Nr. 42.
Erster Jahrgang.
Ltsffekr Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Sonntag, 22. Januar 1911.
der „Safteier Reuefte Nachrichten".
<«Lmtliche an bU SruflimftfteHe gert*tetrten Anfragen müssen den «amen und die Adrefl« d-S Anfragenden ent- halten. Sie Auskünfte werden jeweils in der Sonntag, «untmer mttgeteiN. Bei fthriftliiH erbetenen Auskünften ift bte ‘Betftiattna von SbilLporto erforderlich. Sprech- stunden der AuSkunftsteüe: Mittwoch»» und Sonnabend« von 5 btt 8 Uhr nachmittags. Sämtliche Auskünfte werden nach beftrot Wissen und iSewtffen, aber ohne Uebcrnahme irgendwelcher -astnng erteilt.
Stammtisch Deutsche Eiche. Bei Goethe, .Zahme Xenien in* findet man: .Das Beste m der Welt ist ohne Dank; Gesunder Mensch ohne Geld ist halb krank.* .Die Gabe, sich widersprechen zu lassen, ist wohl überhaupt eine Gabe, die unter den Gelehrten nur die toten haben,* finden Sie bei Lessing, .Rettungen des Horaz*, gleich zu Anfang des dritten Absatzes. Besten Dank.
F. G. HerSfeld. Der chronische Darmkatarrh beim Sittich laß sich bekämpfen durch Kaffee, den man in dünner Abkochung als Getränk gibt, ferner Zusätze von kleinen Dosen (x4 Gramm,salizylsaures Natron oder (1 Gr.) künstliches Karlsbader Salz. Man schränke die Getränkemenge nach und nach ein.
Xenia. .Deutsche höhere Schulen, die die Berechtigung haben, Prüfungszeugnisse auszustellen, die bei uns anerkannt werden, sind im Auslande in folgenden Orten: Antwerpen, Quellinstr. 27: Oberrealschule; Brüssel, 21 Rue des Minines: Realgymnasium; BuenosAires, Calle Cuba 1714: Reform- Realgymnasium in Entwicklung; ferner: Germaniaschule der evangelischen Gemeinde; B u k a r e st: Oberrealschule (in Entwicklung); Konstantinopel: Oberrealschule (in Entwicklung) und Höhere Mädchenschule.
Dr. H. St. Die internationalen Fahrausweise für Kraftfahrzeuge gelten nicht nur, wie vielfach angenommen wird, für das Kraftfahrzeug, sondern auch für den Führer, wie eine Erkundigung bei der zuständigen polizeilichen Stelle ergab. Dies entspricht übrigens vollkommen den Vorschriften der Art. 1, 2, 3 des Internationalen Abkommens über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen vom 11. 10. 09 sowie des § 3 der hierzu ergangenen Bundes- ratsverordnung vom 21. 4. 10.
P. P. Am 1. Januar d. I. waren in Preußen vorhanden 725 höhere Lehranstalten, und zwar 532 Vollanstalten und 193 Nichtvollanstalten; von diesen waren 251 staatlich und 474 nichtstaatlich. Das Lehrpersonal an den höheren Unterrichtsanstalten bestand aus 691 Direktoren, 4452 Professoren und 4262 Oberlehrern.
Lucie R. Präparandenanstalten für Mädchen, die ein VollsschuNehrerinnen-Seminar besuchen wollen, sind zu Krossen a. O. (ev.), Löwenberg (Schles., ev.), Augustenburg (Alsen, ev.), Burgsteinfurt (ev.), Braunsberg (Ostpr., kath.), Liffa (Posen, kath.), Beuthcn (Ob.- Schlefien, kath.), Dingelstädt (Eichsfeld, kath.), Arnsberg (kath.), Münster (kath.), Koblenz (kath.), Saarburg (kath.), Barmen (paritätisch), Krefeld (Parität.), Breslau, Bochum, Hagen, Dortmund, Eltville (Hessen-Nassau), Rotenburg a. F., Aachen, Jülich und Kaiserswerth.
0. 32. Wir bitten in der Angelegenheit hren Besuch in der nächsten Sprechstunde, da es sich doch empfehlen dürfte, die besonderen Umstände des Falles eingehend zu erörtern, ehe bestimmte Schritte unternommen werden.
