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Nr. 47. — I. Jahrgang.__________________

ffiampf (;cfleK die Pest aud) jenseits der chine­sischen titcnje jxt führen, und den eigentlichen Herde der Seuche, die Stadt Fudsjädjän, von russischen Truppen cinschließen zu lassen. Dieser Vorschlag sano aber nicht die Billigung Les Miutsrcrrats, und zwar aus folgenden Gründen: Man zog in Erwägung, datz die russischen Truppen durch diese Maßnahme einer großen Auiteckuugsgcfahr ausgesetzt seien. Auch würde die Umzingelung Fuds- jädjäns die Feindschaft der Chinesen ge­gen Rußland aufstacheln, wodurch die außer­ordentlich großen Aufwendungen ohne prakti­schen Nutzen blieben. Schon jetzt verbreitet die chinesische Presse die Behauptung, daß die Rus­sen die Pest nach China gebracht hätten, um aus diese Weise

die Mandschurei zu entvölkern, und sodann zu besetzen. Ein Teil der Presse findet allerdings die Erwägungen des Mini- stcrrates kleinlich und gefährlich, wenn auch vom diplomatischen Standpunkte aus lo­benswert. Aber es handle sich hier nicht mehr um Diplomatie, sondern um den „Schwarzen Tod"! Der „Schwarze Tod" kümmere sich nicht um Ministerberatungen, sondern mähe seine Opser nieder, ohne sich um Reichsgrenzen oder Traktate zu kümmern. Man weist auch auf das Beispiel der japanischen Regierung hin, die bekanntlich den chinesischen Behörden ein Ultimatum gestellt hat, nach dessen Abla. f sie sich volle Handlungsfreiheit sichert, falls die Chinesen nicht die sanitären Forderungen erfüllt haben und die Epidemie weiter angewachsen ist. Daran, daß die chinesi­schen Behörden selbst ihre eigne Unfähigkeit und vielleicht fofjar den Vorzug der russischen Sanitätsverhältnisse anerkennen, kann heute kein Zweifel mehr bestehen, nachdem sie selbst aus Fudsjädjän nach Charbin übergesie­delt sind, wo die Sterblichkeit viel geringer ist. Unter diesen Umständen ist die Regierung so ziemlich

zu ohnmächtigem Zuschauen verurteilt.

Was soll sie tun, wenn die chinesischen Behör­den es unterlassen, ihre Pflicht zu tun? Selbst eine Strafexpedition könnte unter die­sen Umständen die verhängnisvollsten Folgen haben. Professor Sabolotny, dem der Kampf mit der Epidemie im Gebiet der chinesischen Bahn anvcrtraut worden ist. gibt auf die Frage, ob es überhaupt möglich ist, auch über die chi­nesische Grenze hinaus gegen den Feind der Menschheit vorzugehcn, eine verneinende Antwort. Um einen erfolgreichen Kampf mit der Epidemie auf chinesischem Territorium zu führen, sei ein ungeheures Personal an Aerzten und Sanitätsbeamten nötig. Ferner müßten Baracken und Hospitäler gebaut werden. Auch werde man ohne einen großen Stab chinesischer Dolmetscher nicht aus­kommen. Schließlich müßte bei den Chinesen der gute Wille und das Vertrauen zu den russi­schen Aerzten vorhanden sein. Daran fehle es aber. Dazu kommt, daß es in Rußland an Leuten fehlt, die die chinesischen Volkssitten hinreichend kennen. Ebenso wie in Rußland selbst ist auch in China die ungebildete Volks­menge bei Epidemien stets

zu Argwohn und Feindschaft geneigt.

