R-. 20. — 1. Jahrgang.
düng vor Anker liegenden Dampfer ,Bal- tique". Letzterer wurde so schwer beschädigt, daß er binnen wenigen Minuten sank. Sechs Mann der Besatzung, die in ihren Kabinen schliefen, sind umgekommen. Die übrigen konnten sich retten und wurden an Bord des „Fiuland" ausgenommen. Sie reisten später von Antwerpen nach Vliffingen, Ueber die Ursache des Zusammenstoßes ist noch nichts bestimmtes bekannt; es herrschte weder Sturm noch Rebel und an Bord des „Fmland" hatte fünf Minuten vorher der Flußpilot seinen Dienst ausgenommen. Drei Mann der Besatzung des .Baltic", ein Küchenmeister, ein Koch und ein Heizer konnten sich, nur mit dem Hemd bekleidet, retten. Die Reeder des „Finland" batten dem Kapitän befohlen, nach Southampton zu dampfen und dort ins Trockendock zu gehen. Der Umfang der Beschädigungen des „Finland" ist noch nicht bekannt. Die .Baltic" hatte 165 To. Wasserverdrängung und gehörte einer Antwerpener Gesellschaft.
Ein weiterer Unfall ereignete sich am ersten Feiertag im Hofen von Antwerpen: Ter englische Dampfer .D'Alrazan" stieß mit dem Dampfer .Zoe" zusammen; letzterer wurde durchgeschnitten und sank innerhalb weniger Sekunden. Personen sind bei dem Unfall glücklicherweise nicht zu schaden gekommen.
Sie Politik der Lager.
tS3 Deutschland als Versöhner? (Privat- Telcgramm.s Aus Petersburg wird uns berichtet: In hiesigen diplomatischen Kreisen hat man die Ueberzeugung, daß man auf deutscher Seite tatsächlich eine freundschaftliche Annäherung zwischen Oestercich-Nngarn und Rußland herbeizuführen bestrebt ist. Die bevorstehende Reise des österreichischen Gesandten Grafen Bertold nach Berlin soll hiermit in Zusammenhang stehen. Man ist der Ansicht, daß der Graf als künftiger Minister des Acuß ern Oesterreich-Ungarns zu betrachten sei. Gleichzeitig verlautet hier in diplomatischen Kreisen, daß auch zwischen Berlin und London eine Verständigung über die politischen Fragen schon erfolgt fei oder unmittelbar bevorstehe.
tä3 Die versöhnten Professoren. Aus Berlin wird uns berichtet: Der Konflikt zwischen den ordentlichen Professoren der Nationalökonomie an der Berliner Universität Ludwig Bernhard und Max Sehring ist durch Vermittlung des Kultusministers in den Weihnachtstagen bei gelegt worden. Beide Professoren gaben Erklärungen ab, deren Inhalt sehr entgegenkommend ist, und womit der Zündstoff als beseitigt gelten darf. Durch dieses Einvernehmen ist Professor Bernhards Stellung an der Berliner Universität im Interesse unserer größten deutschen Hochschule gesichert und die gleichsam „unter dem Wcihnachts- baum" zustande gekommene Versöhnung wird sicher allgemein mit Freuden begrüßt werden.
Die Verschwörung der Camorra. (S p e- zialtclegramm.s Nach einer Meldung des „Paris Journal" aus Rom entdeckte die Polizei ein von der Camorra vorbereitetes großzügiges Komplott, das die Befreiung von cinunddreißig Anhängern der Vereinigung bezweckte, die sich gegenwärtig in Präventir in Haft befinden. Das Komplott sollte zur Ausführung gelangen gelegentlich der Ueberführung der Verhafteten nach Viterbo, wo den Verhafteten der Prozeß gemacht werden sollte. Die Polizeibehörden weigern stch energisch, Aufklärung über die Einzelheiten des Falles zu geben, es sind fibet u mfas - sende Maßnahmen getroffen worden, nm Zwischenfälle zu verhüten.
