Nummer 33.
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Hessische Abendzeitung
1. Jahrgang.
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Fernsprecher 951 und 952.
Donnerstag, den 12. Januar 1911.
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Nm eine ave Lasche...
Mecklenburger Abenteuer von heute.
Des Deutschen Reichs höchster Gerichtshof hat am letzten Montag ein U r t e i l bestätigt, das überall da, wo das rein-menschliche Rechtsempfinden nicht durch den Pallisaden- zaun formaler Paragraphenlogik abgegrenzt wird mich einiger Verwunderung vermerkt worden ist. Das Faktum, das dem notpeinlichen Verfahren zu gründe liegt, ist zudem nicht ganz alltäglicher Ratur und heischt infolgedessen nähere Betrachtung. An einem Frühherbst- abend im verblichenen Jahr faß in der idyl- lisch-welwergessenen Stadt Wismar im Mecklenburger Land der Gebieter der dortigen Polizeiobrigkeit friedlich beim Krüglein Bier, nachdem des Tages Last und Hitze mit ziemender Würde getragen war. Das Stamm- tisch-Jdhll wurde indessen jäh unterbrochen, als ins Honoratiorenstübchen ein Mann eintrat, in dessen Hand das scharfe Auge des Gesetzes eine altehrwürdige, die Spuren vergangener Jahrhunderte allzu deutlich offenbarende Reisetasche bemerkte, die, in Verbindung mit dem selbst in der Stille von Wismar merklich altväterlich amnutenden Habitus des späten Gastes freundnachbarliches Vertrauen gleich im Keim erstickte und die anfängliche Neugier der bieder-bürgerlichen Gambrinuspriesterschar in eisig-kalte Reserve wandelte. Das Eis der Herzenskälte schmolz indessen rasch in der Hitze gerechter Entrüstung, als der Mann mit der Roah-Tasche sich der verblüfften Zecherrunde als Oberstabsarzt außer Diensten vorstellte, der aus den Gefilden bei Rinteln gekommen sei, um in der vortrefflichen Stadt Wismar des Lebens ungemischte Freude für wenig Augenblicke zu genießen.
Im Kreis der Bechermänner sah man zweifelnde Mienen, und das Auge des Gesetzes hielt es unter diesen Umständen für Pflicht- und Amtgebot, den Mann mit der fatalen Reisetasche näher zu »observieren', offenbar in dem (durch die äußeren Umstände gewissermaßen erregten) Argwohn, hinter dem ergrauten Medizinmann aus Rinteln verberge sich irgend ein dem Polizeiregister nicht ganz unbekannter Zeitgenosse. Ein Oberstabsarzt außer Diensten und eine Reisetasche von anno achtundvierzig: Selbst in Wismar unfaßbar! Das Intermezzo endete schließlich, wie derartige Schicksalswttze gewöhnlich zu enden pflegen: Der Arm der Gerechtigkeit, der auch im Mecklenburger Land weit über Gottes Erde reicht, faßte den Mann mit der fossilen Reisetasche am Zipfel des Altvaterrocks und führte ihn ins Nachtquartier hinter. schwedischen Gardinen, wo der Aermste dann Zeit hatte, eine ganze lange Nacht hindurch über das Verhängnis einer alten Reisetasche nachzudenken. Als im Osten der junge Tag herausdämmerte, hatte man im Wismarer Polizeiquartter endlich einwandfrei ermittelt, daß zu dem Taschenungeheuer taffächlich ein. Oberstabsarzt außer Diensten gehörte, dessen Namen man im Bannkreis von Rinteln mit hoher Achtung nannte. Der Märtyrer der Großvatermode wurde infolgedessen schleunigst aus der Kerkerhast erlöst und dampfte dann, grimmen Zorn wider Wismar und seine Hermandad im Herzen tragend, auf kürzestem Wege der Heimat zu. Die Folge war eine Strafklage gegen den emsigen Polizeimann von Wismar wegen Freiheitsberaubung, Beleidigung, tätlichen Angriffs und ähnlicher, nach dem Willen des Strafgesetzbuchs peinlich zu ahndender Sünden wider des Bürgers verbriefte Freiheit.