In dieser Beziehung sind natürlich die Japa­ner besser daran. Aber die Hauptsache bleibt, daß die Japaner auch in technischer Hinsicht besser vorbereitet sind als die Russen, und daß, wenn sie China ein Ulimatum stellen, sie sich ihrer Fähigkeit bewußt sind, ihren Worten auch zielbewußte und nutzbringende Taten fol­gen zu lassen. Die jetzige Situation im fernen Osten gibt zu den ernstesten Be s o r g n i s- sen Anlaß, und man verhehlt sich nicht, daß die Uebertragungsgefahr auch für Europäer mit jedem Tage größer wird, falls es nicht gelingt, die Epidemie an ihrem eigentli-^cn Herd mit größerem Erfolg zu bekämpfen. In einigen Dörfern und Städten des von der Pest heimgesuchten Gebiets hat die Bevölkerung be-

Caffcicr Neueste Nachrichten

retts die Wohnstätten verlassen und in den Wäldern Zuflucht gesucht, wo viele der Obdachlosen infolge von Hnnger und St alte umkommen. P. N.

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Immer neue Lpser.

(Eigene D r a htm eldun g.)

Wie uns aus London berichtet wird, geht der „Times" aus Tientsin folgende Nachricht über das Vordringen der Pest zu: Die Pesterkrankungen nehmen in Mulden in erschreckender Weise zu. Allein am 24. Januar sind dort sechzig Fälle festgestcllt worden, von denen die überwiegende Mehrzahl tödlich verlief. Wie mitgeteilt wird, sind auch in den Provinzen T s ch i l i und Tschangtung Pesterkrankungen vorgekom­men. In Tientsin selbst starben in den letzten Tagen etwa vierzig Personen an der Seuche. Wie uns ferner aus Berlin berich­tet wird, gehen von dort aus in der nächsten Woche auf Ersuchen der chinesischen Regierung zweitausend Flaschen mit Impfstoff gegen die Pest nach Peking ab.

Sie Politik des Zages.

c§P Sechshundert Reichstags-Kandidaten. Wie uns aus Berlin berichtet wird, sind bis­her im ganzen Reich rund sechshundert Kandidaturen für die bevorstehende Reichstagswahl aufgestellt worden. Die meisten, nämlich etwa 130, von der natio­nalliberalen Partei, dann folgen die Sozialdemokraten mit 130, die Fort­schrittliche Volkspartci mit 102, die kon­servative Partei mit 85. das Zentrum mit 55, die Wirtschaftliche Vereini­gung bczw. die Antisemiten mit etwa 50. die Reichspartei mit 25, die Polen mit 16 Kandidaturen.' Welfen. Dänen und Elsässer zusammen haben bis jetzt zehn Kandidaten aufgestellt. In 80 Kreisen ist noch kein Kan­didat ausgestellt worden. In 22 Kreisen sind mehr als drei Kandidaten zu verzeichnen.

Kaiser, Freimaurerei und „Zauberflöte". Man schreibt uns aus Berlin: Bei der heute anläßlich des Geburtstages des Kaisers stattfin­denden Neueinstudierung der „Zauber- flöte" werden einzelne Szenen der Oper ihres gewohnten altägvptis.chen Ge­wandes entkleidet werden. Nach all­gemeiner Auffassung ist die Oper eine Verherr­lichung der Freimaurerei, denn Mozart war bekanntlich ein eifriger Anhänger der frei­maurerischen Bestrebungen. Kaiser Wilhelm hat nun bis zur letzten Zeit, dem Beispiel sei­nes Vaters und Großvaters folgend, ein nickt geringes Wohlwollen für die deutsche Frei­maurerei gehabt. Wie Unterrichtete nun wissen wollen, ist in diesen Anschauungen des Kaisers für die Freimaurer in der allerjüngsten Zeit ein Wandel eingetreten. Klerikale Ein­flüsse (deren Quelle man kennen will) sollen in dieser Beziehung auf den Monarchen einge­wirkt haben, indem ihm „der ungünstige Ein­fluß. den die Fraumaurerei indirekt auf d i e religiösen Gewohnheiten des Volkes- ausübe", in überzeugender Weise vor Augen geführt worden sei. In diesem Zusammenhang gewinne der Umstand, daß nunmehr die „Zau­berflöte" zum ersten Male an Kaisers Geburts­tag ohne die gewohnten freimaurerischen Attribute auf der Bühne erscheine, gewisse po­litische Bedeutung.

