Einzelbild herunterladen
 

Nr. 46. 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Freitag, 37. Januar 1911.

s, Fünftausend verseuchte Gehöfte. Halle a. d. S. wird uns relegraphiert: Bei der Tagung der hiesigen Landwirt­schaftskammer teilte der Präsident mit, daß in Sachsen 5000 Gehöfte infolge Ein- schlepung aus Rußland von der Maul- und Klauenseuche befallen sind.

~ Wieder einer! Nach einer Meldung aus München ist der Gewerkschaftsbeamte Mar­tin Boelt vom deutschen Transport- arbeiterverbande flüchtig. Bei der von Boelt verwalteten, in Liquidation befind­lichen Krankenkasse der Straßen­bahner find bedeutende Fehlbeträge festge­stellt worden. Der deutsche Transportarbeiter­verband wird die veruntreute Summe decken.

rr Ein Eifersuchtsdrama. In München besuchte ein T a g e l ö h n er seine Geliebte und traf bei ihr einen Nebenbuhler. Es kam zu einem Streit, in deffen Verlauf der Tage­löhner seinem Gegner schwere Messer-, st ich e in Brust und Rücken beibrachte.

s Der Tod in den Flammen. Wie uns aus Kiel berichtet wird, sind in Grünthal bei A l b e rs d o r f in einem Stallgebäude fünfzehn Knechte, die dort schliefen, von einer Feuersbrunst überrascht worden. Vierzehn tonten mit großer Mühe gerettet werden. wäh­rend der Fünfzehnte nur noch als v e r k o h l t e Leiche aus dem Schutthaufen hervorgezogen wurde.

Lr Der neueste Eisenbahnunfall. Nach einer telegraphischen Meldung aus Illingen stürzte gestern die Lokomotive eines Schlacken­zuges eine sechs Meter hohe Böschung herab. Der F ü h r e r und ein I n g e n i e u r wurden getötet, die Lokomotive und sechs Wagen wurden zettrümmert.

«r Im Stadtwald erschossen. Aus H e i st e meldet uns ein Telegramm: Im hiesigen Stadtwäldche» suchte gestern ein Kupfer­schmiedegeselle sich einer Dame, die sich in Be­gleitung eines Mannes befand, zu nähern. Der Begleiter der Dame gab einen Revolver­schuß auf den Gesellen ab, der ihn sofort tötete. Das Paar konnte bisher nicht er­mittelt werden.

LL Eine Jnfluenzaepidemie. Wie wir aus Salzburg erfahren, herrscht dort eine hef­tige Jnfluenzaepidemie. In den letz­ten 10 Tagen seien Taufende von Per­sonen von der Krankheit heimgesucht worden. Die Aerzte sind außerstande, den an sie gestell­ten Anforderungen gerecht zu werden. Von 8000 Mitgliedern der allgemeinen Arbeiter­und Krankenunterstützungskasse sind nahezu die Hälfte an der Influenza erkrankt.

~ Die verhafteten Mädchenhändler. In Amsterdam wurde ein angebliches Ehe­paar aus Rußland, in dessen Begleitung zwei junge Mädchen gesehen worden waren, verhaf­tet, als sie alle vier im Begriff waren, sich nach Argentinien einzuschiffen. Man glaubt es hier mit Mädchenhändlern zu tun zu haben, die einer internationalen Bande angehörcn, und die beiden auch aus Rußland stammenden Mädchen verrufe- nenHäufern in Argentinien zuführen woll­ten.

$os Neueste aus Kassel. Nachüauge zur Hochwasser-Katastrophe. (Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Wie uns aus dem Landtag geschrieben wird, ist dem Abgeordnetenhaus nun­mehr die Denkschrift über die staatliche Hilfs­aktion aus Anlaß der Hochwasserschäden im ^ahre neunzehnhundertneun zugegangen. Die Denkschrift bringt eine Darstellung der Hoch- wasserkatastrohen, die durch das Anschwellen der kleinen Gebirgsflüsse in den Mittelgebirgen zwischen Rhein und Elbe verursacht worden sind. Es werden die Höhe der Schäden der einzelnen Interessenten, in den vom Hoch­wasser bettoffenen Provinzen nachgewiesen und die staatlichen und provinziellen Maßnahmen zur Linderung der Not ein­gehend flargelegt. Auch der Privatwohl­tätigkeit wird gedacht. Die gesamten staatlichen Unter st ützungen zur Lin­derung der Not der durch das Hochwasser be­troffenen Interessenten betragen insgesamt 1232 182 Mark.

