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der ewigen Tragödie, das auch die Gegenwart immer wieder erschüttern wird, hüllenlos, alleinherrschend hervortreten. Ein Gedanke, der durchaus zu billigen ist. So sprach Herr Nordau in erster Linie von einer .natür­lichen Sprechweise", auf die er den Dialog binden wollte gemeint war dierea­listische", also stilisierte, jene andere gibt es im Bühnenrahmen überhaupt nicht, weil dort immer stilisiert, demnach von der Natürlich­keit (wenn auch nur um Grade) distanziert werden muß. Um es kurz zu sagen, er wollte durch die Darstellung das Pathos aus der Tragödie treiben. Und hierdurch wurde sie für unser modernes Empfinden entschieden inten­siver in der Wirkung. Diese Absicht ließ sich jedoch von Anfang an nur zum Teil verwirk­lichen, weil das Pathos dem Drama immanent ist. Deshalb gerieten denn auch Töne und Gebärden häufig ganz von selbst in idealisti­schen Schwung. Immer wird z. B. Teiresias, der blinde Scher, in der Pathetik schweben bleiben. Und auch Herr Nordau nahm der Oedipodie nichts von ihrer Monumentalität, nichts von ihrer ornamentalen Pracht. Er steckte ihrem Pathos nur kräftige Dämpfer auf, die einen neuen, nachhallenden Ton in den Dramenbau trugen. Die Vorstellung nahm da­durch an Innerlichkeit zu, weil sie sich eine eigene Stimmung schuf, die einer zeitgemäßen, vor allen Dingen einheitlichen Regie­idee entfloß. Nichts wurde profaniert.

Auf der Bühne, deren Flügel in großer Fläche sehr glücklich mit rotem Tuch bespannt waren, erhob sich wirkungsvoll die Portika des Königsschlosies von Theben. Fein kontrastierte dann die eigentliche, hell beleuchtete Szene zu dem dunklen Chor, der in der Orchestra er­brauste und fast, dem ursprünglichen Sinn des Theaters entsprechend, ins Publikum hinüber­wogte. Er war als intimere Verbindung der drei Teile gedacht und trug in dieser Form ge­schickt zur Belebung der intensiven Gesamt­stimmung bei. Auf der kleinen Bühne wirkten die Figuren in den wallenden, pompösen Ge­wändern plastisch-monumental. Der Chor fiel nirgends auseinander. Er wirkte als ausge­glichener, homogener Körper. Geschickt wurde

die Masse bewegt. Tresflich kam auch ihre Polhphonie zur Geltung. Herr Schröder als Oedipus und Frau Nordau als Jokaste charakterisierten scharf und machten dadurch die Gestalten eindringlich. Ebenso sind Herr Warschawski und Herr Paulsen lobend zu erwähnem Auch das Interesse des Casseler Publikums für diese Vorstellung ist anzuerken­nen: Der Saal war fast gefüllt. Am Schluß applaudierte das Haus stürmisch. w. B.

Kasseler bildende Kunst.

Die Ausstellung im Kunstvcrein.

Die gegenwärtige Ausstellung von Werken der Amsterdamer Künstlervereini­gungSt. Lucas' (Kollektion von Prof. Rdolf Hellwag, London) beschert, im ganzen genommen, Werke von nicht gleichmäßiger Qualität. Nur das geschickte Arrangement der Bilder vermag über künstlerische Mängel, die hier und da auftauchen, hinwegzuhelfen. Ebenso erfreut natürlich auch manches wert­volle Einzelstück das Auge. Sehr fein ist z. B. am Anfang Lizzh AnsinghsDie Kleine mit der Guitarre", ein psycho­logisch vertieftes Kinderbildnis. Die Farben des Kleides und des Shawls, lila und silber­grau, tragen in die Komposition einen sanften, karessierenden Ton, zu dem das ergreifende, bläßliche Kinderantlitz wundervoll stimmt. Ruhig in der Auffassung ist auch Berta GorisStrickendes Mädchen", das in kräftigen, einfachen Farben (rot und blau dominieren) gehalten ist. Desgleichen sind die Radierungen von Graadt van Roggen Moret lur Loing" und von Dick Har­tingGracht in Amersfoort" lobend zu erwähnen. Letztere ist äußerst sauber und leicht in der Technik und von Stimmung durchwoben.