F. M. Sauerland. Am zweckmäßigsten würden wir Ihren Beitritt zum Privat-
beamten-Verein mit dem Sitz in Magdeburg erachten, der über ausgezeichnete soziale Kassen- Einrichtungen verfügt und grade für Ihre Wünsche in Betracht kommt. Wenden Sie sich an das Direktorium mit dem Ersuchen um Uebersendung der entsprechenden Drucksachen.
Afrika. Es ist am zweckmäßigsten, wenn sich Ihre Schwägerin mit einem entsprechenden Gesuch an das Reichs-Kolonialamt in Berlin wendet, von dem aus ihr alle zweckdienlichen Mitteilungen dann zugehen werden. Auch ein Angebot an die Deutsche Kolonialgesellschast in Berlin dürste zu empfehlen sein.
Kolonial-Krieger. Aus dem Ertrag der Wertzuwachssteuer soll ein Test zur Bereitstellung der Mittel für die geplante Veteranenversorgung verwandt werden, sodaß die Verwirklichung der Veteranen-Verforgung vorläufig gänzlich vom Schicksal des Werizuwachs- steuergesetzes abhängig ist. Invalide Kolonialkrieger dürften vorerst in die Veteranen-Ver- sorgung kaum einbezogen werden.
„Gcorgesruh" Öberkaufungen. Natürlich lebt Gras Haeseler, der frühere Kommandeur des 16. Armeekorps, noch. Er hat erst am 19. Januar seinen 75. Geburtstag gefeiert. Der greise Heerführer hat den aktiven Dienst im Jahre 1903 verlassen, nachdem er ein volles halbes Jahrhundert dem Heere angehört und dessen drei letzte Feldzüge mitgemacht hatte. Seit seiner Pensionierung widmet sich Graf Haeseler der Bewirtschaftung seiner Güter.
L. I. Im Entwurf zu einem Gesetz über die Versicherung der Privatangestellten ist nach dem uns vorliegenden amtlichen Wortlaut eine Befretungsklausel der von Ihnen angegebenen Art, durch die die Versicherungs- und Beitragspflicht im Fall des Eingehens einer Lebensversicherung aufgehoben würde, nicht vorgesehen. Es handelt sich also offenbar um einen Irrtum.
P. S. Bebra. Die Differenz zwischen heute und vor 30 Jahren in den Fleischpreisen beträgt höchstens 25 bis 30 v. H. 1880 kostete ein Eisbein je nach Größe 60 bis 75 Psg., ein Schweinekotelett beim Schlächter 65 Psg., Rindfleisch 65 bis 75 Pfg., Schweinefleisch etwa 50 Pfg. pro Pfund. Die hohen Fleischpreise hat uns erst das neue Jahrhundert gebracht.
Ski. 1500 Die Bernina-Bahn wurde erst vor kurzem dem Verkehr übergeben; sie ist die höchste und großarftgste, welche den Kamm der Alpen übersteigt. In 1839 Meter Seehöhe bei St. Moritz beginnend, führt sie über Pontre- sina auf die Höhe des Bernina-Passes aus 2330 Meter Seehöhe und steigt dann in großen Kehren in das tiefe Puschlavtal und zu dem schweizerischen Grenzorte Campocologno, 562 Meter Seehöhe hinab.
Turkestan. Der Punkt, an dem die von meist unterirdisch gelegenen Erdbebenherden ausgesandten Erdbebenwellen zuerst die Erdoberfläche erreichen, also der Punkt senkrecht über dem Erdbebenherd, wird Oberflächcnmittel- puntt oder Epizentrum genannt.
Nechts-AuskunstStelle.
A. S. W. Die üblichen Alimentationssätze für uneheliche Kinder betragen neuerdings 35 Mark bis zum vollendeten 6. Lebensjahre des Kindes, von da an bis zum vollendeten 16. Jahr 40 Mark.
R.-Ditmold 500. Es kommt darauf an, welcher Gläubiger die Zwangsversteigerung des Grundstücks betreibt. Alle Hypotheken, die derjenigen des betreibenden Gläubigers vorangehen, hat der Ersteher in Anrechnung auf das Kaufgeld zu übernehmen, auszuzahlen braucht er sie erst, wenn sie fällig ist. Dagegen hat der Ersteher die HhpothÄ des betreibenden
Gläubigers sowie diejenigen Hypotheken, die der des betreibenden Gläubigers gleich- oder nachstehen, auszuzahlen, soweit das von ihm zu zahlende Kaufgeld dazu ausreicht.
