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Der Liebe Rot.
Von Horst Bodemer.
(Nachdruck verboten.)
1. Beilage.
Sonnabend, 24. Dezember 1910.
„Unternimm bis Weihnachten nichts, Heinz, ich will wahrscheinlich schon bald zu Onkel Reuter nach Frankfurt fahren, dann be-
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Die Schwester ergriff herzlich seine Hand. „Lreber Heinz, sei nicht traurig, Fred und werden dir in deinem Kampfe verstehen, uns nur alles !"
„fcat mir schon sein Herz ausgeschüttct." ihr Mann vom Wagen herunter, is ja nicht so schlimm. Grctelein!"
„Gott sei Dank!"
suche ich dich in Straßburg, — Vielleicht schon Ende November!"
Mitte Oktober war jetzt, gut — so lange wollte er noch mit sich kämpfen und dann versuchen den Vater umzustimmen , wenn er nickt mrt sich fertig werden sollte. Fred und Grete rieten rhm auch zu ,cs so zu halten.
, , Als er abreiste, um Onkel Reuter zu besuchen, war er ruhiger geworden.
IX.
Klara Herbart wurde täglich bleicher, die dunklen Angen größer und größer, ihr sonst so elastischer Gang hatte etwas Müdes bekommen. Die sorgenden Blicke Oberamtmanns taten ihr weh. Auch die waren stiller geworden. Wenn sie die Augen der guten Rühlings auf sich gerichtet fühlte, kam eine nervöse Unruhe über sie. Wenige Tage nach Heinz' Abreise hatte sie ein- mal zur Frau Oberamtmann gesagt:
.Bitte lassen Sie mich fort von Wernsdorfs ich gehe hier zugrunde!"
Da hatte aber die mütterliche Freundin energisch geantwortet:
.Soll ich vielleicht das Kind meiner nuten Else m ihrer Herzensnot im Stiche lassen?"
Und die vorwurfsvolle Frage hatte bei Klara Herbart einen Tränenstrom ausgelöst.
Der Oberamtmann war dazugekommeu, hatte seine Hände auf ihre zuckenden Schultern gelegt und ernst gesagt:
„Fräulein Klara, wir wollen mal deutsch miteinander reden, vielleicht tue ich Ihnen jetzt sehr weh. aber glauben Sie mir, was ich Ihnen nun Vorschlägen werde entspringt lediglich der Absicht, Ihnen eine feste Position im Leben zu verschaffen, nicht der Sorge um Heinz, den zwing ich schließlich noch, meinen Willen zu respektieren, der Junge wird sich schon jetzt durchringen, Sie können ihm den Kampf er* leichtern. — wollen Sie?"
Ob sie wollte. — ob!
.Also geben Sie mir vor alleri Dingen eine ehrliche Antwort. Sehen Sie ein, daß Werns- dorf mittellose Leute nicht erhalten kann?"
Ia. das sehe ich ein, Herr Oberamtmann!"
„Sie glauben mir aufs Wort, daß es nicht möglich ist. wie die Verhältnisse nun einmal liegen, — ich denke dabei auch an meine Tochter, — Sie als Schwiegertochter lediglich der pekuniären Lage wegen, selbstredend, willkommen heißen zu können?"
.Auch das glaube ich Ihnen aufs Wort!"
„Freut mich, daß Sie so vernünftig sind! Es muß also, ein Ausweg geschaffen werden, der sie beide über die böse Zeit schnell hinweg- bringt, sonst nimmt das Elend kein Ende, — zugegeben?" ;
.Ja, Herr Oberamtmann!"
„Nun will ich erst mal ein bische« weit ausholen, aber nochmals, weder web tun, will ich Ihnen, noch Sie aus Wernsdorf hinausekeln!"
„Das weiß ich, Sie und Ihre Frau Ge- mahlm sind ia so gut zu mir!"
(Fortsetzung folgt.)
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Schwager warf einen prüfenden Blick auf ihn. „Schieß los, in einer guten halben Stunde sind wir to Gogulkowo!"