Eines der feinsten Stücke der Ausstellung ist dann Heemskerk van BrestsBlu­mengarten", ein sprühender, bunt funkeln­der Ansatz zu pointillistischer Manier. Virtuos in der Beleuchtung ist L. A. S ch i l t s prächtiger .Herbstjubel". Das Bild löst sich ganz in Licht auf, mit den rotbraunen und

blaugrünen Büschen, sowie den luftigen, hell­grünen Baumkronen, die im Himmel gaukeln. Auf Leusdens BildDer Dom zu Utrecht" ist die architektonische Wirkung in der Zeichnung vollendet wiedergegeben worden, wie die Steinmassen des Kirchenbogens mäch­tig durch die Luft ziehen. Auch im kleiner Rahmen ist hier der Effekt monumentaler Linienführung verwirklicht worden.

Der interessanteste Künstler, den die Aus­stellung vorführt, ist unzweifelhaft Huide- k o p e r. Er gibt Motive aus Spanien, das ihm zur seelischen Sensation wurde, einen Stierkampf", dessen grelle, bunte Farben in harter Sonne blendend funkeln. Spaniens grausame, leidenschaftliche Stimmung glüht in diesem Gemälde eines kühnen, souveränen Im­pressionisten, der in seinen Ausdrucksmitteln das Brutale nicht scheut, um die Idee einer Vision, den inneren Gehalt einer Landschaft, eines Volkscharakters, ganz in Sinnlichkeit, in Feuer aufzulösen. Prachtvoll sind seine Bil­der auch in der rhythmischen Aufgliederung der Farben und Linien. Die starre, düstere, fana- tische Melancholie der spanischen Landschaft, die Erlebnis wurde, kommt besonders in dem zweiten GemäldeEin spanischerTanz" zum Ausdruck. Seltsam werden die Gebärden und Gesichter der Gestalten in ihrem Bann. Hier verrät sich Huidekoper deutlich als Schüler des großen Goya.

Ueberraschend wirken auf dem Bild H e r b st t a g" (Hyde-Park) des sonst nicht sehr talentierten Rudolf Hellwag ein paar Vrieslaendersche Frauengestalten. Tas Bild ist überhaupt Hellwags bestes Werk. Ein ausge­zeichnetes Werk ist ferner Willy Slutters Bauern die le". An Fidus' zarte, lichte Art gemahnt schließlich van de Wall Pernös phantastischeBurg des Schwa, n e n r i t t e r s". -d-

Klemes Feuilleton.

Das Binger Bismarck-Denkmal. Einem Telegramm aus Düsseldorf zufolge beginnt die Jury für das Bismarck-National- denkmal in Bingen am Montag vormittag ihr«

vrr. 41. 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 21. Januar 1911.

zu ihr. Die Landräte besorgen die Wahlen in konservativ-agrarischem Sinne. Redner erör­tert den

Prozeß vor dem Siegener Landgericht wegen Landratsbcleidigung. Die Bürgerschaft sieht einen Abgrund zwischen Bürgertum und Bureaukratie. Der Landrat Weber in Wehlau hat dendunklen Punkt" im Le­ben des Bürgermeisters Wagner in die Wahl­agitation geworfen, obwohl unter seiner eige­nen Mitwirkung festgestellt worden war, daß Bürgermeister Wagner nichts vorzuwerfen sei. Livpmann bespricht dann ausführlich den Fall Becker. Das Urteil der Greifswal­der Richter habe die Stimmung des Volkes nicht getroffen, und der Prozeß Becker habe bewiesen, daß der Landrat von Grimmen in einseitig agrarischer Weise vorgegan­gen sei. Redner schließt: Wir fordern, daß der Unterschied in der politischen Bewertung der Staatsbürger beseitigt wird, und daß das Vorrecht der Minorität, die uns augenblicklich beherrscht, verschwindet: Aus der Kreisord­nung, aus der Provinzialordnung, und bei der Besetzung der höheren Verwaltungsstellen. Damit und dann erst stehen wir auf dem Bo­den der Verfassung. (Anhaltender Beifall links, lautes Zischen rechts.)