W. Z. 100. Dem Hauseigentümer liegt jedenfalls infoweft die Verpflichtung zur Unterhaltung des Bürgersteiges ob, als ein diesbezügliches OrtSstatut besteht. Falls der Hauseigentümer die ihm hiernach obliegende Unterhaltungspflicht in schuldhafter SBetfe verletzt und dadurch jemand zu Schaden kommt, ist er dem Geschädigten ersatzpflichtig.
Rose. Wegen Mißhandlung Ihres Hundes können nur Sie Anzeige erstatten. Wenn der Herr Sie beleidigt, können Sie ihn vor den Schiedsmann laden und eventuell Privatflage beim Amtsgericht erheben. Das letztere hat aber nur dann einen Zweck, wenn Sie einen Zeugen haben.
W. St. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß es sich um eine öffentliche Lotterie bezw. Ausspielung im Sinne des § 286 St.- G.-B. handelt, wenn ein Radfahrerverein anläßlich eines Vergnügens, zu dem jedermann gegen Entgelt freien Zutritt hat, einen Gegenstand verlost. (Vergl. besonders Reichsgerichts- entsch. vom 21. 5. 81.) Die Veranstalter dieser Verlosung haben sich also unbedingt strafbar gemacht, und zwar ist eine Polizeistrafe unzulässig, da die Strafe Gefängnis bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bis 3000 Mark beträgt. Zuständig ist eigentlich die Strafkammer, die Sache kann aber auch dem Schöffengericht überwiesen werden. Sollte versehentlich nur eine Polizeistrafe verhängt sein, so raten wir Ihnen, diese widerspruchslos zu zahlen.
Ego. Da seit dem Zeitpunkt, an dem Sie Ihrem Kunden die Kleidungsstücke geliefert haben, mehr als sechs Monate verstrichen sind, ohne daß der Kunde die Kleider bemängelt hat, ist er jetzt dazu nicht mehr berechtigt (§§ 638, 639, 477, 478 B. G.-B.).
Tz. 131313. An sich kann Ihr Chef verlangen, obwohl Sie zum gewerblichen Personal gehören, daß Sie am Sonnabend bis 6 Uhr nachmittags arbeiten. Da Sie aber nach Ihrer Arbeitsordnung nur zur Arbeit bis 5% Uhr verpflichtet sind, können Sie sich weigern, bis 6 Uhr zu arbeiten. Freilich wird Ihnen dann vielleicht gekündigt werden.
Buntes Merlei.
„Franziska mit dem großen Koffer."
Zu einem Geschäftsmann im Oft en Berlins war vor einigen Wochen ein Dienstmädchen gezogen, das sich als recht brauchbar erwies, und von der Hausfrau weit und breit gelobt wurde. Das Mädchen war zweifellos auch recht ordentlich, denn neben vielen anderen Paketen und Kasten hatte es auch einen riesigen Reisekorb mitgebracht, an dem ein paar kräftige Manner zu schleppen hatten. Die Familie des Dienstgebers glaubte natürlich den groben Reisekorb vollgepackt mit Kleidungsstücken und Wäsche, die sich das Mädchen nach und nach angeschafst habe. Um so größer war das Erstaunen der Hausfrau, als sie dieser Tage dem in einer abgelegenen und wenig benutzten Kammer stehenden Korb etwas nahe kam und daraus ein wenig melodisches, dafür aber desto lauteres... Schnarchen hörte. Ganz entsetzt sprang die Hausftau davon und holte ihren Mann. Als dieser erschien, wurde gerade der Deckel von innen aufgemacht, und dem Korb entflieg ... ein junger Mann, der sich verwundert den Schlaf aus den Augen rieb. Bald stellte sich auch Franziska ein, und nun wurde klar, daß der Schläfer im Korb nicht etwa ein Spitzbube, fondern
der Bräutigam von Franziska war. Allabendlich hatte Franziska ein Hoffenster offen gelassen, und durch diefes hatte ihr Bräutigam den Weg zu feiner Schlafftelle im Korb genommen. Franziska hätte noch in der Stellunr bleiben können, wenn sie nur ihre« Korb ent« feint hätte: dies aber wollte sie nicht, und fc gab sie den Dienst auf und zog mit ihrem Reifekoffer ihre Straße...
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Haben die Fronen Hmnor . . .?
