Kr. 58. — 1. Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichte»
Freitag» 10. Februar 1911,
kSonderabdruck für den Deutschen Jugend - Verband. Geschäftsstelle Berlin W. 62, Kleiststraße 3.)
Bei den nächsten Reichstagswahlen könnte, wenn Negierung und Ordnungsparteien ihren Vorteil recht verstünden die Traae der Jugenderziehung stark rm antssozmldemokratsschen Sinne wirken. Ganz allgemein herrscht im ländlichen-wie im städtischen Mittelstände bie Heber- Zeugung daß es mit der Verwahrlosung der Heranwachsenden nicht so weitergehen darf, und auch die dem Arbeitörstande angehörigen Eltern seufzen laut über die Zucht- und Autontatslosigkeit derer zwischen vierzehn und achtzehn. Doch wer schon darüber hinweqsieht und nch mit der bequemen Ausrede tröstet, Jugend habeme Tugend gehabt, auch der erkennt zumeist wenigstens die Gefahren, die ungebundeneFreiheitder Halb- flüggen, ihr Verkehr m Kneipen und auf Winkel-Tanzböden für sie im Gefolge hat. Er hegt, denkt er anders überhaupt jemals dem Thema nach, den dringenden Wunsch^ dasi die Zungen Leute Körper und Geist nach harter Wochentagsarbeit in gesundem Vergnügen möglichst bei Svie! und Sport erfrischen, statt sich m Dunsthöhlen unter Liedersahnen und Dirnen völlig zugrunde zu richten. 99 9 P
Es wird nicht viele deutsche Wähler geben, die des hohen Bürgerrechtes wett sind und dennoch ihre vaterländische Pflicht den Leranrerfenden gegenüber wissentlich verletzen wollen. ’ ' ' oen
Die Jugendbewegung marschiert. In aller Sülle wird mehr getan, als die noch fern Stehenden annehmen. Linker dem Vorffk de» unermüdlichen Generals Keim, dessen frische, unbekümmert aufttchtige Att die „Tag"- Leser zur Genüge kennen, hat sich ein Deutscher Jugend-Verband gebildet und die Zusammenfassung aller Interessierten in die Land genommen. Bisher arbeiteten hundert Vereine und Tausende von Einzelpersonen neben oder gar gegeneinander, oft ohne sich zu kennen. Sie hatten alle die besten, die vorzüglichsten Absichten — bei der d.renzerllosen Zersplitterung der_ ^0^6 wurde trotz redlicher Mühe so gut wie nichts erreicht. Das soll und muß anders werden. Ohne irgendeiner GesellschE das Arbeitsfeld zu beschranken, wollen wir doch dafür'sorgen, daß sie ihre Kraft an der ttchügen Stelle ansetzt aus den (Er- Arungen der Mitstrebenden Nutzen zieht und selber dem allgemeinen Zwecke nützt. Vereint ergeben die jetzt ohne eigentlichen Führer kämpfenden Lauffern klein em starkes Leer,^das sich mcht an Atopien zu verbluten brauchte, sondern vor allem neben schlichter praküscher Arbeit auf die Regierung, die Parlamente, die Stadtverwaltungen und die Presse einzuwirken hätte. Gerade die Presse nimmt sich des wichtigsten Problems unserer Zeü, der Fürsorge für die Schulentlassenen, noch viel zu wenig an. Wohl ist es besser geworden seit den Jahren, wo eigentlich nur an dieser Stelle Warnrufe .ertönten; aber noch immer schleichen zahlreiche große Blätter an der entscheidenden Zukunstsftage vorbei wie der Teufel am Kreuz Jede lumpige Theaterpremiöre jedes neue Poiretkleid, jeder Gesellschastsklassch ist ihnen wichüger als die nationale Erziehung unseres Jungvolkes. Lier muß noch schweres Aufllarungswerk getan werden. Daneben tut es not, immer wieder die Städte an ihre Pflicht au er- chuern, weil die Erfüllung dieser Pflicht gesunde Bürger schafft und die Armen- und Siechenetats entlastet. Parlament und Regierung dürfen mcht mehr zur Ruhe kommen. Der Deutsche Jugend-Verband hat dafür zu sorgen, daß sie unverbindlichen Schönredereien mannhafte Taten folgen lassen . , . Ww haben weiß Gott keine Zeit mehr zu verlieren. Schon ist der größere Teil der Arbeiterjugend fast rettungslos der SoÄial-
demokraüe verfallen. Dabei gehört die Jugend keiner Pattei, sondem dem gesamten Volke; abscheulich versündigt .ich an ihr, wer die Aner- wachten und Anreisen m Gleichgültigkeit und Laß gegen das Vaterland hineinpeitscht. Die Gutgesinnten müffer., wenn sie nicht den Schimvf stumpfer ^ellnahmlosigkett auf sich laden wollen, endlich mit Land anlegen, damit dem Lehrlingsfange Einhalt geboten wird. Zur Volkssache werden, was setzt nur erst die Leidenschaft verhältnismäßig weniger ist. Bei den Reichstagswahlen von 1911 sollte die Erziehung der Lalbfluggen bereits zu den vornehmsten Forderungen jeder aufgeklätten Wählerschaft zählen. Naüonale Männer und Frauen sollten dann bereits Mtt ganzer Seele den Deulschen Jugend-Verband unterstützen. ,$et $a/cc,m 14. 1,10.)
