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Nr. 50. 1. Jahrgang.

Casseler Neueste NachrichteS

Mittwoch, L Februar 1911. >

Das Padliwm.

Rubrik: .Dar Publikum" stellt für di- Redaktion der Oeffentlichkeit ,um allgemeinen MrinungSauStausch ,ur Beifügung. Alle dafür bestimmten Einsendungen muffen die genaue Adresse doS Verfassers tragen (der Name der Einsenders bleibt RedaktionSgehetmniS); auch können bei der vrröffenrlichmrg nur Einsendungen sachlichen Inhalts be- rückstchttgt werden und die Redaktion übernimmt dafür nur die pretzgesetzlt«he Verantwortung.

Noch ein Dort zur Sonntagsruhe!

Es ist in letzterer Zeit so viel für und wider (von berufener und unberufener Seite) über die Sonntagsruhe gesprochen und geschrieben worden, daß cs sich verlohnt, wenn nunmehr auch ein Stand, der jedenfalls mit am meisten dabei interessiert ist, einmal zu Worte kommt: nämlich der Stand der Geschäfts­hausdiener. Es bestehen da in einer gan­zen Reihe hiesiger Geschäfte Zustände, die es wirklich wünschenswert erscheinen lassen, daß entweder völlige Sonntagsruhe eintritt, oder jedenfalls ganz erhebliche Einschränkungen be­züglich der Verkaufszeit gemacht werden. Grei­fen wir uns beispielsweise einmal einen Sonn­tag aus dem Geschästsleben eines Hausdieners heraus: Zunächst vor Beginn der Verkaufszeit (von 8 bis 9 Uhr vormittags) hat sich mancher von unfern Kollegen schon wacker in Schweiß arbeiten müssen, sei es durch Arbeiten in der Privatwohnung, an der Zentralheizung, beim Schlüsselholen oder durch Botengänge usw. Von 9 bis 11 Uhr soll bekanntlich die Geschäfts­tätigkeit ruhen; daß dieses leider doch nicht überall der Fall ist, beweist der Umstand, daß eine ganze Anzahl von Geschäftshausdienern gerade in dieser Zeit, mit Paketen beladen, bic- Straßen durchziehen. Es folgt dann die Ver­kaufszeit von 11 bis 2 Uhr. Man sollte doch nun meinen, daß mit dem 2 Uhr-Ladenschluß der Sonntag auch für den Hausdiener herein­getragen sei. Weit gefehlt! Die Expedi­tion der Geschäftsstelle hat schon dafür ge­sorgt, daß der Hausdiener sich vorläufig noch aller Sonntagsgedanken zu entschlagen hat. Jetzt beginnt für den Geschästshausdiener noch eine anstrengende Tätigkeit, insofern, als er noch eine ganze Anzahl von Paketen zu expe­dieren hat. Erst wenn dies geschehen ist (was manchmal erst nach ein. zwei, ja selbst drei und vier Stunden der Fall ist), dann endlich kann der vielgeplagte Hausdiener zum Mittagessen gehen und ... Sonntagsruhe halten. Daß diese Verhältnisse tatsächlich der Wirklichkeit entspre­chen, und nicht etwa nur Ausnahmen sind, da­für spricht die übliche Praxis und es ist ja auch am 3. Februar die Möglichkeit gegeben, die Angelegenheit zu: Sprache zu bringen. Nun zum eigentlichen Zweck der Einsendung: Es soll damit nur zum Ausdruck gebracht werden, wie unbedingt notwendig die Sonn­tagsruhe für die Hausdiener ist, welcher Stand zwar einer der wichtigsten und unentbehrlichsten Faktoren im DeiaUgeschäft ist, in Bezug auf Pflichttreue, Arbeitsfreudigkeit aber noch sehr viel verkannt und ausgenutzt wird. Wenn auch zurzeit eine völlige Sonntagsruhe wohl

I ausführbar, jedoch für Cassel vorläufig noch nicht erreichbar erscheint, so könnten doch durch Ortsstatut bezüglich der Sonntagsruhe ganz erhebliche Einschränkungen in der Verkaufszeit eingeführt werden, die es dann in Zukunft auch dem Geschäftshausdiener ermöglichen würden, Sonntags zur Kirche zu gehen und sich seiner Familie zu widmen. G. B.