Minister von Dallwitz

erklärt hierauf in längerer Rede unter ande­rem: Der Vorwurf, daß wir bei der Besetzung der höheren Verwaltungsstellen gewisse Ka­tegorien von Staatsbürgern Vorrechte gewäh­ren, ist absolut unhaltbar. Bei Be­setzung vakanter Stellen gelten lediglich die Gesichtspunkte der Befähigung, der Tüchtigkeit und der besonderen Eignung für die Stelle. (Beifall rechts, Lachen links.) Von 481 Land­räten stammen 228 aus Beamtenkreisen, und 51 aus wissenschaftlichen, nur 152 aus landwirt­schaftlichen Kreisen und 51 aus Handel und Gewerbe. (Hört! Hört! rechts.) Also nur et­wa der dritte Teil der Landräte stammt aus landwirtschaftlichen Kreisen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kreise das Präsentationsrecht besitzen. Der Mini­ster geht dann auf die einzelnen Fälle ein. Im Falle Schröder wie im Falle Becker ist das Verfahren noch nicht beendet. Der Liberale Verein in Grimmen hat den Behörden so viel Arbeit gemacht, daß er sogar im Ministerium ein besonderes Aktenstück hat. (Hört! Hört! links.) Bei der Ernennung eines anderen Gutsvorstehers für Hartmannshagen isk

ganz korrekt verfahren

worden. Wenn von einem Verfolgten über­haupt gesprochen werden muß, so war es der L a n d r a t und nicht umgekehrt. Nach alle­dem kann ich nur erklären, daß mir irgend­welche Tatsachen nicht bekannt geworden sind, die es wünschenswert oder notwendig er­scheinen ließen, besondere Maßnahmen zu tref­fen, um einseitigen parteipolitischen Ueber- griffen der Landräte entgegenzutreten. (Lebh. Beifall rechts, große Unruhe links.)

Es wird sodann auf einstimmigen Beschluß des Hauses in die Besprechung der Interpellation cingetreten, und als erster Red­ner erhält der konservative Abgeordnete von Hennings das Wort. Er führt aus: Es kommen hier Wahlkämpfe in Betracht, deren Art mitAmerikanisierung" noch sehr milde bezeichnet ist. Auf dendunklen Punkt" des Bürgermeisters Wagner will ich nicht einge­hen, weil es sich um persönliche Dinge handelt. (Aha! links.) Wenn Sie es aber wünschen, tue ich es. Ein Landmesser war mit dem Bürgermeister Wagner

über die Ferrer-Angelegenheit

in Streit geraten. Als der Bürgermeister den Landmesser einen Schuft nannte, hat ihm die­ser eine hinter die Ohren gehauen. Rach Ansicht der vorgesetzten Behörde war die Haltung des Bürgermeisters Wagner nicht korrekt. Gegen Becker ist viel zu nach­sichtig verfahren worden. Seinen Handlun­

gen haftet deutlich das Querulantenhafte an. In Labiau-Wehlau ist nichts an Uebergriffen vorgekommen und der Landrat von Maltzabn steht glänzend gerechtfertigt da. Wir danken der Linken, daß sie uns Gelegenheit gegeben hat, erneut den Landräten für ihre Tätigkeit ein glänzendes Zeugnis auszustellen. (Lebhafter Beifall rechts, starkes Zischen links, erneuter lebhafter Beifall rechts.)

Hierauf vertagt sich das Haus. Es folgen persönliche Bemerkungen. Nächste Sitzung: Freitag elf Uhr mit der Tagesordnung: Fort­setzung der Jnterpellationsbesprechung und Winzerinterpcllation.

Immer noch: Wertzuwachs.

ReichStagssi-.uug vom 19. Januar.

(Von unscrm Korrespondenten.)