Uns wird gefchrieben: Aus eine Rundfrage die eine Berliner Tageszeitung ausgestellt hat, und die ergründen fall, ob die Frauen Humor haben, sind die fonderbarsten und verschiedensten Antworten eingelaufen. Merkwürdigerweise behaupten gewisse Männer von Namen und Ruhm, daß es hie und da eine Frau gibt, die auch Humor besitzt, und sie nennen Komikerinnen, Frauen, die von der Bühne herunter lustige Dinge vortragen, zum Beweise dafür, daß die Frauen tatsächlich Humor haben. Das ist natürlich keine erschöpfende Antwort, denn es handelt sich ja darum zu ergründen, ob das Geschlecht der Frauen der göttlichen Gabe Humor fern oder nah steht, und da ntu& doch gesagt werden, daß der Durchschnitt der Frauen dem Humor ziemlich fern steht. Sonderbarerweise glauben die meisten Frauen (und besonders viele Mädchen), daß sie sich etwas vergeben, wenn sie die Komik des Lebens mit humorvollen Zügen betrachten, und darüber ihr ursprünglichstes und eigenstes Lachen ertönen lassen. Man glaubt „tief* zu fein und „Größe* zu zeigen, wenn man sich fo ernst gebärdet, wie nur denkbar, und wenn man dem göttlichen Lachen nur wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Frauen des Durchschnitts ( und auf dies« kommt es doch bei der Beurteilung einer solchen Frage hauptsächlich an) sind außerdem geneigt, alle Dinge, die sie selbst betreffen, sehr schwer und sehr ein st zu nehmen. Sie können die Kleinigkeiten des Lebens nicht als humoristische Beigaben zum Dasein auffassen, sondern sie machen daraus, was sie gar nicht verdienen: Große Haupt- und Staatsaktionen. Wenn die Frauen Humor hätten, so wäre die Dienstbotenfrage und die Männersrage eine lustige Sache, und nicht ein ernstes schweres Ding, wie es leider im Durchschnitt der Fall ist,
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Die „Losung von Bari".
Italienische Blätter erzählen eine heiter» Geschichte, die sich während der jüngsten Choleraepidemie in Süditalien vor den Toren von Bari abgespielt haben soll. Auf einer der nach der Stadt führenden Sttaßen war ein Bersagliere als Schildwache postiert, mit der sttengen Weisung, keinen Menschen passieren zu lassen, es wären denn Leute, die das Losungswort „Mellone* anzu- geben wüßten. Der Soldat blickte gelangweili in die schöne Gottesnatur hinaus, als plötzlich ein Bäuerlein dahertrottete. „Halt!* rief ihm der Posten zu. „Hier darf niemand passieren!' „Warum denn nicht?* fragte der Bauer interessiert und verwundert. „Weil drinnen in de, Stadt die Cholera ist. Wer hinein will, mutz das Losungswort wissen.* „Das Losungswort? Was tft denn das, ein Losungswort?' „Mellone!* (Mellone heißt Melone und Dummkopf.) „Warum bin ich denn ein „Mellone* I Selber „Mellone*! „Na, also, da weißt du ja daS Lofungswort! Nun darf ich dich hinein- lassen.* Und das Bäuerlein hielt kopfschüttelnd seinen Einzug in die Cholerastadt, die man nur betteten durfte, wenn man einen Soldaten des Königs . . . Dummkopf titulierte.* „DaS begreife ein anderer,* sagte et, als er am Abend im Dorfwtttshaus die sonderbare Geschichte zum besten gab.
Ser Mungos.
Von Alb. G. Krueger.
Es war schon recht spät, als Mrs. Bleimet von dem Diner bei den Lansdownes heim- kebrte. Müde und abgespannt entkleidete sie sich und suchte ihr Lager auf.
Aber der ersehnte Schlaf wollte nicht kommen. Mit offenen Augen lag sie lange in ihrem Bett, und dachte an ihren Mann, der ihr vor wenigen Wochen erst angetraut worden war. Sie seufzte tief auf. Wo mochte er jetzt wellen?
Weit fort, mitten aus feinen Flitterwochen heraus hatte ihn die Abkommandierung feines Regiments gerissen. Dort, weit hinten in den Bergen, hatte einer der Stämme, die stets nur knirschend das Joch derFremden getragen, wieder einmal, wie schon so oft, einen Aufstand entriert, und das Regiment, welchem ihr Mann als Major angehöttc, war zur blutigen Vergeltung in die Berge gesandt worden. Seit acht Tagen batte sie keine Nachricht mehr von dem Menschen, der allein auf Erden ihr lieb und teuer war. Wo mochte er nun wellen? Ob er überhaupt noch am Leben war? — Freilich, bei der fast gar nicht bestehenden Verbindung war an eine regelmäßige Korrespondenz nicht zu denken! — Wie böse war es doch, s-> sorgen und harren zu müssen! O, dieses gräßliche Indien, mit seiner Backofenglut, feinem Ungeziefer und seinen ewigen Aufftänden, wo man aus Angst und Sorge gar nicht herauskam! Wie sie es baßte!