8st dar aller nötig... 7

Zur Parade auf dem Friedrichsplatz waren die Straße entlang dem Palais, Mu­seum und der Kriegsschule (von der Königs- straße bis zum Theater) und die Ausgänge vom Steinweg und der unteren Carlsstraßr polizeilich abgesperrt. Während nun auf der abgesperrten Straße Tausende von Zu­schauern (hauptsächlich Schulkinder) sich hät­ten bewegen und der Parade zusehen können, standen etwa hundertfünfzig Zuschauer am Ausgange des Steinweges und der unteren Carlsstraße als Mauer aufgestellt. Selbst nachdem der Parademarsch zu Ende war, dir Truppen nach ihren Kasernen abgerüch wa­ren, die Offiziere sich auf dem mittleren Teile des Fttedttchsplatzes zur Parole versammelt und die wenigen Zuschauer sich entfernt hat­ten, blieb der A u s g a n g der unteren Carls- straße und das obere Drittel des Friedrichs- Platzes auch während der Zeit der Parole noch polizeilich gespcrxt. Die paar lausend Zuschauer zur Kaiserparade hätten sich ohne diese großen Absperrungen sehr bequem be­wegen und manches Schulkind hätte von dem militärischen Schauspiel etwas seben und sei­nem patriotischen Gefühl Ausdruck geben kön­nen. Selbst die Linie 4 der elektrischen Stra­ßenbahn hat auf etwa eine Stunde den Ver­kehr einstellen müssen. Derartige Abfperrun- gen und die dadurch bedingten Verkehrsstö­rungen gehen meines Erachtens weit über das tatsächliche Bedürfnis hinaus, und es würde doch zu erwägen sein, ob in späteren Fällen nicht eine zweckmäßigere und weni­ger lästige Form der Absperrung möglich sein wird. T. S.

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Nochmals:8er Kiuematograph als Erzieher."

Dem Herrn Einsender der Zuschrift in den »Casseler Neueste Nachrichten", in der die Einführung wissenschaftlich-be­lebender und für Kinder geeigneter Ki- ncmatographenvorstellungen angeregt wurde (unterzeichnetH. K.") erwidere ich, daß es fchon lange mein Bestreben ist, Vorfüh­rungen in dem Sinne des Herr« Einsen­ders zu veranstalten. Ebenfalls wollte ich ein Theater für die gedachten Vorführungen reservieren. Ich habe mich persönlich und schriftlich mit der Oberschulbehörde in Verbindung gesetzt, und um Zurücknahme des Kinderverbots gebeten, und mich gleichzettig verpflichtet, für Kinder geeign.ete Vor­führungen mit Lichtbildervorträgen zu veran­stalten. Mein Plan ist aber an dem starren

Festhalten an dem Kinderverbot der Stadt­schulkommission gescheitert. In einem Schrei­ben der StadtsehuÜommission wurde mir fol­gendes mitgrteilt: »In der Sitzung der Stadt- schulkommission vom 10. Juni ist beschlossen worden, die getroffenen Bestimmungen über den Besuch des Kinemawgraphen seitens -der Schuljugend unverändert bestehen zu lassen." Unter diesen Umständen ist mir lei­der die Ausführung des Planes unmöglich gemacht worden. F. B.

Zm Zeichen des Lärms."

Jrn oberen Teil der Dörnbergstraße befindet sich der Bauplatz einer hiesigen Firma, der mit einem Säge- und Schmiedewerk ausgestattet ist. Die Anwohner des ganzen Bezftkes werden bestätigen, daß diese Anlage inmitten der Stadt außerordentlich st ö r e n d ist und es erforderlich erfcheint, diesen Bauplatz mit dem enormen Lärm, bett das Hämmern, sowie das Sägewerk und die Schmiede verursachen, so schnell als möglich zu verlegen. Es gehören fchon fehr starke Nerven dazu, um in einer solchen lärm« erfüllten Gegend längere Zeit wohnen zu kön­nen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß in dem ganzen Bezirk hierdurch sämttiche Woh­nungen und Häuser stark entwertet werden, da natürlich niemand in einer Sttaße wohnen mag, in der tagaus tagein die Nerven er­schüttert werden. Auch aus sanitären G r ü n d e n ist die Verlegung der Anlage drin­gend zu wünschen, denn jeder Arzt wird be- stättgen können, daß unter gegebenen Umständen eventuell schwer erkrankte Personen davon unter diesem Lärmen leiden müssen. Solch An­lagen gehören einfach nicht in dicht bevölkerte Stadtteile einer Großstadt, sondern sollten dort untergebracht werden, wo sie nicht zur Plage für die Bewohner ganzer Straßen werden.

