Einzelbild herunterladen
 

Casseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Frettag, 27. Januar 1911.

Nr. 46.

Erster Jahrgang.

Da war es Heinz, als bringe wie Hohnai lächter von allen Seiten seines Vaters verächi

st-

von dort liches Wort auf ibn Wie sollEine kleine M

m ein:

11)

Sie sollte das nicht wieder tun! Nie wie-

Jas größte deutsche Luftschiff

Das neue Siemens-Schuckert-Luftschiff

Zur Frage der Sonntagsruhe,

M MWMW Der Gsnöitoren null n zi! WI.

hat (wie wir schon mitteilten) am Montag zum erstenmal seine drehbare Ballonhalle in der Nähe von Karlshorst bei Berlin verlas­sen und eine Probefahrt absolviert, die zur Freude der vor der Halle versammelte» zahlreichen Zuschauer ausgezeichnet ausfiel. Der gewaltige Luftkreuzer der Siemens-Schuk- kert-Werke ist 120 Meter lang; er besitzt drei

_____________.obiftin, der man bei Ablie­ferung einer Toilette ein Trinkgeld in die Hand drückt."

Gondeln. Die mittlere Gondel ist für die Luft­schiffer bestimmt, die vordere und die hintere enthalten je drei mächtige Propeller. Man verspricht sich von dem neuen Lenkballon her­vorragende 2 e t ft u n g e n. Die Probe­fahrten werden zurzeit eifrigst sortgesetzt. Wenn sie gelingen, werden bald weitere Aus­fahrten folgen.

6m zwei schöne Augen.

Roman von H. Abt.

(Nachdruck verboten.)

Stehen bleibend, schaute Heinz zu der Richtung hinüber, wo die Bank stand, auf der er mit Adele gesessen. Es war ihm, als ob von dort ihre Stimme zu.ihm herüberwehe: "

ich mir denn helfen?"

Jeder Gedanke an Herta war versunken, nur Adele lebte noch in ihm, nur noch das

Die soziale Kommission der Handlungsgehülfen Cassels verlangt für Cassel die Einführung der völligen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe d. h. auch Nahrungsmittel wie Mich, Brötchen, Kuchen, Fleisch, etc. müssen nach der Einführung der völligen Sonntagsruhe Sonnabends gekauft werden.'

In das praktische Leben übersetzt bedeutet das:

Vom Tage der Einführung der völligen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe ab, sind die Casseler Einwohner für alle Zeiten dazu verurteilt, Sonntags zum Früh-Kaffee alte Brötchen zu essen und zum Nachmittags-Kaffee eventl. alten Kuchen Diejenigen, welche nicht Bescher emes Ersschrankes sind, haben außerdem dre nette Aussicht, im Sommer chren Kaffee häufig mit saurer Milch' vermischt, zu genießen, falls sie es nicht vorziehen sollten, denselben schwarz zu trinken. ' 1

Für Familien ohne Eisschrank eröffnet sich noch die angenehme Aussicht, ihre Fleischspeisen öfters aus etwas angegangenen Fleisch bereiten zu dürfen Erne solche Sonntagsfeier würde dem gesamten Publrkum Cassels nach 4 Wochen unerttäglich und den Fremden ganz unverständlich dann aber nicht mehr zu ändern sein.

Ehe das deutsche Do» nicht andere Lebensgewohnheiten angenommen hat, ist es mit einer völligen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe also nichts. v

Dann bleibt eine durchbrochene Sonntagsruhe übrig und da fordert es der gesunde Menschenverstand, daß die Sonntagsruhe so durchbrochen wird, wie es für das Publikum Zweck hat. In der Nahrungsmittelbranche z. B. muß es dem Publikum möglich sein, seine Bedürfnisse so einzukaufen daß dieselben frisch und appetitlich aussehend, genossen werden können. " 1 '

Es wird sich da. nicht umgehen lassen, daß für die verschiedenen Branchen verschiedene Verkaufszeiten eingerichtet werden. Das ist ja nnu aber Sache der städttschen Behörden.

Diese klare Sachlage läßt sich vor der Einführung der völligen Sonntagsruhe wohl durch geschickte Redereien verdunkeln: aber es wird niemals gelingen, diese feststehenden Tatsachen wegzuschwätzen.

Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Geschäfte des Publikums wegen da sind.

Eine weitere Verteidigung unserer Ansichten in der Oeffentlichkeit halten wir für belang- und zwecklos und überlassen die Beurteilung unserer Ausführungen den Behörden und den Einwohnern Cassels.

ber sollte sie das. Das einzige, was sie ihr zum Vorwurf machen, sie bamtt herabziehen konn­ten, bas sollte sie nie wieber tun!