Tag aus, Tag' ein dasselbe Thenia, Tag aus, Tag ein dieselben Redner, was Wunder, daß das Haus eine gähnende Leere auf­weist. Zur Stelle müssen die Herren freilich sein, denn bei einer zweiten Lesung drohen tortwährend Abstimmungen, und man kann da­bei niemals wissen, was es für Zwischenfälle gibt. Wie leicht ist eine Auszählung oder na­mentliche Abstimmung zu gewärtigen, und fehlt man, so kostet das zwanzig blanke Märker. Alle Augenblick läuteten gestern die schrillen Glocken zur Abstimmung durchs Haus, und flugs eilten die HerrenM. d. R." herbei, manche noch kau­enden Mundes, denn an solchen Tagen sind die gemütlichen Restaurationsräume dichter be­setzt als das Plenum. Paragraph kam auf Pa- ragraph, dazu immer eine ganze Reihe von Abänderungsanträgen, sodaß man beinahe nicht mehr aus noch ein wußte:Mir wird von alledem, so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum." Mehrfach mußte, wie schon in den letzten Tagen, Schatzsekretär Wermuth dringend ersuchen, alle Abänderungsan­träge abzulehnen, und man tat ihm auch gestern im großen und ganzen den Ge- allen: Im wesentlichen blieb es bei den Be- chlüssen der Kommission; insbesondere auch bei der wichtigen Bestimmung über die Z n - rückbeziehung des Gesetzes, die bis zum Jahre 1885 festgelegt blieb. Zu Ende geführt wurde indessen auch gestern die Beratung noch nicht. Man kam aberschon" bis zum Para­graphen zweiundzwanzig. Am Freitag wird es hoffentlich gelingen, den Entwurf zu verab- chteden. Man begann heute schon um elf Uhr, um ein tüchtiges Stück Arbeit hinter sich zu be­kommen,da der Sonnabend sitzungsfrei bleibt, und am Montag doch nicht wohl von neuem der Wertzuwachs verhandelt werden kann.

r.

Sturm im Reichstag.

(Spezial-Telegramm.)

Aus Berlin wird uns depeschiert: In der heutigen Sitzung des Reichstags kam es zu Beginn der Sitzung bei der Beratung des Znw achsstc«rryesetzes zu einer stür­mischen Gcschäftsordnungsdcbat- t c. Dir Abstimmung über den national- liberalen Antrag bezüglich der Zuläs- igleit der Zinsabzüge bei bebau en Grundstücken sollte heute wiederholt »vcrden. Da die Gegner des Antrages (Sozial­demokraten, Freisinnige und Wirtschaftliche Vereinigung) in der Mehrheit waren, wurde der Antrag abgelehnt. Von vielen Seiten aub dem Hause wurde darauf hingcwie sen, daß eine Abstimmung in ähnlicher Situa­tion ohne Ankündigung auf der Ta­gesordnung gegen die Geschäftsord­nung verstoße. Eine Korrektur dieser Ab­stimmung wird erst in der dritten Lesung er folgen.

Sie Politik der Tag«.

cS3 Die letzte Ente. (Priv at - Tele­gramm.) Das Pariser BlattM a t i n" hatte aus Anlaß des Jahrestages der Kai­ser-Proklamation in Versailles eine

Unterredung veröffentlicht, die sein Berliner Vertreter kürzlich mit dem Feldmarschall von der Goltz gehabt hat, und in deren Verlauf der General die Ansicht ausgesprochen haben sollte, daßder Krieg zwar n i ch t u n - vermeidlich sei, daß aber die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes angesichts der heutigen Lebensbedingungen und der aus ihnen entstehenden Reibungsflächen weiter fortbestehe." Gegenüber diesen Ausführungen des Pariser Blattes erklärt jetzt Feldmarschall v. d. Goltz, oaß er dem genannten Journalisten keine derartige Mitteilung gemacht habe. Vielmehr habe er, um seine Meinung über den Krieg befragt, den Korrespondenten lediglich auf eine Rede hingewiescn, die er kürz­lich imVerein Deutscher Studenten" gehalten habe, und die hernach von einem Teil der deut­schen Presse wiedergegeben worden sei.

cS1 Der neueWahlrechts - Sonntag". «Telegraphische Meldungen.) Aus Berlin wird uns berichtet: Für den näch­sten Sonntag sind von der Sozialdemo­kratie für Groß-Berlin etwa sechzig öffentliche Versammlungen aus­geschrieben worden mit der Tagesordnung: Kein gerechtes Wahlrecht in Preußen". Ein weiteres Telegramm meldet uns aus Dort­mund: In allen Wahlbezirken des rheinisch­westfälischen Jndustriebezirks haben die Sozialdemokraten für kommenden Sonntag Wahlrecht sdemonstrationen ange­sagt. So werden allein in Dortmund und Hörde je zwölf Versammlungen stattfindcn. Auch in Köln und den Vororten sind für Sonntag sozialistische Kundgebungen beab­sichtigt.

o3 Sturm in Sicht? (Telegramm.) Aus Port Louis (Mauritius) wird berich­tet, daß in Curepipe anläßlich der Wahlen ein st e Unruhen ausgebrochen sind. In der Nacht zum Donnerstag wurden die T r u p - Pen alarmiert. Gestern morgen brachen auch in Port Louis Unruhen aus, die bis zum Nachmittag anbauerten. Verschiedene Läden und Amtsbureaus wurden geplün­dert. Die Banken werden von Posten be­wacht. Die Truppen sind im Besitz der Stadt. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt.

