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vcummer 30. . 1. Jahrgang.
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Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, den 8. Januar 1911.
Fernsprecher 951 und 952.
Weltgeschichte?
Politische Sensationen, politische Korruption.
Seit Wochen reserviert das in Serbiens Hauptstadt erscheinende Patriotenblatt „Poli- tica" täglich eine ellenlange Spalte für die Aufdeckung politischer Sensationen, nie Mar der Vergangenheit angehöre», nichts- oestoweniger aber (wenn das Belgrad-Blatt aus dem Born der Wahrheit schöpft) peinliches Aufsehen erregen müssen. Es handelt sich um die Spionage-Geschichten des sehr ehrenwerten Herrn Bogumil Wasitsch, der (selbst ein Bürger in Peter KarageorgiN'itsch tückischem Land) im Sold des österreichischen Gesandten an König Peters Hof sein Vaterland in niederträchtigster Weise verraten und dem Beauftragten der Wiener Politik schätzbares Material zum politischen Intrigenspiel geliefert haben soll. Im Oesterreicher-Parla- ment ist zwar beteuert worden, Graf Forgach (der damals des greisen Franz Josef Geschäftsträger beim Serbenthron war) habe niemals etwas mit dem unsaubern Handel des Verräters Wasitsch gemein gehabt, und noch viel weniger österreichische Banknoten für ein dunkles Intrigenspiel hinter den Kulissen geopfert: Trotzdem bleibt man in Belgrad hartnäckig bei den früheren Behauptungen, und es gibt im Serbenland keinen des Lesens und Schreibens Kundigen, der daran zweifelt, daß tatsächlich in schwerer Zeit Oesterreich versucht hat, durch die Macht des Goldes das im Innern von der Glut der Leidenschaften erhitzte Nachbarreich in die Fallstricke politischer Intrigen zu locken. Die neueste, von der „Politica" in Verbindung mit der Wasitsch- Affäre gebrachte Enthüllung gibt mancherlei zu denken und gewährt einen wenig erfreulichen Einblick in die Werkstatt, in der gelegentlich die Weltgeschichte das Schicksal der Völker formt. Wir erhalten folgendes Priöat- Telegramm aus
Belgrad, 7. Januar.
Der österreichische Staatsangehörige B ue- ch e l e erklärt in einem längeren, in der „Politico" veröffentlichten Artikel, der österreichische Polizeichef von Semlin, Dr. Spieß, habe von ihm verlangt, er solle behaupten, Prinz Georg von Serbien hätte ihm 5000 Franken aushändigen wollen, wenn er den montenegrinischen Namen Milosch Jestovitsch annehme und als solcher den Kaiser von Oesterreich ermorde. Ferner sollte er bezeugen, daß der serbische Staatsmann Paschitsch 50 000 Franks an den Redakteur Pribitchevitch in Agram gezahlt habe, mit dem gleichzeitigen Auftrage, in Kroatien eine Revolution zu organisieren. Durch die österreichische Polizei gezwungen, mutzte Buechele im Polizeiamt von Semlin über diese Lügnereien eine schriftliche Erklärung unterschreiben. Auch wurde Buechele gezwungen, nach Belgrad zu gehen, um dort zu versuchen, die Archive des Prinzen Georg zu rauben und sie dann der österreichischen Polizei zu übergeben. Buechele lehnte jedoch ein derartiges Ansuchen ab und wanderte aus Ungarn aus. In Serbien wurde er aber nach der Türkei ausgewiesen. „Politt- ca" behauptet seiner, int Besitze schriftlicher Dokumente zu sein, aus denen hervorgeht, daß die österreichischen Behörden mit 5000 Franks Bestechungsgeldern versucht hätten, den wegen Spionage zu zehn Jahren Kerker tieiuiteilteu österreichischen Spion Karl Moldowau aus Serbisch-Kerek zu befreien.