Mit ihrem so schwer bedrückten Herzen lag sw und sann — und sann. Immer trostloser wurde es in ihrer Seele, und ein rätselhaftes Angstgefühl, dessen sie sich nicht erwehren konnte, wie die Ahnung von etwas Drohendem, Schrecklichem, kämpfte ihr Herz zusammen.
Hell und klar flutete das Mondlicht in ihr Schlafzimmer. Sein silberner Schein streichelte, langsam weiterrückend, bett Fußboden, und huschte kosend über die Geräte der Wohnung.
Don dem nahen Dschungel herüber tönte zeitweilig gedämpft das Geheul eines jagenden Tigers, und der schrille Schrei eines Raubvogels. Gewohnte Laute, die sie nicht mehr in Schrecken zu versetzen vermochten. Und in den Kronen der Palmen vor ihrem Fenster säuselte bet Aachtwind, dessen einschmeichelnde Weisen ibr wir Grüße, wie sehnsüchtige Se"krer ihres flrucg Gatte« erschienen/
Trotz aller Sorgen schlossen sich aber doch endlich die Lider der einsamen grau.
Einmal glaubte fte noch ein leises Zischen, ein leichtes, schattenoes Geräusch zu vernehmen. Aber sie war zu müde, um sich auszurichten. Ein wohliges Dämmern b rettete sich über sie, in tiefen, regelmäßigen Atemzügen hob und senkte sich ihre Brust, und sie war im Begriff, fest einzuschlafen.
Da schreckte sie plötzlich zusammen.
Das leise Zischen, welches sie vorhin undeutlich zu vernehmen glaubte, erklang jetzt wieder in ihrer unmittelbaren Nähe, laut... drohend.
Enffetzt fuhr sie empor und blickte umher. Aber starr und steif blieb sie auf ihrem Lager sitzen, während ihre Augen in sinnloser Angst auf dem vom Mondlicht hell bestrahlten Fußboden hafteten. Ihre Haare sttäubten sich, unb ein eisiger Schauer glitt langsam über ihren Rücken.
Auf der Matte,' dicht vor ihrem Bett, den Körper zusammengeringelt, Hals und Kopf hoch erhoben, fast in Griffsnähe» lag eine mäch- ttge, schwarze Kobra.
Völlig unfähig, auch nur ein Glied zu rühren, ftarrte Mrs. Blennet auf die Schlange, die sich höhet und höher aufrichtete und leise den Kopf hin und her wiegte, als wolle sie die sicherste Stelle für ihren totbringenden Bitz am Körver der Frau fuchen. Laut und drohend zischte sie dabei.
Und nun glühten die Augen der Kobra plötzlich mordlustig auf. Langsam reckte sich der Hals noch etwas höher. Der Kopf schnellte zurück, und..... .
Mrs. Blennet wollte schreien. Sie vermochte es nicht. Schaudernd schloß sie die Augen.
Ha! — Jetzt . . .
Ein leises, kratzendes Geräusch drang an das Ohr der halb irrsinnigen Frau. Groß und weit öffneten sich ihre Augen und starrten in fürchterlichem Grauen auf das Schauspiel, das sich jetzt vor ihren Augen entwickelte.
Ein neuer Akteur war urplötzlich auf der Szene erschienen. In einem eigentümlich wiegenden Schritt, die rotglühenden Augen starr aus die Schlange geheftet, alle Haare seines Körperchens wütend gesträubt, tänzelte vorsichtig ein kleines Tierleiu, nicht größer als ein Wiesel, heran. Die Behaarung des Leibes und
der Schwanz erinnerten an eine Katze, aber das Köpfchen mit der spitzen Schnauze, welche ein scharfes Raubtiergebiß ahnen ließ, an einen Wolf.
Es war ein Mungos, der unversöhnliche Feind aller Schlangen.
„Ritl, kikki, trrh!“ ertönte sein Kampfruf.
Die Kobra fuhr herum. Langsam senke sich ihr Kopf, während die Haube zornig anschwoll. Wütend fauchte und zischte sie. Sie hatte ihren Todfeind erkannt.
Und nun begann der Kampf.