Politische khronik.

Aus Berlin wird berichtet, daß gestern im Reichstage zwischen nationalliberalen und fortschrittlichen Abgeordneten Verhandlungen stattgesunden haben, die voraussichtlich zu einer Einigung über beiderseitige Kandidaturen in der Provinz Hannover bei den kommen­den Reichstagswahlen sühren werden.

Wie uns ein Telegramm meldet, ist von der Militärverwaltung der Bau von wei- tren sieben Flugzeugen in Auftrag ge­geben worden, da die vorhandenen fünf Lehr­maschinen zur Ausbildung der Offiziere zu Militärpiloten nicht ausreichen.

Rach einer Meldung aus Köln berufen der Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinlande und Westfalen und die nordwestliche Grup­pe des Vereins deutscher Stahlwerksbesitzer, auf den 3. Februar eine Versammlung nach Düs­seldorf ein zur Beratung über das Pen­sionsversicherungsgesetz der Privatange­stellten. Abgeordneter Dr. Beumer wird das Referat halten.

Aus Saarbrücken verlautet, daß die Frage der Kandidatur Bassermann nunmehr entschieden fei. Bassermann werde int Reichstagswahlkreise Trier 5 (Saarbrücken) ausgestellt werden, da der bisherige Vertreter, Geheime Justtzrat Bolz, der Senior der Fraktion, eine Wiederaufstellung abgelehnt habe.

Einem Telegramm aus Königsberg zufolge ist gegen die Studenten, die in Labiau- Wehlau Wahlhilse leisteten, vom Univer- sitätsrektor ein Ermittelungsverfah- r e n eingeleitet worden. Zahlreiche Verneh­mungen haben bereits stattgefunden.

In der Angelegenheit des Vereins Lorraine sportive in M c tz ist jetzt gegen den Schlos­ser Schneider (der bei den Demonstrationen verhaftet wurde) und Genossen Anklage wegen Aufruhrs erhoben worden. 72 Zeugen sind zur Vernehmung geladen worden.

Wie uns aus Rom gemeldet wird, sind sechs Vizeadmirale, 4 Kontreadmirale, sowie fünf Schiffskapitäne ersucht worden, ihren Ab­schied zu nehmen, weil sich gelegentlich der jüngsten Flottenmanöver ihre Unsähigkeit im Kommando ergeben habe.

In V alen z i a sind 800 Bergarbei­ter wegen Entlassung einiger Arbeitsgenossen in den A u s st a n d getreten. Zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung sind Truppen in das Ausstandsgebiet entsandt worden.

Nach einer telegraphischen Meldung aus Petersburg sind gestern 260 politische Ge­fangene nach Sibirien transportiert wor­den, darunter viele Studenten. Nachts erfolgten seitens der Staatspolizei Haus­suchungen in verschiedenen Stadtvierteln; fünf« lehn Personen, meist Studierende, sind ver­haftet.

Nm« vom Tage.

Um vierimdvierzig Silberlinge ...

(Von unserm Korrespondenten.)

Aus Insterburg wird uns geschrie­ben: Die Nachricht von der Hinrichtung zweier russischer Mörder in Inster­burg weckt die Erinnerung an eine der scha u- derhaftesten Mordtaren, die sich in den letzten Jahren in Deutschland ereignet ha­ben. Die Mörder, die aus Russisch-Polen stammenden Arbeiter Peter G a l l a t und Wladislaus Murafski, hatten sich am 14. November vorigen Jahres vor dem hiesi­gen Schwurgericht wegen Ermordung und Be­raubung des russischen Arbeiters Sakulofski zu verantworten.