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Die Geschichte (für die die „Politico" angeblich vollgültige Beweisstücke in Händen Haven will) klingt wie ein Roman aus dem wilden Westen, da, wo er am wildesten ist. Die österreichische Presse hat sich zu der neuesten Enthüllung dss Serbenblattes noch nicht geäußert, und auch die Kanzleien des Grafen Aehrenthal haben noch nicht Zeit gefunden, sich mit der Affäre zu beschäftigen. Wo nationale Leidenschaften brennen, pflegt das Recht meist zu kurz zu kommen, und manches von D.m, das in der „Politico" erzählt wird, mag (wenn die Schilderung der Dinge der historischen Wahrheit gerecht wird) auf das Konto dieser Leidenschaften zu setzen sein, deren Erhitzung im letzten Balkanhandel beinah den gefürchteten „Weltenbrand" entfacht hätte. Dessen ungeachtet: Das „Spiel mit dem Feuer" in der Form, wie sie sich in den Darstellungen des Serbenblattes ausprägt, ist blutiger Hohn auf Gerechtigkeit und Frieden, und am Handwerk eines Wasitsch und seiner Sippe gemessen, nimmt sich die Spazierfahrt der „Spione von Borkum" ins deutsche Küstengewäsier wie harmlose Spielerei aus. Leider sind Diplomatie, Spionage und Intrige seit alterSher so eng verwachsen, daß der Stamm ohne die miß
ratenen Aeste eigentlich nicht mehr denkbar ist. Und es scheint mehr als ein Zufall zu sein, daß grade im letzten Jahrfünft die sensationellen Spionage- und Verratsaffären sich in förmlich beängstigender Weise ntehren. Früher kannte man das Rezept zwar auch, aber es war weniger raffiniert ausgeklügelt, und über die Zuhülsenahme schöner Frauenaugen in den Dienst spähender Kundschafter und Intriganten kam die derbere Diplomateu-Schule früherer Jahrzehnte nicht ihnaus.
Daß die moderne Diplomatie die Kundschafter und Verräter nicht glaubt missen zu können, zeugt nicht sonderlich für den Geist ihres Systems; abgesehen davon, daß die Tatsache das Werk der Weltgeschichte vom Nimbus des Hohen und Würdigen rücksichtslos entblößt. Des alten Orenstierna tiefgründig Wort über die Aermlichkeit der geistigen Mittel des Weltregierens wird hier zur Tatsache, und man schaut mit erschrockenem Auge in ein Gewirr von Intrigen und Kabalen, wie es im flnster- sten Kriminalroman nicht toller am Äuge vorüberhuscht. Hoffentlich ist man im Habsburqcr- land in der Lage, wenigstens den giftigsten Hauch des Wasitsch-Sumpss als nickt öster- reichischcm Diplomatenspiel .»-Ttlehnt, vom Ansehen der Habsburger Politik fernhaften zu können. Daß des hysterischen Serbenprinzen hohläugig Antlitz hinter den Kulissen set Affäre auftaucht, verdüstert das Bild noch mehr und wandelt das dürftige Stückchen Weltgeschichte aus den unwirtlichen Bergen des Balkan zur grimmigen Karikatur. Im Serbenland kocht die Volksseele von neuem auf, und Peter Karageorgiwitsch' säbelrasselnde Chauvinisten berauschen ihre Hirne an der Glut der Leidenschaften. Wer das Slavenblut kennt, weiß, daß drunten im Südosten Europ-ns Fanatismus und Tollheit unter einem Dache wohnen und unvermittelt der Tag heraufdäm- mern kann, der alle Dämme kühler Besonnenheit niederreißt. Und dann . . . ? **
Die letzten Eisenbahn-Anfälle.
Unglücksnachrichten ans aller Welt.
(Telegraphische Meldungen.)
