Einzelbild herunterladen
 

Wr. *8. — f. SeWtwewg.

®sffefet Neueste Nachrichte«

Sonnabend, 84. Dezember 1910.

Strafmildernd kommt in Betracht, daß die An» zellagten Ausländer find, daß sie im Interesse ihres Vaterlandes handelten. Es ist selbstverständlich, daß ein deutscher Reichsangehöriger viel schärfer wegen Landesverrats bestraft werden muß, als wenn das Verbrechen von einem Ausländer Began­gen worden ist im Interesse seines Vaterlan­des. Es ist ferner zu erwägen, daß die An­geklagten nicht den Versuch unternommen ha­ben, einen Deutschen zu bewegen, ihnen Beihilfe zu leisten. Eine langjäh­rige Zuchthaus st rafe, wie ste das Gesetz in erster Reibe vorschreibt, wäre nicht am Platze, sie würde die Existenz der Angeklagten vernichten. Es empfiehlt sich also, den An­geklagten mildernde Umstände zu be­willigen Trotzdem kann auf die große Trag­weite der Verbrechen die Festungsftrafe keine geringe sein. Ich beantrage deshalb gegen beide Angeklagte jesechsIahreFestung.

Die Angeklagten bemerkten auf Befragen des Vorsitzenden, daß ste nichts weiter zu sagen hätten. Darauf zog stch der Ge­richtshof zur Beratung zurück. Als die Türen zur Urteilsverkündung wieder geöffnet wur­den. tvar der Andrang des Publikums gerade­zu beängstigend. Gegen halb fünf Uhr nach­mittags " erschien der Gerichtshof und unter gespanntester Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer verkündete der Vorsitzende, Reichsge­richtspräsident Dr. Menge

das Mell des Reichsgerichts:

in dem es beißt:

Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß die Angeklagten Aufzeichnungen und andere Gegenstände aufgenommen haben, die im Interesse der Landesverteidigung geheim zu halten waren. Der Gerichtshof hat sich den Ausführungen des Herrn Oberreichs­anwalts angeschlossen, daß das Gesamt­ergebnis in Betracht zu ziehen ist. Die Angeklagten haben zweifellos eine große Anzahl Sachen aufgenommen, bereit Bc kanntwerden eine große Gefahr für unseren Küstenschutz in sich schließt. Dagegen hat der Gerichtshof der Ansicht beS Herrn Oberreichsanwalts nicht beitreten kön­nen, daß bie Angeklagten ihre Ergebnisse bereits nach England gesandt haben. Es ist mithin nur der Versuch des Verbre­chens im Sinne des 8 1 des Spionagege- setzes vom 3. Juli 1893 für vorliegend er­achtet worden.

Bei der Strafzumessung ist erwogen worden, daß den Angeklagten mildernde Umstände nicht zu versagen sind. Andererseits ist der große Schaden, der durch die Handlungen der Angeklagten entstehen konnte und vielleicht auch entstanden ist, strafschärfend in Betracht gezogen worden, In Erwägung alles dessen hat der Gerichts­hof gegen jeden Angeklagten auf vier Jahre Festung erkannt, wovon zwei Monate auf die Untersuchungshaft zu rech­nen sind. Außerdem ist beschlossen worden, .sämtliche bei den Angeklagten gefundenen Zeichnungen, Notizen, Photographien, Meb apparate usw. einzuziehen. Die K o st e n des Verfahrens fallen den A n - geklagten zur Last.

Die Angeklagten nahmen das Urteil mit großer Rühe entgegen und unterhielten sich nach beendeter Sitzung noch längere Zeit mit ihren Landsleuten, die in größerer Anzahl im Saale anwesend waren. Die Verurteilten wurden dann ins Saalgerichtsgefüngnis zu- tückgesübrt und werden, wenn das Urteil be­stätigt ist, sofort einer der preußischen Festungen im Osten der Monarchie zur Strafverbüßung überwiesen werden.

- -rp-- *

„Mit dem Ergebnis zufrieden".

(Telegraphische Meldung.)