II. C.

Aus Mels Vereinen.

** Der Arzt als Philosoph! Man schreibt uns aus dem Leserkreise: Wie aus dem Inseratenteil derCasseler Neueste Nachrichten" ersichtlich war, hat sich für kommenden Februar der Berliner Arzt Dr. med. Seher für eine Reihe von Vorträgen im großen Stadt- parksaal angesagt. Ueber den Lebenslauf und Studiengang des Vorttagenden sind folgende Mitteilungen von Interesse: Von Hous aus zwar Theologe, hat er später umgesattelt und ist Mediziner geworden. Nach vorläufiger Ab- folvierung feiner Studien unternahm er im Jahre 1910 große Reisen nach Persien, Arme­nien, Kurdistan und die kleinastatischen Länder. Als Arzt bereiste Dr. Seher dann noch wieder­holt den Orient. Später hat er sich noch wei­teren wissenschafttichen Studien hingegeben. Seit einem Jahr hat er seine medizinische Tätig­keit niedergelegt, um als Schriftsteller den großen qeisttgen Fragen sich zuzuwenden. Weite Reisen in vier Erdtellen und eingehende natur- wissenschaftliche und philosophische Studien

gaben ihm eine umfassende Allgemeinbildung. Auch als Schriftsteller war Dr. Seher schon er­folgreich tätig. Es ist anzunehmen, daß die Behandlung der Themen, über die er vor dem Casseler Publikum zu reden gedenkt, äußerst interessant und anregend fein wird. Berühren sie doch hrennende Fragen unserer Tage. Von vornherein ist es schon anerkenenswert, daß auch einmal ein Mediziner sich an solche Dinge wagt, und diesen Problemen mit dem Sezier­messer des Verstandes zu Leibe geht.

* Kaisersgeburtstagsfeier im Kriegervcr- ein Grifte. Arn Sonntag versammelten sich die Mitglieder des Kriegervereins Grifte, um den Geburtstag des Kaisers festlich zu be­gehen. Das Vorstandsmitglied, Kamerad Werner, feierte den Kaiser als treuen Lan­desvater, und in das von ihm ausgebrachte Kaiserhoch stimmten die Kameraden begeistert ein. Manch fröhliches Soldatenlied wurde ge­sungen und manche Erinnerung aus der Mili­tärzeit zum Besten gegeben. Kamerad Heinze verschaffte durch die guten Darbietungen seines Grammophons erheiternde Abwechslung. Be­sonders gefielen die prächtigen Armeemärfche. Den neuen Vorstand feierte Kamerad Renier. Für die armen Waisenkinder trat Fechtmeister Fenner warm ein. und mancher Nickel wurde ihm für die elternlosen Kinder in die Hand ge­drückt. Allzu schnell entschwanden die fröhli­chen Stunden.

** Ortsgruppe Cassel des Bundes geprüf­ter Sekretäre und Ober-Sekretäre der Reichs- Post- und Telegraphen-Berwaltung. Die Orts­gruppe beging am letzten Sonnabend die Feier des Geburtstages des Kaisers, gemeinsam mit den Damen des Vereins durch ein Festessen im Saale des Wittelsbacher Hofes. Ernsse und heitere Vorträge (besonders der des Herrn Siegel über den Anteil der hessischen Truppen an der Belagerung von Belgrad) verschönten den Abend und erzeugten eine gemütliche Stimmung, zu der das sehr schmackhafte und gute Essen und das deutsche Rebenblut angenehm vorbereitet hatten.

**Schützenfest in Tirol." Der Casse­ler Liederkranz wird am Sonntag, den 12. Februar, abends von 7 Uhr an, in den fest­lich dekorierten Hanusch-Sälen ein K o st ü m - f e st veranstalten. Die Teilnehmer werden sich auf ein Schützenfest in den Tirolei Bergen versetzt fühlen. Der Höhepunkt der Veranstaltung wird ein großer Festzug mit an­schließendem Schuhplattlettanz fein. Aber auck» fönst werden allerhand (in den Rahmen des Festes passende) Belustigungen und Vorträge geboten, sodaß die Veranstaltung sicher eine recht gemütliche werden wird. Durch Mitglie­der eingefühtte Gäste haben Zutritt.

Die verehelichen Leser > werden höflichst ersucht, sich be Einkäufen auf die Inserate in den »Casseler Neueste Nach­richten" zu berufen ::: m

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