Es ist eine oft beobachtete Erscheinung, daß sich in bestimmten Zeitperioden die Eisen- bahnunfälle ohne erkennbare Ursache in beängstigender Weise häufen, sodaß das Wort von der „Duplizität der Ereignisse" nicht einmal mehr ausreicht, um die eigentümliche Tatsache zu charakterisieren. Eine solche „Unfall-Periode" scheinen wir auch jetzt wieder zu durchleben, denn die letzten Tage haben eine geradezu u n- hrimliche Fülle von Eisenbahnunfall- Nachrichten gebracht, und es bandelt sich durchweg um Unglücksfälle ernster Natur. Wir lassen die uns über die jüngsten Ereianisse vor- lieaenden Drahtberichte bier folgen: Brüssel. 7. Jan. (P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Einige hundert Meter vom Bahnhok MontS entgleiste gestern nachmittag ein Personenzug. Der Heizer und ver Lokomotivführer konnten sich retten, der Zugführer, ein Mann von fünfundzwanzig Jahren, wurde zermalmt; ihm wurde der Kopf vom Rumpf gerissen. Dreizehn Reisende erlitten mehr oder minder schwere Verletzungen. Der Betrieb auf der Strecke ist gestört. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht ermittelt, man nimmt aber an, daß die Entgleisung durch falsche Weichen st ellung herbeigeführt wurde.
London, 7. Jan. (Privat-Telegramm.)
Die Eisenbahnkatastrophe bei G a i k a s - kopp im Kapland (über die wir bereits gestern telegraphisch berichtet haben) hat sich als bedeutend schwerer herausgestellt, als die ersten Meldungen besagten. Die endgültige Liste stellt fest, daß s i e b z e h n V e r- sonen (darunter 16 Weiße und ein Emge- borner) getötet worden sind. Sechs Wagen entgleisten und fielen den hohen Bahndamm hinunter. Einige Wagen ü d er« stürzten sich, sodaß die Wagen mit den Rädern nach oben lagen. Daß der Unfall nicht noch mehr Opfer gefordert hat, ist lediglich dem Umstand zu danken, daß die größte Anzahl der Reisenden sich aus den abgestürzten Wagen rechtzeitig zu retten vermochten.
Paris, 7. Jan. (Privat-Telegramm.)
Wie aus Rambouillet gemeldet wird, ist gestern im dortigen Bahuhofc ein Personenzug entgleist. Ter Materialschaden ist bedeutend. Mehrere Wagen gerieten in Brand. Eine Anzahl Personen sind schwer verletzt worden. In dem Zug befand sich auch der Unter st aatssekre- tär Guift'hau, der indessen unverletzt blieb. Der Unfall ereignete sich insolge
Schienenbruchs und hätte leicht noch schlimmere Folgen haben können. Acht Wagen sind ein Raub der Flammen geworden.
lieber den von uns bereits mitgeteilten Unfall des V-Zuges Kopenhagen-Berlin ist jetzt folgender amtliche Bericht ausgegeben worden: Am Donnerstag abend fuhr bei der Durchfahrt durch Bahnhof Bu- berow der V-Zug 12 (Kopenhagen-Berlin) auf einen an der Gleisverbindung zwischen dem Ladegleis und dem Hauptgleis stehen gebliebenen Viehwagen. Die Lokomotive und drei Wagen entgleisten. Ein Viehwagen wurde zertrümmert. Zwei Zug- beamte und ein Postbeamter wurden leicht verletzt.
Die nahende Hoch-Saison.
Am Vorabend der neuen Parlamentsperiode.
. (Von unserem Berliner Bureau.)
Berlin, 6. Januar.