Aus London meldet uns ein Tele­gramm: Sir William Bull, der Schwager Brandons, hat ein Telegramm von den

verurteilten englischen Offizieren erhalten, in dem sie mitteilen, daß sie .mit dem Er­gebnis des Prozesses zufrieden feien* und daß ste sich nicht zu beklagen gehabt hätten. Bull bemerkt dazu, er sei vollständig überzeugt, daß den beiden Offizie­ren ein faires Gerichtsverfahren zu­teil geworden sei, und er möchte den Anwälten von Gordon und Otto seine Hochachtung und Anerkennung darüber aussprechen, daß sie die Sache der Angeklagten so ausgezeichnet geführt hätten.

Ne Politik des Tages.

cS3 Der Zug des Todes im Reichstage. Man schreibt uns: Seit den letzten Neuwahlen im Januar 1907 haben für den Reichstag bisher 41 Ersatzwahlen stattgesunden; hiervon waren bedingt durch den Tod des Mandats­inhabers 30 Ersatzwahlen. In den vier Jahren eit den Neuwahlen sind folgende Mitglieder gestorben: Prinz Arenberg (Ztr.), Auer (Sd.), Nißler (Kons.), Dasbach (Ztr.), Fürst zu Jnn- und Knyphaufen (Konf.), Zindler (Konf.), von Winterseldt-Menkin (Kons.), von Kaufmann (Nl.), Ehrhardt (Sd.), von Gersdorff (Konst), Keller (b. k. F.), Dr. Ruegenberg (Ztr.), Graf von Hompesch (Ztt.), Reese (Nl.), Wattendorff (Ztt.), Schellhorn (Nl.) Schmidt (Vp.), Gold­stein (Sd.), Quarck (Nl.), Vöning (Konst), de Witt (Ztt.), Graf zu Stolberg-Wernigerode (Konst), Dr. Hermes (Vp.), Dr. Delbrück (Vp.), Graf von Oriola (b. k. F.), Zimmermann (Ref.-P.), Detto (Nl.), Schmidt (Zentt.), Dr. von Skarzynski (Pole), Arendt (Konst), und Hirschberg (Ztt.). Für den letzteren hat eine Ersatzwahl noch nicht stattgefunden.

cä3 Die Reform des Nahrungsmittel­gesetzes. Wie unserer Berliner Reda- t i o n von zuverlässiger Seite erfährt, wird eine Reform des Nahrungmittelgesetzes vom Jahre 1879 nunmehr ernstlich beabsichtigt. Es ist die Einrichtung einer neuen zweck­mäßigen Nahrungsmittel en­trolle nach dem. Vorgänge des Weinqesetzes zu erwarten. Sobald sich die Erwägungen zu greifbaren Vorfchlägen verdichtet haben und die eigentlichen Beratungen beginnen können, liegt es in der Absicht der zuständigen Behörde, entsprechend den Wünschen des Rahrungs- mittelkongresseS Sachverständige an den Konferenzen teilnehmen zu lassen.

Politische Chronik.

Aus Breslau meldet uns ein Tele­gramm: Die Domgeistlichkeit und die Geistlichen der fü rstb i sch ö sli- chen Behörden legten gestern vor Kardi­nal Kopp den Antimodernistene id ab. Der übrige Diözesanklerus wird demnächst vor dem Generalvikar bezw. Erzpriester schwören.

*

Wie aus Kiel mitgeteilt wird, ist das amerikanische Geschwader, das zur­zeit Europa besucht, für den 10. Januar in Kiel angemeldet worden. Vorher wird es Wilhelmshaven anlaufen.

*

Einer Mitteilung aus Belgrad zufolge veröffentlicht das dortige Amtsblatt einen Er­laß des Königs, wonach der Präsident des Staatsrats Gruitsch pensioniert und Ministerpräsident P.asitsch zum Staatsratspräsidenten ernannt wird. *

Die Rewyorker „World* meldet, daß da? amerikanische Kriegsamt eine Truppen­sendung nach Kuba vorbereitet, da die dortigen Zustände unhaltbar seien.

Reue» vom Tage.

Ser „Roman" der Sechzehnjährigen.