Deutscher Jugend-Verband
von Richard Nordhausen.
Ansprache des Generalmajors Keim, 1. Vorsitzenden des D. I. V.
Ich habe die Ehre, im Namen des Vorstandes des „Deutschen Jugend-Ver- vandes" dessen ersten Verbandstag zu eröffnen, und danke in erster Linie den anwesenden Vertretern von Jugendvereinen und -Verbänden für ihr Erscheinen. Dann aber auch den einzelnen Damen und Herren, deren zahlreiches Erscheinen als Beweis gelten kann für das Wohlwollen, welches weite Kreise den Bestrebungen des Verbandes entgegenbringen. Was diese Bestrebungen betrifft, so will ich auf Einzelheiten und auf die Hauptpunkte nicht näher eingehen, weil ja die Ihnen vorliegenden Satzungen und namentlich der Vortrag des Herrn Bürgermeisters Maß-Görlitz hierüber Auskunft geben. Ich möchte jedoch feststellen, daß die Jugendstage erst seit einigen Jahren angefangen hat, das deuffche Volk lebhafter zu beschäftigen. Man nahm früher an, daß die Jugendstage gelöst würde durch den Staat, die Schule und das Haus. Diese Auffassung hat sich jedoch geändert und Sie werden ja nachher hören, ob der Staat, die Schule und das Haus ihre volle Schuldigkeit' getan haben. Und da werden Sie wohl teilweise mit einem Nein antworten müssen. Aber es gibt nicht nur eineJugend- frage, sondern auch eine Jugend not, und die besteht darin, daß die Jugend nicht vor so schweren Gefahren beschützt wird, wie sie beschützt werden muß auch im Interesse der Nation, denn die Jugend stellt das köstlichste Gut eines Volkes dar.
Die Schule hat jedoch teilweise Bahnen eingeschlagen, die nicht mehr den wachsenden geistigen wie ethischen Bedürfnissen des deutschen Volkes entsprechen, und diese Richtung der heutigen Schule ist deshalb besonders zu beklagen, weil sie die Jugend vielfach mehr auf Ausländisches hinweist, wie auf das Vaterländische. Sie werden u. et. nachher hören, daß in den preußischen Gymnasien 124 Stunden wöchentlich auf die Fremdsprachen und nur ebensoviel Stunden auf alle übrigen Fächer verteilt sind. Auf diefe Weise wird naturgemäß der Jugend das Fremde vertrauter, und das Völkische tritt zurück.
Es haben sich nun im Laufe der Jahre Jugendvereine gebildet, vor allem Vereine, die sich der Jugendnot annehmen wollen. Unsere Jugend will nicht mehr nur in Schulstuben eingesperrt sein, sie will sich auch in Wald und Flur naturfroh betätigen. Es haben sich Vereine gebildet, die staatsbürgerliche Erziehung der Jugend verlangen, es haben sich auch Vereine gebildet, die Jugendfürsorge in weitestem Um- jange anstreben. Aber alle diese Vereine sind bis jetzt nach echt deutscher Art jeder leinen eigenen Weg gegangen. Die Existenz dieser Vereine ist gewiß berechtigt, und die Ziele, die angestrebt, und die Mittel, die angewendet werden, sind durchaus zu billigen. Aber Zersplitterung führt niemals Großes herbei. Nur in der Einheitlichkeit, also durch Zusammenfafsen aller Weiche oder ähnliche Zwecke verfolgender Vereine ist es möglich, auch wirklich Ersprießliches zu leisten. Aus diesem Gedanken heraus ist der „Deutsche Jugend-Verband" entstanden. Er will in den weitesten Kreisen des deuffchen Volkes die vielseitige Arbeit fördern und vor allem organisieren helfen. Der „Deutsche Jugend-Verband" stellt dabei als obersten Grundfatz fest, daß er nach jeder Richtung hin unabhängig bleiben will, unabhängig nach oben wie nach unten.