Cassel und Hessen-Nassau.

Hebei die Schäden in der Provinz Hessen-Nassau heißt es in der Denk­schrift: Durch das Hochwasser vom Anfang Februar 1909 sind beide Regierungsbezirke, und zwar der Regierungsbezirk Wiesbaden in er­heblich stärkerem Maße als der Regie­rungsbezirk Cassel, heimgesucht wor­den. Die haupflächlichsten Schäden sind in bei­den Bezirken nicht in den Tälern der größeren Flüsse, sondern in den Tälern der kleineren Gebirgsflüsse und -bäche, insbesondere der Zu­flüsse der Lahn entstanden. Der Bezirks­verband Cassel hat an den von ihm zu unterhaltenden Landstraßen und Brücken einen Gesamtschaden von rund 39 000 Mark erlitten. Im Regierungsbezirk Cassel hat der größte Teil der Kreiskommunalverbände die Unterhaltung der Landwege ganz oder teilweise übernommen. Durch die Beseitigung der an den Landwegen und Brücken verursach­ten Schäden find den beteiligten (16) Kreisen insgesamt 66 516 M. Kosten erwachsen. Einen weiteren erheblichen Schaden hat der Kreis Gelnhausen, auf den von dieser Summe 7 008 Mark entfallen, dadurch erlitten, daß er als Eigentümer von einem Drittel des Aktienkapi­tals der Bad Orber Kleinbahngesellschaft rund 10000 Mark von ben insgesamt 32 000 Mark betragenden Kosten der Wiederherstellung des Bahndammes der genannten Kleinbahn zu ragen hat.

Tie Schäden der Gemeinden. '' °

Im Regierungsbezirk Cassel sind bcttof- fert insgesamt 108 Gemeinden aus den Kreisen Eschwege, Frankenberg, Fritzlar, Fulda, Gers­feld, Hofgeismar, Marburg, Melsungen, Ro­tenburg, Graffchast Schaumburg, Herrschaft

Aus | Schmalkalden und Witzenhausen. Von der amtlich auf 393 335 Mark ermittelten Gesamt- schadensumme entfallen auf die Streife Gers­feld, Eschwege, Frankenberg und Hofgeismar 44 310, 44 200, 52 095 und 104 931 Mark. Von besonders hohen Einzelschäden sind zu erwäh­nen: Uferbrüche am Wehrefluß in der Gemar­kung Reichensachsen, Kreis Eschwege (31100 Mark), Uferbrüche an der Diemel in der Ge­markung Liebenau, Kreis Hofgeismar (22 000 Mark), Zerstörung des Diemelwehres bei Tren­delburg, Kreis Hofgeismar (31 000 Mark), Zer­störung eines Schutzdammes in der Gemarkung Niederorke, Kreis Frankenberg (21000 Mark). Im Regierungsbezirk Wiesbaden sind be­teiligt 159 Gemeinden aus sämtlichen Kreisen des Regierungsbezirks mit Ausnahme von Frankfurt a. M., Stadt und Land, Wiesbaden, Stadt und Land, und Obertaunus. Die Zahl der geschädigten Gemeinden beläuft sich in die­sen Kreisen auf 74 und der amtlich ermittelte Schad» auf 547 700 Mark, während die Höhe des Gesamtschadens aller Gemeinden des Re­gierungsbezirks auf rund 900 000 Mark sich be­ziffert. Auch eine Reihe von Genossen­schaften und viele Privatpersonen haben durch das Hochwasser beträchtlichen Scha­den erlitten.

Hilfe in der Rot.

