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Besatzung befinden sich wohl, und die Nachwirkungen der Gaseinatrnung sind na­hezu beseitigt. Der vernnglückteKapitön- leutuaut Fischer war der Kommandant, Kalbe der Wachwsfizier und Ricper der Signalmatrose des gesunkenen BooteS. Die Leichen der drei Toten weise« keinerlei Beränderunge« anf, sodaß kaum an- zunehme« ist, daß sie eine« harten Todes­lampf erlitten haben.

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DaS UnterseebootU m* ist sozusagen eine Tochter des in der Oeffentlichkeit bereits be­kannten .U H*. das 1907 vom Stadel lief, und lnsolae der günstigen Erfahrungen, die man mit ibm machte, den Beginn der Entwicklung im Ausbau einer deutschen Unterfeebootsflottille darstellt. Während aber ,U III" wie ,U II* unb ,U IV" auf der Werft in D a n z i g gebaut wurden, stammtU I" von der Kruppschen Germania-Werft in Kiel. Der Unfall des ü ui- entstand (wie von anderer Seite ver­lautet) wahrscheinlich infolge unbeabsichtigten Vollaufens einer Abteilung des Bootes, wodurch die Manövrierfähigkeit des Bootes beeinträchtigt wurde. WährendU I" nur 118 Tonnen Deplacement, und 12 bis 16 Mann Besatzung, und 9 Meilen unter, 12 Meilen über Wasser Geschwindigkeit in der Stunde hatte, besitzen die neueren von unfern jetzigen 12 see­tüchtigen Unterseebooten 400 bis 500 Tonnen Deplacement, 11 Seemeilen unter, 15 über Wasser Geschwindigkeit, und ihr Akttonsradius ist über Wasser bis 3000, unter Wasser 50 See­meilen.U m* und »U IV", die 1909 ringe- stellt wurden, legten noch im November des­selben Jahres den 540 Seemeilen betragenden Weg von Curhaven über Skagen nach Kiel in -und vierzig Sttmden ohne Unterbrechung zu- ück, und bewährten sich vorzüglich.

Re Politik des Tages.

iSJ Vierzig Jahre Deutsches Reich. Die offiziöse »Norddeutsche Allgemeine Leitung" gedenkt des heutigen vierzigsten Jahrestags der Reichsgründung in einem Artikel, in dem es unter anderem heißt: Die Gründung des Reichs war ein Ab- schluß und ein Ansang. Sie hat alte Hofft uungen erfüllt und neue begründet. Noch nie ist ein Volk in so kurzer Spanne Zeit auf allen Gebieten so wett und energisch fortge­schritten, wie das deutsche. Die Tatsache kann niemand leugnen, der Augen hat, das wach­sende Doll bei der Arbett zu sehen. Und doch ist sicherlich noch nie während einer Pe­riode solcher Entwicklung so viel von dem Pessimismus, der weite Schichten des Volles ergriffen haben soll, von Verärge­rung über eine unerttägliche Reaktton die Rede gewesen. Die Nation empfindet, daß auch der duschen Gegenwart, wenn auch in verän- derter Form, jene Tendenz der Sonderbil­dung nahe liegt, die die Tragik der deut­schen Vergangenheit war, daß auch die Gegenwart des gemeinsamen Idealismus je­ner Zeit bedarf, deren wir heute gedenken. Wir verlangen von den Unzuftiedenen nicht Zufriedenheit. Beide, Zufriedenheit und Un- zuftiedenheit, sind unproduktiv. Zwischen beiden liegt das Leben mit seiner Hoffnung, seiner Arbeit und seiner Forderung rastlosen Mühens um das Wohl der gegenwärtigen wie der kommenden Deutschen.

Tajo-Sensationen". (Spezial- Telegramm.) Wie uns aus Lissabon depeschiert wird, hat die Behandlung der por­tugiesischen Lage in der Auslandspressc große Empörung in Portugal hervor­gerufen, und die Presse ergeht sich in Angriffen und Verdächttgungen gegen die europäischen Staaten. So hat das in Oporto erscheinende BlattDiario de Tarde" einen Sensations- artllel veröffentticht, der gratis im Publikum verteilt wurde. In diesem Artikel heißt es, daß Frarckreich, Deutschland und England sich »er portugiesischen Kolonien be-

Casseler Neues

mächtigen wollten, und über die Vertei­lung bereits berieten. Spanien wird die Absicht unterschoben, seine Herrschaft auch auf Portugal ausdehnen und die Selbständigkeit Portugals beseitigen zu wol­len. (Es scheint, daß die Leute am Tajo drin­gend-- eines . ., Eisbeutels bedürfen.)