Aus Dresden wird uns geschrieben: Vor einigen Monaten wurde vom Dresdner Landgericht ein Ehepaar Hoffmann wegen Kuppelei und Erpressung zu mehrjähttger Strafe verurteilt. Das Opfer der Kuppler

war der Dresdner KommerzienratBier. ling, der zu der sechzehnjährigen Tochter Ge rtrud des Ehepaares in näheren Bezie­hungen gestanden hatte. Das Mädchen war nun imch dem Prozeß in einer Fürforgeanstalt bei Dresden untergebracht worden, aus der eS aber vor ein’ *er Zeit entfloh. Man griff die Sechzehnjährige aber bald wieder in Boden­bach in Böhmen auf, wo sie bei einem Kaufmann angeblich die Wirtschaft sühtte. Die österreichi­sche Polizei übergab die »Wirtschafterin* der sächsischen Grenzpolizei, die sie ins Amtsgericht Rageberg einlieferte. Als nun gestern der Transporteur das Mädchen zum Termin vor- führen wollte, floh dasfelbe plötzlich aus dem Gettchtsgebäude, und sprang in ein auf der Straße stehendes Automobil, das sosott ht sausendem Tempo davon raste. Der Wärter sah nur noch, wie ein Mann seinen Arm um das hübsche Mädchen legte, das dem Beamten wie zum Abschied zuwinkte. Die Spur der Ent­flohenen ließ sich bis Bodenbach verfolgen von dort führte ste bis Straßburg. Gestern schickte die Entflohene die Anstaltskleider an die Ver­waltung der Fürsorgeanstaü zurück, und es fehlt nun jede Spur von ihr. Die Persönlichkeit des Entführers konnte bisher nicht ermittelt wer­den, es gewinnt aber den Anschein, daß die Entführung planmäßig vorberettet worden ist.

ru- „M. III" beschädigt. Das Militär- luftschiff „M. III* wurde gestern auf der Rückkehr nach Berlin von seiner Fahrt nach Frankfurt (Oder) — Guben und Lüb­ben durch schwierige Winde und Benzinman- gel zu einer Landung südlich von Groß- Lichterfelde gezwungen. Das Luftschiff erlitt dabei nur unbedeutende Beschä­digungen. Die Insassen blieben unverletzt.

ztt Die Metternich-Asfäre. Aus Wien, wird gemeldet: Graf Wolfs-Metter­nich, dessen Abtransportierung ohne jeden Zwischenfall vor stch ging, hat vor seiner Ab­reise der festen Ueberzeugung Ausdruck gege­ben, daß es ihm bei seiner Ankunst in Berlin öfort gelingen wird, seine Unschuld zu be­weisen, und daß seine Enthaftung noch vor den Weihnachtsfeiettagen erfolgen wird.

rtt Die Stadt Dresden . . . Millionenerbiu. Fräulein Elisabeth von Puhland. bte in Pillnitz bei Dresden gestorben ist, vermachte ihr Gesamtvermögen von einer Mil­lion Mark der Stadt Dresden zu wohltätigen Zwecken.

rtt Nach dem Hochwasser. Aus Trier wird uns mitgeteilt: Nach einem Beschluß der Stadwerordneten wird der durch das Hoch­wasser arg mitgenommeite Stadtteil St. Barbara dadurch sankert werden, daß die Stadt alle Häuser auskauft und die Straßen höher legt. Die Kosten von 700 000 Mark wer­den durch eine 3^prozentige Anleihe bei der Versicherungsanstalt „Rheinprovinz* gedeckt.

rtt Die Messerhelden von Hamborn. Ein Privattelegramm berichtet uns aus Köln: In dem Orte Hamborn enfftanden aus geringfügiger Ursache zwischen einer An­zahl von Bergleuten erregte Stteitigkeiten, in deren Verlauf zwei Personen lebensge­fährliche Stichwunden davonttugen. Die anderen Beteiligten wurden ebenfalls schwer verletzt, sodaß sämtliche Verwun­deten dem Krankenhaus zugesühtt werden müßten. Mehrere der Messerhelden wurden verhaftet.

«rDie Blattern. Aus München meldet ein Telegramm: Im benachbarten Pasing sind drei Kinder a n d e n e ch t e n B l a t t e r n erkrankt. Sie wurden nach dem Jsolier- bmtse des Krankenhauses Perfach gebracht. Alle Vorsichtsmaßregeln sind getroffen. Der Ursprung der Erkrankung ist noch nicht festge­stellt worden.

~ Die Leiche im Wäschekorb. Einem Te» leg ramm aus Wien zufolge wurde auf dem Gange eines Hauses des 20. Bezirks in einem Wäschekorb eine zerstückelte Frauenleiche gefunden. Von dem Tater fehlt jede Spur.