Der Prozeß förderte eine geradezu un­glaubliche Brutalität der Angeklagten zu tage und endete mit ihrer Verurteilung zum Tode. Sakulofski arbeitete mit ihnen zu­sammen auf dem Gute Paradeningken und hatte sich etwas Geld erspart. Das wußten seine beiden Landsleute, und sie beschlossen, ihn zu ermorden, sich seines Geldes zu bemächti­gen und nach Rußland zu flüchten. Indem sie sich gegenseitig die H and auf die Brust legten, hatten die beiden Mordgesellen einen Treueid geleistet, sich gegenseitig nach der Tat niemals zu verraten. Auf einem Feld­wege lauerten sie dann am zwölften August dem nichts ahnenden Sakulofski auf, fielen über ihn her und, während ihn der eine am Boden festhielt, schlug ihn der andere, Mu­rafski, mit einer Eisenstange dreimal über den Kopf. Gallat versetzte dann dem mit dem Tode Ringenden noch einen Schlag über den Schädel. Nachdem die Mörder dem Ueberfal- lenen das Geld genommen (es waren etwa 44 Mark) machten sie den Versuch, ihr Opfer zu vergraben. Sie bemerkten dabei aber, daß es noch röchelte, und nun nahm Murafski sein Taschenmesser und schnitt dem Sterbenden die Gurgel durch, aus der (wie die Angeklagten in der Gerichtsver­handlung erzählten) das Blut plätschernd her­ausströmte. Dann ließen sie die Leiche liegen.

Mit Hülfe des Polizeihundes gelang es schon am folgenden Tage, die Täter zu ermitteln. Nach ihrer Verurteilung richteten die Mordge­sellen, ein Gnadengesuch an den Kaiser, das jedoch abschlägig beschieden wurde. Mit stoischem Gleichmut erwarteten sie nun im Gefängnis die Vollstreckung des Todesur­teils, das jetzt durch den Scharfrichter Schwietz aus Breslau vollzogen wurde. Beide zitter­ten, als sie vor ihren letzten Augenblicken standen, hefttg am ganzen Körber, benahmen sich aber sonst gefaßt. -hs-

Sophokles im StadHark.

Willy Nordaus Oedipus-Aufführung.

Max Reinhardt, Deutschlands genialster Regisseur, hat es unzweifelhaft Herrn Nordau in Cassel angetan. Reinhardt verließ die Bühne und rief die Massen zumKönig Oedipus" in den Zirkus. Jetzt zündet sein kühnes Experiment in der Provinz. Man eifert ihm nach. Auch Direktor Nordau, der sich nicht zu Unrecht über die Gleichgültigkeit des Publikums beklagt, hat sich jetzt an die Antike herangemacht, angespornt von dem Berliner Vorbild. Im Stadtpark-Saal galvanisierte er gestern abend den Tragiker Sophokles. Und man hatte wohl vorher von einem Unterfangen geredet, hatte zehn gegen eins gewettet, daß der Versuch an prekären Mitteln scheitern würde. Nun erlebte man die angenehme Enttäuschung, daß die Vorstellung wirklichen Glanz gewann und die Höhe tra­gischer Illusion erreichte. Das antike Drama, das Herr Nordau mit kühnem Griff in die Nähe modernen Empfindens rücken wollte, zer­schellte nicht im Stadtpark. Die Vorstellung wirkte keineswegs experimentell, der Leiter des hiesigen Privattheaters besiegte vielmehr in jeder Hinsicht die Unzulänglichkeit der Mittel, mit der sein Theater nun einmal zu rechnen hat. Prunkvoll ging der sophokleischeKönig Oedipus" in Szene. Mit seiner Aufführung hat Herr Nordau eine Regietat vollbracht, für die ihm das Casselr Publikum abermals dank­bar sein müßte, und zwar berart dankbar, daß es ihm ermöglicht wird, seine Pläne künftig in würdigerem Rahmen reifen zu lassen.

Herr Nordau benutzte für seine Oedipus- Aufführung die treffliche Uebersetzung von Wilamowitz-Möllendors. Seine Regie war von dem Prinzip durchdrungen, die Vorstel­lung möglichst aus allen Konventionen der Darstellung zu heben, dem machtvollen Gebild Nerven zu geben, es vom Kothurn bronzener Feierlichkeit, die der Kult der Griechen heischte, zu entfernen. Auch die. ideelle Schallmaske, die vor dem dramatischen Mythus (als solchem) hängt, sollte fallen, und das Rein-Menschliche