Alles in ihm rief es, unb er hatte Abeles Hanb gefaßt, jäh, herrisch, gewalttätig, zwang sie mit sich hinein in bas offene Hausportal, bas ihnen zur Seite war.

Sie sollen bas nie wieber tun, Abele, nie wieber, ich will es nicht! Ich will es nicht!"

Sie begriff ihn nicht, staub da in zitternder Furcht vor ber packcmden Gewalt, mit ber er sie vielt, sie nahm, unter ber sie sich nicht wehren konnte, und von ber sie sich doch losringen woll­te, wie ihre gefangene Hand dem schmerzhaften Druck ber feinen sich zu entwenden fuchte.

Was wollen Sie denn noch von mir? Ich habe Sie doch angefleht, daß Sie mir nicht mehr begegnen. Es ist ja doch schon alles schlimm genug. Ihre Braut"

Ich bin ja frei, Adele."

Frei er war frei! Sie erfaßte bas Wort nicht, es fiel nicht in ihr Ohr mit glück­lichem Klang, es tönte ihr baraus entgegen wie Unheil, daran sie Schuld trug, für das mau sie verantwortlich machen würde. Er sah, wie sie es nahm, unb immer mit dem herrischen Zwang sie sesthalteud, flüsterte er, zu ihr geneigt, mit weicher Zärtlichkeit:

Ich bin frei, Adele, und hab' dich lieb. Unb ich muß noch einmal mit bir reben, unb bu mußt kommen. Du mußt."

Ganz nahe ihrem Ohr nannte er ihr selber Ort unb Zeit, wo er ihrer warten wolle, unb ihr tief in die Augen sehend, raunte er:

Du mußt kommen, Adele. Ich werbe dich rufen, baß bu kommen mußt."

Langsam gab er ihre Hand nun wieder frei. Wie gelähmt blieb ihr erhobener Arm noch eine Sekunde in der Luft ruhen, bevor er ihr Sur Seite herabglitt. Ihre Augen vermochte sie nicht von den feinen zu lösen. Es war. als hätte er mit seinem:Du mußt" einen Bann um sie geschlungen, der sie ganz seinem Willen untertan machte.

Er wartete nicht, daß sie ihm ihre Zusiche­rung gab. In ihren Augen sah er das Ja, das Garnichtanderskönnen. Noch einmal flüsterte er ihr zu:Dich hab' ich lieb, Adele" bann ging er von ihr.

Drängen empsanb er, sie noch einmal zu sehen, sie wenigstens bas eine wissen zu lassen, baß er nicht mit der andern zum Altar ging.

Aber es war ein heftiges Widerstreben in ihm, Adele nochmals auf der Straße auszu- lauern. Lieber noch einen Boten zu ihr in das Geschäft schicken oder selbst dorthin gehen und sie zu sprechen suchen.

Er kam nicht dazu, feine Absicht auszu- führen. Als er das Modemagazin fast erreicht, fah er Adele hinter einem Geschäftsdiener her, ber einen großen Karton trug, aus bcm Laben treten unb bie Straße hinabgehen.

Ein paar Sekunden zögerte er, dann folgte er ihr nach, erst langsam, dann rascher, bis er sie fast eingeholt hatte. Der Diener ging in einiger Entfernung voran, sie selber schritt wie mechanisch hinter ihm drein. Ihr Köpfchen war gesenkt, sie schien nichts von dem zu hören und zu sehen, was um sie her vorging. Und doch fuhr auf einmal ihr Gesicht schreckhaft herum, als sie hinter sich den raftben, männlichen Schritt, das leise Klirren der Waffe vernahm.

Wie ist sie blaß! Wie tragen ihre Augen die Spuren heimlich geweinter Tränen! Was haben diese beiden Tage ihr angetan! Das re­dete in ihm, während er, stehend bleibend, sie ehrerbietig begrüßte.

Fräulein Adele, ich war int Begriff, Sie aufzusuchen, um Sie zu bitten, daß Sie mir noch einmal eine kurze Unterredung gewähren und dafür Ort und Stunde selbst bestimmen."

Fast entsetzt wich sie zurück, ihr Blick sprang bie Straße hinab, als wollte sie vor ihm bctvon- lauseu. fassungslos stammelte sie:

Halten Sie mich nicht auf. ich habe keine Zeit, ich"

Sie sollen mir jetzt nichts weiter sagen, als wo ich Sie noch einmal sehen kann, Adele. Ich würbe Sie in Ihrem Heim aufsuchen, aber ich fürchte. Ihre Mutter würbe es mir ver­wehren. Sie zu fprechen."