Politische Chronik.

Nach einer Meldung aus Leipzig wur­den die beiden Mormonen-Missionare T a v - l o r und S t o d d a r d wegen Vornahme unter­sagter Kultushandlungen als lästige Auslän­der a u s g e w i e s e n. "

Wie aus Petersburg depeschiert wird, wurde dort der frühere koreanische Gesandte Prinz Tschinpomii in seiner Wohnung

e rh ä n g t aufgefunden. Er hinterließ einen Bries an den früheren Kaiser von Korea und 2500 Rubel zur Deckung der Kosten feiner Be­erdigung.

Im Hafen von Cherbourg stieß gestern abend das Unterseeboot Fran?aise mit einem Torpedoboot zusammen. Das Tor­pedoboot erlitt eine schwere Havarie und mußte nach dem Dock gescheppt werden. Das Unter­seeboot blieb unbeschädigt.

Aus Rom wird uns depeschiert: In der Provinz Neapel wurden auf offener Strecke zehn Züge durch Eisenbahner angehalten. Auch andere Zwischenfälle sind zu verzeichnen, die als Vorläufer für den angekündigten Eisenbahner- ausstand zu betrachten sind.

Nach einer Depesche aus Athen wird ge­gen den früheren Kriegsminister Oberst La­st a t h i o t i s, da er sich eines schweren Ver­stoßes aegen die Disziplin schuldig gemacht hat, die militärgerichtliche Untersuchung einge­leitet werden.

. Wie uns aus N e w y o r k berichtet wird, sind bei dem Kawvfe um La Ceiba 12 Revo­lutionäre und 8 Soldaten der Bundestruppen gefallen, unter ihnen der General Guer­rero : 70 Mann, meist Revolutionäre, sind ver­wundet worden.. Aerzte von englischen und amerikanischen Kriegsschiff-n richteten ein Not- Lazarett ein, in das die Verwundeten gebracht wurden.'

Rates vom Tage.

3cs Militär-DruMa hon Epeher.

(Von unjetm Korrespondenten.)

Wir berichteten vor einigen Tagen über die Affäre des beim Pionierbataillon in Speyer stehenden Pioniers Klotz, der von seinem TrUpventeil desertierte, und. von Mannschaften und Offizieren verfolgt, Schüsse auf feine Ver­folger abgab, wodurch zwei Personen schwer verletzt wurden. Klotz erf^^ sich dann selbst mit seinem Dienstgewebr. lieber den Vorfall liegt jetzt ein amtlicher Bericht der Militärbehörde vor, aus dem uns-aus

Speyer, 27. Januar folgende Einzelheiten berichtet werden: Pionier Klotz von der zweiten Kompagnie des zweiten Pionier-Bataillons verließ am Dienstag früh die Kaserne unter Mitnahme seines Dienstge­wehres und einer größeren Anzahl scharfer Patronen, die er sich durch Erbrechen eines Vatronenkastens verschafft hatte. Er begab sich nach Dudenhofen, wo er einen dahin beurlaubten Kameraden aufsuckte. Als es diesem nicht gelang, ihn zur.Rückkehr in die Kaserne zu bewegen, fuhr dieser mit einem Rad in die Kaserne und erstattete dort Mel­dung. Von feiten des Bataillons wurde der Kompagniechef, ein Leutnant und mehrere Un­teroffiziere, die mit Gewehr und Patronen ausgerüstet waren, abqesandt, um den Klotz zunächst durch gütiges Zureden zur Rück­kehr zu veranlassen, wenn er aber Widerstand leisten sollte, seine Festnahme zu erzwin­gen. Klotz zeigte sich gütlichen Zureden unzu­gänglich und zog sich unter Drohungen mit der Waffe in den Dudenhofener Gemeindewald zurück. Von dort aus feuerte er gegen zehn Schüffe auf Offiziere und Unter­offiziere ab und verletzte hierbei den Un­teroffizier Eckrich. der hinter einem Baume Deckung gesucht hatte, schwer, den von der Gendarmeriestation abgesandten Gen­darmen Lutz leichter. Als Klotz sah, daß er zwei Leute getroffen hatte, begab er sich in eine an der Jggelheimer Straße gelegene Schutzhütte und erschoß sich dort mit sei­nem Dienstgewehr. Der schwer verwundete Unteroffizier wurde in das Lazarett gebracht, der Gendarm in das St. Vincentius-Kranken- haus, wo ihnen forgfältigste Pflege zuteil wird.