„ „ Da erzählte Heinz die ungeschminkte Wahrheit und schlog mit den Worten:
.Sie hat mein Wort und ich bin nicht der Mann dazu, einem Mädel Raupen in den Kopf zu setzen — ich werd' es auch halten!"
Wackerbarth zog die Augenbrauen hoch, das war mal eine verfluchte Geschichte, da mußte vorsichtig vorgegangen werden, sonst konnte es einen schönen Krach geben. Er dachte nach, was er antworten sollte.
Heinz sah seinen Schwager gespannt an, und als der keine Worte fand, sagte er bitter:
.Du stehst natüttich auf Vaters Seite» !"
.Nur nicht krätschig werden, lieber Heinz, so etwas will überlegt sein — oder dachtest du vielleicht, ich ginge mit Pauken und Trompeten m dein Lager über?"
»Nein, Fred!"
»Sta also! — Ich kenne doch Vaters V«r- haltuisse wie dre meinen; sag' ich dir glatt Nein, wirst du wütend, und hörst du von mir ein Ia, ich leg' mich für dich in die Riemen, so wirst du mir mit Fug und Recht antworten: Lieber Fred', werd' einer mit dem Vater fertig, wenn ich ihm für meinen Beruf, den ich aufzugeben gedeme, nicht einen anderen, ehrenwerten, nach weisen kann, der mich pekuniär sicher stellt, daß ich heiraten kann! Stimmt es?"
.Allerdings, Fred!"
„Also müssen wir das alles mit unserem | Gretelein m Ruhe bebrüten!"
.Wird sie's auch nicht zu sehr aufregen?" ,I wo, die is nicht von Pappe und, mein lieber Heinz, die Wahrheit muß man vertragen können, auch du, sonst kommt man auf seinem Erdenspaziergang unter den Schlitten!"
Das klang nicht gerade tröstlich für den verlrebten Leutnant.
Da zeigte Wackerbarth mit der Peitsche nach rechts vorwärts.
.Gogulkowo, unser Nest, hier geht mein Grund und Boden an, nochmals willkommen bei deinen Geschwistern, mögest du hier deine Ruhe miebet finden, — so oder so, — Gott legt uns oft eine Last auf, aber er hilft sie uns auch tragen!"
Stumm drückte Heinz dem Schwager die Hand
Er war enttäuscht. Elende Hütten, schmutzige Leute und das „Herrenhaus" war auch nur so, so, wie man in Pommer» sagt.
Fred sah seinem Schwager die Gedanken von der Stirn und lachte.
.Hattest dir wohl die Klitsche etwas anders vorgestellt, Heinz? Auf der Photographie macht sich so was besser als in Wirklichkeit. aber glückliche Leute wohnen unter dem alten Dache, denen die Arbeit im Schweiße ihres Angesichtes gut bekommt!"
„Und das bleibt die Hauptsache — Herrgott, wenn ick nur so zugreifen könnte und Klara an meiner Seite, ich fragte nach der ganzen Welt nickt!"
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Sie legte ihren Arm um des Bruders Schulter, so gingen sie dem Herrenhause, zu. —
Die Tage gingen und kamen, Briefe von den Eltern und aus Frankfurt trafen ein, Onkel Reuter erholte sich langsam. Heinz aber war außerstande, einen definitiven Entschluß zu
Der gute Wackerbarth versuchte ihm allmählich beizubringen daß er den Gedanken, Klara Herbatt zu heiraten, aufgeben sollte, aber noch immer war er auf den heftigsten Widerstand gestoßen.
„Ihr kennt in eurem Glücke nicht mit mir fühlen, ihr wißt nicht, was es heißt — entsagen. da habt ihr gut reden!"
Es war für Wackerbarths oft recht schwer, die richtige Antwort zu finden.
Heinz' Nerven waren gespannt bis zum äußersten, Fred versuchte ibn abzulenken, er schlug ihm vor, in der Nachbarschaft Besuche zu machen, aber auch davon wollte Heinz nichts wissen.
„Laßt mich meine Wege gehen!"
