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Casseler Abendzeitung
hessische Abendzeitung
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, den 17. Januar 1911.
Fernsprecher 951 und 952.
Camorra.
Der neapolitanische Riesen-Prozeß.
(Von unserm Korrespondenten.)
Rom, 14. Januar.
Zum bevorstehenden Monstre-Prozetz gegen die Camorristen in Neapel (über den wir bereits berichtet haben) wird uns aus Rom geschrieben: Die Camorra stammt aus den düstersten Tagen der spanischen Gewaltherrschaft, und sogar ihr Name wird von dem castilianischen „quimera" abgeleitet, was soviel wie Streit, Prügelei, Radau bedeutet. Ursprünglich war die Camorra eine von Neapolitanern gegründete Gesellschaft zur Unterstützung gegen die Willkür und die Ausschreitungen der Vizekönige und ihrer Beamten, die Mißbräuche der Justiz durch die Behörden und die Brutalitäten und Verleumdungen der Lockspitzel. Sehr schnell entfernte ste sich allerdings von diesem Ziel und wurde eine Liga von Nichtstuern und Uebeltätern, die in der friedlichen Gesellschaft und der richterliche» Gewalt ihre natürlichen Feinde erblickten. Ihren größten Aufschwung nahm die Camorra unter dem bourbonischen Regime, das sich sogar gelegentlich auf sie gegen die Liberalen stützte. Zum Unterschied von der sizilianischen Maffia, der Mitglieder aller Stände angehören, rekrutiert sich die Camorra heute ausschließlich aus den niedrigsten Klassen der Gesellschaft. Sie besteht aus zwei Gruppen, von denen die eine der anderen übergeordnet ist, der sogenannten „unteren Gesellschaft' und der „schönen reformierten Gesellschaft'. Die erstere zählt zu ihren Mitgliedern Anfänger oder „junge ehrenwerte Leute' — „giovinotti onorati* und Gesellen — „pieeiuotti*. Die reformierte Gesellschaft setzt sich aus den eigentlichen Camorristen zusammen, die alljährlich vierzehn Führer oder „capi" wählen, je einen für jedes Stadtviertel, denen ein Sekretär zur Seite steht, und einen obersten Anführer, den „capintesta'.
Gerät ein junger Bursche wegen Vagabundierens, Bettelns und Herumlungerns mit den Gerichten in Konflikt, so hat er nichts Eiligeres zu tun, als in die Camorra einzutreten und sich für die Zukunft unter ihren Schutz zu stellen. Zeigt er sich geschickt und entschlossen, versteht er die Polizei an der Nase herumzuführen und gegebenenfalls von dem Messer Gebrauch zu machen, so wird er ohne Umstände ausgenommen. Der Eintritt in die Geheimgesellschaft ist an gewisse herkömmliche Formen gebunden und besteht in einem Verhör vor einem Aeropag, in dem ein „capo' und sechs aus den jüngsten und ältesten Mitgliedern ausgewählte Camorristen sitzen. Dann leistet der Neuling seinen Eid, daß er die Geheimnisse der Gesellschaft niemals verraten und jederzeit seinen Kameraden Hilft leisten werde. Zugunsten der Bundeskasse wird auch ein Eintrittsgeld erhoben, das natürlich zumeist aus Diebstählen und Einbrüchen herrührt. Wenn der „giovinotto onorato* die gemeinsame Kasse tüchtig alimentiett, wenn er gute Gelegenheiten „ausbaldowert', und wenn er die ihm über- ttagenen Aufgaben zur Zufriedenheit erledigt, kann er zum „picciuotto', später sogar zum richtigen Camorristen aufsteigen. Außer dem Verhör und dem Eid gehött zu den Auf- nahmezermonien ein Messer-Duell mit einem andern Mitglied des Bundes. Der Kampf findet vor einer gewissen Zahl von Delegierten in einem Keller oder auf dem Hofe einer Schenke statt und besteht aus drei Gängen, bei denen der ältere der Duellanten verwundet werden muß.