Sonnabend, 28. Januar 1911.

Vlad) einem vorgefundenen Briefe scheint Kloy feine wahnsinnige Tat in großer Erre­gung über eine Liebesangelegen- heit und unter -Einwirkung von üb ermä­ßigen Alloholgenuß ausgesührt zu ha­ben. Außerdem ergab sich, daß Klotz, der Kan- tinenführer war, einen Geldbetrag veruntreut hatte.

iS Die verhaftete Gattenmörderin. In Berlin wurde die Ehefrau des Schlossers Max Hodorfs, unter dem Verdacht, ihren Mann durch Leuchtgas vergiftet zu Ha­ben, verhaftet und dem Berliner Polizei- Präsidium zugeführt. Die Frau bestreitet die Tat, wird aber durch Zeugenaussagen stark b e l a st e t.

:s Aus den Tiefen des Lebens. Wie aus Danzig verlautet, wurden in Zoppot bei Kaufmann Gustav Gaffte und Fräulein Stephanie von Laseewßki unter dem dringenden Verdacht verhaftet, an der am 10. Januar verstorbenen Mutter der Laseewskt einen Mord verübt zu haben. An dem Leich­nam stellten die Aerzte fest, daß der Tod ge­waltsam herbeigeführt worden war. Frau Laseewski sollte damals bei einem Fall von der Treppe tödlich verunglückt fein.

iS Neue Opfer der See. Nach einem Tele­gramm aus Hamburg stieß unweit Helgo­land die Hamburger Viermastbark „P o m - m e r n" mit dem englischen Vollmastschiff „E n= gelhorn" zusammen. Die „Pommern" wurde schwer beschädigt in Cuxhaven eingeschlevvt. Zwei Mann der Besatzung werden vermißt. Die „Engelhorn" treibt noch schwer beschädigt auf der See. Hilfsdampfer sind dorthin un­terwegs.

iS Eine Steinbruch-Katastrophe. Aue Leipzig erhalten wir folgendes Telegramme Im Steinbruch der Hohburger Quarz­werke in Falkenhayn lösten sich infolge vorzeitigen Losgehens eines Sprengschuffes große Gesteinsmassen ab, die mehrere Arbeiter unter sich begruben. Zwei von ihnen wurden auf der Stelle getötet, während zwei andere lebensgefährliche Verletzungen erlitten.

iS Die Schlußszene eines Ehedramas. In Freiburg i. B. wurden der Architekt Erb und seine Frau tot im Bett vorgefunden. Es soll Selbstmord wegen zerrütteter Vermögenslage vorliegen.

iS Eine Hochzeitstragödie. Aus Mün­chen erhalten wir folgende Meldung: Beim Hochzeitsschießen in Haunwöhn (Oberbayern) wurde die Braut bei der Um­fahrt unmittelbar nach der Trauung von einem Bauern erschaffen, der aus einem fcharf geladenen Revolver Freudenschüfle abfeuerte.

