der ewigen Tragödie, das auch die Gegenwart immer wieder erschüttern wird, hüllenlos, alleinherrschend hervortreten. Ein Gedanke, der durchaus zu billigen ist. So sprach Herr Nordau in erster Linie von einer .natürlichen Sprechweise", auf die er den Dialog binden wollte — gemeint war die „realistische", also stilisierte, jene andere gibt es im Bühnenrahmen überhaupt nicht, weil dort immer stilisiert, demnach von der Natürlichkeit (wenn auch nur um Grade) distanziert werden muß. Um es kurz zu sagen, er wollte durch die Darstellung das Pathos aus der Tragödie treiben. Und hierdurch wurde sie für unser modernes Empfinden entschieden intensiver in der Wirkung. Diese Absicht ließ sich jedoch von Anfang an nur zum Teil verwirklichen, weil das Pathos dem Drama immanent ist. Deshalb gerieten denn auch Töne und Gebärden häufig ganz von selbst in idealistischen Schwung. Immer wird z. B. Teiresias, der blinde Scher, in der Pathetik schweben bleiben. Und auch Herr Nordau nahm der Oedipodie nichts von ihrer Monumentalität, nichts von ihrer ornamentalen Pracht. Er steckte ihrem Pathos nur kräftige Dämpfer auf, die einen neuen, nachhallenden Ton in den Dramenbau trugen. Die Vorstellung nahm dadurch an Innerlichkeit zu, weil sie sich eine eigene Stimmung schuf, die einer zeitgemäßen, vor allen Dingen einheitlichen Regieidee entfloß. Nichts wurde profaniert.
Auf der Bühne, deren Flügel in großer Fläche sehr glücklich mit rotem Tuch bespannt waren, erhob sich wirkungsvoll die Portika des Königsschlosies von Theben. Fein kontrastierte dann die eigentliche, hell beleuchtete Szene zu dem dunklen Chor, der in der Orchestra erbrauste und fast, dem ursprünglichen Sinn des Theaters entsprechend, ins Publikum hinüberwogte. Er war als intimere Verbindung der drei Teile gedacht und trug in dieser Form geschickt zur Belebung der intensiven Gesamtstimmung bei. Auf der kleinen Bühne wirkten die Figuren in den wallenden, pompösen Gewändern plastisch-monumental. Der Chor fiel nirgends auseinander. Er wirkte als ausgeglichener, homogener Körper. Geschickt wurde
die Masse bewegt. Tresflich kam auch ihre Polhphonie zur Geltung. Herr Schröder als Oedipus und Frau Nordau als Jokaste charakterisierten scharf und machten dadurch die Gestalten eindringlich. Ebenso sind Herr Warschawski und Herr Paulsen lobend zu erwähnem Auch das Interesse des Casseler Publikums für diese Vorstellung ist anzuerkennen: Der Saal war fast gefüllt. Am Schluß applaudierte das Haus stürmisch. w. B.
Kasseler bildende Kunst.
Die Ausstellung im Kunstvcrein.
Die gegenwärtige Ausstellung von Werken der Amsterdamer Künstlervereinigung „St. Lucas' (Kollektion von Prof. Rdolf Hellwag, London) beschert, im ganzen genommen, Werke von nicht gleichmäßiger Qualität. Nur das geschickte Arrangement der Bilder vermag über künstlerische Mängel, die hier und da auftauchen, hinwegzuhelfen. Ebenso erfreut natürlich auch manches wertvolle Einzelstück das Auge. Sehr fein ist z. B. am Anfang Lizzh Ansinghs „Die Kleine mit der Guitarre", ein psychologisch vertieftes Kinderbildnis. Die Farben des Kleides und des Shawls, lila und silbergrau, tragen in die Komposition einen sanften, karessierenden Ton, zu dem das ergreifende, bläßliche Kinderantlitz wundervoll stimmt. Ruhig in der Auffassung ist auch Berta Goris „Strickendes Mädchen", das in kräftigen, einfachen Farben (rot und blau dominieren) gehalten ist. Desgleichen sind die Radierungen von Graadt van Roggen „Moret lur Loing" und von Dick Harting „Gracht in Amersfoort" lobend zu erwähnen. Letztere ist äußerst sauber und leicht in der Technik und von Stimmung durchwoben.