Der Wismarfahrer aus Rinteln ging dabei von der nicht ganz unlogischen Voraussetzung aus, daß der beschwerliche Transport einer urweltlichen Reisetasche und ein nach der Mode des entschlummerten Jahrhunderts gebauter Bratenrock allein noch nicht ausreichend seien, vorm klar blickenden Auge des Gesetzes den Verdacht schwarzer Uebeltat zu rechtfertigen, und daß deshalb der Arm der Wismarer Gerechtigkeit zweifellos weit übers zulässige Ziel hinausgelangt habe. Vorm Strafgericht der Residenz Schwerin ward das Mecklenburger Abenteuer prozeßgerecht verhandelt, indessen kamen der Themis Priester nach sorglicher Erforschung des Sachverhalts zu dem Spruch, daß den Polizeimann ersichtlich keine Schuld treffe, da er nach Lage der besondern Verhältnisse und in Anbetracht seines Amts als berufener Hüter bürgerlicher Ordnung und Sitte anzunehmen berechtigt war, daß der Mann mit der Urwelt-Tasche und dem verdäch- ng glänzenden Ahnenrock eher alles andere als ein Oberstabsarzt sei, der in der beschaulichen ^iuhe der Rintelner Flur des Daseins Feierabend in stillem Frieden genieße. Dieses
rein - menschlichen Rechtsempfinden nicht ohne weiteres geläufige) Erkenntnis hat nunmehr der höchste Gerichtshof purpursamtener Gerechtigkeit in Leipzig bestätigt, und damit ein für allemal den Grundsatz aufgestellt/ daß alter-schimmelnde Reisetaschen und ehrwürdig- glänzende Rockschöße unter Umständen genügen, den deutschen Normalmenschen ohne Schmiß und Monokel in den Verdacht schwarzer Uebeltat zu bringen, wenn es des Zufalls üble Laune will, daß das scharfe Auge des Gesetzes am bröckelnden Alter Anstoß nimmt. Wir finden: Die Möglichkeiten sind hier etwas weit umgrenzt, denn die bürgerliche Freiheit und Wohlanständigkeit sind unsers Erachtens Dinge, die mit dem löblichen Hochstaplergrundsatz, daß Kleider und Reisetaschen „Leute machen', ebensowenig zu tun haben, wie der Jdealgedanke des Ewig-Weiblichen mit Sarah Bernhardts weibelnder Ewigkeit, und es ist deshalb bedauerlich, daß aus dem Strafurteil der Schweriner Justiz das Verhängnis der alternden Reisetasche nicht schärfer gebannt werden konnte.
Seit Wilhelm Voigts schusterseligen Hauptmannszeiten ist das Empfinden gesunden Mißtrauens zwar zum Prinzip öffentlicher Rechtskultur geworden, aber in Wismar hat sich nun die peinlich wirkende Kehrseite der Medaille offenbart, und es wird erforderlich sein, daß fürsorgliche Polizeiorgane schleunigst Verordnungen erlassen, in denen das Mitführen argwohnweckender Reisetaschen und das Zurschaustellen überlebter Modeärgernisse bei Vermeidung übler und empfindlicher Nachwirkungen verboten wird. Ein Glück, daß die SpecieS der „zerstreuten Professoren' nur noch in den unheilreinen Spalten harmloser Witzblätter ein dürftig Dasein fristet: Die Polizei käme sonst nicht zur Ruhe, und in Wismar würde der Stammtischfriede für ewige Zeiten gebannt sein. Im übrigen aber: Sind hes deuffchen Bürgers Sicherheits- und Freiheitsgarantien s o gering, daß schon . . . alte Reisetaschen genügen, um eines Harmlosen bürgerliche Unantastbarkeit zur Illusion zu wandeln? Das Mecklenburger Abenteuer des Rintelner Oberstabsarzts ist ein charakteristisches Zeugnis für die Unzulänglichkeit des Bürgerschutzes gegenüber behördlichen Mißgriffen, und da die Absicht besteht, die altersgraue Reisetasche, mit wuchtiger Interpellation beschwert, auch ins Parlament hineinzutragen, werden aus dem tragischen Intermezzo aus Wismars Frühherbsttagen vielleicht (und hoffentlich) noch gute Früchte sprießen. ♦*
Milliouen-Sklmdale.