Die erste Hilfe zur Linderung des augen­blicklichen Notstandes wurde in der Hauptsache von den örtlichen Organisationen, vor allem von den Vaterländischen Frauen- vereinen vom Roten Kreuz geleistet. Sie bestand im wesentlichen in der Beschaffung von Notwohnungen, Lebensmitteln, Kleidungs­stücken, Wäsche, Bettzeug, Futterstoffen und Brennmaterial. Zur Beseitigung dringender Gefahr und zu den ersten Aufräumungsarhei- ten mußte an verschiedenen Stellen militärische Hilfe requiriert werden. Unmittelbar nach der Katastrophe wurde eine Hilfsaktion zu­gunsten der durch das Hochwasser in Not ge­ratenen Bezirkseingesessenen eingeleitet Das Gsamtergebnis der Sammlungen bezifferte sich im Regierungsbezirk Wiesbaden auf 210 525 Mark und im Regierungsbezirk Cas­sel auf 48 063 Mark mit Einschluß der vom Berliner Hilfskomitee bewilligten 75 000 Mark für den Regierungsbezirk Wiesbaden und 25 000 Mark für den Regierungsbezirk Cassel. Im Regierungsbezirk Cassel wurden rund 55 Prozent und im Regierungsbezirk Wies­baden rund 70 Prozent des entstandenen Schadens ersetzt.

Die öftentliche Hilfsaktion.

Nachdem die auf Anordnung des Mini­sters des Innern vorgenommene Prüfung er­geben hatte, daß behufs Wiederherstellung der durch das Hochwasser verursachten Schäden die Einleitung einer öffentlichen Hilfsaktion erfor­derlich werden würde, wurde durch die ört­lichen Behörden unter Zuziehung sachkundiger Vertrauenspersonen eine vorläufige Abschätz­ung derjenigen Schäden, die für eine eventuelle Hilfsaktion in Betracht kommen konnten, vor­genommen. Die Prüfung der Schätzunasschä- drgungen und Unterstützungsanträg: ergab, daß ein augenblicklicher Notstand, der ein sofortig-s Eintreten öffentlicher Hilfe erforderlich gemacht hätte, nicht vorlag. Andererseits wurde da­durch Zeit gewonnen, für die Hilfsaktion selbst möglichst zuverlässige Unterlagen zu beschakfen Inzwischen hatten die Kommunalland- t a q e der Bezirksverbände Cassel und Wiesbaden zu der Angelegenheit Stellung genommen und beschlossessn. sich an der vom L-taat beabsichtigten Hilfsaktion zu beteiligen. Mit Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Be- zirksverbände und der betroffenen Kreise war die Bereitstellung öffentlicher Mittel zur Besei- ttaunq der eigenen Schäden dieser Vrbände entbehrlich. Oeffentliche .Cilfe erschien nur er­forderlich für leistungsunfähiqe Gemeinden und Genossenschaften in bsiden Regien,nasbe-irken Es wurden an staatlichen Beihilfen bewilligt: Für den Reaierunasbezirk Cassel 138 605 Mark, für Wiesbaden 265 662 Mark. _z.

A Die Stadt und die städtischen Arbeiter. Die städtischen Arbeiter wurden für gestern abend in das Gewerkschaftshaus zu einer ö f - fentlichen Protest Versammlung eingeladen, in der die Tagesordnung zur Erle­digung kommen sollte:Die Brutalität, der Gewalt st reich des Herrn Jn- spektorKönigundderKommission vom Reinigungswesen, oder die Maßregelung des Kollegen Hei­nemanns Gauleiter Meißner hielt" das informierende Referat. Er betonte zunächst, daß eine Protestversammlung der Entwicklung in der zur Tagesordnung stehenden Angelegen­heit vorauseile, man wolle den Abend daher nur zur Klarelegung des Vorkommnisses benutzen. Sollte die Entwicklung wider Er­warten ein negatives Ergebnis zeitigen, dann werde man die Stellung mitGewehr bei Fuß" verlassen. Worum es sich handelt: Der Fahrer Heinemann soll eines Tages (als er sein Fuhrwerk lenkte) die Bestimmungen der Stra- tzenpolizei nicht genau eingehalten haben und er wurde deshalb mit einem polizeilichen Straf­mandat belegt. Dieser Vorgang bildete den Ausgangspunkt zur Kündigung des Fahrers. Heinemann und seine Kollegen sahen ober in der Kündigung mehr: Sie erblickten darin einen Angriff auf das Koalitions­recht der Arbeiter. Verschiedene Aeuße- rungen an vorgesetzter Stelle'begründeten ihren Verdacht, umsomehr, als sie eine Bevorzugung jener Arbeiter wahrgenommen haben wollen, die dem Reichsverband angehören. Man hat nun unter Darlegung der wirklichen Verhält­nisse an die Kommission vom Reinigungswesen eine Eingabe gerichtet, in der um eine Zu­rücknahme der Kündigung ersucht wird. Die Kommission tagt am Dienstag, und das Er­gebnis dieser Sitzung soll abgewartet werden, ehe weitere Schritte in der Angelegenheit un- tentommen werden.