Neuer vom Tage.

-= g« den Kerkern von Wologda.

(Sen unserem Korrespondenten.)

Aus Petersburg wird uns geschrie­ben: Ueber die massenhafte Anwen­dung der Folter in den Zwangsarbetts- gefängnUen in Wologda (über die bereits telegraphisch berichtet wurde) werden jetzt grauenerregende Einzelheiten bekannt. Der Gcfängnis-Direftor, Major W o r o n e z, ist nach St. Petersburg zitiert worden und es ist ftaglich, ob er seinen Posten wieder anttcten wird.

Die Ursache zur Folterung der Gefangenen war ihre Unzuftiedenheit mit der Fastenspeise; sie baten um gewöhnlich zubereitcte Nahrung, doch weigerte sich die Gesängnis-Direttion, ihnen solche zu geben. Darauf erklärten die Gefangenen den Streik in den Werkstätten. Nun wurden hunderteinundscchzig Gefangene der Folterung unter­zogen. Der Gefängnisarzt hatte erklärt, fünfzehn von ihnen seien zu schwach, um die Auspeitschung zu ertragen; die übrigen, meinte er, könnten die Sttafe aushalterr. Unter den letzteren befand sich auch ein Knabe, der fünf­zehnjährige Altruschaits, der während der ärzt­lichen Untersuchung eine Pulsstequenz von 132 hatte. Er sollte zehn Schläge bekommen, doch ärgerte sich der Aufseher Jcremefow über die Proteste des Jünglings und ließ ihm sech­zig aufhaucn. Der Anlaß zu dieser entsetz­lichen Massenfolterung war indessen so gering (sogar in den Augen der Obrigkeit), daß man sich mit der Auspeitschung von neunundfünft zig Gefangenen begnügte und den Rest in die Zellen zurückschickte, obgleich sie gesund waren und die Folterung nach Ansicht des Arztes recht gut vertragen hätten. Die Nichtgefol- tcrten befinden sich noch immer in Karzerhaft. Ueber die Vorgänge im Gefängnis wurde eine Untersuchung geführt, die vom Direktor der Hauptgefängnisverwaltung, Bötticher, und dem Prokuratorgchilfen des Moskauer Appell- bofes geleitet wurde. Beide waren von der Hauptacsängnisverwaltung zu diesem Zwecke nach Wologda abkommandiert worden und ha­ben während der Untersuchung an Ort und Stelle derart unglaubliche Dinge ouft gedeckt, daß jetzt der Direktor des Gefängnisses nach Petersburg beordert worden ist, um sich dort zu verantworten. -tr­

äte Tovesfahrt desHildebrandt".

(Privat-TelegrKmm.)

AuS Wildenbruch in Pommern wird uns zu der Katastrophe des Ballons »Hildebrandt" depeschiert: Bei der gestri­gen Untersuchung des Ballonmaterials wurde ftstgestellt, daß die Ballonhülle auf­gerissen war. In der Gondel befanden sich noch sechs Sack Ballast. Eine im Ballonkorb gefundene Uhr war um 8 Uhr 35 Min. stehen geblieben. Das Borogramm zeigte eine drei­stündige Fahrt an. Bei der fortgesetzten Suche nach der Leiche des Prokuristen Keidel wurde sestgestellt, daß die Vermutung, die Leich« fei bei der Bergung ins Wasser gefallen, auf einem Irrtum beruht. Der ins Wasser gefallene Gegenstand war eine Wolldecke, die aus dem See aufgcfifcht wurde. Man neigt zu der Annahme hin, daß Keidel schonwäh- rend der Fahrt aus der Gondel ge­stürzt ist. Gondel und Ballon sind bereits fortgeschafft. Die Instrumente, bis auf den

: Nachrichten

Chronometer, waren vollständig ver­dorben. Das Bordbuch ist überhaupt nicht gefunden worden, und so wird Wohl die kurze Unglücksfahrt ewig in Dunkel gehüllt bleiben. Die Leiche des Rechtsanwalts Dr. Kohrs konnte gestern wegen der schlechten Bahnverbindung nicht weitcrbefördert werden und wird deshalb in Wildenbruch eingesegnet und eingesargt werden. Sie Verbleibt erst in Wildenbruch und soll dann später nach Lübeck übergeführt werden.

