem charakteristischen Merkmale des fortschnurrenbeu Basses), nicht Menuette, wie irrtümlich auf bem Programm staub, folgt. Es ist ein wirksames Stückchen von altfränkisch, graziöser Haltung, bas sich un­ter ben übrigen Sätzen zuerst bie Gunst des Hörers erobert unb bem sich ein energisch ein« setzendes Allegro als Schlußsatz angliedert. Auch diese Nummer erfuhr eine stilgerechte Aus­führung unb überzeugte uns besonders von dem vollen, gesättigten Wohlklange des Streichkör- pers. aus dem bie obligaten Violinen unb bas Violoncell, vertreten burch bie Herren Konzert­meister Heppen, Kammermusiker G ä h l e r t unb Kammervirtuos Monhaupt mit bcr nö­tigen Plastik hervortraten.

Zu erwähnen ist noch bas, bas Cembalo bertretenbe Klavier, das bem Streichorchester zur Verstärkung beigegeben ist. Den Schluß bes Abenbs bilbete bas zweite Auftreten von fSerrn Prof. D r. Kraus, ber uns noch mit fünf Liebern ber Wolf'schen Muse bekannt machte, unb zwar: .Fußreise", „Denk es, 0 See. le", „Der Musikant" unb „Der Freund". Wäh­rend ihm bie schon genannte Arie Gelegenheit gab, seine Gesangstechnik in bestem Lichte zeigen, konnte man bei ber Wiedergabe bet Lieder seine hohe künstlerische Intelligenz be­wundern. die in bem feinburchdachten Vortrag zum Ausdruck kam. Am meisten aber entzückte das samtweiche, dabei doch kraftvolle, metal­lische Organ des Künstlers, dessen vollendete Behandlung es ihm gestattet, die ganze Scala der Empfindungen auszudrücken. Der reiche Beifall veranlaßte den Künstler, das Lied „Der Musikant" zu wiederholen. Die Begleitungen der Lieder batte Herr Prof. D r. Beier über, nemmen. Er führte sie an dem klangvollen. Bechsteinflügel (aus der Niederlage des Herrn Scheel, hier) in feinfühliger Weise aus. Auch bei den Orchesternummern kargte das Publi­kum nicht mit Beifall, ber besonders nach dem dritten Satze bcr Symphonie stürmisch einsetzte.

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Kleines Feuilleton.

„Brunnengeister" im Residenz Theater. In Herrn Rordaus Theater gab man gestern (als Uraufführung; ein Lustspiel.Brunnen.