Der Wiederbeginn der Reichstagsarbeiten stellt die Regierung vor die Notwendigkeit, dem Seniorenkonvent zu erklären, welche Gesetz es v o r l a g e n sie unbedingt erledigt zu sehen wünscht. Bei der Fülle des Materials und bei der zur Verfügung stehenden knapp bemessenen Zeit ist eine solche Richtlinie unentbehrlich, damit zum Ende der Tagung die Spannkraft der Volksvertreter konzentriert werde auf die Erledigung der wichtigsten Entwürfe: Der Reichsversicherungsordnung, der Strafprozeßreform und des Gerichtsverfassungsgesetzes. Die Schiffahrtsabgabenvor- lage und das Kurpfuschereigesetz können recht wohl dem neuen Reichstag überlassen weiden. Geringe Aussichten eröffnen sich auch einer beschleunigten Durchberatung der Herfas- sungsvorlage für Elsaß-Lothringen. Die Meinungen (schon im Reichsland selbst) über den Regierungsentwurf und die zweckmäßig vorzunehmenden Aenderungen gehen derart auseinander, daß die triftigsten Gründe dagegen sprechen, dem Grenzland das Danaergeschenk einer überstürzten Versassungsresorm auf zudrängen. x
Neigung dazu ist auch (soweit ersichtlich) auf keiner Seite vorhanden. Dagegen hat es die Regierung sehr eilig mit der Erledigung der Zuwachs st euer und der neuen Fer n- sprechgebührenordnung. Wenn die sich heftig sträubende Kaufmannschaft die Pille der Telephonverteuerung, wie es den Anschein hat, schlucken muß. bann wird sie wenigstens überzuckert sein durch gewisse erleichternde Neuerungen auf anderen Gebieten des postalischen Verkehrs. Die Zuwachssteuer wird ja voraussichtlich im Reichstage durchgehen, trotz der Gefahr, in doppelter Beziehung sich zu verrechnen. Einmal hinsichtlich des finanziellen Ertrages der Steuer und dann inbetrefl der Wirkung der Steuer auf dem Grundstücksmarkt, die mit allzu großem Optimismus von der Regierung als eine ziemlich belanglose und vorübergehende betrachtet wird. Die Liste des aufzuarbeitenden Materials -weist dann noch das Hausarbeits-, das Reichsbesteu- erungs- und das Arbeitskammergesetz auf, dessen Schicksal ganz ungewiß ist.
Sonstige kleinere Entwürfe liegen teils vor, teils sind sie angekündigt, so unter anderem das Gesetz über Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit. Für Interpellationen (die fortschrittliche über die Zündholzsteuer kommt gleich zuerst an die Reihe), Initiativanträge und vollends Petitionen wird also in dem Tagungsabschnitt bis zu den Osterferien wenig Raum bleiben. Hohe Anforderungen an die Arbeitskraft der Inhaber von Doppelmandaten stehen infolge der gleichzeitigen Wiedereröffnung des preußischen Landtag es bevor. Dessen Programm enthält zwar keine „sensationellen Nummern", doch interessant (schon int Hinblick auf die Reichstagswahlbewegung, die über den Parteien auch in den einzelstaatlichen Par- lamenten Lichter aufzucken läßt) dürste sich die Session trotzdem gestalten. In der Etatsdebatte und in der alsbald zu erwartenden Interpellation über den Greifswalder Land- ratsprozeß wird es sicher zu scharfen, die Parole von der Sammlungspolitik kräftig ironisierenden patteipolitischen Zusammenstößen kommen. So beginnt sich ein Bild, dramatisch bewegt, von ebensoviel Leidenschaft wie Ar- beitsdrang beherrschten varlamentarischen Lebens aufzurollen: Ein Vorsviel zu dem grimmen Wahlkampf, von dessen Lärm Deutschland in diesem Jahre wiederhallen wird.
-rs-
Rach der Katastrophe.
Die Erdbeben in Zenftalnsien.
(S-P e z i a l - T el e g r a m m.)
Ans Petersburg wird »ns depeschiert: Hier vorliegenden Telegrammen zufolge kam eS gestern in Taschkent abermals zu einer Panik, als in den Abendstunden das schwer heimgesuchte Gebiet durch neue Erdstösse erschüttert wurde. Die bemittelten Bewohner
haben größtenteils die Flncht ergriffen; die Zurückgebliebenen kampieren unter freiem Himmel. In der Stabt Werny find neuerdings mehrere Häuser eingestürzt und haben viele Bewohner unter den Trümmern begraben. Furchtbar ist der Eindruck, den man erhält, wenn man die vielen Irrsinnigen in den Strassen der zerstörten Stadt herumlanfen sieht, die unter dem Eindruck der Katastrophe den Verstand verloren haben. Von den Spitzen des Semirctschje-Gebirges sind mächtige Lawinen ins Tal gestürzt und Felsstürze haben die Gebirgsflüsse streckenweise verschüttet. Das Hilfskomitee in Taschkent und die Behörden sind bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen. Halboftiziell wird gemeldet, dass die Städte Tokmatsch und Rowodmit- v i e r w s k durch das Erdbeben gänzlich zerstört sind. Ans Wladiwostok berichtet ein Telegramm, daß auch die Vulkane aus Japan eine vcrstärfte Tätigkeit entfalten.