iS Die Winzer von Ay. Aus Paris wird uns depeschiert: Als gestern abend auf dem Bahnhof A y bei Reims ein Waggon mit 126 Liter Wein aus Gette in Südfrank­reich eintraf, rotteten sich die Winzerzu- fammen und drohten, die Sendung zuvcr - nicht en. Sie zerstreuten sich erst, nachdem ihnen der Stationsvorstand versprochen hatte, die Sendung »ach (Sette zurüüzu- schicken.

iS Das neueste Eisenbahnunglück. Wie uns aus Brünn gemeldet wird, sind auf den Stationen Cherlitz und Sokolnitz der Nordbahn infolge Entgleifung einer Lo­komotive zwei Lastzüge zusammengestoßen, wo­bei mehrere Bahnbedienstete verwundet wur­den. Der angerichtete Materialschaden ist sehr bedeutend.

x Eine Tragödie auf dem Kanal. Einem Telegramm aus Boulogne zufolge stieß der nach Grandvilliers bestimmte französische Scho­ner Mayne mit dem Fischdampfer Baton R u c e 11 e zusammen und sank. Vier Mann sind ertrunken.

Ser Rosenkavalier.

Das neueste Werk von Richard Strauß in der Dresdner Hofoper.

(Von unserem Dresdner Korrespondenten.

Dresden, 26. Januat.

Mit jeder Premiere eines Richard Strauß'schen Werkes scheint der Reklame­alarm und das „wilde Kriegsgeschrei", all das Drum und Dran, das der Einzelne belächelt und dem er sich doch nicht entziehen kann, un- aufbaltfam, lawinenartig schier, anzuwachsen. Sicher bedeuteten „Salome" und „Elektra" ihrer Zeit große Sensationen. Aber der „Ro­se n k a b a I i c r" dieser Saison, der seit Wochen alle Geister beschäftigt, läßt jene in dieser Beziehung doch weit hinter sich. Zwar die gute Stadt Dresden und ihr braver Turch- schnittsbewohner merken von all der „Mährde", wie man hierzulande kurz und bündig derlei z» bezeichnen pflegt, herzlich wenig: sie lassen nch von diesen Dingen kaum aus ihrer benei- oenswerten Ruhe bringen. Umso größere Ausregung hat sich seit langem derer bemäch­tigt, die da glauben, daß sie es angehe, oder doch wenigstens so tun. Freilich, ob ihre Zahl sich inzwischen vergrößert bat, oder ob nicht der Lärm nur lauter anstatt voller geworden ist — wer will das entscheiden?

Als man diesmal nach dem neuesten Richard Strauß aus den alten ehrwürdigen Dresdner Schloßplatz hinaustrat, da mochte der Siefrain der entstandenen Stimmung sick wohl etwa so äußern: Nun ja, selbstverständlich, Richard Strauß, versteht sich! Aber ist er denn wirklich so absolut, daß diese Hetz' um ihn sich verlohnt? Haben wir nickt neben ihm so manchen andern, der schließlich auch etwas kann und dabei weniaer auf die Nerven fällt (wo­mit nicht eigentlich die Musik gemeint zu fein braucht) ? Heber Stoff und Handlung des Werkes ist von berufener und weniger berufe­ner Seite ja schon mancherlei laut geworden. Hugo von Hofmannthals Dichtung ist ein Opernbuch, wie wir ihrer mehr besitzen. Es überragt den Durchschnitt nicht wesentlich. Der 9'ficbaucr wird von ihm ins alte 'Wien der Mana Theresia geführt. Da gibt cs bunte i-utge genug, die big Overnkompouiüe» reuen

können. Vor allem die Pracht und der Luxus großer Adelshäuser mit ihrem Heer von Die­nerschaft.