Gewöhnlich macht es dieser dem Anfänger leicht und läßt sich am Arm eine leichte Wunde beibringen, wofür er sich durch reichlichen Zuspruch an dem Mahl, das der Neuling geben muß, schadlos hält. Die Vergehen, die die Mitglieder der Camorra gegen die Gesellschaft begehen, werden von einem Tribunal abgeurteilt, an dessen Spitze der „capo' des Quartiers steht. Ein Camorrift vertritt die Anklage, ein anderer übernimmt die Verteidigung des Beschuldigten. Bei diesen Gerichtsverhandlungen geht es bisweilen wüst zu und das Auditorium nimmt tätigen Anteil daran, wobei es natürlich nicht an gepfefferten Redensarten und Flüchen in neapolitanischer Mundart fehlt. Die Strafen, die vom Gericht verhängt werden, sind gewöhnlich zeitlicher oder dauernder Ausschluß, Geldstrafe, Prügel oder Aufschlitzen der Backe mit einem Glassplitter oder einem alten Rasiermesser. Der Camorrist, der überführt wird, einen Kameraden der Polizei denunziert und seine Verhaftung herbeigeführt zu haben, wird zum Tode verurteilt, und
das Urteil wird kurzerhand mit dem Messer oder mit dem Revolver vollstreckt. Nur sehr selten gelingt es dem Verurteilten, sich den Folgen eines solchen Urteils zu entziehen. Er wird überallhin verfolgt und entgeht seinem Schicksal nicht. Dank der gegenseitigen Un
terstützung, die sich die Camorristen unter einander leihen, und infolge der passiven Mitschuld des eingeschüchterten Publikums, bleibt die Hälfte der Verbrechen und Vergehen, die in Neapel von Mitgliedern der Camorra begangen werden, ungesühnt.
Im Gegensatz zu den Verbrechern vieler anderer Länder sind die Camorristen gewöhnlich sehr fromm. Sie traget! fast alle am Hals eine Medaille mit dem Bilde der Madonna oder der Schutzheiligen von Neapel, des heiligen Januarius und der heiligen Lucia. Viele haben auch in ihren Wohnungen Heiligenbilder, vor denen Tag und Nacht eine kleine Lampe brennt. Sind sie krank, dann unternehmen sie Pilgerfahtten und beten, rufen aber keinen Arzt. In politischer Beziehung ist der Camorrist alles andere als ein Revolutionär. Anarchie und Sozialismus haben in der „schönen, reformierten Gesellschaft' keinen Anhang. Es ist sogar vorgekommen, daß die Camorra interveniette, um einem Stteik ein Ende zu machen. Als vor einigen Jahren in Neapel ein Kutscherstreik ausbrach, wurde die Arbeit auf Befehl eines sehr bekannten Camorristen, Tore de Crecengo, wieder ausgenommen, der seinerseits unter dem Einfluß des Polizeipräfekten gehandelt hatte. Auch Privatpersonen wenden sich nicht fetten an den „capo*, um gestohlenes Gut wieder zu bekommen, wofür die Bestohlenen selbstverständlich ein Lösegeld zu zahlen haben. Eine Tänzerin erlangte auf diese Weise vor einigen Jahren einen Brillantschmuck zurück, der einen Wert von 14000 Lire hatte und den sie später mit 4000 Lire „einlösen' mußte. So spielen die Camorristen gelegentlich auch die „Helfer in der Rot', der bevorstehende Prozeß in Neapel aber zeigt sie in ihrer wahren Gestalt als Feinde und Schädlinge der Gesellschaft, der sie den „Kampf bis aufs Messer' geschworen haben. -rp-
Forßmanns Fiasko.
Der „lleine Zeppelin" gescheitert.
(Bericht iinsercs Korrespondenten.)