ö3 Ein Tag im Türken Parlament. (Telegramm.) Depeschen aus K o n st a n t i n - o p e l zufolge kam es dort am Samstag in der Kammer zu einem sehr erregten Zwischenfall zwischen dem Minister des Innern
Casseler Neueste Nachrichteck
und dem Präsidenten der Sanitätskommission, dem Iungtürken Ismet. Der Minister nannte Ismet einen Gauner, worauf dieser mit Beschimpfung erwiderte. Die Sitzung mußte abgebrochen werden. Heute wird in einer Konferenz des jungtürkischen Komitees der Minister des Innern die Ausschließung Ismets sowie anderer Deputierter, die sich an den Lärmszenen beteiligten, verlangen. Sollte sein Antrag nicht durchgehen, dann wird der Minister seine Demission einreichen.
S3 Ein politisches Attentat? (Spezialtelegramm.) Aus Los Angelos kommt die Meldung, daß die dortigen Metallurgischen Werke durch eine Dynamit-Er- p l o s i o n vollständig zerstört worden sind. Die Ursache der Explosion konnte bisher noch nicht festgestellt werden; wie man allgemein annimmt, handelt es sich aber um ein Attentat, da es in letzter Zeit unter der Arbeiterschaft des Werkes bedenklich gärte, und die Annahme naheliegt, daß seitens der erregten Arbeiterschaft ein Anschlag gegen das Werk verübt worden ist. Die Erregung der Arbeiterschaft ist auf Lohnstrcitigkeiten zurückzuführen, die schon vor einigen Monaten einmal zu Ausschreitungen gegen die Betriebsverwaltung geführt haben.
Politische «hrouik.
Aus Wien wird uns berichtet: Wie von unterrichteter Seite versichert wird, erfolgt die Rekonstruktion des Kabinetts, das abermals nur einen provisorischen Charakter haben wird, unmittelbar nach Neujahr. Finanzminister soll der Gouverneur der Postsparkasse, Dr. v. S ch u st e r, werden.
Depeschen aus San Domingo zufolge kam es zwischen Truppen von San Domingo und Haiti, die wegen eines Grenz st rcites abgesandt worden waren, zu einem Zusammenstoß, bei dem mehrere Mann getötet wurden.
Ein Telegramm meldet uns aus Lissabon: Der Untersuchungsrichter hat gegen mehrere ehemalige Gouverneure und Administratoren des portugiesischen Credit soncier sowie mehrere ehemalige Deputierte und Senatoren Haftbefehle unterzeichnet. Tie Angeschuldigtcn sind indessen nach Hinterlegung einer Kaution auf freiem Fuß belassen worden.
Der Redakteur des Kristeligt Dagblad in Kopenhagen, Matthiefen, wurde vom Kriminalgericht wegen Beleidigung des Prinzen Harald in Artikeln seines Blattes und wegen Ausspionierens des Privatlebens des Prinzen zu vier Monaten Ge- f ä n g n i s Verurteilt
In Dubai am Persischen Golf sind Unruhen ausgebrochen. Ein englischer Kreuzer hat eine Truppenabteilung gelandet, die auf Widerstand stieß, wobei vier Matrosen getötet und neun verwundet wurden. Die Verluste der Araber werden auf 40 Mann angegeben.
•Reues vom Tage.
„Madames" Memoiren.
(Von unserem Korrespondenten.)
Aus Paris wird uns geschrieben: Es ist nun gerade ein Jahr vergangen, seit die Pariser Assisen die „rote Meg" sreisprachen und ihr die Tore des Gefängnisses öffneten. Frau St e i n h e i l, die in dieser Zeit wieder neue Eroberungen in England gemacht haben soll, kehrte vor kurzem nach Frankreich zurück und erstand in der allernächsten Nähe von Paris eine idyllisch gelegene Villa, wo sie nun nach den Strapazen ihrer Englandreise ausruhen und wahrscheinlich wieder aufs neue einen „offenen Salon" eröffnen will.
