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Casseler Neueste Nachricht«

Freitag, 30. Dezember 1910.

Wieder ein Liebesdranra. Aus Mainz

Jas Neueste au« kastel.

Wenn der Winter durch die Laude zieht..

ÄS Zwanzig Arbeiter verschüttet. Nach einer Depesche aus E l P a s o (Texas) wurden durch die Explosion eines Dynamitvorrates in der Grube einer Schmelzhütte, die der American Zunge Smelttng and Refining Company gehört, 20 !Sr ee= «Arbeiter verschüttet. Man befürchtet, daß viele von ihnen getötet worden sind.

Wünschen, von bunten Träumen und krausen Gedanken. Aber bei denen draußen im Lande, in der hessischen Flur, gibsss noch viele, die sich nach Vorväter Weise in Winternächten in । Träume einspinnen und ihre eigene Welt leben- big werden lassen.

Und wenn dann die Winternacht gar zu lange dauert und immer noch keine Stürme ihr Ende künden, dann wird in ihnen die Sehnsucht wach, die uralte Sehnsucht der Vä- ter nach Licht und Sonne, nach dem Stern des Südens in dunkler, nordischer Nacht, die zwi­schen Traum und Tag heimlich lebendig wird

Man schreibt uns aus Paris: Bekannt­lich hat der der Spionage verdächttge W-'Ä'd"Ä, äiw es seinerzeit der unglückliche Drehfus erleiden'einen Selbstmordverinck »rSm», , 9 .. - erieymen.

ulußte. Uffttto verbüßt seine Strafe auf der Teufelsinsel, jenem gräßlichen öden Eiland, das alljährlich nur zweimal von einem Regie- nmgsdampfer besucht wird. Nun schildert in einem französischen Journal Monsieur Val- derac, Schiffsarzt des Regierunasdampfers, den Eindnlck, den er von Ullmo während seines Besuches auf der Insel empfing.

Leutnant Otto Lange, dem Führer des verunglückten Ballons „Saar", gehört haben.

äs Tas neueste Eisenbahn-Unglück. Wie aus Paris telegraphiert wird, stieß auf dem Bahnhof von Cholet ein von Angers kom­mender Personenzug mit einer Ran- gierlokomotive zusammen. Fünf Zug- bedienstete und fünf Reisende, durch­weg Soldaten, wurden verwund:t, da­runter mehrere schwer.

Politische Chronik.

Der Landtagsabaeordnete für den Wahl­kreis Königsberg 4, v. S a u ck en - L o sch en Ams.) ist auf seiner Besitzung Gomthenen g e - st o r b e n.

. «r Wieder ein Lwbesdranm. Aus Mainz Das alte Jahr geht sanft zur Neiae imh etKrämer hat nun in seinen letzten Tagen noch gebracht, er ffiOR «eine lAeliPNrt» ittth horttttn I u.:« «... <____ - .. ~ H

Sie Politik der Zages.

Das Messina-Drama im Parlament. Aus Rom wird berichtet: In der gestrigen Sitzung des Senats gedachte Mortara des Unglücks, das vor nunmehr zwei Jahren über Messina und Reggio di Calabria hereingebrochen sei, und gab seiner Freude dar­über Ausdruck, daß beide Städte aus den Trümmern wieder erständen. Ministerpräsident Luzzatti betonte, die Mittel, die von der Regierung für die heimgesuchten Gegenden zur Verfügung gestellt wurden, beliefen sich auf einige hundert Millionen.

cS> Die Memoiren des Spions. (Privat- Telegramm.) Das Belgrader Blatt „Po- lttica" fährt in der Veröffentlichung der Memoiren des S p i o n s W a s i t s ch fort und veröffentlicht jetzt photographierte Briefe Wasitschs. In den Memoiren wird weiter festgeftellt, daß die Fälschung von Doku­menten vom März bis zum Juni dauerten und in der Wohnung des österreichischen Diplomaten Swientohowsky vorgenom­men wurden. Wasitsch spionierte im Auftrag des Grafen Forgach und verkehrte mit den Gesandtschaftsbcamten Tiefenbach und Swien­tohowsky.

