Sonntag. 25. Dezember 1910.
Casseler Reuestc Nachrichten
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Richard Schultz seine Kräfte an einem Orte zusammen und ist der Maim der Konzentration, des gewaltigen, von einer und bei* selben Stelle ausgehenden Plakateffetts. Er erklärt sich zum Herrn der gesamten .Behren- ftrafce*. Er reckt die Front seines Theaters aus, macht aus dem .Metropoltheater* den »Metropolpalast* und hängt seinem Bühnenhaus einen Luxustempel von zwei Stockwerken und sieben Fenstern Länge an. Die drei Teile dieses prunkvollen Ganzen sind der .Konzeripalast*, in dem man dem großen Publikum preiswerte und volkstümliche Musik anbieten wird: Der .Pavillon Mascotte*. in dessen üppigem, rotgoldenem Bett die Gemüse von Küche und Keller besonders gut eingeben Werden: und das .Palais de Danse", das unmittelbar neben Konzerthalle und Restaurant, sozusagen zum Deffert. den unbeschränkten Blick in die reich geschmückten Bacchanalien des Berliner Nachtlebens sreistellt.
Um zwölf Uhr nachts steht, zwischen dem Vorsaal des »Palais de Danse" mit seinen blutig roten Brokatwänden, durch deren Flächen sich schüchtern die Linien weißer Leisten hindurchtasten und dem Hauptsaal, gerade unter der Naffung eines gelbseidenen Gobelinansatzes, die Mauer der Zuschauer. Zwischen den schwarzen Schulten! der Frack- träger lassen sich die geschniegelten Köpfe der Frauen sehen: Unter den flachen Deckeln der Riesenhüte, den plumpen Pelzkappen, von denen die Reiherfeder in kühn-steller Linie ansteigt oder die Lockemrester unter zierlichen Brokatkäppchen bergend: unter Venetianer- mützen aus flirrendem Perlengeflecht, unter breiten Turbanbändern, aus denen die Locken- spirale Wie ein kunstvoll ziselietter Turm aufsteigt, und beim Niederblick in den Tanzsaal henkt man: .Meverbeer-Kaulbach-Makari*. Man fühlt, Wie (unhörbar) die amouröse Musik der einleitenden Tarmhäuser-Szene drtrch den Raum gleitet: auf den Schultern singender Geigen- und lüsterner Harfentöne. Man versteht, wenn der Akkord dieses Gesamtbildes aufrauscht, daß in dem Sensitiven an dieser Stelle Energien, Vorsätze, Lebensmaximen zer- sct-melzen können; man deutet nachträglich manches »Drama" ans der Notizenrubrik der Berliner Zeitungen. Eine blaßbraune, niedrige Onvxbalusttade umschließt das fleine Tanzbrett, dem die Paare über den satttoten Läufer der Estrade abwärts entaegenschreiten. Der hochgewölbten Kupvel des Raumes ist mit Hun- detten zu einem Ganzen vereinigter Kristalllampen ein diamantenes Geschmeide eingesetzt, und in seiner Mitte gleißt der Klumpen des
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Berlin, 23. Dezember.