Der verschollene Aviatiker. AuS Lon­don meldet uns ein Telegramm: Hier herrscht über das Schicksal des Aviatikers G r a c e, der

vorgestern nachmittag 2 Uhr 10 Minuten in Calais zum Rüdeslug über den Ka­nal aufge st legen war und von dem man seitdem nichts gehört hat, ernste Be­sorgnis.

Unter Trümmern begraben. Wie uns aus Petersburg berichtet wird, sind bei dem Einsturz eines Getreidespeichers in Ni­kolajewsk fünfzehn Arbeiter ums Leben gekommen. Alle übrigen Ver- schütteten sind schwer verletzt.

iS Die neueste ExplosionS - Katastrophe. Einer Depesche aus Petersburg zufolge erplodietten auf der staatlichen Gefchützfabrik zu K o l p l n o Behälttr mit Wasser und Sauer­stoff. 34 Arbeiter wurden verstümmelt ober verletzt und drei gettet.

Las Neueste aus Cassel.

Casseler Grotzstadt-Anfgaben.

Von einem Freunde unseres Blat­tes, einem mit den kommunalenJnter- e f s e n der Residenzstadt engverwachsenen Cas- selaner, wird uns geschrieben:

In den nächsten Jahren wttd Cassel sich voraussichtlich eines besonders starken Frem­denverkehrs zu erfreuen haben, denn zwei Anlässe werden zweifellos einen über das ge­wöhnliche Maß weit hinausgehenden Frem­denzustrom nach der Fuldastadt führen: Die 25. Landwirtschafts-Ausstellung 1911 und die Tausendjahrfeier und das Heimatsfest 1913. Zur uächstjähri- gen Landwirtschaftsausstellung sind alle berw- enen Behörden, Institutionen und Vereins- organifationen bereits eifrig bei der Arbeit, um in weitsichtiger Weise für alles in ihren Bereich fallende Vorsorge zu treffen. Es dürste sich daher fragen, ob nicht auch von priva­ter Seite schon jetzt etwas geschehen kann, was diesem Zweck entsprechend Rechnung trägt. Der Verkehr, den die kommende land­wirtschaftliche Ausstellung bringen wird, muß zu einem großen Teil seinen Weg durch die Stadtteile nehmen, die sich bei ihrem Alter äußerlich am wenigsten vorteilhaft präsentieren. Aber ein Fachwerkhaus mit ver­putzten Flächen (möge es noch so all sein) neu zurechtgemacht und gestrichen, bietet immer wieder einen erfreulichen Anblick.

Bekanntlich liegt daS gesamte hiesige Bau­gewerbe seit Jahren völlig darnieder uiib alle einschlägigen Handwerker sind dadurch erheb­lich in Mitleidenschaft gezogen, waS sich beson­ders jetzt wieder zur Winterszeit bitter fühl­bar macht. Wie wäre es nun, wenn stch die Hauseigentümer der mittleren, unteren und östlichen Stadtteile, etwa unter Führung des Hausbesitzervereins oder der etnzel- nen Bürger- und Bezirksvereiue auf der einen Seite und der bausachlichen Organi- sationen auf der anderen Seite zusammenschlie- tzen würden, um planmäßig eine wenigstens annähernd allgemeine Instandset­zung ihrer Gebäude herbeizuführen? Natürlich kann dabei von einem Zwange keine Rede fein und es könnten auch bei jedem Ein- 3einen ganz das vorhandene Bedürfnis und vor allem die zu Gebote stehenden Mittel in Betracht kommen. Aber gerade was das letz- tere anlangt, so dürste vielleicht das Einhest- llche und Planmäßige geeignet fein, eine sonst wohl nicht mögliche Verbilligung herbestusüh. ren und denen, die erklärlicherweise auf eine solche Plötzlichkeit nicht gerade elngerichttt sind, durch Zahlung der Leistungsfähigeren an er fter Stelle geraumen Kredit zu erwirken.