Eines der feinsten Stücke der Ausstellung ist dann Heemskerk van Brests „Blumengarten", ein sprühender, bunt funkelnder Ansatz zu pointillistischer Manier. Virtuos in der Beleuchtung ist L. A. S ch i l t s prächtiger .Herbstjubel". Das Bild löst sich ganz in Licht auf, mit den rotbraunen und
blaugrünen Büschen, sowie den luftigen, hellgrünen Baumkronen, die im Himmel gaukeln. Auf Leusdens Bild „Der Dom zu Utrecht" ist die architektonische Wirkung in der Zeichnung vollendet wiedergegeben worden, wie die Steinmassen des Kirchenbogens mächtig durch die Luft ziehen. Auch im kleiner Rahmen ist hier der Effekt monumentaler Linienführung verwirklicht worden.
Der interessanteste Künstler, den die Ausstellung vorführt, ist unzweifelhaft Huide- k o p e r. Er gibt Motive aus Spanien, das ihm zur seelischen Sensation wurde, einen „Stierkampf", dessen grelle, bunte Farben in harter Sonne blendend funkeln. Spaniens grausame, leidenschaftliche Stimmung glüht in diesem Gemälde eines kühnen, souveränen Impressionisten, der in seinen Ausdrucksmitteln das Brutale nicht scheut, um die Idee einer Vision, den inneren Gehalt einer Landschaft, eines Volkscharakters, ganz in Sinnlichkeit, in Feuer aufzulösen. Prachtvoll sind seine Bilder auch in der rhythmischen Aufgliederung der Farben und Linien. Die starre, düstere, fana- tische Melancholie der spanischen Landschaft, die Erlebnis wurde, kommt besonders in dem zweiten Gemälde „Ein spanischerTanz" zum Ausdruck. Seltsam werden die Gebärden und Gesichter der Gestalten in ihrem Bann. Hier verrät sich Huidekoper deutlich als Schüler des großen Goya.
Ueberraschend wirken auf dem Bild „H e r b st t a g" (Hyde-Park) des sonst nicht sehr talentierten Rudolf Hellwag ein paar Vrieslaendersche Frauengestalten. Tas Bild ist überhaupt Hellwags bestes Werk. Ein ausgezeichnetes Werk ist ferner Willy Slutters „Bauern die le". An Fidus' zarte, lichte Art gemahnt schließlich van de Wall Pernös phantastische „Burg des Schwa, n e n r i t t e r s". -d-
Klemes Feuilleton.
Das Binger Bismarck-Denkmal. Einem Telegramm aus Düsseldorf zufolge beginnt die Jury für das Bismarck-National- denkmal in Bingen am Montag vormittag ihr«
vrr. 41. — 1. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachrichten
Sonnabend, 21. Januar 1911.
zu ihr. Die Landräte besorgen die Wahlen in konservativ-agrarischem Sinne. Redner erörtert den
Prozeß vor dem Siegener Landgericht wegen Landratsbcleidigung. Die Bürgerschaft sieht einen Abgrund zwischen Bürgertum und Bureaukratie. Der Landrat Weber in Wehlau hat den „dunklen Punkt" im Leben des Bürgermeisters Wagner in die Wahlagitation geworfen, obwohl unter seiner eigenen Mitwirkung festgestellt worden war, daß Bürgermeister Wagner nichts vorzuwerfen sei. Livpmann bespricht dann ausführlich den Fall Becker. Das Urteil der Greifswalder Richter habe die Stimmung des Volkes nicht getroffen, und der Prozeß Becker habe bewiesen, daß der Landrat von Grimmen in einseitig agrarischer Weise vorgegangen sei. Redner schließt: Wir fordern, daß der Unterschied in der politischen Bewertung der Staatsbürger beseitigt wird, und daß das Vorrecht der Minorität, die uns augenblicklich beherrscht, verschwindet: Aus der Kreisordnung, aus der Provinzialordnung, und bei der Besetzung der höheren Verwaltungsstellen. Damit und dann erst stehen wir auf dem Boden der Verfassung. (Anhaltender Beifall links, lautes Zischen rechts.)