Gleich im ersten Akt wohnen wir einem Lever bei der Feldmarschallin Fürstin Werden­berg bei. Die ganze Antichambre einer großen Dame des Rokoko ergießt sich über die Bühne: Friseur und Modistin, Tierhändler, Sänger und Musikus, Notar und Gelehrter, dazu be­rufsmäßige Zwischenträger und Intriganten, Kavaliere, Supplikanten aller Art, endlich die Menge des Lakaienvolks tummelt sich in bun­tem Schwarm, lärmt und schreit in allen Spra­chen toll durcheinander, daß einem Richard Strauß das Komponistenherz vor Freude Hüp­fen muß. Auch in den andern Akten hat der Librettist für rechte Lärm- und Durcheinander- szenen, die das so beliebte Tohuwabohu im Orchester rechtfertigen können, nach Möglichkeit gesorgt. Tas Trum und Tran bildet einen Hauptteil und cachiert eine im Grunde ziem­lich dürftige Handlung, die zu dem riesigen Apparat an Meufchen und Notenköpfen, der da in Bewegung gesetzt wird, oft ziemlich sonder­bar kontrastiert?

Was passiert, ist, daß dem Landjunker Ochs von Lerchenau, in dem schon sein Name ein . . . nun sagen wir einfach und deutlich im Sinne der Dichtung: ein rechtes „Viech" vermuten läßt, daß diesem schmatzenden Ritter von der hahnebüchenen Erotik, der seine faustdicke ars amandi dem' erbauten Hörer oorträgt, von einem siebzehnjährigen Gräflein, eben dem „Rosenkavalier". der als Brautwerber eine sil­berne Rose zu überbringen bat, das Bräutchen ausgespannt wird. Der Vetter Ochs wird überdies das Opfer einer tollen Verkleidungs­farce. Als „Mariandl" vom Land lockt ihn fein Gegner, der junge Graf Oktavian, von dem er im Raufhandel eilten Stich erhalten hat, in den Hinterhalt eines altwienerifchen Chambre separee (mit allem Zubehör), in dem er schließ- lich zum Gelächter aller Beteiligten wird. Zwi­schendurch geht, halb episodisch, eine Amour der Frau Feldmarschallin mit dem hübschen Okta­vian, der den zärtlichen Spitznamen Quinguin führt. Sie weiß im Voraus, daß über kurz oder lang eine kommen wird, die fcköner oder jünger ist als sie und die ihr oieses junge stür­mische Herz entführen wird Und sie trägt ihre Resignation ihrer wienerischen Art nach mit

Fassung; „ein Halbs Mal lustig und ein Halbs Mal traurig*, wie sie sagt.

Die Figur dieser Feldmarschallin, dieser al­ternden Frau mit dem jungen Herzen, ist echt Wien und echter guter Hofmannsthal. Auch ihr „junger Schatz" ist etn prächtiges Kerlchen in seiner halbkindischen Trotzköpsigkeit, und was sich im Stück auf diese beide bezieht (der ganze erste Akt und der Schluß des Ganzen, das Ende des dritten Aktes) ist von wirklicher Poesie durchhaucht und hat'auch Richard Wagner ver­anlaßt, das Wertvollste zu geben, was er in dieser Partitur überhaupt zu geben hatte. Wohl ist in den Ensembleszenen, in der Antichambre, in der DuellaMre des zweiten, der Farce des dritten Attes eine Menge interessanter und witziger Detafls zerstreut: Zu wirflichcr Höhe starker und packender Empfindung wird der Hörer im Grunde aber erst an ben Stellen geführt, wo all das Lärmen verhallt ist, und wo es still um diese beiden wird. Da ist die rei­zende schwärmerische Koseszene gleich zu Be­ginn, voll überströmender Zärtlichkeit, da ist weiter der Schluß des ersten Aktes voll leiser sentimentaler Melancholie, besonders eine wun­dervolle Stelle, wo die Marschallin vom un­aufhaltsamen Riefeln der Zeit spricht (im Or­chester hört man zu den entsprechenden Worten das leise silberne Schlagen der Pendulen), da ist vor allem, das Ganze krönend, ein wahr­haft wundervolles Terzett.