Der amerikanische Kriegspenfions-Betrug.
(Von unserm Korrespondenten.)
Die Zahl der Kriegsteilnehmer oder der ihren Angehörigen gezahlten Pensionen hat sich in den Vereinigten Staaten in unerhörter Weise entwickelt. Als der Bürgerkrieg 1865 beendet wurde, erhielten 35 000 Invaliden und 50 000 Witwen, zusammen also 85 000 Personen, Pensionen. Daraus sind bis heute 676 000 Invaliden und 298 000 Witwen, zusammen also 974 000 Menschen, geworden. Nahezu eine Million Menschen unter etwa 86 Millionen Einwohnern erhalten also Kriegspensionen, und das fast immer mit der Begründung, daß der betreffende Invalide oder der Mann der betreffenden Witwe im Bürgerkriege 1861 bis 1865 mitgefochten habe! Der Bürgerkrieg scheint also auf die Gesundheit der Mittämpfer derart stärkend eingewirtt zu haben, daß der Tod ihnen . . . überhaupt nichts mehr anzuhaben vermag. Ueber die Ungeheuerlichkeit des Pensionsskandals wird uns von unterrichteter Seite berichtet:
Rewyorl, im Juimar.
Die für Pensionszwecke bewilligten Summen sind viel schneller noch gewachsen als der berühmte „Sand am Meer': 1865 machten sie erst 8 Millionen Dollars aus, 1880 waren sie auf 57 Millionen Dollars, 1900 sogar auf 139 Millionen Dollars und 1909 auf 162 Millionen Dollars gestiegen. Durchschnittlich erhält also jeder Invalide oder jede Witwe einen Betrag von etwa 170 Dollars, das heißt, von fast 750 Mark jährlich. Auf den Kopf der Bevölkerung (Frauen und Kinder eingeschlossen) wird in den Vereinigten Staaten jährlich eine Steuer von etwa zwei Dollars (gleich acht Mark) gelegt, lediglich um die gewaltige Pensions- s u m m e zu decken. Dabei ist es ein o f f e n e s Geheimnis, daß viele Pensionsempfänger mit dem Kriege gar nichts zu tun gehabt haben, oder vielleicht nur einmal ein paar Pferde einer vordringendcn Abteilung nachwisihren hatten, iedenfalls also keine
Schlacht mitgemacht und ihr Leben dabei nicht in die Schanze geschlagen haben. Und das Ungeheuerlichste ist, daß die Macher der Korruption jetzt sogar beabsichtigten, die Höhe der Kriegspenstonen nochweiterhinauf- zusetzen, um . . . ihre Anhänger in noch größerem Umfange zu belohnen, und nebenbei auch ungezählte Summen in ihre eignen Taschen fließen lassen zu können. Die, gewaltige Summe von jetzt jährlich 162 Millionen Dollars kommt etwa 650 Millionen Mark jährlich gleich, das heißt: Etwa dem vierten Teil der Gesamtausgaben des Deutschen Reichs, während die Ausgaben des Deutschen Reichsinvalidenfonds im Jahre 1909 sich auf nur 35 240 000 Mark stellten. Oder, um einen anderen Vergleich zu geben: Die Ausgabenhöhe der Vereinigten Staaten für Kriegspensionen mit 162 Millionen Dollars stellt sich höher als die Gesamtausgaben des bayerischen Staates, die nur 154% Millionen Dollars betragen, ja sogar höher als die Jahresausgaben der größten Flotte der Welt, der englischen, die 160 Millionen Dollars jährlich kostet. Die amerikanischen Kriegspensionen kommen ziemlich genau den fortdauernden Ausgaben für das deutsche Heer gleich, die sich im Jahre 1909 auf 671 Millionen Mark stellten, während daneben an einmaligen Ausgaben noch 98 Millionen Mark und an außerordentlichen Ausgaben noch 41 Millionen Mark zu tragen waren. * -fo-
Gegenüber den etwa 650 Millionen Mark, die von den Vereinigten Staaten jetzt jährlich für die Unterstützung von Veteranen oder deren Witwen ausgegeben werden, geben sich andere Staaten mit Beiträgen zufrieden, die hiermit auch nicht entfernt zu vergleichen sind. Die Ausgaben des Deutschen Reichs für Veteranenunterstützung haben in jedem der letzten Jahre zwischen 35 und 36 Millionen Mark betragen. In Italien sind nur 3 Millionen Lire dafür bereitgestellt, Frankreich kennt überhaupt keine' besonderen gesetzlichen Maßnahmen dafür, und in Oesterreich wird Veteranennnter- stützung nur dann gewährt, wenn in jedem einzelnen Falle Kriegsuntauglichkeit und bürgerliche Erwerbsunfähigkeit nachgewiesen werden.