S> Die Studenten von Odessa. Wie aus Petersburg gemeldet wird, haben die Kadetten in der Reichsduma eine Inter­pellation über die Studenten­unruhen in Odessa cinaebrackt, in der be­hauptet wird, daß Akademiker (die mit Namen ausgesuhrt werden) in einer Versammlung im Audttormm geschossen hätten, zunächst gegen die Decke, dann auf mehrere hundert unbewaffnete Studenten. Ein Student sei schwer verletzt worden, dennoch seien die Tät-r mcht verhaftet worden. Die Universitä's- beborde habe die Vorgänge falsch dargestellt, und der Stadthauptmann habe eine Klar­stellung verhindert.

Wie aus Madrid telegraphiert wird, be­schlossen die Arbeitervereinigungen von Barcelona, die gestern an einem Meetrng der Kohlenauslader des Hafens teil­nahmen, für heute den G e n e r a l st r e i k, falls der Konflikt bis 12 Uhr nachts nicht beendet ist. Die Zahl der Mitglieder der Vereinigung be­tragt 12 000.

Meldungen aus Konstantinopel zu- folge hatdietürkischeKammer nach hef­tiger Debatte einen Antrag der Volksparteiler, die Negierung wegen der Verhaftung von Redakteuren der demokratischen und sozialistischen Organe zu interpellieren, ver­worfen.

Aus Konstantinopel wird von einem neuen Kampfe gegen die Drusen bei Kerak berichtet. Die Drusen, die in die lucht geschlagen wurden, verloren 450 Tote und Verwundete; 600 Mann ergaben sich. Die türkischen Truppen hatten 84 Tote und Ver­wundete.

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auch diese nur in fefit beickränri-m ber Tatra wird gemeldet: Vier Touristen mach-

Abends, wenn die Sonne sinkt und eine leichte |-6" ^on.*a9 Ausflug, bei dem einer

Brise vom Meere her etwas Kühlung Bringt erlitt. Die Gesell-

sitzt er am Sttande und zeichnet mit einem $5^, F1/?*^16 el”s Lagerstätte aus Schnee Stäbchen Figiiren in den Sand krause sinn-1 "Usgesandte Rettungs­lose Linien. Sein Aussehen hat sich sch'reckttch L“fb b£l Verunglückten in einem

verändert. Wer ihn vor dem Prozesse kannte 1SKeter tiefen Abgrund mit zertrüm- den starken, vor Gesundheit strotzenden Ossi- A°/160^ Schädel. Er hatte wahrscheinlich .i., '..-L 1'.^ Ulvvenoen L-ssl- wett« gehen wollen und war dabei abgestürzt.

,einen Selbstmordversuch. Krämer Wurde Vr- Den kalten'hatten Win te? mtthS Re« 9QTteL» " und klingendem Frost. Dezembertage: Der

ÄSTod durch Gasvergiftung. Aus Erfurt Deutsche hat sie immer geliebt, die Tage, an wird uns gemeldet^ Jur städtischen Kranken- denen die Sonne fern ist und Winterdunkel die

us am Lindenweg sind in per vergangenen Erde deckt. Sie sind so recht nach seiner Art-

Frauen infolge von Gasvergif->Jn stillen Stunden Träumen nachzuhängen ß estorben und zwei lebensgefährlich über Sein und Werden und Geschehen, über

errranir. Heute und Gestern und den ewigen Wechsel,

ÄS Selbstmord int Untersuchungsgefängnis, daß er das Wesen der Dinge ergründe und es Aus München wird gemeldet: Im Unter- licht werde in ihm mitten im Winterdunkel suchungsgefängnis hat der 35jährige S ch l o s- Wenn im verschneiten Fichtenwald die alten ser Hirschgat, der wegen Diebstahls ver- Bäume krachen und brechen und in Eis und hastet worden war, Selbstmord durch Er- Einsamkeit kein Laut lebendig wird als das hangen begangen. Knallen der Eisdecke über Flüssen und Seen,

äs Im Bett verbrannt. Aus Beuthen bie lm Frost bersten, daß die hungrigen Ra< -meldet: In der Wohnung des Berg- bert erschreckt auffliegen und über schneever. r in Miechowitz war Ahte Felder.streichen: Dann sitzt sich's be-

®cbein6nr hat sich der Verurtellte in sein Schicksal ergeben, wenigstens hört man von ihm nur selten ein Wort der Klage, und er verbringt den Tag zumeist in stumpfem Dahinbrüten. Da er nicht gezwungen wird zu arbeiten (die hohe. ,,lua -oeuroeni! - y-— —o.u-