ZS Der angeschoffene Posten. Wie unS aus Breslau depeschiert wird, wurde in der Nacht zum Diontag in den Schießständen von G rud sch ü tz bei Oppeln auf den Wachtposten vom 63. Infanterieregiment ein Schutz ab­gegeben, der den Posten an der Hand ver­letzte. Auch ein Gewehr wurde gestohlen. Von dem Attentäter fehlt jede Spur.

ru: Holländische Beamte als Schmuggler. Aus Köln wird uns gedrahtet, daß in Em­me r i ch, an der holländischen Grenze, umfang­reiche Zigarrenschmuggeleien entdeckt worden sind, durch die der preußische Fiskus um über 25000 Mark Zollgebühren benachtei­ligt wurde. Der Schmuggel ist drei Jahre lang von holländischen Zugbcamten ausge- fübrt worden. Die Beteiligten sind größten­teils verhaftet.

zs Mädchenhandel? Nach einer Meldung aus Barmen sind dort seit einigen Tagen vier schulentlassene, hübsche Bürgerstöchter ver­schwunden. Es wird ein Verbrechen vermutet. Die Behörden haben eingehende Nachforschun­gen angestellt.

ttr Eine Tragödie auf der Landstraße. Wie wir aus Trier telegraphisch erfahren, legte sich ein blinder, wandernder Korbmacher mit seinem 12jährigen Sohne, von Müdigkeit über­wältigt, bei Biringen in einen Straßen­graben. Beide wurden heute morgen erfro­ren aufgcfunden.

zz Ein Alpcndrama. Aus Bern wird uns telegraphiert: Im Walliser Walde wurden vier Sfiläufer aus Genf von einer Lawine überrascht. Drei von ihnen konnten sich retten, wahrend der viette tief im Schnee begraben wurde. Eine starke Rcttungs- kolonne mußte erfolglos zurückkehren.

srVandalen" im Champagnerkeller. Eine Depesche aus E p e r n a y besagt: In D a m e ry hat heute eine große Anzahl Winzer den Weinkeller eines Champagnerhändlers voll­ständig ausgeplündert. Tie Winzer zer­brachen 70 000 Flalchen Champagner. Auch ein Rollwagen mit einer Ladung von 2500 Flaschen Champagner wurde geplündctt, und der Wein tn die Marne gegossen.

ru:Faustrccht" von heute. Aus Buda­pest wird gemeldet: Als sich der königliche Notar Lenard in Geszthclv abends aus dem Kasino nach Hause begab, wurden ge­gen ihn drei Nevolverschüsse abgefeu- crt. Nach kurzem Tvdeskampsc verschied Lenard/ Der Attentäter, ein pensionierter Steuerbeamter, lief nach der Tat nach Hause und beging dort Selbstmord.

zs Römische Sensationen. Ein Spezial- Telegramm meldet uns aus Rom: In Bologna ist eine junge Frau der besten römischen Gesellschaft, die Gräfin Vinci, unter Anklage des Ehebruchs ver­haftet worden. Die Gräfin hatte die Wohnung ihres Gatten verlassen, um zu einem jungen Offizier der Garnison Mantua zu ziehen. Dieser Skandal bildet den Hauptgegenstand der Unterhaltung der ganzen Aristokratie. Die junge Gräfin stammt aus einer der angesehen­sten Familien Roms.

zz Der Zar als Landcsvater. Meldungen auS Petersburg zufolge hat sich zur Lin­derung der Not der bei dem letzten Erdbe­ben im Gebiet von Semicetschensk Be­troffenen unter bem Vorsitz der Kaiserin ein Komitee gebildet, dem der Kaiser 50 000,

Donnerstag, 19. Januar "nm.

die Kaiserin 10 000 und das Rote Kreuz 15 000 Rubel zur Verfügung stellten.

zz Das neueste Marinennqlück. Nach einem Telegra.nm aus New York soll an Bord des Schlachtschiffes »Delaware", vor Nor- f o l k, eine Explosion stattgefunden haben, durch die acht Personen getötet worden seien. Nähere Einzelheiten fehlen noch.

zs, Die Cholera in Kleinasien. Ein Tele­gramm aus Konstantinopel besagt, daß von Smyrna täglich einige Cholera- falle gemeldet werden, während seit dem 11. d. M. hier weder eine Erkrankung, noch ein Todesfall an Cholera vorgekommen sei.

Das Neueste am ßasiel.

Heiteres aus Kassels Schulen.