Von Stufe zu Stufe. Die 17 Jahre

alte Tochter einer hiesigen achtbaren

Familie macht ihren Eltern viel Kummer und Sorge. Alle Züchtigungen des Vaters nützten nichts. Nun ist das junge Mädchen von Hause fortgelaufen und bringt sich mit . . . Schwindeleien durchs Leben. Es spricht bei den verschiedensten Herrschaften vor (nennt teils den richtigen, teils einen falschen Namen) und läßt sich den Mietstaler auszahlen, um dann nicht mehr wiederzukommen. Bei ihren Vorstellungen hat das Mädchen einzelne Familien auch bestohlen. Jetzt sucht der Vater mit Hilfe der Kriminalpolizei seine ungeratene Tochter, um sie in eine Erziehungs­an st alt bringen zu lassen.

A Die Stiftung des Hauptmanns Grabow. Es dürste nur einem kleinen Kreise bekannt sein, daß der in den neunziger Jährest hier verstorbene Hauptmann und Kompagnie­chef Grabow vom Infanterie-Regiment 83 sein ganzes Vermögen zu einer Stif­tung für bedürftige verheiratete aktive und ehemalige Unteroffiziere des Regiments ver­macht hat. Alljährlich kommen die Unterstüt­zungen zur Auszahlung. Auch kürzlich sind wieder einige Unteroffiziere des Regiments dieser Wohltat teilhaftig geworden.

A Der verschwundene Knabe. Seit Mon­tag abend wird hier ein dreizehnjähri­ger Junge vermißt, der einen blauen Manchesteranzug trägt. Der Knabe ist seinen Eltern augenscheinlich aus Furcht vor Strafe entlaufen. Sollte jemand den Verschwundenen gesehen haben, so wird gebeten, Auskunft dar­über nach der Frankfurterstraße 109, 1. Stock, gelangen zu lassen, wo die besorgten Eltern wohnen.

A Und das alles wegen der Zündholz- steuer . . . Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Im allgemeinen sind die Laternen doch zur Beleuchtung der Straßen vorhanden. Daß sie aber auch mitunter anderen Zwecken dienen, konnte ich gestern abend sehen: Gehe ich da spät abends durch eine einsame Straße. Plötzlich sehe ich ein dunkles Etwas auf einer der nächsten Laternen sitzen, und wie ich näher zusehe, ist es... ein junger Bursche, der das Licht dazu benutzt, sich seine Zi­garre anzuzünden. Und nachdem ihm das gelungen ist, steigt er wieder herunter und geht mit der glimmenden Zigarre! im Munde gemütlich seiner Wege. Also auch auf diese Weise sucht man sichder Zündholzsteuer zu entziehen".

A Der Zug des Unglücks. In einem Sport-Verein kam beim Ringkampf ein junger Mann so unglücklich zu Fall, daß er einen B einbruch davontrug. In einem Hause der Mühlengasse stürzte eine Frau O. so unglücklich die Treppe hinunter, daß sie sich einen komplizierten Armbruch zuzog. Beim Fensterputzen (in einem Hause an der Schlachthofstraße) rutschte ein junges Mädchen au§ und stieß mit dem Arm in die Scheibe, wodurch sie sich so schwere Wunden zuzog, daß diese vernäht werden mußten. Von einem Schlaganfall wurde ein hiesiger Kauf­mann in seiner in der Kölnischenstraße belege» nen Wohnung ereilt. Die Sanitätswache über­führte ihn ins Krankenhaus.