Die Monate Januar, Februar und Aw fang März ließen sich vielleicht bei einiger­maßen gelindem Wetter für die Ausbesserungen im Innern der Häuser und die Frühjahrs- monate für den äußeren Anstrich ausnutzen. Auf durchweg gediegene, wenn auch einfache, aber orthographisch und sprachlich richtige An­bringung der Firmenausschristen wäre Bedacht zu nehmen. Vielleicht könnte auch bet Han » beld- und Gewerbeverein und bet Vorstand der Gewerbehalle ein Preisausschreiben für geschmackvolle Firmen- darstellungen (etwa im Sinne der einzelnen Gewerbe) herausgeben. Die foforttge Herstel­lung der Grundstücke würde naturgemäß von selbst zu einer größeren Reinhaltung und Sau-

zü in

Käsig Dianas. Diana war die neuerworbene nubische Löwin, die noch nicht gezähmt war. Den Dompteur beehtte sie mit ihrem ganz be-

Sle vernarrt.*

»Woher weißt du das?*

»Das sieht man doch: wenn ich an Ihrer Stelle wäre, die brächte ich zum Sprechen.*

„Was verstehst denn du von der Galan-

Sie, die sich inmitten ihres gefährlichen Wanderlebens bis dahin stets rein zu erhalten gewußt hatte, erlag dem Einfluß dieses Teu­felskerls, ohne auch nur den Versuch zu ma­chen, sich dagegen zu wehren. Seine Roheiten chmerzten sie tief; feine Anwandlungen von Zärtlichkeiten versetzten ihre Seele in einen Rauschzustand. Sie verbarg jedoch ihre Emp- ünduugen aufs sorgfälttgste; errötete sie doch innerlich vor stch selbst bei dem bloßen Gedan­ken, der schöne Horace könnte ihren Seeleuzu- stand entdeckt haben.

Siebte sie ihn denn Wittlich? Zu Anfang hätte sie geschworen: »Nein*. Aber die Unruhe, in die seine Gegenwart sie versetzte, zwang sie nach und nach zu eingehender Gewissensfor- cbung, und diese brachte ihr die Erkenntnis: »Ja*.

Von diesem Augenblick an bestand ein stumm geführter Krieg zwischen beiden: ne schwieg aus Schamhaftigkeit, er aus Stolz. Der schöne Horace pflückte die dusttgen Stu­ten der Siebe . . . aber er bettelte nicht darum.

Ein Angestellter der Menagerie hatte den Liebeshandel der beiden entdeckt und im stil­len beobachtet; das war Brustaud.

Zu seinen Obliegenheiten gehötte es, wäh­rend der Vorstellung bte Zwischenwände der Käfige von außen zu öffnen, damit die Tiere in den großen Zentralkäfig konnten, in dem der Dompteur arbeitete.

Klein, häßlich und mißgestaltet, schleppte er den ganzen Groll der zu ewigem Bemilleidet- werden Verdammten mit sich herum. Er war schlimmer als boshaft: er war gehässig. Linas Schönheit hatte es ihm angetan, und er hatte es ihr plump berausgesagt. Laut lachend war ste davongelaufen . . . und dieses Lachen hatte er nickt verziehen. Er hatte geschworen, stch 1,U ^Eines Mittags nach Tisch standen Horace und Brustaud freundlich schwatzend vor dem

Sie Wette.

Von Rens Grougö.

Dänisch von A l s r e d Mayer-Eckhardt.

Sie arbeiteten beide in der Menagerie Ba- chelet, Horace Villars, der Dompteur, und die Tänzerin Lina Dida.

Er war groß, brünett, prachtvoll gebaut, wie geschaffen für die pralle Uniform mit den glänzenden Brandebourgs. Den schönen Ho­race nannten sie ihn in der Artistenwelt. Ob­gleich er im Grunde ein guter Kerl war: Diese platte Huldigung, die man seiner männlichen Schönheit darbrachte, verlieh ihm doch eine nicht zu knapp bemessene Portton jenes aus Dummheit und Eitelkeit zusammengebrauten Dünkels, der nur zu häufig die fatale Mitgift allzuhübscher . . . Männchen bildet.

Die zierlich-schlanke, blonde Lina war in ihrer zarten Erscheinung das ausgesprochene Gegenstück zu ihrem Partner. Vielleicht war gerade dieser Kontrastwirkung halber Bachc- lets Wahl auf sie gefallen. Jeden Abend hatte "te inmitten der von HoracenS Peitsche in Re­spekt gehaltenen Bestien den Serpentintanz auf­zuführen. So veraltet und abgedroschen diese Produktion auch war, die kleine Tänzerin wußte eine Harmonie, eine Rhythmik, eine so bezaubernde Natürlichkeit hlnelnzulegen, daß endlich sogar der schöne Horace aufmerksam wurde.