Minister von Dallwitz
erklärt hierauf in längerer Rede unter anderem: Der Vorwurf, daß wir bei der Besetzung der höheren Verwaltungsstellen gewisse Kategorien von Staatsbürgern Vorrechte gewähren, ist absolut unhaltbar. Bei Besetzung vakanter Stellen gelten lediglich die Gesichtspunkte der Befähigung, der Tüchtigkeit und der besonderen Eignung für die Stelle. (Beifall rechts, Lachen links.) Von 481 Landräten stammen 228 aus Beamtenkreisen, und 51 aus wissenschaftlichen, nur 152 aus landwirtschaftlichen Kreisen und 51 aus Handel und Gewerbe. (Hört! Hört! rechts.) Also nur etwa der dritte Teil der Landräte stammt aus landwirtschaftlichen Kreisen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kreise das Präsentationsrecht besitzen. Der Minister geht dann auf die einzelnen Fälle ein. Im Falle Schröder wie im Falle Becker ist das Verfahren noch nicht beendet. Der Liberale Verein in Grimmen hat den Behörden so viel Arbeit gemacht, daß er sogar im Ministerium ein besonderes Aktenstück hat. (Hört! Hört! links.) Bei der Ernennung eines anderen Gutsvorstehers für Hartmannshagen isk
ganz korrekt verfahren
worden. Wenn von einem Verfolgten überhaupt gesprochen werden muß, so war es der L a n d r a t und nicht umgekehrt. Nach alledem kann ich nur erklären, daß mir irgendwelche Tatsachen nicht bekannt geworden sind, die es wünschenswert oder notwendig erscheinen ließen, besondere Maßnahmen zu treffen, um einseitigen parteipolitischen Ueber- griffen der Landräte entgegenzutreten. (Lebh. Beifall rechts, große Unruhe links.)
Es wird sodann auf einstimmigen Beschluß des Hauses in die Besprechung der Interpellation cingetreten, und als erster Redner erhält der konservative Abgeordnete von Hennings das Wort. Er führt aus: Es kommen hier Wahlkämpfe in Betracht, deren Art mit „Amerikanisierung" noch sehr milde bezeichnet ist. Auf den „dunklen Punkt" des Bürgermeisters Wagner will ich nicht eingehen, weil es sich um persönliche Dinge handelt. (Aha! links.) Wenn Sie es aber wünschen, tue ich es. Ein Landmesser war mit dem Bürgermeister Wagner
über die Ferrer-Angelegenheit
in Streit geraten. Als der Bürgermeister den Landmesser einen Schuft nannte, hat ihm dieser eine hinter die Ohren gehauen. Rach Ansicht der vorgesetzten Behörde war die Haltung des Bürgermeisters Wagner nicht korrekt. Gegen Becker ist viel zu nachsichtig verfahren worden. Seinen Handlun
gen haftet deutlich das Querulantenhafte an. In Labiau-Wehlau ist nichts an Uebergriffen vorgekommen und der Landrat von Maltzabn steht glänzend gerechtfertigt da. Wir danken der Linken, daß sie uns Gelegenheit gegeben hat, erneut den Landräten für ihre Tätigkeit ein glänzendes Zeugnis auszustellen. (Lebhafter Beifall rechts, starkes Zischen links, erneuter lebhafter Beifall rechts.)
Hierauf vertagt sich das Haus. Es folgen persönliche Bemerkungen. Nächste Sitzung: Freitag elf Uhr mit der Tagesordnung: Fortsetzung der Jnterpellationsbesprechung und Winzerinterpcllation.
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Immer noch: Wertzuwachs.
ReichStagssi-.uug vom 19. Januar.
(Von unscrm Korrespondenten.)