Zu uns wollen Sie?" rief sie in heftiger Abwehr.Nein. nein, das dürfen Sie nicht tun. Und lassen Sie mich doch nur geben ich habe keine Zeit, ich muß eine Abliefe­rung"

Ganz verhetzt starrte sie dem rafch voran­schreitenden Diener nach.

Heinz sah nicht den Ausdruck ihres Ge­sichts. Sein eigenes war gesenkt, sein Blick am Boden festgebohrt, die ganze Pein dieser fürch­terlichsten Situatwn, in ye es einen Mann einem Weibe gegenüber zwingen kann, begann ihn zu erfassen. Seines Wesens Ritterlichkeit schrie förmlich dagegen, daß et ihr bie Scham antat, sich verschmäht zu sehen.

Er wollte zu ihr hinstürzenHerta"

Da hatte sie wieder Bewegung, Sprache gesunden. Ihr Arm hob sich ganz langsam, ihre Hand wehtte ihn zurück.

Nicht doch bleib doch so sachlich ruhig. Du sagst mir gar nichts so lieber- raschenbes. Ein paarmal habe ich ganz was Aehnliches gedacht. Du warft mir zu mitleidig an jenem Abend, als meines Vaters Todes­nachricht kam. Und womit dein Mifleid mich trösten wollte, das haben wir ja in Wahrheit nie gelebt also ist es nie gewesen, unb du bist frei."

Wie wenn ein Marmorbild redet, so sah sie ans, und wie wenn aus einem zerschlagenen irdenen Scherben Töne kommen, so klang ihre Stimme.

Er starrte sie an. Er verstand sie nicht. Sie war ihm unheimlich. Wa, das denn Schmerz?

Wir können ja gut Freund bleiben, später, wenn erst die andere deine Frau ist. Denn 's ist doch nur eine andere?"

Schmerz- oder empörter Hochmut ver­letztes Selbstgefühl?

Sag' 's ist doch nur eine andere?"

Jetzt stand sie vor ihm, fo dicht, daß er's zu fühlten wähnte, wie ihr pfeilscharfer Blick sich in_ feine Pupillen hineinbohrte.

I Herta frag mich nichts, guäl mich nicht.

Mir bat das Heute schon genug angetan."

Laß dir's doch wieder lachen!"

Seine Augen fuhren umher, als suchten sie nach etwas, nach der Erinnerung, an die ihre Worte anknüpften, und bie er nicht fanb. Sein Blick schlug wieber zu Boden. Er murmelte:

-Vergib mir, Herta. Ich weiss dir nichts anderes zu sagen."

Du brauchst mir nichts anderes zu sagen. Leb wohl."

Leb wohl," sagte sie noch einmal, als er ft* nicht rührte, und es war wieder ganz der alte bellspröde Klang ihrer Stimme. Die seine war ganz zerpreßt.

Leb, wohl, Herta, und"

Ich hab' nichts zu vergeben, denn es ist nie gewesen. Leb wohl."

Nun war sie wieber allein im Zimmer.

Auf bas Pfeilerfchränkcken stützten sich ihre Arme. Das zarte Möbel f(butterte. Von seiner glattpolierten Fläche fiel etwas klirrenb zu Boben der goldene Vitzliputzli.

Ein binabgestürzter Götze nichts weiter als ein lächerlich Keiner, zu Boden gestürzter Götze.

Realos stand sie, den Blick festgebannt an der zu ihr emporstierenden Fratze.

Heinz hatte das Haus wieder verlassen. Es litt ihn jetzt nicht unter einem Dache mit Herta. Er hatte sich ein Gefühl von ihr mit­genommen. als faße ihm eine würgende Faust an der Kehle.

Was tat sie nun oben in ihrem Zimmer fo ganz allein?

Einmal hatte er sie weinen sehen, einen allzeit unechten Menschen fassungslos, hilflos wein« da hatte die Qual darüber ihm diese Stunde geschaffen.

Ob sie nun wieder weinte?

Nein, nein, sie weinte nickt! Als riefe es ihm harten lachenden Tones ihre Stimme zu, so war's ihm.

Als sie ihn starren Herzens einfach aus ihrem Leben strich, wie etwas, das nie gewesen war?

Ob er in Wahrheit ihr nie etwas gewesen war?

Er wußte es nicht und hätte ihr nicht helfen können, wenn's anders wäre.

Ohne sich dessen recht bewußt zu werden, war er zum Englischen Garten hinübergegan­gen. Es war Sturm in ber Nacht gewesen, ber Herbst hatte an den Bäumen gerüttelt, und unter seinen Füßen rauschte bas gefallene Laub.