Der Zug des Unglücks.
Die Katastrophe« der letzten Tage. (Telegraphische Meldungen.)' Die Erdbeben-Katastrophe in Zentralasien scheint noch immer nicht zum Abschluß gekommen zu sein, denn die letzten in Petersburg ringegangenen Depeschen berichten von neuen Erdstößen und den furchtbaren Wirkungen der Katastrophe. Gleichzeitig kommt eine neue Hiobspost aus dem fernen Osten: Im Chinesenviettel von Charbin ist eine Pestepidemte ausgebtochen, die zahlreiche Opfer fordett. Und während so im Osten der „schwarze Tod' einherschreitet, sind im Berner Oberland neue Opfer des „weißen Todes', der Lawinengefahr, zu beklagen. Wir lassen die uns über die Unglücksnachrichten vorliegenden Drahtmeldungen hier folgen:
Zürich, 11. Januar. (Privattelegramm.)
Das Kiental im Berner Oberland war gestern der Schauplatz eines Lawinenunglücks, dem drei Menschen zum Opfer fielen. Vier Mann waren mit Holzsägeu beschäftigt, ein fünfter war auf dem Wege zu ihnen, als er eine Lawine vom Horn herabrollen sah, die seine Kameraden begrub. Eine Hilfskolonne war bald zur Stelle. Sie grub zunächst den Bruder des verschont Gebliebenen aus. Der Unglückliche war so schwer verletzt, daß wenig Hoffnung besteht, ihn am Leben zu erhalten. Nach mühevollen Arbeiten konnten auch die übrigen geborgen werden. Sie waren aber alle tot, und ihre Leichen weisen schreckliche Verstümmelungen auf. Auch aus andern Teilen des Berner Oberlandes werden Unglücks- falle infolge der Lawinengefahr gemeldet, und das Tauwetter rückt die Gefahr neuer Katastrophen von Stunde zu Stunde näher.
Petersburg, 11.Jan. (Priv.-Telegramm.)
Nach hier vorliegenden Meldungen aus dem Erdbebengebiet von Wernv ist soeben mit den A u s g r a b u n g e n in den verschütteten Häusern begonnen worden. Die Mehrzahl der Bewohner ist aus Furcht vor weiteren Zerstörungen in die Felder gezogen und leidet sehr unter der herrschenden Kälte. Das Erdbeben hält noch immer an. Die schlimmsten Folgen hatte das Beben bei Narym, wo b u n d e r t e v o n
Leichen liegen. Auch am User des Jssikutz Sees sind alle Niederlassungen zerstört. Die Poststraße von Taschkent ist von Felsstücken verschüttet, und die Poststation Salaara ist unter mächtigen Felsstücken begraben. AlleBewohnersind umgekommen. Bei Werny haben sich einzelne Erdspalten von 30 bis 50 Fuß gebildet. Auch in dem Städtchen Tokmak liegen sehr viele Tote, die einen entsetzlichen Geruch verbreiten, da deren Beerdigung unmöglich ist.
Charbin, 11.Januar. (Privattelegramm.)