Seit nunmehr drei Tagen unternimmt in Augsburg der schwedische Ingenieur Forßmann mit dem von ihm konstruierten
Ballon Aufstiegsversuche. Wie schon mitgeteilt, ist der Ballon nur 37 Meter lang und braucht zu seiner Füllung nur etwa 800 Kubikmeter Gas, er ist -»{fo bei einem Gewicht von nur 450 Kilogramm «während „Z. VI“ mit Bemannung ca. 16000 Kilogramm wiegt) der kleinste
Lenkballon der Welt. Der Ballon soll vor altem militättschen Zwecken, und zwar lediglich der Aufklärung der feindlichen Stellungen dienen und deshalb interessieren sich namentlich die militärischen Kreise, besonders aber die russische Regierung, für den Ballon. Die Ausstiegs- Versuche haben indessen ein Fiasko gebracht. Ein Bericht unseres Kouesponden- t e n meldet uns darüber aus
Augsburg, 16. Januar ,
folgende Einzelheiten: Die Versuche Fortz- manns sind ohne Ergebnis verlaufen und bilden somit, sowohl für den Erfinder selbst, als auch für alle die, die mit Spannung die Entwicklung des eigenartigen Werkes des schwedischen Ingenieurs verfolgt haben, eine schwere Enttäuschung. Abgesehen von dem dichten Nebel, der am ersten Tage den Ausstieg von vornherein unmöglich machte, haben sich an jedem der beiden sol- genden Tage, an denen der Aufstieg vor sich gehen sollte, eine Reihe Mängel amBal- lon herausgestellt, die es untunlich erscheinen ließen, ihn dem Luftmeer anzuvertrauen. Als am zweiten Tag die Füllung des Ballons (die wider Erwatten sehr langsam vor sich ging) beendet, nach zeitraubenden Arbeiten endlich auch die Befestigung her Stabilisierungsflächen, der Seiten- und Höhensteuer vollendet und die leichte Gondel eingehängt war, meinte Forßmann, er bekomme „P o - lhkratesgedanken*, weil alles so gut gehe. Und in der Tat: Schon nahte der Zorn der Götter, denn als sich der Ventilator herabsenkte, fehlte ihm an der richtigen Länge ungefähr ein halbes Meter, und es mutzte erst das fehlende Stück herbeigeschasst und mit starkem Bindfaden an dem Schlauch befestigt werden. Darob versteckte sich aber die Sonne hinter die Wolken, die Dunkelheit brach schnell herein, und aus dem Aufstieg konnte wiederum nichts werden. Während die Zuschauermenge, die trotz der herrschenden Kälte tapfer ausaehatten hatte, zu Fuß, zu Wagen und zu Rad, von dem Verlaufe der Sache wenig erbaut, den weiten Rückweg zur Stadt einschlug, wurde der Ballon verankert, um am nächsten Tage den Ausstieg nochmals zu versuchen. Allein auch der dritte Tag sah den Ballon
nicht in der Luft. Es stellten sich wiederum technische Unvollkommenheit ew heraus, die im Verein mit der aus dem Ballon lastenden Schneedecke (es hatte in der Rächt stark geschneit) die Aktionsfähigkeit des Ballons anscheinend derattig beeinträchtigten, daß Forßmann sich wiederum, wenn auch gewiß nur schwerem Herzens, entschließen mußte, den Aufstieg zu unterlassen. Wann die Versuche nun fortgesetzt werden sollen, läßt sich augenblicklich noch nicht sagen.
Aus Augsburg wird uns dazu noch depeschiert: Die Erfahrungen bei den verunglückten Probeaufstieqen haben den Beweis erbracht, daß der „kleinste Lenkballon der Welt' für den praktischen Gebrauch und namentlich für die Verwendung im Kriege kaum in Frage kommen kann. Die Kousttuttion ist zur Zeit noch derart mangelhaft, daß an die Erzielung auch nur einigermaßen befriedigender Flugresultate nicht gedacht werden kann. Forßmann will nun die Konstruktion noch verbessern und vorerst keine Aufstiege mehr unternehmen. -eh-
Iie Tragödie des „Hildebrandt".
Die Trümmer des BaüonS gefunden.
(Eigene Drahtmeldungen.)