A Cassels Frauen und die Politik. Der Politische Frauenverein Cassel be­faßte sich in einer gestern abend im Saale der Fortbildungsschule abqehaltenen Versammlung vornehmlich mit der Wahl eines sogenannten Kommunal-Ansschusses, dem die Aufgabe zufällt, den Verhandlungen im Stadtparlament beizuwohnen, ihnen genau zu folgen, und alsdann im Verein darüber Bericht zu erstatten. Die Vorstandswahl brachte außer einer Erhöhung der Beisttzerzahl keine wesent­lichen Veränderungen im gegenwärtigen Vor­stand. Alsdann hielt Frl. K ö t h e ihr Referat überDie Reichswertzuwachssteuer". Nach dem beifällig aufgenommenen Vortrag wurde be­schlossen. in allernächster Zeit an sämtliche hte­ige politische Partei-Organisationen mit dem Ersuchen heranzutreten, nachdrücklichst Stellung zur Lösung der Frauenfrage zu ncb- men und mit allen Kräften an der Erlan­gung der politischen Gleichberech­tigung der Frau mitzuarbeiten. Der Verein zählt gegentoärtig 77 Mitglieder.

A Eine ständige Kunstgewerbe-Ausftellung in Cassel! Eine hocherfreuliche Mittellung wurde in der gestrigen Sitzung des Handels- und Gewerbevereins gemacht: Mit der Eröff­nung des neuen Landesmuseums soll eine Aus­teilung von auserles en en kunst­gewerblichen Arbeiten des Casse­ler Handwerks verbunden werden. Wie wir erfahren, wird die Eröffnung des neuen Museums voraussichttich erst in zwei Jah­ren stattfinden können. Die Ausstellung kunst­gewerblicher Arbeiten wird aber zu einer stän­digen Ausstellung werden; nur soll von Zeit zu Zeit ein Wechsel in der Auswahl der Ausstellungsgegenstände erfolgen.

A Ter Kampf um die Casseler Sonntags­ruhe. In der gestrigen Versammlung des Ha n- del - und Gewerbevereins wurde mit­geteilt, daß sich der Ausschuß auch jetzt wieder auf den früher eingenommenen Standpunkt stellt, und gegen eine 9[enberung der ge­setzlichen Bestimmung in der Sonntagsruhe ei. Im heutigen Anzeigenteil derCasseler Neueste Nachr." veröffentlicht die ZwangH- nnung der Konditoren und Pfef- erk^ichler zu Cassel eine Erklärung über ihre Ltellungnghme zur Frage der Einführung der Sonntagsruhe. Die Innung steht auf dem Standpunkt, daß die Lebensgewohnheiten des denftchen Volkes eine völlige Sonntags­ruhe nicht gerechtfertigt erscheinen lassen. In der Vraris würde sich nur eine durchbrach e- tte Sonntagsruhe bewähren können, t Heute abend wird im großen Saale des Palais- Reftaurants sich noch eine (vornDetail- listen-Verband für Hessen und Waldeck e. V." und vornVerband deutscher Detailgeschäfte der Textilbranche" einberufene) Verfamrnlung mit der Frage der völligen Einführung der Sonntagsruhe befassen.

A Tas Attentat auf der Treppe. Auf die Gatttn eines.hiesigen Großkaufmanns

[ wurde gestern abend von einem jungen Bur­schen ein unsittliches Attentat beruht Wir erfahren darüber folgende Einzelheiten: ,

Die Ehefrau eines hiesigen Großkauf­manns in der Gießbergstraße kehtte gestern abend um 7 Uhr bei hellerleuchtetem Treppenflur in ihre Wohnung zurück. Auf der Treppe begegnete der Dame ein junger Mann, welcher sie in unsittlicher Weise angriff. Durch das Hilferufen der geängsteten Frau ließ der Bursche von weiterem Vorhaben ab und entkam un­erkannt im Treiben auf der Straße.

Leider hat man über die Persönlichkeit des frechen Menschen keine Anhaltspunkte, sodaß es wohl kaum gelingen dürste, seiner habhaft zu werden. Die überfallene Frau ist infolge des ausgestandenen Schreckens erkrankt.

A CasselsCarlion"-Weinstuben. Wie au5 dem heutigen Anzeigenteil derCasseler Neu­esten Nachrichten" ersichtlich ist, wird am Sonn­abend im Hause Garde du Corps-Play 3 bis VA ein neues vornehmes Weinrestau­rant unter dem NamenCarltons Wein­stuben" eröffnet werden. Künstlern-Konzerte werden zur Unterhaltung der Gäste beitragen. Auch die Eröffnung einerHollandf chcn Tapperh" wird angezeigt.

A Das Wetter am Freitag. Der amtliche Wetterbericht fagt für den morgigen Freitag für Hessen-Nassau folgende Witterung voraus: Trübe, nachts etwas kälter, nur strich­weise leichte Niederschläge.