Temperatur macht den Körper matt und hin- wird gemeldet: In der Wohnung des Berg- |ben erschreckt auffliegen und über schneever. dert an wgltcher Bewegung) so ist die Haupt- manns Pastella in Miechowitz wat tocbte Felder streichen: Dann sitzt sich's be- quäl für ibn d:e ungeheure bleierne Langweile. Feuer ausgebrochen. Nachbarn, die dies be-1 ''4a«lich in kleinen dunklen Stuben, in den tief- Ringsum Totenstille auf der kleinen Insel, nur merkten, drangen in die Wohnung und lötoten tierfiSneiten Häusern, in die kein Laut dringt, unterbrochen vom leichten Geräusch der Wellen, den Brand; im Bette fand man die völlig unb die wie ausgestorben scheinen in der wei- und vom Himmel brennt unbarmherzig die verkohlte Leiche Pastellas. ten, Weißen Einsamkeit.

^.'1rhrA4niLk^ro!„r,®tra-6len'^ erbarmungslos I ~ Das Drama des Verschmähten. Der I, Wie eine verwunschene Welt, durch die ge- C Hoffnung tötend. 25jährige Fabrikarbeiter Plomer in heimnisvolles Leben geht, liegt dann das 4»n-nrr er an den Regensburg verletzte seine Geliebte!2anb' wenn die toten Dinge hn Froste singen durch eine bm, §^^6 sind durch zwei Revolverschüsse lebensge- Uud klirren und knistern. Wir Alle wünschen

A^e,,«s1»«ner l6eJ e ? rfrla^Ifc~e onem- jährlich und erschoß- sich dann, selbst Der Iben Winter Mit wirbelndem Flockentanz und

er. selbst rm Falle daß Grund zur Tat ist verschmähte Liebe. Die Tat klirrendem Frost und tief verschneiten Wegen,

XC.rt.-^ltr,-en ^lsen wurden, ereignete sich auf dem Wege nach Waldsassen weil wrr die dunklen Stunden lieben und die

m Gr4tnb-^nler rwei Leute L Der Ueberzieber im 9Heer Einem 4'- stillen Tage, in denen der laute Lärm der Welt

",2? »»««-". di- Nmmß"»'-"!»"« b-"d?i'(»'aSb‘v> t5mmc"> »»d Träum,». Wir in d-, SlaM

1,1 5 auf bo§ strengste untersagt, mit Mtt^ttn nördl Rreit7 und o Krov freilich werden dieser Art immer fremder und

n2lr Wort zu cf gänqe einen ara?en ^leVAS wollen kühl und nüchtern nichts wissen von b^ "b^wen Qua- En grauen Ueb erzieh er ^m warmen Herzen und seinen törichte«

len noch zur Pein eines ewigen Schwei- ssusgemcyl. >?n oen Laschen befanden sich ne-'— -- - ■ — - - -

gens verdammt ist. Die Hütte des Gesänge- ""deren klemen Gegenständen zwei weiße nen ist außerordentlich dürftig ausgestattet- F?fl^ttl^5.6t,'8 OezeicknetO. L. Es unterliegt eine Holivritsche. die auf Boden von Lebm ^einelp Zweifel daß diese Gegenstände dem steht, ein Tonkrua und ein Tisch, der gleichfalls . ........— —-----°

hockst primitiv znsammenoezimmert ist; sonst Nickts. Doch halt? Beinahe wäre eine Klei- niakeit veroessen worden: • Etwas hat man Ullmo erlaubt,mitzunehmen: eine Photo­graphie seiner Geliebten, die eiqent- lick fein Schicksal verschuldete, und dieses be­reits ein wenig verblaßte Bildchen hängt, mit einer Stecknadel festgesteckt, an der Wand.

Kr. 88. — L Fayrgang,________

»der weniger durch den verstorbenen Prinzen »ufgebaut worden. Es wird allerdings nie­mand behaupten können, daß der Konzem übersichtlich organisiert wäre, oder auch nur eine bestimmte Richtung der Ausdehnung ver­folge.