Ein Casseler Lehrer schreibt uns: Der Leh­rer hat mit seinen Siebenjährigen den Wald durchgenommcn. Jetzt soll das Märchen »Hänsel und Gretel" erzählt und zuvor noch die Bemerkung der Stiefmutter vorbereitet werden: »Dann hobele nur gleich die fünf Bretter zum Sarge." Also sagt der Lehrer: Wir haben neulich gesunden, daß aus dem Holze der Waldbäume mancherlei Dinge ge­macht werden; nennt mir doch schnell einige! Nun, Fritz: »Ein Futzbänkchen." Ei, das ist ein bißchen klein; schnell größere! August: Ein Kohlenkasten". Nanu, ich meine, die wären aus Eisen! August: »Wir haben aber gestern einen aus Holz gekriegt." Na, dann meinetwegen. Nennt noch größere! Franz: »Eine Kiste". Was für eine Kiste soll denn das sein? Franz: Schmidts ha­ben vorige Woche eine neue Ladenscheibe be­kommen, die steckte in soner ganz großen Kiste." Halt, das genügt; nun nennt mir aber endlich Dinge, die ihr in der Stube findet! Jetzt rücken die Möbel an: Stühle, Bänke, Tische und Schränke. Aufgepaßt, ruft der Leh­rer; jetzt kenne ich aber noch ein kleines Hänschen aus fünf langen Brettern; da­hinein kommt einmal ein jeder von uns. Was mag ich wohl meinen? Karl: »Eine Laube". Eine Laube, fagst Du? Hast Du denn eine? Karl (verdutzt): »." Hat denn Sein Vater eine Laube, unb hatte der verstorbene Herr Schulze eine, von dem "Su mich immer grüß­test? Karl (zerknirscht): »". Also kann'- auch keine Laube fein, Du Dunnerjöh! Nach rechts htnüberspähend (wo Ernst zur Betäu­bung des SÄuljammers mit einer prächtigen Golbreinette liebäugelt, die er vor sich aufge­pflanzt hat) Ernst, schnell, was meine ich? Ernst (auffahrend): »Ei . . -. ein . . . eine Laube." Siehste denn, hat das Kerlchen wie- der mal nicht aufgepaßt. Schnell neben ihn tretend: Du, Ernst, guck mal da, eine Maus!

Ernst dreht sich schnell um und der Lehrer reißt die Reinette an sich. Ernst, wieder zu- rückschnellend, stiert mit Entsetzen ins Leere: »Bäh", und dicke Tränen kuddeln ihm über die Backen. Na, diesmal sollst Du den Apfel zn- rückbekommen. Aber aufgepaßt, sonst gibt"»' was auf die Hosen. (Der Jammer legt sich). Nun, welches Häuschen meine ich? Ei, Gott­lieb: »Ein Schilderhaus". Das ist wieder dasselbe dumme Zeug, wie mit der Laube. Wer hat nur ein Schilderhaus? Willi: »Ein Schilderhaus haben nur die Soldaten." Recht so, das weiß ja icber Junge. Aber das Häus­chen, das Häuschen? Nanu, Adam (der schon seit geraumer Zeit selig lächelnd ins Blaue stiert und jetzt verheißungsvoll den Finger hebt) ? Adam (verklärt):Herr Lehrer, kucken fe nm, da oben an de Deere vom Wandschrank fitztne Schnecke." Der Lehrer tritt seufzend an den Wandschrank heran, an dessen Tür rr von innen seinen Schirm gehängt hat, sodaß der braun polierte, wulstige Griff neugierig ins Klassenzimmer sieht. Nimmt den Schirm fchweigend herunter und stört fo als »trockener Schleicher die Fülle der Gesichte" Adams. Dann zu den Schülern. So nennt mir doch endlich das Häuschen. Jeder hats fchou gesehen. Es hat kein einziges Fensterchen; cs ist also ganz dunkel darin, und wer einmal darin steckt, der spricht kein Wörtchen mehr. Da wetterleuch-

Set Eingang zur Unterwelt.

Der Schauplatz desOedipus auf Kolonos". (Von unserem Korrespondenten.)

Athen, im Januar.