w-fa Vaterland muß größer fein.* Der ^-..'»stV«twarb Schultz, Vorstand des ^vr^ttovoMe^erS* in der Behrenftraße, dieses '^^Berliuer Austzattungs-
r 8 das den Modus der Pariser übernommen Hal und den Besuchern d^uttchMHMptstadt den Wein aktuell- ^f^t^rrnduurbern-lokaler Couplets, S^ncst und Ballets in den GeMen einer aE< Raffinements der Farbenwirkung Inszenierung vorsetzt, hat neulich Aufmerksamkett des großen Publr- S biad) einen guten Geschäftstrick erregt. Sreab man sonst die Zahlen einer Düanz im stille« Kämmerlein zu entschleiern ulleat (.man weiß wohl, warum*, heißt es in b'm alten Studentenlieds, hat der Direkwr mit benx banal klingenden Namen und der Hans Makart-Seele bie so pompös wie seine Balletaufzüge wirkende, sechsstellige Ziffer seines lasten Jahresreingewinns öffentlich zur Diskussion gestellt. Er hat den unter den Trümmern der Derfluer Theatermtssre wimmernden Dttektionskollegen mit diesem Einblick in feinen Aassensökank gewiß feine sympathische Weih- «achtS-Neberraschuug bereitet: Und er hat auch dem Kunstfreunde nur ein neues Kapitel über jene Vingst bekannte WeiShett vorgelesen, die davon erzählt, daß man dem Berliner heilte nur noch mit üppigen Dekorationsprunkstückeu nnb verkflüffeuden Dühneuangenweiden, nicht ab« mit Sunstgleichem und Knnstähulichem materiellen Tribut abzwtngen kann.
Aber Dttettor Schultz Hai diese Situation zugleich auch zu sehr praktischen Konsequenzen umgemünzt: Er taxierte sehr richtig, daß der Ruf des .Metropoltheaters* -u Berlin als Anrüsterstätte größten Stils heute fest genug begründet ist, um noch mehr Besucher an sich zu fesseln, aI8 sie für eine Serie von 800 ausverkauften Häusern (durch diese nicht gerade .hohle Gaffe* bewegt sich die Saisonlaufbahn der genannten Ausstat- tnngSbühne fett Jahren) in Betracht kommen. Kurz: Wenn nufere Warenhäuser ihre Filialen hier und dort in den Hauptstraßen ausstreuen, wenn eS ihr Prinzip ist, dadurch zu wirken, daß ste an den verschiedensten Plätzen der ReichS- hauptstadt immer an sich erinnern, so ballt
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Kohinoor, sein silbernes Licht ausstreuend über die Purpursessel und die Goldstühlchen: über den ganzen Spiegelscheibenbombast ä la Versailles und über die gedämpfte Koloristik der Rokoko-Mythologien an den Wänden.
Jetzt stirbt das Deckenlicht ab, oder besser: Es wird weicher, müder, schaltet nur die Schärfen seiner Reflexe aus, und spinnt Menschen und Dinge in ein Gewebe von träumerischem Weinrot ein, dem eine Welle von zartem Lila folgt. Man denkt an blaue Nächte, eingerahmt von südlichen Meeren, erhellt von den Sternen, die sich als Silberpünktchen im schwarzblauen Wasser spiegeln. Schon aber schrickt das Lichtgeschmeide an der Saalkuppel wieder aus seiner Ruhe empor, steht wieder gleißend und flirrend an seinem weißen Horizont und wirft sich mit besonderer Lust auf ein neues Bild: Auf die Gruppe der Musiker, die in ihren goldbordierten, brennendroten Lakaienfräcken in Helligkeit schwimmen. Unten, hinter der Balustrade, schleppen durch Zigarettendunst und Weinbrodem die Kellner Bündel, Stapel und'Haufen von Sektflaschen. Und auf allen Tischen hinterlassen sie einige dieser schlankhalsigen Flaschen mit dem Silber- oder Goldkäppi, die ihre Feuerseele aus- Nrömen müssen, um die Arbeit von Bild und Farbe zu vollenden, und die, wenn ihr heißer Atem von Anderen aufgesogen ist, immer neuen Kameraden Platz machen, einer unendlichen Flaschenprozession ad. maiorem volup- tatis gloriam. Gewiß: Man könnte an dieser Stelle daran denken, daß dieser Bouteillen- aufmarsch ein Vermögen repräsentiert. Man könnte Schlüsse, ziehen, sozial und bitter werden. Aber da prickelt zugleich mit dem Schaum einer neuen Flasche im Orchester die schleifende Weise eines „Two etep* auf . . und man denkt nicht mehr an die Weltordnung und nicht mehr an andere höchst beschwerliche und höchst langweilige Angelegen- heften, sondern nur an die bestrickende, faszinierende Buntheit des Augenblicks.