Letzte Telegramme.

(Rach Schluß der Redattiou eingegangen.)

Echorlemer «nd Soxhlet.

(Telegramm unsers Korrespondenten.) T*

München, 26. Januar. In der gestrigett Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses hat Landwirttchaftsminister von Schorle- m e r sich über den Fall Soxhlet-Wagner ausgesprochen und erklärt, daß er darüber nichts sagen könne, weil noch Behauptung gegen Behauptung stehe. Der hiesige Korre­spondent eines Berliner Blattes hat nun Soxhlet befragt, wie er sich zu dieser Rede stelle. Professor Soxhlet erklärte: Aus Herrn von Schorlemer hat eine andere Exzellenz herausgesprochen, fein Ministerialdirek- to r Thiel. Dieser, der zweite Vorsitzende des Vorstandes der Deutschen Landwirtschafts- Gefellschaft, ist ein D i k t a t o r, der Vorsitzende (ein Herr von Freyer) ein Schattenkaiser. Thiel hat es .öffentlich ausgesprochen, daßd i e Deutsche Landwirtschaftsgcsell- schaft ohne ihre großen Kali­geschäfte schon längst nicht mehr ihren Aufgaben gerecht werden könnte." Bor Freyer war der Landwirt- schastsminisier von Arnim erster und Thiel zweiter Vorsitzender des Vorstandes, und beide sind als Handelsagenten des Kalisyndikats in das Handels­register eingetragen. Landwirtschaftsminister und Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft waren so ziemlich identisch, und sie sind es durch Thiel auch noch heute. Herr von Schorle­mer kann seine Vorgänger nicht desavouieren, er wird sich auch hüten, den Bund anzugreifen, der heute die Rcichspolitik leitet.

Reichslaud und Reichstag.

Berlin, 26. Januar. (Spezialtele­gramm.) Im Re ich Stage stand heute die Vorlage betreffenb die Verfassung der Reichslande ans der Tagesordnung. Das Haus ist dicht besetzt. Am Bundesratstisch be­merkt man den Reichskanzler und ben Staatssekretär von Zorn und Bulach. Staatssekretär Dr. Delbrück leitet die Be­ratung des Verfassungs-Entwurfs ein, indem er zunächst einen umfassenden Rückblick auf die Entwickelung der elsaß-lothringischen Frage wirft. Die Crsüllung der Wünsche Elsaß-Loth- ringens hänge von der Voraussetzung ab, wie weit Elsaß-Lothringen bereits mündig gewor­ben ist. Die Bewegung, bie noch vor 20 Iah. ren eine Lösung der Frage unmöglich machte, habe sich inzwischen in einen Zustand geändert, der auf dem Boden der bestehenden Ordnung stehe. Man brauche nur die jetzigen Reden der elsaß-lothringischen Abgeordneten zu verglei­chen mit denen vor zwanzig Jahren. Die all- mähliche Verschmelzung mit dem Deutschen Reich erfordere eine feste Hand »nd einen kühlen Kopf.

j Abgeordneter Singer erkankt!

Berlin, 26. Januar. (Telegramm un* eres Korrespondenten.) Im Befin­den des erkrantten Reichstagsabgeorbneten Paul Si nger ist gestern abenb eine B er - chlimmerung eingetreten. Wenn auch bas Fieber unb bie asthmatischen Beschwerben nachgelassen haben, so ist bas Allgemeinbefin­den doch als sehr unbefriedigend zu bezeichnen. Es mußten weitere Aerzte zur Konsultation gerufen werden.

Die Opfer eines Justizirrtums.

Paris, 26. Januar. (Spezialtele­gramm.) Am 4. Dezember 1908 wurden vier Leute, die in ein Marseiller Kredit-Institut eingebrochen haben sollten, zu schweren Strafen verurteilt. Unter ihnen befand sich auch ein Mann namens Palma, der acht Jahre Zwangsarbeit unb 20 Jahre Aufent­haltsverbot erhielt. Nach der Verurteilung wurde er nach Guyana verschifft. Die Polizei hat nun die Gewißheit erlangt, baß minbcftcnS btefer Palma völlig unschuldig ist und baß baher bie Wiederaufnahme des Prozesses unvermeidlich fein dürfte.

Ä KMAiMM MM Meilen.