Immer mehr macht sich das Bestreben gel­tend, den griechischen Dichtern Realität nachzuweifen. Was für Homer gilt, bezieht sich auch auf die großen Dramatiker des fünf­ten und vierten Jahrhunderts, und daß die topographische Forschung hierbei auf ihre Kosten kommt ist ein Gewinn, der bie_ Allge­meinheit weit mehr interessiert, als die übrigen Folgerungen, die sich aus diesen bemerkens­werten Anschlüssen ergeben. Erst kürzlich hat I. N. Svoronos bei der Lokalisierung von Sophoklos »Oedipus auf Kolonos" auf dem Hügel dieses Namens, nordwestlich von Athen, hedeutungsvolle Entdeckung gemacht, die aufs neue bartun, daß es den Dichtern Be­dürfnis war, Ort und Verhältnisse ihrer Dich­tungen der Wirklichkeit anzupassen. So­phoklos war ja am Kolonos zur Welt gekom­men, an der Erhebung, deren blendende Schön- hett er so meisterhaft mit glühenden Farben zu schildern versteht. Die Lokalverhältnisse feiner Geburtsstätte waren ihm natürlich so vertraut, daß man kaum anders erwarten konnte, als daß er ht feiner vollendeten letzten Dichtung, in der er die Disharmonie seines »Königs Oedipus" ausklingen läßt, den Schauplatz der­art ausmalt, daß den orlsbekannten Athenern kein Anlaß zu Mißdeutungen gegeben war.

Oedipus, König von Theben, erhielt durch den Seher TeiresiaS die erschreckende Gewiß- beit, daß er. der Vorhersage eines delphischen Orakels gemäß, der Mörder seines Vaters Laios, und der Gatte feiner Mutter Jokaste sei; die der Blutschande verfallene Gatttn erhängt sich in bet Verzweiflung, während Oedipus sich selbst die Augen ausstach. Von _ seinen Kindern wurde et in den Kerker geworfen, nm den Augen der Menschheit verborgen zu sein, aber fein Schwager Kreon vertreibt ihn aus. der Stadt, und nun wandert er, von feinen

Töchtern Antigone und^smene geführt, bet­telnd in die Fremde. Ein pythisches Orakel hatte ihm toerötatbet, daß er im Heiligtum der Erinnyen, d« etfeS sühnenden Rachegöttinnen, seine Greuel dLrch'den Tod büßen würde. Nach langer Wanderung kommt Oedipus in die Ge­gend des von grünen Oelbäumen umstandenen KolonoS und verirrt sich in den Hain der EriMtern, der »ehrwürdigen Götttnnen". The- se«S, der Beherrscher Athens, wird hcrbcige- rufen, um das Geheimnis des entthronten Königs zu vernehmen, denn er weiß, daß ihm das Lebensende bevorsteht, und daß fein Ted der Stadt zum Glück gereichen wird. Galten doch die Heroeng'äber als Schutz gegen den Feind. Endlich wird Oedipus im Innern des Haines phötzlick in den Hades entrückt.

Eingänge in die Unterwelt und Heilig­tümer der Erinnyen, die gewöhnlich in ihrer Nähe lagen, verlegte man in bet Regel vor bas Weichbilb bet Stadt. Aber in Athen galt ein Felsspalt am Ostrande des Areiopags als bei Aufenthalt der Erinnyen und Eumeniden, wohin sie Athena befohlen hatte, unb unweit bavon verlegte man noch in klassischer Zeit bas Grab bes Oedipus. Den Widerspruch, der daraus entsteht, versucht Svoronos dadurch zu lösen, daß er die Lokalitäten am Areiopag zu einer Zeit entstehen läßt, als die vortheseidische Stadt Athen sich nur auf die Akropolis und ihren westlichen Steilabhang beschräntte; sie lagen so v o r den Toren der Siedclung. Spä­ter aber, als sich Athen erweiterte unb sich eine große Unterstadt bildete, mußte auch - diese Stätte hinausgerückt werden. So wurde das HetNgtum bet Erinnhen nach dem Hügel des KolonoS versetzt und es wurden hier die Male bezeichnet, die mit den plutonifchen Gewalten in Zusammenhang stehen mußten.

Bei bet eingehenden Untertuchuna deS Hügels ergab sich, daß die Ortsverbältnisse na­mentlich in Bezug auf den Hügel br* Euch- loos-Demeter und auf die benachbarte Akt- demia (wo bekanntlich die zwölf heiligen Oel- bäume, die Moriai, gepflanzt waten) durchaus den im Drama geschilderten Verhältnissen entsprechen, n Auf der Höhedes Hügels sind noch die-Standorte der Altäre des Poseidon Hip-

pios und der Athena Hippia zu erkennen, nahe dabei die. Sage der Altäre des Poseidon und des Hephaistos. Im Südwesten des felsigen Kolonos lag das Heiligtum der ehrwürdigen Göttinnen und der Hain, wo Epheu und Nar­zissen, Safran und Weinstöcke, Oelbänme unb Lorbeerbüsche so dicht zufammenwuchfen, daß bie Sonne nicht durchdringen konnte. Hier be­fand sich eine Felsenspalte, von Gewächsen um­wuchert, in der Tiefe von fließendem Wasser benetzt, und in bie Oeffnung dieses Spaltes konnte jeder Unvorsichtige, so wie es dem blinden Oedipus erging, leicht hineingeraten.