Am liebsten blieb er allein, ging mit der Büchse über die Schulter durch die Felder, aber das Wild hatte Ruh vor ihm, er hing seinen Gedanken nach. Immer näher und näher kam der Tag seiner Abreise und noch hatte er sich LU keinem Entschlüsse aufraffen können, da kam, ungefähr eine Woche vor Ablauf seines Urlaubes. ein Brief von seinem Vater, in dem stand:
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Der Schwager antwortete nicht darauf, im stillen aber dachte er:
Ich hätte den guten Jungen für reifer gehalten, — schade!
Grete war ihnen bis ans Hoftor entgegen- gegongen. Mit einem Satze war Heinz vom Wagen, aller Unmut war für den Augenblick verflogen.
„Schwesterchen."
Und ehe sie nur ein Wort des Willkommens erwidern konnte, hatte er sie abgcküßt.
Fred lachte.
.Nicht so stürmisch, mein Junge, die Polacken sperren schon Mund und Nase auf und denken, du willst mir mein Weibchen auffressen!"
Da ließ sic Heinz los und sah ihr in die blauen Augen, — bis auf die Seele. Ia. sein Schwesterchen ist glücklich, — Gott sei Dank! Langsam wandte er den Kopf zur Seite und dachte: Ich hab's gewollt — ihr Glück, nun muß ich drunter leiden.
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Ms der Zug in die kleine Station Anin einlief, stand der lange Wackerbarth auf dem Bahnsteige.
.Hallo, Heinz", rief er freudig, .da schlag einer lang hin vor Freude für uns, Grete erwartet dich mtt Sehnsucht, fahren wollen wir, was die Riemen halten, sonst ktteg ich ein heiliges Himmelkreuzdonnerwetter von meiner Eheliebsten, das hat sie nämlich von unserm guten Vater gelernt — das Schimpfen!"
Er klopfte seinem Schwager auf die Schulter und lachte laut.
Der fand nicht gleich die richttgen Wotte und stottette ein paar Sätze zusammen; Grütze von den Eltern und dgß er und Grete sein plötzliches Kommen nicht verübeln möchten.
.Oho, verübeln, fteucn tun wir uns, und wenn was nickt in Ordnung, so werden wir's schon wieder einrenkcn, Teufel nock mal, sind doch Männer, die packen das Schicksal bei den Hammelbeinen und behalten ruhig Blut. Nimm dir nur kein Blatt vor den Mund, hab' deshalb den Kutscher zu Hause gelassen, damit du mich orieuttreu kannst, denn unserer Grete dürfen wir in ihrem Zustand jetzt nickt zu forsch kommen. wirst's begreifen können!"
Da gab Heinz seinem Schwager nochmals die Hand.
.Natürlich. Fred, natürlich! — Geht's ihr denn sonst gut?"
„Will ich meinen, leben wie ein paar Turteltauben zusammen und sind gesund und munter, und wenn mal ein großer Aerger kommt und der ist bei dem polnischen Gesindel, mit dem wir arbeiten müssen, nichts Seltenes, so gibt's mal 'n Krakehl, weil Grete noch zu autmütig ist, aber der dauert nicht lange, bald ist wieder holder Friede, süße Eintracht! Ja, ja, mein guter Heinz, wir leben hier in Posen, nickt in Pommern, höllisch kämpfen heißt's bei uns, denn die Polacken wollen's nicht anders haben, sie sehen in uns nicht die Kulturbringcr
sondern die Feinde!"
Wackerbarth warf dem Manne, der bei den Pferden stand, ein paar Nickel zu. für die er sich demütig bedankte: Heinz' Koffer wurde aufgeladeu, die kleinen Pferdchen zogen an, Fred knallte mit der Peitsche, im scharfen Trabe trippelten sie los.
.'ne ganz besondere Rasse, diese polnischen Sckinder, kommen aber mit ihren kleinen Beinen von der Stelle, sollte es gar nicht denken!"
Heinz nickte stumm.
flu beiden Seiten der ausgefahrenen Landstraße dehnten sick die Sturzäcker, über die ein kalter Ostwind blies. Am Horizont war ein langgezogencr Kiefernwald sichtbar. Die ganze Gegend sah entsetzlich trist aus. Heinz' Stimmung wurde dadurch nicht gehobener. Sein