Tag aus, Tag' ein dasselbe Thenia, Tag aus, Tag ein dieselben Redner, was Wunder, daß das Haus eine gähnende Leere aufweist. Zur Stelle müssen die Herren freilich sein, denn bei einer zweiten Lesung drohen tortwährend Abstimmungen, und man kann dabei niemals wissen, was es für Zwischenfälle gibt. Wie leicht ist eine Auszählung oder namentliche Abstimmung zu gewärtigen, und fehlt man, so kostet das zwanzig blanke Märker. Alle Augenblick läuteten gestern die schrillen Glocken zur Abstimmung durchs Haus, und flugs eilten die Herren „M. d. R." herbei, manche noch kauenden Mundes, denn an solchen Tagen sind die gemütlichen Restaurationsräume dichter besetzt als das Plenum. Paragraph kam auf Pa- ragraph, dazu immer eine ganze Reihe von Abänderungsanträgen, sodaß man beinahe nicht mehr aus noch ein wußte: „Mir wird von alledem, so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum." Mehrfach mußte, wie schon in den letzten Tagen, Schatzsekretär Wermuth dringend ersuchen, alle Abänderungsanträge abzulehnen, und man tat ihm auch gestern im großen und ganzen den Ge- allen: Im wesentlichen blieb es bei den Be- chlüssen der Kommission; insbesondere auch bei der wichtigen Bestimmung über die Z n - rückbeziehung des Gesetzes, die bis zum Jahre 1885 festgelegt blieb. Zu Ende geführt wurde indessen auch gestern die Beratung noch nicht. Man kam aber „schon" bis zum Paragraphen zweiundzwanzig. Am Freitag wird es hoffentlich gelingen, den Entwurf zu verab- chteden. Man begann heute schon um elf Uhr, um ein tüchtiges Stück Arbeit hinter sich zu bekommen,da der Sonnabend sitzungsfrei bleibt, und am Montag doch nicht wohl von neuem der Wertzuwachs verhandelt werden kann.
r.
Sturm im Reichstag.
(Spezial-Telegramm.)
Aus Berlin wird uns depeschiert: In der heutigen Sitzung des Reichstags kam es zu Beginn der Sitzung bei der Beratung des Znw achsstc«rryesetzes zu einer stürmischen Gcschäftsordnungsdcbat- t c. Dir Abstimmung über den national- liberalen Antrag bezüglich der Zuläs- igleit der Zinsabzüge bei bebau en Grundstücken sollte heute wiederholt »vcrden. Da die Gegner des Antrages (Sozialdemokraten, Freisinnige und Wirtschaftliche Vereinigung) in der Mehrheit waren, wurde der Antrag abgelehnt. Von vielen Seiten aub dem Hause wurde darauf hingcwie sen, daß eine Abstimmung in ähnlicher Situation ohne Ankündigung auf der Tagesordnung gegen die Geschäftsordnung verstoße. Eine Korrektur dieser Abstimmung wird erst in der dritten Lesung er folgen.
Sie Politik der Tag«.
cS3 Die letzte Ente. (Priv at - Telegramm.) Das Pariser Blatt „M a t i n" hatte aus Anlaß des Jahrestages der Kaiser-Proklamation in Versailles eine
Unterredung veröffentlicht, die sein Berliner Vertreter kürzlich mit dem Feldmarschall von der Goltz gehabt hat, und in deren Verlauf der General die Ansicht ausgesprochen haben sollte, daß „der Krieg zwar n i ch t u n - vermeidlich sei, daß aber die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes angesichts der heutigen Lebensbedingungen und der aus ihnen entstehenden Reibungsflächen weiter fortbestehe." Gegenüber diesen Ausführungen des Pariser Blattes erklärt jetzt Feldmarschall v. d. Goltz, oaß er dem genannten Journalisten keine derartige Mitteilung gemacht habe. Vielmehr habe er, um seine Meinung über den Krieg befragt, den Korrespondenten lediglich auf eine Rede hingewiescn, die er kürzlich im „Verein Deutscher Studenten" gehalten habe, und die hernach von einem Teil der deutschen Presse wiedergegeben worden sei.
cS1 Der neue „Wahlrechts - Sonntag". «Telegraphische Meldungen.) Aus Berlin wird uns berichtet: Für den nächsten Sonntag sind von der Sozialdemokratie für Groß-Berlin etwa sechzig öffentliche Versammlungen ausgeschrieben worden mit der Tagesordnung: „Kein gerechtes Wahlrecht in Preußen". Ein weiteres Telegramm meldet uns aus Dortmund: In allen Wahlbezirken des rheinischwestfälischen Jndustriebezirks haben die Sozialdemokraten für kommenden Sonntag Wahlrecht sdemonstrationen angesagt. So werden allein in Dortmund und Hörde je zwölf Versammlungen stattfindcn. Auch in Köln und den Vororten sind für Sonntag sozialistische Kundgebungen beabsichtigt.
o3 Sturm in Sicht? (Telegramm.) Aus Port Louis (Mauritius) wird berichtet, daß in Curepipe anläßlich der Wahlen ein st e Unruhen ausgebrochen sind. In der Nacht zum Donnerstag wurden die T r u p - Pen alarmiert. Gestern morgen brachen auch in Port Louis Unruhen aus, die bis zum Nachmittag anbauerten. Verschiedene Läden und Amtsbureaus wurden geplündert. Die Banken werden von Posten bewacht. Die Truppen sind im Besitz der Stadt. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt.
