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Set Liebe Not.
Von Horst Bodemer.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Sie vermag kein Wort zu sagen, noch hat ffe ihre Gedanken nicht vollkommen in der Gewalt, aber sie fürchtet sich nicht, Hein, wird den richtigen Ausweg finden, sie glaubt es felsenfest.
Und der Oberstleutnant kommt.
Sein Weib erhebt sich vom Stuhle, sie fühlt, setzt kommt der Augenblick, in welchem ihres Schicksals Würfel fallen.
„$u bast mich rufen lasten, liebe Klara!" Es soll ruhig klingen, aber seine Stimme zittert doch.
Die sieht Heinz an.
„Eigentlich ich, Herr Oberstleutnant, die Stunde entscheidet über uns drei, in Ihrer Hand liegt unsre Zukunst!"
„Und ich, Herr Leutnant, kenne nur eines, das Glück meiner Iran . . ."
„Und Ihres Kindes, Herr Oberstleutnant, und dem bringe ich das größte Opfer! — Sie haben Beziehungen in Berlin, reisen Sie sofort heute abend mit mir hin, setzen Sie alles dran, daß ich nach Südwest komme, Frieden taugt jetzt nicht für mich, ich aber gebe mein Ehrenwort, ich suche den Tod nicht, aber ich brauche Kampf. Entbehrung, um über diese Zeit hin- wegzukommen, was dann wird, Weitz Gott, i ch nicht, an mir aber wird es nicht liegen, wenn ich Ihre Pfade wieder kreuze, dann tragen Sie zum zweitenmal die Schuld und —" seine Stimme wird drohend, „dann gnade Ihnen Gott!"
Zweifelnd sicht der Oberstleutnant seine Frau an.
Die springt auf und stürzt sich auf Heinz.
„Geh nicht in den Tod für uns, geh nicht in den Tod, — wir hätten ja alle keine ruhige Minute mehr im Leben!"
„Ich such' ihn nicht, Kläre, — ich gab mein Ehrenwort. — wenn dein Mann mir nach Südwestafrika hilft!"
„Aber, lieber Rühling . . .'
„Herr Oberstleutnant," schneidend scharf stagt's Heinz, „Ja oder Rein?"
Kurz kämpft der mit sich. • „Wenn mein Weib es will, — ja!" Da richtet sich Heinz Rühling auf. „Kläre, um des Kindes willen sag: Ja!" Und als sie zögert, fährt er fort:
„Was zwischen uns steht, gäbe uns dreien doch keine ruhige Minute mehr. Denk dir, das Kind wär' bet uns und fragte nach dem Vater, oder es lebte bei ihm und du könntest dein eigen Fleisch und Blut nicht an dein Herz drücken; weil wir Christen sind, ertra- gen wir's nicht!"
Da birgt sie hilfeflehend zum ersten Male ihr Haupt an ihres Mannes Brust.
Und Sommern sagt:
„Sie denken groß, Gott mag es Ihnen danken, wir fahren heute abend nach Berlin!"
„Gnädige Frau, Gott sei mit Ihnen — und dem Kinde!"
Sie schlingt zum letzten Mal den Arm um Heinz und drückt den letzten Kuß auf seine heiße Stirne.
Heinz Rühling hofft, daß er dem Tod geweiht.
Schluß.
Durch die Steppen Deutsch-Südwestafrikas reitet bei glühendem Sonnenbrand eine Patrouille, Leutnant Rühling führt sie. Mühsam schreiten die Pferde dabin, kaum können sie noch ein Bein vor das andere sehen und die Reiter hängen in den Sätteln, sie dösen vor sich hin, es ist ja alles so egal, so ganz egal. Gestern abend haben sie zum letzten Male einen feuchten Schluck durch die Kehle rinnen lassen können, stinkiges Waster, im halbversiegten Brunnen lag der Kadaver einer Kuh., Aber der Quäler Durst ließ sie die Aügen schließen, sie tranken und füllten noch die Feldflaschen für alle Fälle, die waren nun schon längst leer.
Heinz Rühling denkt: Wenn jetzt der Feind kommt und schlägt uns allen die Schädel ein, wär's Wohl das Beste! —
Vor dreiviertel Jahren hat er die Heimat verlasten, an sechs Gefechten teilgenommen und ist immer gut davongekommen. Und als er vor kurzem die Nachricht erhalten, daß Frau von Sommern einem Jungen das Leben gegeben, da war sein erster Gedanke gewesen: so, nun darf ich sterben, sie kommt drüber weg, — nm des Kindes willen. Er hatte lesen gelernt in den Gesichtern seiner Kameraden, da waren viele, denen die Begeisterung aus den Augen sprach, die Freude am Kampfe, der Wunsch, auf dem Gefechtsfelde zu beweisen, wie heilig ihnen des Vaterlandes Ehre. Aber cs waren auch andere darunter, und nicht wenige, —
stille, ruhige Männer, mit dem müden Lächeln der Entsagung um die Lippen, die gern für sich allein blieben, die sich drängten zu jedem Ritt um Tod und Leben. Denen hatte der Liebe Not den Stempel ins Gesicht gedrückt.