Die „rote Meg" ist nämlich trotz ihres Balsaealters keineswegs eine häßliche Fran zu nennen. Wußte sic doch bereits eine romantische Affäre mit einem Arzt zu „entrieren" und den jungen Kliniker derart in ihre Fesseln zu ziehen, daß er
bereit ist, sich von der „toten Meg" die Fesseln Hymens auferlegen zu lassen. Doch Frau Steinheil versteht es sehr geschickt, für sich Reklame zu machen und hat dieser Tage eine Broschüre erscheinen lassen, in der sie über die „Enthüllungen des Dramas im Jmpasse Rosin" ganz neue, eigenartige Momente dem sensationslüsternen Pariser Publikum aufzutischen versteht. Sie erzählt, wie sie das Opfer des anormal veranlagten Steinheil wurde, der von ihr Sachen verlangte, vor denen ihre weibliche Scham zurückschrak. Steinheil fei ein ganz anormal veranlagter Menfch gewesen, der sehr nahe Beziehungen zu einer Reihe verbrecherischer Elemente unterhalten habe, und wahrscheinlich auch diesen Beziehungen zum Opfer gefallen sein wird. Frau Steinbeil schwört in dieser Verteidigungsschrift, daß sie an dem Morde ihres Gatten und ihrer Mutter unschuldig sei und nur sagen könne, daß das Rätsel des Dramas im Jmpasse Rosin eines Tages gelöst werden würde. In den nächsten Tagen gedenkt Frau Steinheil übrigens int Pariser „Journal" ihre Selbstbiographie zu veröffentlichen, in der sie auch Enthüllungen politischer
Natur verspricht. -fs-.
XX Die gestörte Abend Unterhaltung. In der Wohnung eines Berliner Musikdirektors gerieten am Sonntag abend bei kine matographischen Vorführungen Films in Brand. Durch Stichflammen wurden vier Personen verletzt, darunter eine so schwer, daß sie dem Krankenhause zugeführt werden mußte.
™ Die Tragödie des Kommissars. Einem Privatielegromm aus Aachen zufolge ist der dortige Polizeikommissar S ch u st e r u i s, der sich vorgestern in einem Berliner Pensionat durch einen Revolverschuß schwer verwundete, seinen Verletzungen erlegen. Wie jetzt bekannt geworden ist, sollte Sck. erst am 31. er. aus dem Aachener Polizeidienst ausscheiden, war also bisher noch nicht außer Diensten. Ob seine drückenden Schulden oder andere Gründe zu dem Verzweiflungsschritt geführt haben, ist noch nicht ermittelt.
XX Ein Drama am Heiligabend. Meldungen aus Bern zufolge wurde dort am Weihnachsheiligabend von unbekannten Tätern ein 70jähriges Greisenpaar namens Hirschi in seiner Wohnung ermordet und beraubt. Um die Spurden des Verbrechens zu verwischen, wurde die Wohnung in Brand gesteckt. Die Polizei glaubt, den Tätern auf der Spur zu fein.
rx Panik in einer Kirche. Aus Baden bei Wien wird depeschiert: Während des Hochamts in der hiesigen Pfarrkirche löste sich vom Plafond ein Stück des Gesimfes ab und stürzte in das Kirchenschiff, ohne jedoch jemanden zu treffen. Trotzdem entstand unter den Andächtigen eine Panik alles drängte nach den Ausgängen. Schließlich gelang es aber einigen besonnenen Personen, die Ruhe soweit herzustellen, daß die Kirchenbesucher die Kirche verlassen konnten, ohne ernstliche Verletzungen erlitten zu haben.
«x Die verhafteten Juwelen-Diebe. Meldungen aus Antwerpen zufolge verhaftete dort die Polizei ein Ehepaar, das bei einem nm 16. Oktober ausgeführten Diebstahl Juwelen int Werte von 16 500 Mark entwendete, von denen der größte Teil bei dem verhafteten Ehepaare aufgefunden wurde. Die Verhafteten hatten einen Teil des Raubes in Antwerpen verkauft.
~ Mailand im Dezember Nebel. Nachrichten aus Mailand zufolge sind infolge des Nebels zahlreiche Unfälle zu verzeichnen. Sieben Personen stürzten tns Wasser, drei sind ertrunken, lieber 60 Personen sind infolge von Zusammenstößen mit Wagen oder durch Eisenbahnunfälle verletzt worden. Bei Porto Victoria stieß ein Personenzug mit einem Güterzuge zusammen, wobei zwei Personen getötet und 15 verletzt wurden.