Der Mungos tanzte wie besessen um die Kobra im Kreise herum, immer bestrebt, von hinten an sie zu gelangen. Seine Aeugleiu glühten wie Kohlen.
Jetzt stieß die Schlange zu. Aber der Mungos schnellte wie eine Feder hoch in die Lust und gleichzeittg rückwärts.
Wieder und wieder fuhr der Schlangenkops ihm entgegen, um jedesmal mit einem dumpfen Laut nur den Fußboden zu ttesfen.
Der fleine Angreiser war auf seiner Hut. Unglaubliche Sprünge und Wendungen machte das Tierchen, um den Bissen des wütenden Repttls auszuweichen und zum Angriff übergehen zu können.
Wieder hatte die Kobra einen vergeblichen Stoß geführt, und war habet mit dem Kopf unter einen Stuhl geraten, von wo sie nicht schnell genug hervor konnte.
Diese eine Sekunde genügte ober für den flehten Kämpen. Blitzschnell fuhr er zu, brachte seiner Gegnerin einen hefttgen Biß im Rücken bei, und war im nächsten Augenblick bereits außer dem Bereich der Gistzähne.
Durch den Biß zur Raserei gebracht, begann nun die Kobra, ihren Körper wie toll umherzuwickeln. Kreise, Dreiecke, Arabesken, unentwirrbar scheinende Knäuel beschrieb der geschmeidige Leib, der leise schlurrend über den Fußboden huschte. Dabei fuhr der Kopf wütend zischend, blindlings nach allen Richtungen.
Jetzt war die Zeit des Mungos gekommen. Hoch in die Luft schnellte er, dabei vorwärts, und saß im nächsten Augenblick sest verbissen in dem Genick der Schlange, welche in rasendem Schmerz die wütendsten Anstrengungen machte, um ihren kleinen, und doch so gefährlichen Feind abzuschütteln.
Vergebens! Der ließ nicht mehr los. Immer fester gruben sich sriu». Zähne in den Hals
der Schlange. Er wurde gezerrt, geschüttelt, hin und her geschlagen, gegen die Wand, den Bettpfosten, den Boden, in weiten Bogen und in kurzen, krampfhaften Zuckungen. Aber er ließ nicht los. Beide Kiefer schienen völlig in dem Körper der Kobra begraben.
Ein kurzes Krachen endlich, und die Bewegungen des Reptils wurden langsamer matter. Dann losten sich langsam die Ringe, ein Zucken und Zittern huschte über den glatten, geschmeidigen Leib, und... feine irdisch« Laufbahn hatte geendet.
In einem weiten Bogen schnellte der Mun« gos von dem toten Körper fort, und, sich wie rasend im Kreise drehend, wieder und wieder hoch emporschnellend, stieß er fortwährend fein triumphierendes „Kirch... Krrch!* aus.
Mit zum Reißen gekannten Nerven und flatternden Pulsen hatte Mrs. Blennet den grausigen Kampf verfolgt. Sie vermochte weder zu denken, noch zu fühlen. Ihr gesamtes Leben schien einzig in ihren Augen konzentriert, und diese starrten,... starrten...
Und nun ließ die Nervenspannung plötzlich nach. Einen gellenden Schrei ausstotzend, der das ganze Haus alarmierte, sank sie ohnmächtig hintenüber......
Als Mrs. Blennet am anderen Vormittag bleich und übernächtig an ihrem Frühstücksttsch saß, ertönte plötzlich neben ihr ein leises Kratzen und ein wohlbekanntes „Kikk, Kifli, Krrch!*
Hastig suhr sie auf und blickte nieder. Es war der fleine Mungos, der schwanzwedelnd näher kam, und sie zutraulich ans seinen munteren Aeuglein anblitzte.
Monatelang blieb das muntere Tierchen gehätschelt und gepflegt, Blenuets Hausgenosse, bis ihn endlich doch der Giftzahn einer Kobra im Garten ereilte.
In wütendem Kampf, auf dem Felde der Ehre, hat der kleine Kerl geendet. Seinen letzten Kampf beschloß ein Sieg. Denn die tot« gebissene Kobra fand man neben seiner kleinen Leiche im Sande.
Unter einer Platane befindet sich sein Grab, auf welches Mrs. Blennet ein Keines Denkmal gestiftet hat. So ost sie auch daran Vorbeigehen maa. stets muß sie wehmüttg ihrs- tlcincn, tapferen Lebensretters gedenken. ur> die Platane rauscht dem munteren Gesell en setz» Schlummerlied.