Jas neueste Panama.
Ein Bild vom Zarenland.
(Von unferm K o r r es p o n d en t e n.)
Die Enthüllungen, die (wie wir schon telegraphisch berichtet haben) die Revision der Wolga-Bulgulma-Bahn an den Tag gebracht hat, sind die Sensation des Tages. In Rußland ist man zwar (besonders seit den Tagen des Senators Garin) an Rie- senunterschlagungen in den Verwaltungen verschiedenster Art so gewöhnt, daß man von einfachen Betrügereien kein Aufhebens mehr macht. Aber in diesem Falle handelt es sich nicht nur um ungezählte Millionen, sondern auch um eine so freche Ausbeutung des bureaukratifchen Schlendrians, daß das Staunen über die Enthüllungen des Skandals kein Ende nimmt. Wir erhalten über die sensationelle Affäre folgenden Bericht unseres Petersburger A§5-Kor- respoudenten:
Petersburg, 5. Januar.
Die Mißbräuche und groben Betrügereien der Gebrüder Neratow lassen sich in vier Gruppen teilen: Zur ersten gehört die betrügerische Realisation des Aktienkapitals. Bei dieser Gelegenheit hat Reraiow anstatt der Summe von 1 217800 Rubel nur . . . 800 Rubel eingezahlt. Neratow hatte bei diesem Geschäft darauf gerechnet, das ganze Aktienkapital am Lbligationskapital zu verdienen. Das Finanz- minifterium hat der Gesellschaft der Wolga- Bulgulma-Bahn die beispiellos dastehende Konzession eingeräunrnt, ihr Obligationskapftal mit 80 auf 100 im Auslande zu realisieren, unter dem Vorwand, daß sich „der russische Geldmarkt nach dem Krieg noch nicht erholt" habe. Die Leiter der Wolga-Bulgulma-Bahn hofften indessen, einen höheren Kurs zu erzielen, und mit der Differenz das Aktienkapital zu decken. Die zweite Gruppe von Mißbräuchen betrifft die Flüssigmachung des Obligatiouska- pitals. Auch hier haben sich die Gebrüder Neratow einer Reihe offener Betrügereien schuldig gemacht, die dadurch ihren Abschluß fanden, daß sie die Protokolle ihrer völlig ungesetzlichen, nirgends angezeigten Generalversammlung weder dem Finanz- noch dem Wegebauministerium, noch der Reichskontrolle vorlegten. Auf diese Weise waren alle Beschlüsse der Generalversammlung vollständig ungültig, und das Finanzministerium tat so, als wenn es die Schwindeleien nichts angingen. Die Realisierung des Obligattonskapitals geschah in einer ganz unerhörten Weise: Eine kleine französische Provinzbank ließ sich durch die „31 Prozent" verlocken und realisierte die staatlich garantierten Obligatto- nen mit 69 auf 100. Der Direktor der Bank ist neuerdings in der Schweiz wegen großer Schwindeleien verhaftet worden. Der Vermittler der Realisierung erhielt von der Gesellschaft der Wolga-Bulgulma-Bahn für 1 '7z Millionen Rubel Wechsel mit der Unterschrift der Gebrüder Neratow.
Dieses bereits bezahlte Geld wurde als Raub unter Leute verteilt, die mit der Bahn nicht das geringste zu tun hatten. Die dritte Gruppe von Mißbräuchen und Schwindeleien umfaßt die Lieferungen, bei denen eine lange Reihe großer Betrügereien aufgedeckt worden ist. So kaufte Neratow für 1% Millionen Rubel, die et auf betrügerische Weise erhielt, Aktien der Putttowwerke, und wählte sich selbst zum Dtrekior dieses Etablissements. Die letzte Gnrppe bildet der Betrug mit den wertlosen Aktien. Die ganze schmutzige Geschichte kam dadurch ans Tageslicht. daß der staatliche (Silenbahnhübeltot