Endlich, nach Wochen, trifft in der Heimat eine Nachricht über den Verbleib des verunglückten Ballons „Hildebrandt' ein, der in den letzten Dezembertagen vom Gelände der Schmargendorfer Gasanstalt bei Berlin zu einer Uebungssahrt ausstieg und seitdem verschollen war. Nachforschungen nach dem Ballon und den beiden Insassen waren erfolglos und auch ie Aussendung von Schiffen zur Ermittlung des Verbleibs des Ballons hatte kein besseres Resultat. Jetzt endlich kommt aus Pommern eine Nachricht, die die schlimmsten Befürchtungen bestättgt und es leider zur Gewißheit macht, daß di« beiden Insassen des Ballons ein Opfer des Verhängnisses geworden sind. Ein Privat- Telegramm berichtet uns aus
Stettin, 16. Januar.
AnS Wildenbruch in Pommern kommt die Nachricht, dass man dort zweifelsfrei festgestellt, daß eS sich bei dem Funde im Oehrensee um die Ueberreste des Berliner Ballons „Hildebrandt" handelt. Man hat festgestellt, daß die Ballonhülle teilweise die Gondel bedeckt. Die Gondel befindet sich etwa V/2 Meter unter dem Wasserspiegel. In der Gondel sind deutlich die Leichen der beiden Insassen zu erkennen. Der eine Tote steht aufrecht in der Gondel, der andere ist seitlich über den Rand der Gondel geneigt. Auf der Hülle konnte man den Namen „H i l d e- brandt" erkennen. Man dürfte wohl in der Annahme nicht fehlgehen, daß die Hülle des Ballons „Hildebrands bei der Unglücksfahrt über dem Oehrensee geplatzt und der Ballon dann in den See gestürzt ist, wobei die beiden Insassen des Ballons ihr Ende durch Erttinkcn fanden. Die Aufregung in der Umgegend ist groß. Zahlreiche Menschen eilten nach Bekanntwerden der Nachricht an die Unfallstätte. Der Oehrensee ist nicht sehr umfangreich, er liegt in einsamer Gegend und ist dicht von Wäldern umschlossen.
Auf welche Umstände die Katastrophe bezw. das Platzen der Ballonhülle zurückzusühren ist, wird noch sestzustellen fein. Der Ballon „Hildebrandt“ war beim Aufstieg für eine größere Fernfahrt ausgerüstet worden, und sein Führer, Rechtsanwalt Dr. Kohrs- Berlin, hatte die Absicht, die Fahrt nach Möglichkeit auszudehnen. Man rechnete anfangs mit der Möglichkeit, daß der Ballon infolge ungünstigen Windes auf die See abgetrieben worden sei und daß die beiden Insassen nach Wiedererreichen von Land ein Niedergehen in einet vom Verkehr abgeschlossenen Gegend versucht haben könnten, wodurch sich daun auch das Ausbleiben von Nachrichten erllären lasse. Der jetzige Fund bestätigt nun, daß der Ballon die See nicht einmal erreicht, sondern schon vorher dem Unglück zmn Opfer gefallen ist.
Sie Parlamente.
Die vereitelte Präsidentenwahl.
(Bon unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)
Die kleine sozialdemokratische Gruppe im preußischen Abgeordnetenhaus läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne zu zeigen, daß sie zur Stelle ist: so benutzte sie am Sonnabend die Präsidentenwahl zu einer Demonstration, indem sie gegen die Wiederwahl des Präsidiums durch Zuruf Einspruch erhob, obwohl dadurch das Resultat der Wahl sicherlich nicht
M OtIL M!
Die. Bewohnerschaft Cassels machen wir hierdurch höflichst daraus aufmerksam, daß mit dem 1. Februar das Abonnement auf die „Casseler Neueste Nachrichten" beginnt. Bestellungen werden
nm mmotweise, nicht nnaüalrweise entgegengenommen. Unsere Trägerinnen sind beauftragt, bei den bisherigen Beziehern nachzufrageu, ob die „Casseler Neueste Nachrichten" für den Monat Februar abonniert werden. Ferner sind die Trägerinnen befugt.
das Abonnementsgeld in Empfang zu nehmen. Bis zur Beendigung der Rundfrage werden die „Casieler Neueste Nachrichten" völlig kostenlos weitem geliefert. Der Abonnements- preis für Februar beträgt
nur 50 Psg. frei Haus.
Verlas der „luflelet Neueste Nachrichten".