Und um diesen Ritt hatte Heinz Rühling direkt gebettelt. Tas Kind war ja da, — also wozu die ewige Qual? Niemals hatte feilte- Stimme heller geklungen, als beim Komman
do: Aufgesesten! zu dieser Patrouille. Nach menschlichen: Ermessen war sie dem Tode geweiht, — wahrscheinlich durch Verdursten. Was fragt man im Kriege nach ein paar Menschenleben? Setzte man die ein, waren vielleicht Hunderte zu schonen. In der linken Flanke hatte sich der Feind gezeigt, in einer vollkommen wasserlosen Steppe; was er dort wollte, mutzte sestgestellt werden, vor allem, wie stark er war. Ein paar kleine Wasserstellen gab's ja, aber die waren in dieser Jahreszeit fast immer ausgetroünet. Und es schien für die braven Reiter das Ende zu kommen.
„Hübner," heiser klang Heinz' Stimme, tief lagen ihm die Augen in den Höhlen, der Schweiß rann ihm vom Gesicht.
„Herr Leutnant!"
Nur Gekrächz war es. —
Der Unterossizicr ritt an feiner Seite.
„Lassen wir die Pferde laufen, wohin sic wollen, vielleicht wittern sie Wasser, in dieser Hölle hält es doch kein Mensch aus, was sollte der Feind hier zu suchen haben?"
Man ließ den armen Tieren die Zügel, den Kops gesenkt stampften sie weiter durch die Steppe, immer weiter in derselben Richtung.
Ta fing hinten einer an. zu singen.
„Nanu, was ist denn los?"
„Der Rändert ift's, Herr Leutnant," meinte der Unteroffizier.
Ein Gesang war's freilich nicht, nur ein abgehacktes, heiseres Krächzen.
„Gebt Feuer, ach, tote schießt ihr schlecht, Ade, mein Land Tirol!"
Und der Rändert, der Kerl, schoß in die blaue Luft hinein.
Seine Kameraden rissen ihm das Gewehr aus der Hand, der arme Mann war vor Durst wahnsinnig geworden. Aber der Schuß hatte fein Gutes gehabt!
Eine halbe Stunde waren sie weiter geritten, den tollen Säubert in der Mitte, der immer.noch fang, da krachte ihnen aus dem Bufch Her Feind fein Willkommen entgegen. Der letzte Rest Energie erwachte, im Nu waren sie herunter von den Pferden und rissen die
Gewehre an die Backen. Rändert aber, um den man sich jetzt nicht tümanem konnte, rannte singend auf die Feinde zu, ein paar feindliche Kugeln machten seiner Qual schnell ein Ende.
Ruit lagen sie hier, fünf ganze Mann, im Kampfe mit einem starken Gegner. Jeder hatte nur einen Gedanken, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Und von fern hörten sie Rinderbrüllen, ganz schwach, aber doch
deutlich, da mußte Wasser in der Nähe sein, die Pferde hatten richtig gewittert, eine Wut tarn über die fünf.
„Ruhe, Leute," tief ihnen Heinz zu. „Jeder Schutz mutz ein Treffer sein, damit uns die Kerle mit Respekt ans der Ferne ansehen!"
Aber der Feind hatte von bett Deutschen gelernt, er umsatzie beide Flanken der kleinen Gruppe, und Pferd auf Pferd stürzte tot zusammen. Da wurde ein Mann verwundet. Heinz drehte sich nach dem armen Kerl, der järnmcr- ud> stöhnte, um, da traf ihn ein Schutz in die Seite, er rief seinen Leuten noch zu:
„Nicht locker lassen, ruhig Blut," dann fiel er in Ohnmacht.
Und in diesem Moment ivurde der Feind von einer stärkeren Abteilung, die dem Gewehrfeuer nachgerittcn war, in dem Rücken gefaßt nnb auseinandergesprengt.
* * •
Kurz vor Weihnachten ist's.
Am Kai des Hamburger Hafens stehen Oberamtmanns, die „Sude Wörmann" soll ihren schwerverwundeten Sohn heimbringett. Offiziere finden sich ein, Herr Wörmann selbst; neben Rühlings, die mit kummervollen Gesichtern die Elbe hinabblicken, hat sich ein stein- alter Lotse mit feinem Fernglas postiert.
„Da kömmt die „Lucie Wörmann"," fagt er und spuckt aus.
Immer deutlicher hebt sich das Sckiff ab, schon an der Esse hatte es der alte Seebär erkannt; auf einmal stößt er einen Ruf aus.
„Hoa!"
Wat hast du, Tedche?" fragt einer.
Aber Tedche antwortet nicht, nur wieder hört man:
„Hoa!"
„Nu gib mir man bin Glas, Tebchc!"