Zwei Gattenmorde. Ans B i e l i tz wird telegraphiert: Der 50jährige Grundbesitzer Johann Kieczka in Janoviez erschoß am
_______ Mittwoch, 28. Dezember 1910. IWeihnachtsheiligabend seine Gattin IÜI liane, mit der er am Tage vorher beim Bezirksgericht Biala eine Sühneverhandlung int Ehescheidungsverfahren hatte. — In Mikuszo wice bei Biala erschlug nachts der Wein schenket Miendzibrodzki seine Gattin, ein, dem Trünke ergebene Frau.
Ä Rach eine Grube« Explosion. Eine Depesche aus Rom bringt die Meldung, daß sich in San Giovanno Valsarno eine Grubenex. ploston ereignete, infolge deren ein Teil de- Kohlengebirges ein stürzte. Dei Schacht ist verschüttet, jedoch sind Menschenleben nicht zu beklagen. 200 Familien sind durch den Unfall brotlos geworden.
x Die Cholera auf Madeira. Ein Telegramm aus Lissabon berichtet, daß sich na<* einer amtlichen Statistik über die Cholera auf Madeira die ersten Fälle der Krankheit am 14. November zeigten. Die Cholera nahm dann allmählich zu bis znm 9. Dezember, wo 31 Erkrankungen gemeldet wurden. Bis zum 18. Dezember, an welchem Tage kein Fall zu Verzeichnen war, ließ die Cholera wieder nach. Am 19. Dezember wurden zwei Erkrankungen feftgefteöt. Die Regierung trifft wegen der Cholera für alles, was aus Madeira kommt, ständig die strengsten Maßregeln.
«r Verhängnisvoller Irrtum. Aus Barcelona wird berichtet: In einem Gefängnis in Figneras haben sich in der letzten Nacht zwei Patrouillen in dem Glauben, daß Gefangene einen Ausbruch versuchten, gegenseitig beschossen, wobei ein Korporal getötet und zwei Soldaten verwundet wurden.
~ Verbrennungstod dreier Kinder. Eine Depesche aus Pottendors in Niederösterreich meldet: Während das Ehepaar Krabek von Haufe abwesend war, spielten die drei Kinder des Ehepaares im Alter von 2 bis 6 Jahren mit Z ü n d h ö l z e r n. Die Betten, in denen die Kinder bereits lagen, fingen Feuer, und als die Eltern nach Hause kamen, sanden siealledreiKindertot auf.
Spaso Kragujevic unschuldig? Spas» Kragujevic richtete, Nachrichten aus Budapest zufolge, aus dem Zuchthause einen offenen Brief an das Publikum, in welchem er erklärt, das Opfer eines Justizmordes zu fein. Nach Verbüßung seiner Strafe werde er den Beweis erbringen, daß nicht er, son- dernvornehme Mitglieder der Wiener G e s e l l scha ft den Mord, wofür er bu- ßen müsse, verübt haben und daß diese Personen sich schwere Sittlichkeitsverbre- chen hätten zuschulden kommen lassen.
Die Eiffelturm Station für drahtlose Telegraphie. Aus Paris wird berichtet: Präsident Fallieres hat am Sonntag btc neue Station für drahtlose Telegraphie auf dem Eiffelturm eingeweiht in, Gegenwart des Kriegsministers und der Offiziere, welche der Station zugeteilt worden sind. Ter Präsident beglückwünschte die Offiziere zu dieser neuen wichtigen Station.
XX Ein verbranntes Spital. Eine Feuersbrunst zerstörte (nach aus Paris eingegangenen Meldungen) das Spital von Gravennne.. Das Feuer war in einem Schuppen ausgebrochen und verbreitete sich infolge des starken Windes mit unheimlicher Schnelligkeit. Der Feuerwehr gelang es rechtzeitig die. Kranken - zimmer zu räumen und die Kranken in benachbarte Gebäude zu bringen. Zwei ^lugel bce Spitals sind vollständig niedergebrannt. Per- fonenunfätte sind nicht zu beklagen.
xx Die Tragödie einer Ehe. Eine Depesche aus Paris meldet: Im Stadtviertel,Popm- conrt feuerte ein Elektriker in einem Anfall von Eiferfucht einen Revolverschuß gegen seine Frau ab. Diese wurde am Kopfe schwer verletzt und fiel ohnmächtig zu Boden Der Gatte, in der Meinung, er habe ferne t<ran getötet, schoß sich alsdann eine Kugel tn den Kopf und war sofort tot.