Gerade in den letzten Tagen war davon b^ R^e, daß der Konzern außerordentlich große Mittel nötig habe, um sich aufrecht erhal­ten und allen Verpflichtungen gerecht werden zu können. Auch scheint den beiden Fürsten Hohenlohe und Fürstenberg ttotz ihrer riesigen privaten Mittel die Geldbeschaffung nicht ge­rade leicht geworden zu sein, und die Verbin­dung, die sie zur Deutschen Bank haben, ist auch nicht so fest, wie ursprünglich angenom­men wurde. Auffallend ist in diesem Zusam­menhänge, daß die jungen Aktien der Hohen- kohewerke, die bei der Kapitalserhöhung und Ablösung der Rente geschaffen wurden, sofort zum Börsenhandel eingeführt wurden, trotzdem in Aussicht gestellt worden war, daß sie nicht in den Verkehr kommen würden. Es kann da­her bezweifelt werden, ob das finanzielle Wir­ken des Prinzen Hohenlohe erstklassig ge­nannt werden kann: Bei vielen Transaktionen scheint es fast, als ob andere Motive ausschlag­gebend gewesen seien, als nur die Suche nach vorteilhafter Kapitalanlage. Die Schnelligkeit, mit der beispielsweise der provisionslüsterne Herr Knöpsermacher zu seiner einflußreichen Stellung gelangen konnte, wirft kein gutes Licht auf dies System; aber immerhin: Karl von Hohenlohe war ein großzügiger Fi­nanzmann und sein Tod hat eine Lücke gerissen, die man im internationalen Wirtichaftsleben noch lange spüren wird. Dr. H. Z.

Uer, und jetzt diese blasse, magere und schlot­ternde Jammergestalt sieht, muß auf das tiefste ergriffen werden. Schrecklich war der Klang seiner Stimme, als er mit den Besuchern einige Worte wechselte. Sie llang so rauh und kräch­zend, als wäre sie eingerostet, und die ? lallte: Sie war des Sprechens nicht mel, ivohnt. Als die Besucher sich verabschiedeten, rief Ullmo ihnen von ferne nach: „Grüßen Sie. mir Frankreich, grüßen Sie mir Frankreich'" Feuer in der Kaserne. Aus Paris und schwere Tränen rollten ihm über bie toi,tb depeschiert: In Compitzgne brach Wangen ,, ' -w. gestern in der Kaserne des 54. Jnfanterieregi-

- ments Feuer aus, das insbesondere die Uni-

w ... ™ ,, ., , formen und Waffenmagazine einäscherte und

Die Mettermch-Affare. Hierzu wird 12000 Gewehre vernichtete^

. Ein Telegramm aus Teheran be-1

richtet: Man erwartet für heute den Rücktritt ÄS Dte Metternich-Affäre.

beä gefamten Kabinetts, nachdem be- uns weiter aus Berlin mitgeteilt: In ber | ~ witm in gnu ,

re-ts am Mittwoch der Minister des Aeußern Angelegenheit des Grafen Wolff-Metternich ist L o n d o n telearavbiett wird

hatte, offenbarim Zu-! außer dem Kommissar von Manteuffelauch I Feuersb^nst^die^Le "etto arknfabrik

Zustände im SüdVEns91016 u6ei bie ber Angeschuldigte heute vernommen worden, der Gebrüder Leon in der City Die 500

Zustande rm «uden Persiens. Der nunmehrige alleinige Verteidiger des Angestellten, die sich im Gebäude befanden

--------- Grafen, Rechtsanwalt Dr. Walter Jaffe, hat entkamen, mit Ausnahme eines bejahrten den Antrag gestellt, eine schleunige Kon- Krüppels, der in einem Hintcrzimmer ver-

Slßltpa hnm Tnnp ftontation zwischen dem Angeschuldigten brannte.

uvm »UJJU und dem angeblich geschädigten Oberleutnant

Der Gefangene der Teufelsinsel. Deckhaus herveizuführeu. Der Verteidiger und keitdesGrafensich erweisen werde.

3m Rebel.

Von Frau H. Bohrmanu.

Der Krankenwagen mit seiner kleinen be­wußtlosen Bürde versckwand langsam hinter den Nebelschleiern, während das große rote Auto die so jäh unterbrochene Fahrt auf ein äeichen des Polizisten fortfetzte, der in dem igentümer des Kraftwagens den berühmten Parlamentsredner erkannt hatte. Das hernm- stehende Publikum starrte wie gebannt auf die bezaubernde junge Frau, die so besorgt sich nach den Verletzungen des kleinen Kindes er­kundigt hatte und in deren dunkeln Locken die Diamanten funkelten; ein kostbarer Pelzmantel lag über den zarten Sckultern und verbarg die Dinertoilette, deren seidene knisternde Schleppe wie eine sckaumgekrönte Woge zu Füßen der zwei Insassen lag. -

Nach einigen Minuten, während deren in dem jetzt viel langsamer fahrenden Auto eine drückende Stille herrschte, sagte endlich die junge Frau: „Bei so dichtem Nebel — Kinder sind mitunter gar zu unvorsichtig, jedenfalls trifft Joseph nicht die geringste Schuld."