Dessen wässerige Augen blicken gleichgültig den Bittfteller an, dann spuckt er wieder aus und fagt:
„Sie hat Tote an Bord!"
Der andere schüttelt den Kopf, bas wäre von Euxhasen gemeldet worden.
„Gib mir bin Glas, Tedche!"
Der gibt cs nicht her.
„Man trurigf!“
„Wat, Tedche?"
„Dat be nid) mehr bis Hambuch kommen is, — der Tote!"
Oberamtmanns hören es. Unweit bon ihnen steht ^err Wörmann, er blickt durch sein scharfes Glas und sagt:
„Eben wurde die Flagge auf Halbmast gesetzt!"
Da faßt Frau Rühling die Hatzd ihres Mannes, dem würgt's in der Kehle.
„Kann schon fein, Mutting!"
Und als der Dampfer bar Anker geht, Weitz jeder im Hafen, daß vor wenigen Minuten ein junger Offizier namens Rühling den letzten Atemzug getan.
Herr Wörmann selbst geleitet die armen Eltern an Bord, der Kolonnenführer emp- sängt sie.
„Sein sehnlichster Wunsch, in den Armen feiltet Mutter zu sterben, hat sich leider nickt erfüllt, er war einer bon den Allerbesten, die wir da unten haben!"
Da fchießt Rühlings das Wasser in die Augen. Der Oberamtmann reicht dem Offizier die Hand.
„Ich danke Ihnen für diese Worte. Herr Major, sie sind der beste Trost für uns!"
Und dann stehen sie in stillem Gebete an der Bahre ihres „Jung", — lange allein.
Da tritt der Major zu den Eltern mit zwei Aerzten nnb gibt dem Oberamtmann einen starken Brief.
„Den soll ich Ihnen von Ihrem Sohne aushandigen, er hat uns noch besonders aufge« tragen, Ihnen zu sagen, es fei nickt fein letzter Wille, wohl aber feine letzte Bitte!"
„Dir mir heilig fein wird, Herr Major, — meine Herren, ich danke Ihnen!"
* • *
Wernsdorf hatte noch niemals ein solches Begräbnis gesehen. Der kommandierende General aus Stettin war gekommen mit mehreren Herren feines Stabes, die ganze Nachbarschaft, die Honoratioren Anklams mit dem Landrate und dem sonst so luftigen Oberamtsrichter, und ein kriegsstarker Zug des zweiten Grenadier-Regiments, unter dem Kommando des Leutnants von Helligen, Heinz' Jugendfreund, der ihm die letzten militärischen Ehren erweisen durfte. Auch Wackerbarths aus Go- gulkowo waren zur Stelle — und aus Straßburg Sommerns mit einer Deputation des Regiments, bestehend ans Heinz' Batteriechef, Harryhausen, Menken und drei Unteroffizieren der sechsten Batterie, wie er in seiner „letzten Bitte" gewünscht. Und als Helligen, nachdem der Sarg hinabaelassen worden war in die Gruft, kommandierte:
„Hoch legt an, — Feuer, — geladen!" — und die Musik den Schlußchoral spielte, blieb kein Auge trocken. Frau bon Sommern war einer Ohnmacht nahe, schwer mußte sie sich auf ihren Mann stützen.
Ein ji'.naes, blühendes Menschenleben; gefallen fürs Vaterland — und feine Siebe. —
Nach der Beerdigung hatten Oberamt» manns Herrn und Frau von Sommern in die Amtsstube gebeten.
Wieder saßen Frau Rühling und Klara weinend auf dem Sofa zusammen, wieder stand der Oberamtmann am Schreibtisch, aber der Vierte im Zimmer war nicht mehr Heinz, den deckte nun schon die kühle Erde, sondern Herr von Sommern.
„Ich habe den Herrschasten die letzte Bitte meines Sohnes bekannt zu geben,“ ruhig sagte cs Herr Rühling, er las bor:
^Heinrich Kurt Joachim bon Sommern wird mein Erbe. Meinen Vater beauftrage ick, Wernsdorf vom DomänenfiSkus anzukansen; so lange er lebt, hat er die bolle Nutznießung aus den Einkünften!"
Hock reckt sich der Oberamtmann auf.
„Wär' ich kein Bauer und kein Christ, stände ick nach dem furchtbaren Verlust nicht in ruhig vor Ihnen. Jetzt aber fordere ich. Ist Heinrich von Sommern alt genug, um die Wahrheit zu berstehen. so will ich ihn hier haben, er soll sein Erbe lieben lernen, er soll dieses Stück Erde einst übernehmen als ein bon meinem Sohn ihm anberlrautes Heiligtum. Den Sohn haben wir verloren, nun seid Ihr beide unsre Kinder!"
Da beugen sich Sommerns herab auf die arbeitsa.ew ahnten Hände des Rühlingschen Ehepaares und huldigen den neuen Eltern. Dann wisckt sich der Oberamtmann eine Träne aus den Augen.
„Nun Kinder, mit Gott, an unsre Arbeit!" Ende!
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