Es ist uns nun gelungen, durch mühsame Arbeit, nach langen Vorarbeiten den „Deutschen Jugend-Verband" zu gründen und ich kann die ersteuliche Mitteilung machen, daß sich schon 40 Vereine unserem Verbände angeschlossen haben. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, es liegt uns alles fern, was irgendwie die Tätigkeit der einzelnen Vereine und deren Bestrebungen einengen könnte. Jeder soll seinen eigenen Weg gehen nach dem von ihm gesteckten Ziel. Wir wollen nur dazu beitragen, daß endlich einmal alle diese Bächlein zu einem Fluß zusammenkommen können, wir haben ferner einen Bauplan gemacht und ein Haus im Rohbau fertig gestellt. Die heutige 1. Tagung soll mittelbar ihre Zustimmung aussprechen zu unfern Satzungen und zu dem, was wir weiter erstreben, wie es vor allem der Punkt 3 der Tagesordnung weisen wird. Unsere Gedanken und Bestrebungen sollen int ganzen deutschen Volke verbreitet werden, und es dürsten sich uns dann wohl noch weitere Vereine anschließen. Wenn das geschehen ist, so wollen wir in einigen Monaten eine außerordentliche Vorftandssitzung einberufen und da soll das Haus erst weiter eingerichtet und weiter ausgebaut werden. Dann soll auch der alte Vorstand verschwinden und einem neuen Vorstand Platz machen, vor allem hoffentlich einem neuen ersten Vorsitzenden, das heißt einem jüngeren und tatkräftigeren, wie der alte Soldat, der hier vor Ihnen steht. (Lebhafter Widerspruch.)
Ich möchte dann noch einen Punkt berühren, damit jeder weiß, was unsere innerste Herzensmeinung ist. Ich bin nämlich der Ansicht, daß die Jugend weder religiös noch polittsch eine Weltanschauung haben kann, die bildet sich erst später, und ich für meine Person lehne es auch ab, daß man religiöse Dinge dazu benutzt, um die Jugend an ihrem Naüonalgefühl irgendwie zu schädigen. Es gibt für mich nur eine Weltanschauung, und das ist eine deutsche Weltanschauung! (Großer langanhallender Beifall!) Wir wollen aber auch mit offenem Visier kämpfen, und wir erklären hiermit, daß alles, was geleistet werden soll für die Jugend, auf vaterländischer Gesinnung beruhen muß — denn aus der Gesinnung entspringen die Gedanken und aus den Gedank.n die Taten —, daß diese Gesinnung getragen sein muß von der Liebe zu unserm Volk, zu Kaiser und Reich. Mit Kaiser und Reich steht und fällt die Zukunft des deutschen Volkes. Wir treiben keinen Hurrapatriotismus. Man soll aber das Hurra, das aus dem Herzen kommt, am richttgen Platze nicht gering schätzen. Denn vor vierzig Jahren haben wir mit diesem Hurra die deutsche Kaiserkrone aus den stanzösischen Bataillonen herausgeholt — um mit Bismarck zu sprechen. — Und ich möchte zum Schluß hier noch hinzufügen, daß es die Hohenzollernfürsten gewesen sind, die in trüber Zeit zuerst daran gedacht haben, dem deuffchen Volke mehr Nationalsinn beizubringen. Ich erinnere nur an den Großen Kurfürsten, der gesagt hat: „Gedenke, daß Du ein Deutscher bist!" Und es ist unser Kaiser gewesen, der gefügt hat: „Wir wollen keine Griechen und Römer, sondern Deuffche erziehen!" Dieser Ausspruch unseres Kaisers trifft eine wunde Stelle der Deuffchen Jugenderziehung und wir wollen, was in unseren Kräften liegt, mit dazu beitragen, daß diese wunde Stelle geheilt werde. (Kaiserhoch.)'