Ihr Mann antwortete nicht, seine Empö­rung raubte ihm die Sprache; während jeder Nerv an ibm noch bebte, konnte sie so rubig sprechen, als wäre nicht das geringste vorge- fallen.

Während des Diners hörte er zerstreut auf die Reden seiner Tischdame; immer wieder glitt sein Blick über das Gesicht feiner Frau, das er über einem Blumenkörbe mit roten Rosen schweben sah. Sie erzählte ihrem Nachbar die Ursache ihrer Versvätuna: Ob wob! Joseph abermals von aller Schuld freiaesprochen ward? Umsonst suchte er nach einer Svur von Erregung in dem schönen Gesicht, nicht der leiseste Zug hatte sich darin verändert.

Er war so stolz daraus, daß seine Frau ein so tadelloses Produkt modernster Zivili­sation fei: kühl und verbindlich, aber anschei­nend ohne jegliches tiefere Gefühl schien sie wie geschaffen für die Stellung, die ei ihr geben konnte. Nach der in seinen Kreisen herrschen­

den Ansicht hatte sie eine geradezu bewunde­rungswürdige Gleichgültigkeit bei dem unlieb­samen Zwisckenfall zur Sckau getragen. Aber . . . es war doch ein Kind verletzt wor­den, ein kleines Gescböpfchen mit goldenen Locken, das die Maschine zu Boden gerissen... konnte eine Frau ungerührt bleiben bei sol­chem Anblick?

Ganz leise fingen bittere Zweifel an in ihm auftusteigen. Das kurze Jahr ihres Ehelebens hatte ihnen beisviellose aesellsckaftliche Erfolge gebracht, aber ihr häusliches Leben war nickt wie er es ermattet: Da gab es keine traulichen Plauderstündchen am Kamin, wie er sie so oft so gerne mit seiner Mutter gehalten und nach denen er sich so sehnte. Er sah nur zu klar, ihre Wege ainaen immer weiter auseinander, ihre beiderseitigen Interessen waren nicht mehr dieselben.

Zweifellos hatte der durch den Nebel ver­ursachte Unfall seine Nerven irritiert, möglich auch, daß er in letzter Zeit zu angestrengt ge­arbeitet, jedenfalls batte cr gerade heute abend das Gefühl, als drücke ihn eine Last zu Boden . . .

Er mußte sich Zwang antun, um nickt durch ungebührliche Hast auf-usallen, als er sich von den Gastgebern verabschiedete; seine Frau war mit mehreren anderen Damen schon vor ihm zu einer Soiree gefahren, bei der sein Erscheinen nicht absolut notwendig !var, und mit einem Seufzer der Erleichterung schritt er durch die stillen Straßen seinem Heim zu.

In seinem Arbeitszimmer brannte, wie immer, Lickt, aber arbeiten konnte er nicht, er zündete sich eine Zigarre an, und warf sich in reinen bequemen Sessel. Seltsam unruhig, un- znftteden fast fühlte er sich, und immer wieder flogen seine Gedanken einige Stunden zurück und beschäftigten sich mit dem verunglückten Kinde, ob es wohl schwer verletzt worden? Er wollte doch im Hospital anfragen . . . sei­ner Frau fiele das gewiß niemals ein.

Sein ganzes warmes Empfinden lehnte ich gegen die Hcrzenskälte seiner Frau auf... es war ihm unfaßlich, wie er es noch weiter an der Seite eines solchen eifiaen Charakters

aushalten könne; jetzt, wo sein Herz gebiete­risch nach einem liebevollen und liebenden Weibe verlangte. Und wenn er nun zu ihr ginge und sagte: „Ich kann dieses leere Da­sein nicht weiterführen, ich will Ruhe und ein btschen warmes Glück haben, ich will deine Lie­be..." was wäre wohl dann? Sie würde viel­leicht leise lächeln, ihre braunen Augen sähen ihn erstaunt an, wäbrend sie sagte: „Sei nicht kindisch" ... ja! gewiß fände sie ihn höchst unbequem, stellte er solche Ansprüche an sie. ■