Dieser Svalt, das »Chasma der Erinnyen", bat sich gefunden: Es ist ein Stollen, ähnlich einem Bergwerksschachte, der in eine Höhle hineinführt, die heute als Vorrats- raum eines darangebauten Häuschens verwen­det wird. Gerade an der entgegengesetzten Seite des Hügels, also im Nordosten, befand sich ein anderer tiefer Spalt, der als das Hadestor, der Eingang in bie Unterwelt, galt, unb hier lieft Sophokles feinen Oedivus ben Augen der Oberwelt entrücken. Ueber dem Svalt erhebt sich heute eine daS ursprüngliche Plutoneion einnehmende Kirche der heiligen Eleusa. Der Dichter vermied eS Wohl, das Grab des Oedipus hierher zu verlegen, das die Thebaner später hätte veranlassen können, die Gebeine ihres unglücklichen Königs zurückzu- fordern-Er hatte die ganze Handlung derOert- lichkeit, so tote sie zu feine Zeit jedem Athener vertraut war, angevaßt, und so gewinnen wir bas topographische Bilb, tote es ibm am Enbe des fünften Jahrhunderts borftfitoebtc, zurück. H. K.

Kleiner Feuilleton.

SS Französische Vorstellungen im Resi- bcnz-Theater. Die bekannte französische Wan­dertruppe Roubaud, bie in Deutschland hauptsächlich Vorstellungen für das Schüler- Publikuni veranstaltet, gab gestern nachmittag int Residenztbeater ben »Schwiegersohn des Herrn Augier" und die »Ptscienses tidicules" von Mokiere. Am Abend gelangte der »Bour­

geois Genttlbomme" zur Ausführung. Die interessanten Vorstellungen waten in jeder Hin­sicht künstlerisch gelungen. Sie erschöpften den Geist der llafsischen Komödie Frankreichs voll­kommen. Von den Darstellern ist besonders Herr Duparc zu erwähnen, der den Jourdain köstlich spielte. Das Theater war gut besucht. Hauptsächlich sahen sich die Schüler und Schü­lerinnen unserer höheren Lehranstalten die Vorstellungen an. -e-

Nach Nordhanfen: Krems! Man schreibt uns aus Wien: In ähnlicher Weise, wie die Genossenschaft Deutscher Bühnen- angehörtger das verkrachte Theater von Nordhausen in eigene Regte übernahm und damit den Beweis erbrachte, daß auch die Schauspieler bie Anforderungen des Theatcr- gefchäfts fehr wohl in bie Praxis umzusetzen verstehen, hat jetzt der Oesterreichifche Bühnenverein versucht, das verkrachte Stadttheater von Krems in Nieder-Oester- reich auf eigene Kosten weiterzuführen. In­folge der Jntriguen des verkrachten Direktors versagte zwar bie Stadtverwaltung von Krems hierzu ihre Genehmigung; als symptomattsche ErscheinnnK. verdient der Fall aber immerhin Beachtung.

Kleine Chronik. Aus Petersburg meldet uns ein Telegramm: Bei einem Brande in der Wohnung des Millionärs Rysch­kow ist bas berühmte van Dyckssche Gemälde Samsonund Dalila" verbrannt. Wie uns mitgeteilt wird, hat jetzt die Mün­chener Polizeiditektton vom Rechtsschutzbüro der Bühnengenossenschaft bas Material gegen Direktor Schrumpf vom Münchener Volks­theater zur Prüfung eingesorbert. Aus den Ehrenbeleibigungsflagen gegen bie Haupt- belastungSzeugin Frl. Hoff unb Herrn Gustav Rickelt, dem Mitglied des Rechtsschutzbüros, der den »Fall Schrumpf" auf der diesjährigen Delegiertenverfammlung zur Sprache brachte, scheint nichts werden zu wollen. Obwohl die Angelegenheit nun schon einige Zeit zurückliegt, ist den genannten Schauspielern eine Klage schtift noch nicht zugegangen.