Politische khronik.
Aus Berlin wird berichtet, daß gestern im Reichstage zwischen nationalliberalen und fortschrittlichen Abgeordneten Verhandlungen stattgesunden haben, die voraussichtlich zu einer Einigung über beiderseitige Kandidaturen in der Provinz Hannover bei den kommenden Reichstagswahlen sühren werden.
Wie uns ein Telegramm meldet, ist von der Militärverwaltung der Bau von wei- tren sieben Flugzeugen in Auftrag gegeben worden, da die vorhandenen fünf Lehrmaschinen zur Ausbildung der Offiziere zu Militärpiloten nicht ausreichen.
Rach einer Meldung aus Köln berufen der Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinlande und Westfalen und die nordwestliche Gruppe des Vereins deutscher Stahlwerksbesitzer, auf den 3. Februar eine Versammlung nach Düsseldorf ein zur Beratung über das Pensionsversicherungsgesetz der Privatangestellten. Abgeordneter Dr. Beumer wird das Referat halten.
Aus Saarbrücken verlautet, daß die Frage der Kandidatur Bassermann nunmehr entschieden fei. Bassermann werde int Reichstagswahlkreise Trier 5 (Saarbrücken) ausgestellt werden, da der bisherige Vertreter, Geheime Justtzrat Bolz, der Senior der Fraktion, eine Wiederaufstellung abgelehnt habe.
Einem Telegramm aus Königsberg zufolge ist gegen die Studenten, die in Labiau- Wehlau Wahlhilse leisteten, vom Univer- sitätsrektor ein Ermittelungsverfah- r e n eingeleitet worden. Zahlreiche Vernehmungen haben bereits stattgefunden.
In der Angelegenheit des Vereins Lorraine sportive in M c tz ist jetzt gegen den Schlosser Schneider (der bei den Demonstrationen verhaftet wurde) und Genossen Anklage wegen Aufruhrs erhoben worden. 72 Zeugen sind zur Vernehmung geladen worden.
Wie uns aus Rom gemeldet wird, sind sechs Vizeadmirale, 4 Kontreadmirale, sowie fünf Schiffskapitäne ersucht worden, ihren Abschied zu nehmen, weil sich gelegentlich der jüngsten Flottenmanöver ihre Unsähigkeit im Kommando ergeben habe.
In V alen z i a sind 800 Bergarbeiter wegen Entlassung einiger Arbeitsgenossen in den A u s st a n d getreten. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung sind Truppen in das Ausstandsgebiet entsandt worden.
Nach einer telegraphischen Meldung aus Petersburg sind gestern 260 politische Gefangene nach Sibirien transportiert worden, darunter viele Studenten. Nachts erfolgten seitens der Staatspolizei Haussuchungen in verschiedenen Stadtvierteln; fünf« lehn Personen, meist Studierende, sind verhaftet.
Nm« vom Tage.
Um vierimdvierzig Silberlinge ...
(Von unserm Korrespondenten.)
Aus Insterburg wird uns geschrieben: Die Nachricht von der Hinrichtung zweier russischer Mörder in Insterburg weckt die Erinnerung an eine der scha u- derhaftesten Mordtaren, die sich in den letzten Jahren in Deutschland ereignet haben. Die Mörder, die aus Russisch-Polen stammenden Arbeiter Peter G a l l a t und Wladislaus Murafski, hatten sich am 14. November vorigen Jahres vor dem hiesigen Schwurgericht wegen Ermordung und Beraubung des russischen Arbeiters Sakulofski zu verantworten.