Aber so unwiderstehlich auch der Reiz war, der von ihr ausging, Horace hütete sich wohl, sich etwas anmerken zu lassen. Seiner noch stets bewährten Taktik getreu, beschrantte er sich darauf, dem jungen Mädchen gegenüber den Stolzen zu spielen, bald eine absichttick angenommene Roheit ihr gegenüber zur schau zu tragen, dann wieder in sanftesten Schmei­cheltönen. ihr knabenhafte Zärtlichkeiten zuzu- ilüsiern.

fühtt durch Fräulein Lina Dida.* Die Lichter erloschen: ein roter Scheinwerfer ließ den Zeuttalkäfig, wo der schöne Horace fehtei Zöglinge harrte, wie in Blut getaucht erschei- neu. Einzeln traten die Löwen herein; dann ein Signal . . . Sinai

Händeklatschen und Bravorufe ringsum. Ihre zarte Schönheit, die stch unter den spie- lenden Lichtern des Scheinwerfers voll ent­faltete, verfehlte nicht, Eindruck zu machen.

Die Tiere, die die Peitsche deS Bändigers zu gut kannten, um sie nicht zu fürchten, und auch durch das tote Licht geblendet wurden, auch ste blinzelten auf das schöne Menschen- paar vor ihnen. Ihr Herr und Meister aber stieß plötzlich den Rus aus:

»Brustaud! In SatanS Namen, was machst du. Kett?!*

Brustaud ging nämlich von Käfig zu Käfig, öffnete eine Zwischenwand nach der andern und trieb Diana, die bis dahw ihre eigene, am Ende der Reihe stehnide Behau­sung noch nie verlassen hatte, vor die TÜr deS ZenttalkäfigS. Und noch hatte Horace feinen Fluch nicht beendet, da trat Diana schon unter die anderen Bestien.

Horace hielt sich indessen Wacker. Mi» schneller Armbewegung schob er Lina tzvtter sicb und lommanbterte mit lauter, fester Stimme:

»Eine Gabel, fchnelll

Slber schon war es zu spat. Diana, die Brustaud hatte saften lassen, schnaubte die Lust ein, duckte sich wie eine Sprungfeder in einer Ecke zusammen und sprang auf Horace- dcm sosott Blut aus der Schulter strömte.

»Retten Sie sich!* rief das Publikum bet Tänzerin zu. Sie aber schüttelte verneinend den blonden Kops und warf sich, ehe jemand ahnen konnte, was sie vor hatte, zwischen den Bändiger und ‘Diana. Mit aller Kraft, deren ihre kleinen Händchen fäbia. griff üc dem

terie?* , .

»Meinen Sie? Wetten wir zwanzig Frank, daß sie Ihnen noch vor Mitternacht eine Liebeserklärung macht?*

»Aus freien Stucken?*

»Ganz aus freien Stücken!*

»Ang-nommen! Die Wette halte ich!* schlug Horace ein. Gerade in dem Augenblick, als sie vom Käfig toegtraten, ließ Diana, die plötzlich aus dem Mittagsschlaf aufwachte, ein lautes Brüllen ertönen.

»Ekelhaftes Vieh*, schimpfte Horace. Brustaud blickte ihn von der Seite an und grinste verstohlen.

* « *

Die Vorstellung verlief tadellos, jede ein­zelne Nummer klappte prächtig. Zahlreiches Publikum war erschienen; Papa Backelet konnte zuftteden fein und war es auch. Noch mehr als sonst fpreizte sich Horace in feinem bunten, goldbesetzten Rock. Brustaud bemühte sich, Diana zum Sck;weigen zu bringen; das Tier brüllte in einem fort.

»Hat Diana nicht gefressen?* fragte Papa Bachelet.

»Doch, sicher, wie gewöhnlich!* gab Brustaud zur Antwort.

Endlich kam die Hauptnummer: „Groxcr Serpentintanz inmitten der Löwen, ausge-

sonderen Haffe.

Zufällig tarn Lina vorbei. Sie grüßte die beiden im Vorübergehen.

Brustaud zwinkerte Horace mit dem Auge und meinte spitzbübisch: »Die ist höllisch