Die Marschallin hat die beiden blutjungen Leutchen, ihren Quinquin und Ochsens wider­strebende und von ihm befreite Braut, vereint. Die Situation gleicht genau der des Hans Sachs im Quintett der Meistersinger. Und es ist daher nicht verwunderlich, wenn Strauß in Empfindung und Aufbau dieses Ensemblesatzes etwas ganz Paralleles gesckafien hat. Damit soll allerdings ein Werivergleich, der fein Miß­liches harte, nicht ausgesprochen sein. Schuch hätte dieses Terzett ganz unvergleichlich gestal­tet. Er führte es. unterstützt von drei der schön­sten Stimme», die Dresden besitzt (Margarete S m s. Eva v o h der Osten, und Minnie Nasi), ft' ganz langsamer Steigerung zu rin»-' prachtvollen Gipfel empor. Kegen diese «Partie kann manches andere nicht standhaften. Etwas eine Berühmtheit a priori hatten schon vor der Ausfnhruna die vielverwcndete» Walzer fich errungen. Sie sind sicher hübsch rjtfr nwiant. besonders der bestrickenden

Art, wie Schuch sie „nimmt", treten aber aus ganze Strecken so stark und im Grunde nicht gerade motiviert auf, daß der Anachronis­mus Walzer um 1740), an den man sich bei fparsamem Gebrauch nicht weiter stoßen würde, doch recht störend wird.

Man kann nicht recht einfehen, warum Strauß nicht all die reichen, vielgestaltigen Tanzrythmen des Rokoko sich nutzbar macht. (Einmal behauptet er, ein Menuett gemacht zu haben; wer das nicht weiß, wird auch dieses ohne weiteres für einen Walzer halten.) Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Strauß seinem Lustspielstoff entsprechend diesmal im wesentlichen eine ganz andere Tonsprache führt, als in „Salome" und „Elektra". Im gewissen Sinne hat er stilistisch auf feine „Feuersnot* zurückgegriffen. Er bemüht sich um das volks­tümliche Element. Manchmal liegt dabei der Ton stark auf dem Bemühen, und es entsteht eine etwas verdächtige Naivität, so in einem Duett kurz vor dem Schluß, das in feiner „Sah ein Knab' ein Röslein stehn"-Hnschuld (auch an das Duett aus der Zauberflöte „Könnte jeher brave Mann" wird man hier mehr als aut ist erinnert) musikalisch ziemlich anfechtbar ist. feine Wirkung an seiner Stelle aber schließ­lich hat.

Dicht neben solchen übereinfachen Dingen stehen dann wieder echt Strauß'sche Satanis- men, so das Vorspiel zum dritten Akt. das in eine Pantomime überleitet, ein sechsstimmiges Fugato ertremster Art. Ein gewisses Stilge- mengfel, das damit eintritt, kann im Grunde weiter nicht überraschen. Man ist an derlei bei Strauß ja längst gewöhnt. Es ist natür­lich nickt leicht zu sagen, ob diese ersten Ein­drücke bei öfterem Hören sich im einzelnen noch ändern und damit die Perspektive etwas ver- fchoben wird. Auck Wertvergleiche' mit ! m früheren Sckaffen Strauß' kann erst die Zeit bringen. Wahrscheinlich werden gerade die­jenigen Partien, die der Fachmann nicht eben als die wertvollsten anfeben kann, beim große» Publikum den meisten Anklang finde».

Was die Dresdner Hofoper aus dem Werke ge­macht hatte, war über jeden Zweifel erhaben und kann gar nicht genug gewertet werden.

Es ist wahrhaftig keine Phrase, wenn im mer wftdec ocinat wird, daß der Dresdne 5->ofop-> Mb «up. nicht zu überschätzender An