XX Stürzende Felsen. Aus Gibraltar kommt die Nachricht, daß ein mehrere Tonnen schweres Felsstück gestern abstürzte und mehrere Verkaufsbuden zertrütnmerte, die jedoch glücklicherweise wegen des Wech- nachtsfestes verlassen waren. Personen mH
Sie Hutschachtel.
Novellette von Silvester Frey.
Arnold lehnte sich aus dem Kupeefenster.
„Ist denn hier ein längerer Aufenthalt, Schaffner?"
„Nur wenige Minuten . . . Das heißt: so genau läßt sich das nicht sagen! ... Je nachdem der Zug aus Thüringen, der jenseits des Bahnsteiges hält, mehr oder weniger Passagiere abliefert!"
In eben dem Augenblick ging eine Dame vorüber.
„Alle Wetter, ist die hübsch'."
So waren Arnolds Gedanken. Allein er dachte sie so laut, daß sie bestimmt von der Dame gehört werden mußten.
Sie wandte keinen Blick zurück. Jedoch ihre Wangen übergoß tiefes Rot — das fah der sonst so wohl erzogene junge Mann deutlich, der sich darüber spitzbübisch wie ein kleiner Junge freute.
Ein Gepäckträger, befrachtet mit einer Anzahl von Reifeftücken, ging suchend die Ku- pees ab.
Vor dem, wo Arnold seinen Platz hatte, blieb er stehen, stieg ein und lud ein Stück nach dem andern in das Netz zu oberst des Sitzes, der sich gegenüber dem des jungen Mannes befand.
Dabei hatte Arnold nicht bemerkt, daß die Dame von vorhin in das Kupee getreten ist.
Er machte ehrerbietig Platz, aber sie nahm nicht diemindeste Notiz von ihm, musterte mit sicherem Blick die Gepäckstücke und entlohnte den Bringer, fetzte sich auf ihren Platz und las aus einem Buche, das sie einem Poupodour aus Silberfiligran entnommen.
reichlich Mühe, sein Gegenüber so diskret wie irgend möglich zu beobachten.
Er dagegen wird keines Blickes gewürdigt.
„Da habe ich was Schones angerichtet!" ägte sich Arnold. „Während der ganzen so weiten Reise lechzte ich ordentlich nach einem Abenteuer. Und jetzt, wo sich endlich einmal die Gelegenheit bot, mußte ich die Dummheit begehen, es von vornherein unmöglich zu machen! Aber wagen will ich's doch . . ."
„Vielleicht darf ich Ihnen meinen Platz anbieten! Sie bekommen Zugluft! Oder wünschen Sie, daß ich das Fenster schließe?"
„Keine Antwort."
Da der Wind geradezu stramm hereinbläst, hält Arnold es für geboten, trotzdem das Fenster zu schließen. Dabei kann er nicht umhin, einen Blick auf das Buch zu werfen. Und da er scharfe, gesunde Augen hat, liest er:
„Romeo und Julia auf dem Dorfe!" . . . „Wie beneide ich Sie, daß Sie ein so herrliches Buch mit sich führen! . . . Gottfried Keller ist nämlich mein Lieblingsautor!"
Statt jeder Erwiderung rückt sic so weit weg, daß künftig der Einblick in ihre Lektüre unmöglich ist.
Ärnold beißt sich ärgerlich auf die Lippen. Die Gelegenbeit, ein Gespräch anzuknüpfen, ist, das leuchtet ihm ein, unwiderbringlich geschwunden.
Plötzlich fiel die große Hutschachtel aus dem Netz und streifte Arnolds Rase.
Ein leiser Schrei tönte von den Lippen der Dame.
„Oh Gott, Sic bluten ja!" bebaue:t ;te, erschreckt hinzueilend.
„Pa, es ist nichts", erwidert Arnold, der eben sein Taschentuch auf die Wunde pressen will.
Toch sie kommt ihm zuvor, indem fic das
Ter Zug setzte sich in Bewegung.
Die Dame ist wirklich bildhübsch . . . das findet Arnold von neuem. Aber diesmal hütet er sich, es laut zu denken. Ja, er gibt sich ihre benützt.