D.ie Tänzer und Tänzerinnen wagen sich heute nur recht zage auf das Tanzparkett. Aber das wird anders werden, wenn man erst »unter* sich ist, nicht aber unter der Kontrolle der »Weltdamen*, die am Eröfftmngs- abenbe in Scharen gekommen sind, um ein paar Bonbons Unmoral und ein paar Pfefferkörner Jndecenz zu naschen. Die Mondänen tun ja gewiß alles Mögliche, um in Haltung, Tracht und Geste, mit einem etwas stärker als gewöhnlich akzentuierten Lachen, mit schwimmenden Blicken und dem Billigen gewisser Dinge, die man an anderer Stelle nicht zulas-
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fen würde, den Schwestern aus der Bar, der Chorgarderobe und den Ballhäusern heute recht ähnlich zu fein, schon um die Konkurrenz zu schlagen. Aber die Herren, die übrigens (eben well Damen und nicht nur »Damen* da sind) heute ganz entgegen der Vorschrift des letzten Chik ohne Zylinderhüte auftreten, tragen doch Bedenken, angesichts der „gnädigen Frauen* mft Mieze, Franze. Hede zu fraternffieren. So stellen sich zunächst meistens zwei der hübschen Mädchen miteinander zum Tanze auf, wenn sie die flott vorwätts chassterende amerikanische Marschweife von dem Sektbecher und der Zigarette fortruft. Die eine rafft die Schleppe, gibt sie der Kollegin in die ringgeschmückte, rosig manikürte Hand, schlingt selbst den rechten Arm um bie Hüfte der Partnerin und führt diese in einer Bewegung, die mehr ein Trippeln, Hüpfen, Marschieren als eine Vereinigung edler, gelöster Körpergesten ist, vorwärts und zurück, vor- wärts und zurück, mit strengen, finiteren Blicken, die eher auf eine schwere seelische Sorge, als auf die Beschäftigung mit einer Lustbarkeit hinzubeuten scheinen.
Erst nach Mitternacht wagt sich ein Kavalier über den Kreis der Genierlichkeit hinaus. Eine blidhübsche Person, deren Sezessionsfigur von dem prall anliegenden, tiefgrünen, gaze- dünnen Seidengewebe so eng umspannt ist, wie von einer Schlangenhaut, lehnt fick feit an ihn. Sie rückt den grünen Riesenhut zurecht, unter dem ( von grünem Sammetband gehalten) der Tuff der Empirefrisur wie eine kurze Keule hervorragt, wirft den platten Pelzmuff mitten durch den Saal einer Freundin zu und lupft die Keine, raschelnde Schleppe über dem zarten grünen Seidenstrumpf mit einer Grandezza, die sie beim Vater Droschkenkutscher in der »Siefen- sttaße* kaum in der Wiege gefunden haben dürfte. Das wirkt wie ein Alarmrnf. denn mit einem Male ist das Tanzparkett uberfat von Paaren. Flimmernd und summend kreist das Demantlicht der Decke plötzlich über einem zitternden, wild sich bewegenden Feld von Köpfen, von glattnefcbeitelten und kurzgricho- renen Gentlemansrisuren. von exzentrischen Topfhüten und edel-Misterten Rembrandts, von grünen, blauen, gelben, roten fßleumfen» ranken, von Fassons & la Dame und 4 la .Dämchen*. Und die aufreizende Botschaft: »Man tanzt* pflanzt sich auch durch die Vorsäle fori, bis dorthin, wo am Saume der lauferbe» pflasterten Marmortteppe hinter ben blanfetl Glastüren bie lichtblau uniformierten Domestiken Spalier stehen itnb immer neue Nachtvögel in den jetzt laut belebten Taubenschlag des Tanzhauses einlassen. . . .
Walter Turszinsky.
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