Vortrag des Oberbürgermeisters Maß,
2. Bürgermeisters in Görlitz.
„Wie kann unsere schulentlassene Jugend national erzöge» werde«?" lautte das mir gestellte Thema. Schon diese Frage hat zur Voraussetzung, daß überhaupt eine nationale Erziehung das Ztel der Jugenderziehung sein müsse. — und das möchte auch tch von vornherein scharf betonen. Haben wir es auch noch so wett gebracht auf so manchen Gebieten des äußeren Lebens — jetzt im Zeitalter der Elettrizität, des Luftschiffes, der Röntgenstrahlen, — so müssen wir doch bekennen: der letzte Erfolg stagt nicht darnach, was em Volk in Kunst, Technik und Wissenschaft leistet — der fragt nach der Ueberlegen- £ * tn .körperlicher, geistiger und sittlicher Tüchtigkeit. Auch das Römische Reich, das so hoch gesttegen war, daß die Kaiser sich zu den Göttern empor zu heben erdreisteten, ist ' mortch tn Trümmer gefallen, als die jeder .Bildung", jeder Kunst, jeder Wiffenschast sern- mhende, aber körperlich, geistig und sittlich tüchtige germanische Rasse es überflutete.
r tt k n l tur ist Scheinkultur; echte Kultur kann nur auf Wahrheit ausgebaut sein, und • CP tüchtiger Deutscher nicht anders fühlen und denken kann als deuffch, — wie auch ein Engländer oder Pole nur immer englisch oder polnisch fühlt — fo kann echte Kultur tut Deutschen Reiche nur deutsch sein. Wenn wir uns daher ein erreichbares Ziel in der Erziehung der Jugend stecken wollen, so darf dies nicht ein fades Weltbürgertum sein, 1 entern em kräftiges Deutschtum, und dazu sollte schon in der Jugend der Grund gelegt werden. Wte das auf der Schule geschehen kann, haben wir gehört, — wie man die ichul- enttasiene Jugend dazu erziehen kann, möchte ich kurz andeuten.
, Schulenttaffene Jugend! Ein heute glücklicherweise oft gehörtes Wort. Ich meme damit aber — und beschränke mich auf diese — die aus der Volksschule entlassene Jugend .zwtichen 14 und 18", die Richard Nordhausen in seiner so benannten Schrift — bei. Eckardt tn Leipzig erschienen — so trefflich gezeichnet hat. Diese Jugendlichen sind ja wett mehr als dte aus den höheren Schulen Entlassenen gefährdet, und es ist eine Riesen- zobll 4 Millionen im deutschen Volke! Sie werden einst die Männer fein, denen das kost
bare Gut „Vaterland" anvertraut ist, die es mit ihrer Brust, ihrer Faust verteidigen sollen, — sie werden fein die Mütter des kommenden Geschlechts.
Es ist nicht meine Ausgabe, auf diese Schäden heute ausführlicher einzugehen, aber ich muß sie wenigstens andeuten. Sie stehen in schneidendem Widerspruch gegen die vielerlei Einflüsse, denen das Kind bis zur Entlassung aus der Schule ausgesetzt ist. Der einfache Hinweis auf die hunderterlei sozialen Einrichtungen genügt, und man kann wohl sagen, baß das Kind gegen böse Einflüsse so geschützt werden kann, daß es die Schule meist in unverdorbenem Zustande verläßt. Dann aber geht's ins Leben hinaus, — und nun ist die Jugend schutzlos dem Verderben und dem Verderber preisgegeben. Destillationen und Bierkneipen, schmutzige Tanzlokale der Vororte großer Städte, — sie wimmeln von Halbflüggen beiderlei Geschlechts, die dort in Rauch, Alkoholdunst und schmutzigem Gewühl von oft überharter Wochenarbeit Erholung suchen. Den Knaben winkl wenigstens später die heilsame Zucht im Heere, die Gehorsam und damit die Grundbedingung zum Befehlen lehrt; bei den Mädchen fehlt auch sie.
, Und wer von den jungen Männern will heute noch mit Freuden dem Vaterlande als Soldat dienen! Was früher als Ehre galt, gilt heute vielen als Last. Denken wir dabei an die Warnung des Herrn Kriegsministers, daß, wenn die Abneigung gegen das Dienen im Heere weiter solche Fortschritte mache, die Schlagfertigkeit des Heeres in Gefahr sei! Das bedeutet aber die höchste Gefahr für das Bestehen des Reiches.' Wenn wir Deutsche uns auch des langen Friedens, den wir genossen, freuen, so ist doch das Bestreben, das heute so oft zutage tritt, nur Frieden auf jeden Fall und um jeden Preis zu hallen, eines stolzen Volkes unwürdig! Wenn dem deutschen Volke nicht vergönnt ist, m innerlicher Läuterung und Aufklärung an feiner Zukunft zu arbeiten, bann wirb ber Krieg soviel Not unb Tränen er bringt, doch Gutes wirken: er wirb bie 1 ittlich e Kraft wieder wecken unb den ollen .fcefbenftnn der jekt im Niederaanae begriffen ist. wieder giiffeiickiken