Im Chinesenviertel von Charbin wütet die P est in surchtbarer Weise. Täglich sind etwa hundert Todesfälle zu verzeichnen. Da es unmöglich ist, Menschen wegen der ungenügenden Zeit für die Bestattung der Toten zu finden, so werden die Toten einfach auf die Straße geworfen nnd verpesten so die Luft. Jedes zweit« Haus im Chinesenviertel von Charbin und der benachbarten Stadt Fuereidjan beherbergt Pestkranke. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitet sich die Seuche von einem Viertel nach dem andern. Schon hat sich die Epidemie auch aus Teile der europäischen Stadt von Charbin ge- nähert, und zwei Russen sind ihr bereits erlegen. Bei dem ununterbrochenen Verkehr zwischen der Pestgegend und dem europäi- schen Rußland ist die Gefahr einer Ausbreitung der Senche auf Rußland groß.
Schließlich berichtet uns noch ein Spezial-Telegramm ans London: Infolge der Affären von Houndsditch und Sydney Street hat man es als notwendig erkannt, das Londoner Polizeigebäude zu bewachen, da man ein neues Attentat befürchtet Die Polizeiagenten sollen in Zukunft (wie ei« Dekret des Ministers Churchill anordnet) mtt automatischen Revolvern bewaffnet werden, deren Modelle am Donnerstag in Scottland ausprobiert werden sollen.
Sie Parlamente.
Arbeitsbeginn in Reichs- und Landtag.
(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)
Die verklärte Gestalt des stüheren Reichs- tagspräsidenten Graf Ballestrem grüßte gestern noch einmal die Stätte ihrer ttüheren Wirksamkeit in dem warm empfundenen Nachruf, den Präsident Graf Schwerin-Löwitz dem Heimgegangenen widmete. Einen gewandteren Präsidenten hat der Reichstag in der Tat feiten gehabt, und seinen auch die gespanntesten Situationen meisternden feinen Humor hat man schon manchmal schmerzlich vermißt. Am Tisch des Hauses flammten gestern Zündhölz- chen und Funkengarben aus Zündholzersc.tz- sabrikaten aus, als praktische Handhaben für die auf der Tagesordnung stehende fortschrittliche Interpellation für die Aufhebung der Z ü n d h o l z st e u e r. Die Interpellation selbst war ein Schlag ins Wasser, aber aus der Besprechung grollte schon, wie fernes Unge- witter, der Parteienkampf herauf, der die nahe Zukunft verdüstern wird.
Im Landtag, der gleichfalls am gestrigen Tage seine Pforten öffnete, verlief der Tag ruhig und ohne irgendwelche Ueberraschung. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten im Reichstag wird in Preußen nichts vorher ver- öffentlicht und auch der Etat erst dann verteidigt, wenn der Finanzminister ihn begründet. Eine kritische Würdigung ist also vorerst nicht möglich und aus diesen Gründen läßt man den Mitgliedern eine Woche Zeit, um sich in den Etat einzuarbeiten. Herr Lentze entledigte sich gestern seiner Aufgabe in so eleganter Weise, als ob er schon seit Jahren im Amte säße. Anfänglich, als er ein Loblied auf seinen Vorgänger Rheinbaben sang, hörte man ihm noch zu, aber Zahlen sind langweilig und so erqin- gen sich die anwesenden Mitglieder in Privatgesprächen, sodaß unter der Unruhe des Hauses fast die ganze Rede verloren ging. Um drei Uhr nachmittags ging man bereits wieder auseinander, um erst am Sonnabend das öde Werk der Etatberatung fortzusetzen. -i- -
Deutscher Reichstag.
102. Sitzung am 10. Januar.
Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet' die Sitzung mit einem Neujahrsgiuß und mit einem Nachruf auf die verstorbenen Mitglieder des Hauses, Hirschberg (Ztr.) und Schmid (Jmmenstadt, Ztr.), sowie auf den verstorbenen Präsidenten Grafen Ballestrem, der durch feine strenge Unparteilichkeit und seine mit köstlichem Humor gepaarte unvergleichliche Liebenswürdigkeit sich allgemeiner Beliebtheit