Der Prozeß förderte eine geradezu unglaubliche Brutalität der Angeklagten zu tage und endete mit ihrer Verurteilung zum Tode. Sakulofski arbeitete mit ihnen zusammen auf dem Gute Paradeningken und hatte sich etwas Geld erspart. Das wußten seine beiden Landsleute, und sie beschlossen, ihn zu ermorden, sich seines Geldes zu bemächtigen und nach Rußland zu flüchten. Indem sie sich gegenseitig die H and auf die Brust legten, hatten die beiden Mordgesellen einen Treueid geleistet, sich gegenseitig nach der Tat niemals zu verraten. Auf einem Feldwege lauerten sie dann am zwölften August dem nichts ahnenden Sakulofski auf, fielen über ihn her und, während ihn der eine am Boden festhielt, schlug ihn der andere, Murafski, mit einer Eisenstange dreimal über den Kopf. Gallat versetzte dann dem mit dem Tode Ringenden noch einen Schlag über den Schädel. Nachdem die Mörder dem Ueberfal- lenen das Geld genommen (es waren etwa 44 Mark) machten sie den Versuch, ihr Opfer zu vergraben. Sie bemerkten dabei aber, daß es noch röchelte, und nun nahm Murafski sein Taschenmesser und schnitt dem Sterbenden die Gurgel durch, aus der (wie die Angeklagten in der Gerichtsverhandlung erzählten) das Blut plätschernd herausströmte. Dann ließen sie die Leiche liegen.
Mit Hülfe des Polizeihundes gelang es schon am folgenden Tage, die Täter zu ermitteln. Nach ihrer Verurteilung richteten die Mordgesellen, ein Gnadengesuch an den Kaiser, das jedoch abschlägig beschieden wurde. Mit stoischem Gleichmut erwarteten sie nun im Gefängnis die Vollstreckung des Todesurteils, das jetzt durch den Scharfrichter Schwietz aus Breslau vollzogen wurde. Beide zitterten, als sie vor ihren letzten Augenblicken standen, hefttg am ganzen Körber, benahmen sich aber sonst gefaßt. -hs-
Sophokles im StadHark.
Willy Nordaus Oedipus-Aufführung.
Max Reinhardt, Deutschlands genialster Regisseur, hat es unzweifelhaft Herrn Nordau in Cassel angetan. Reinhardt verließ die Bühne und rief die Massen zum „König Oedipus" in den Zirkus. Jetzt zündet sein kühnes Experiment in der Provinz. Man eifert ihm nach. Auch Direktor Nordau, der sich nicht zu Unrecht über die Gleichgültigkeit des Publikums beklagt, hat sich jetzt an die Antike herangemacht, angespornt von dem Berliner Vorbild. Im Stadtpark-Saal galvanisierte er gestern abend den Tragiker Sophokles. Und man hatte wohl vorher von einem Unterfangen geredet, hatte zehn gegen eins gewettet, daß der Versuch an prekären Mitteln scheitern würde. Nun erlebte man die angenehme Enttäuschung, daß die Vorstellung wirklichen Glanz gewann und die Höhe tragischer Illusion erreichte. Das antike Drama, das Herr Nordau mit kühnem Griff in die Nähe modernen Empfindens rücken wollte, zerschellte nicht im Stadtpark. Die Vorstellung wirkte keineswegs experimentell, der Leiter des hiesigen Privattheaters besiegte vielmehr in jeder Hinsicht die Unzulänglichkeit der Mittel, mit der sein Theater nun einmal zu rechnen hat. Prunkvoll ging der sophokleische „König Oedipus" in Szene. Mit seiner Aufführung hat Herr Nordau eine Regietat vollbracht, für die ihm das Casselr Publikum abermals dankbar sein müßte, und zwar berart dankbar, daß es ihm ermöglicht wird, seine Pläne künftig in würdigerem Rahmen reifen zu lassen.
Herr Nordau benutzte für seine Oedipus- Aufführung die treffliche Uebersetzung von Wilamowitz-Möllendors. Seine Regie war von dem Prinzip durchdrungen, die Vorstellung möglichst aus allen Konventionen der Darstellung zu heben, dem machtvollen Gebild Nerven zu geben, es vom Kothurn bronzener Feierlichkeit, die der Kult der Griechen heischte, zu entfernen. Auch die. ideelle Schallmaske, die vor dem dramatischen Mythus (als solchem) hängt, sollte fallen, und das Rein-Menschliche