Er sprang auf; es litt ihn nicht länger im Hause; scharf klingelte er dem Diener, daß die­ser ihm eine Droschke besorge und fuhr dann nach dem Hospital. Der schläfrige Portier konnte oder wollte zuettt keine Auskunft geben, besann sich jedoch, nachdem er einen prüfenden Blick auf den späten Besucher geworfen, eines Besseren und rief eine Schwester herbei. Diese ettannte ebenfalls den berühmten Parlaments­redner und bemühte sich, ibm die gewünschte Auskunft zu geben. Der kleine Junge hatte keine lebensgefährliche Verletzung erlitten, viel­leicht würde der gnädige Herr sich felbft davon überzeugen; es sei allerdings gegen die Vor­schriften, aber es ließe sich doch Wohl einrichten.

Der List trug sie beide aufwärts und oben nahm ihn eine zweite Pflegerin in Empfang. Stumm folgte er dieser in einen großen Saal, an einer Reihe kleiner Betten vorbei bis zu einem, das teilweise durch einen Wandschirm verborgen war. Die Schwester bedeutete dem Besucher, er möge hinter den Sckirrn treten. An dem Bettchen saß geduldig, mit gesenktem Haupte, eine Frauengestalt und sah auf das blasse Kind, dessen verbundenes Köpfchen auf ihrem nackten Arme lag, von dem der schwere Mantel geglitten.

Wortlos starte der Mann aus das rührende Blld, dann ging ein Zittern durch feine große kräftige Gestalt. In demselben Augenblick sah seine Frau ihn lächelnd an . . . ihm war, als sähe er tief in ihre Seele, die so warm und son­nig aus ihren Augen leuchtete. „Er schlief ein, während ich mit ihm sprach," flüsterte sie, „es ließ mir keine Ruhe, ich mutzte nack dem Klei­nen leben... Du bist dock nickt 6ßfe?*

Er konnte nur stumm den Kopf schütteln. In ihm jubelte und fang es vor grenzenlosem Glück: Er hatte die Seele, die er suchte, ge­funden — — — — _____

Kleines Feuilleton.

tSd Die Kaiser Wilhelm-Stiftung. Die Konstttuierung der Kaiser-Wilhelm-Gefellfchaft zur Förderung der Wissenschaften, deren Grün­dung bei der Berliner Universitätsseier von Allerhöchster Stelle in Aussicht genommen wurde, wird sicherem Vernehmen nach in der ersten Hälfte Januar stattfinden. Sie soll mit einem Vortrage des Wirtlichen Ge­heimen Rats Professors Dr. Emfl Fischer in der Wohnung des Kultusministers verbunden werden, dem auch der Kaiser beizuwohnen ge- dentt. In den letzten Monaten ist dem Kultus- minifteriitnt noch eine Reibe weiterer Be- reiterklärungen zur Beteiligung an dem großen Unternehmen aus den verschiedener Teilen der Monarchie und aus den verschieden­sten Berufskreisen zugegangen.

Die Karriere der „Walküre". Die z w e i- hundertsteAufführung, die die „Wal­küre" dieser Tage in der Pariser Großen Oper erlebte, gibt Robert Brussel Gelegenheit, einige Erinnerungen an die „Karriere" der „Walküre" zu veröffentlichen. Er fchreibt: Am 12. Mai 1893 erschien die „Walküre" zum er­stenmal auf der Affiche der Großen Oper. Pe­dro Gailhard, der nach Lamoureux den „Lohen- grin" „gewagt" hatte, „Wagte" auch die „Wal­küre". Die Rollenverteilung War glänzend: van Dyck fang den Siegmund, Rose Caron die Sieglinde, Mlle. Bröval die Brünnhilde, Mme. Dechamvs-Jehin die Fricka, ©reffe den Hunding und Delmas schließlich (was er heute noch ist) einen prachtvollen Wotan. Edouard Colonne dirigierte das Orchester. Dieser hatte schon am 29. Januar 1882 den „Walkürenritt" zwei Jahre später Pasdelouv zum erstenmal ..Wotans Abschied" zu Gehör gebracht, wäh­rend Lamoureur 1886 erstmalig den ganzen er­sten Akt der „Waftüre" gab. Am 22. Mai 1893, dem 80. Geburtstage Waaners. erlebte die