Sie wagte nicht, ihm nachzusehen, unb ihr« Schultern duckten ein.Du mußt bu mußt" das war wie ein Seil, daran er sie zu sich zog. Sie hatte nicht nötig, erst im Geschäft nach einem Vorwand zu suchen, daß man sie am Nachmittag freigab. Madame Eugenie, bie Direktrice, bot es ihr von selber an:

Sie sehen aus, als wären sie krank. Ge­hen Sie nach Haus, petite."

Ganz langsam, Stufe um Stufe, ging sie bie Treppe hinab, hielt sich am Geländer fest, als wollte sie sich davor zurückhalten, ihn noch einmal wiederzusehen. Aber als sie draußen auf der Straße war, eilten ihre Füße. Sie wollte die erste fein. Er sollte nicht warten müssen.

Doch er wartete bereits. Seine Augen leuchteten ihr entgegen und die ihren taumelten hinein, hingen fest darinnen, tote zwei gefan­gene Vögel an den Stangen ihres Käfigs.

Wie toar sie blaß, unb tote bebten ihre Lippen, und wie gab ihm ihre bebende Blässe ein Gesühl tttumphierenden Glücks. Eine leere Droschke fuhr vorüber, ber winkte er, hob Adele in diese hinein, sprang ihr nach und rief dem Kutfcher einen Vorort zu, der ihm gerade in den Sinn kam. Sie wagte keine Wioersetzlichkett, saß da in die Ecke des halbgeschlossenen Wa­gens hineingebrückt, in bebender Scheu unb unnennbar bangfeligem Gefühl, daß er sich so zum Herrn über sie' machte, sie wie sein Eigen­tum nahm.

Adele", flüsterte er, nichts weiter, Ganz leise nur hatte fein Arm sie umschlungen, feine Linke hielt ihre Rechte gefaßt, und sie sah, daß er nicht länger an der Hand den goldenen Reis trug. Was war geschehen? Hatte er sich um ihretwillen gelöst. War er zurückgewiesen worden?

Er sah die Schreckensfrage in ihren Augen und drückte auf ihre Lippen die Hand.

Frag mich jetzt nichts, denk, an nichts wei­ter, als daß wir noch eine Stunde miteinander leben wollen, in der nichts anderes steht, als nur wir beide. Und habe keine Furcht vor mir. Ich liebe dich viel zu sehr, um die Reue in dein Leben hineinzupflanzen."

Der Wagen begann langsamer zu fahren. Sie hatten die Stadt verlassen, waren im Freien draußen. Vor ihnen tat ber Wald sich auf.

Wollen wir noch einmal zu Fuß hin­durch?" fragte er. Sie nickte nur.

Ans dem Wagen steigend, faßten sie sich gn den Händen und ganz langsam schritten sie in den Wald hinein. Zwischen dem dunklen Geäst der Tannen schimmerte goldig das herbst­liche Laub ber Buchen. Der Sonnenflimmer brach in breiten (Streifen hindurch unb zeich­nete lichte Bahnen auf betn moosig grünen Boben. Auf einem bieser Pfabe bewegten sie sich dahin, weiter und immer weiter. Ihre Schritten gaben keinen Laut unb ihre Lippen hielten felbft den Atem ein. Wie wartendes Geheimnis schwebte es über ihnen.

Lichter wurde der Wald, immer breiter die goldene Bahn, auf der sie schritten, in leuchten­dem Blau tat sich vor ihren Augen der Himmel auf, und die Sonne strahlte über dem Horizont.

Zu gleicher Zeit sind sie beide stehen ge­blieben.

Bis die Sonne hinunter ist," fagt er und faßt fester die Keine weicke Hand, die in di« feine sich schmiegt.

» Ihre Augen hangen an dem leuchtenden Gestirn. Wie lange es währen wird, bis fein Strahlen verlöscht? ,

Eine Stunde," ruft er.Noch eine Son- nenstunde."

Ein doppeltes Echo Hingt zurück

Sonne Sonnenstunde."

Sie fehen sich fast erfchrocken an. Sie ftnl ja nicht allein, es redet der Wald. Und bann taucht Lächeln in Lächeln hinein ein seliges, allvergessenes Lächeln noch eine Sonnen- tunbe! , >

Auf betn rasigen Boden, bett Keine Hügel burchschwellen. setzen sie sich nieber, Seite an Seite unb wieder Hand in Hand, lassen ihre Augen reden und wissen es selber nicht, daß bet Munb schweigt. Wie huschenbe Lichtgestalten zucken bie Sonnenstrahlen um sie her, unb an >en weißen Stämmen der Birken, die bie Lich­tung umsäumten, riefelt es herab, wie flüssiges Sflber.

(Fortsetzung folgt.) '