Ein seines Parfüm strömt Arnold entgegen. Behaglich zieht er den Duft ein. Gleichzeitig fühlt er, wie Finger, so zart wie die einer Elfe, sich auf feiner Stirn zu schaffen machen.
„Vielleicht tragen Sie etwas Englisch Pflaster bei sich?"
Arnold nestelt seine Brieftasche auf und entnimmt ihr das Gewünschte.
Beglückt verfolgt er mit den Blicken jede Bewegung feiner schonen Helferin. Wie sie das Stückchen Taflet, nachdem er sich geweigert, es zu benetzen, an die Lippen führt und anfeuchtet, schließlich auf die blutende Stelle legt und die Hand daraus ruhen läßt, bis es trocken geworden.
„Wie gut Sie sind!.. . Und wie ich Ihnen danke!"
„Nein ich — ich muß Sic noch um Verzeihung bitten," nimmt sie heftig das Wort. ... „Wie durste der Gepäckträger auch die schwere Hutschachtel gerade Ihnen zu Häupten auf das Retz legen! . . .
Und sie sprachen. Von Büchern und Menschen. Von Theater und Musik. Von der Landschaft, durch die sie das Dampfroß dahintrug.
Sie sprachen . . . Und er ward inne, eine wie echt frauenhafte Denkweise hinter jener ernst-heiteren Stirn wohnte. Während sie mit einer Freude, über die sie sich nicht Rechenfcbaft abzulegen vermochte, merkte, daß die so fröhlich dreinschauenden Augen des ihr gegenüber« sitzenden Mannes sich immer tiefer in ihr Herz stahlen.
Arnold fad die feingeformte Hand, die vorhin so lindernd auf feiner Stirn geruht. Dabei überkam ihn ein Verlangen, diese Wonne nochmals zu durchkosten —
„Das Pflaster ist ja abgesallen!" sagt die Dame. „Halten Sie still, wir müssen ein neues auslegen."
Glückselig, zugleich heimlich lächelnd, bietet er die Stirn dar.
Rach kurzer Zeit war das Pslaster wieder verschwunden. Aber diesmal wurde, Arnold dabei erwischt, wie er's eben mit verstohlener Geste herunter riß.
Die Dame hob drohend den Finger: , „Wenn Sie unfolgsam sind, muß ich mein Samariterwerk einsiellen!"
„Bitte, bitte!" „ ....
„Run denn . . . noch dies eine Mal!^
Damit sie bequemer hantieren könne, streift sie jetzt auch noch von der Rechten den bisher bergenden Handschuh.
" Arnold jubelt auf.
„Was haben Sie?" fragt sie erstaunt.
"Ich ... o, ich sehe, daß Sic zwei Trau- ringe tragen! Sie sind also Witwe!"
„Und darüber freuen Sic sich, daß ich einen solchen Verlust erlitten!"
„Jawohl! . . . Unbändig! . . . Denn daS besagt, daß Sic frei sind!" .
Sie errötet . . . Tiefes Schweigen . . . Dann erwidert sie, indem sie sichtlich mit sich
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„Aber wir haben sehr glücklich gelebt. Vor allem: Wird auch der, dem ich die Hand zum neuen Bunde reiche, mir Gewähr bieten, daß sie nunmehr einem in der Tat Würdiger gehört?" .
Sie fragt es mit zitternder stimme.
Er beugt sich vor und erfaßt ihre Hand . . . die fri schöne, icblanfftngrigc Hand, die er (und sie läßt es geschehen!) ehrfurchtsvoll an seine Lippen führt: .
„Das verspricht er in treuem Gelöbnis . . . Die Probezeit — die bestimmen Sic fei der! . . . Rur bittet er, sie möglichst kurz zu bemessen! Denn das Glück, das Sie ihm in Aussicht stellen, werden Sie ihm verdenken, daß er sich darauf sehnt, es zu fassen und aus- rukosten? . . . Vorläufig (das gesteht er Ihnen» ist er aus Rand und Band vor Freude! Die ganze Wett möchte er umarmen! Voran natürlich Sie und alles, was Ihnen zu eigen. ~oaar diese . . . Hui schachtelt"