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Casseler Neueste Nachrichten

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HM-MW U Bildereinrahmung.

Zer Liebe Rot.

Von Horst Bodemer.

auf der Neuen Zeil, das einen bedeutenden Ueberschuß — gegen neuntausend Mark — ab­warf.

Dem Leutnant wurde jedoch die Verpflich- tund auferlegt:

1. Karl zwanzigtausend Mark,

2. der Wirtschafterin fünftausend Mar! aus- zuzahlen.

Dte Schwester mutzte Karl auf Lebenszeit als Hausverwalter anstellen, ihm

1. freie Wohnung, zwei Zimmer,

2. ein jährliches Gehalt von sechshundert Mark bewilligen.

Die Wohnungseinrichtung, Kunstschätze usw. gingen in das Eigentum des Herrn Ober­amtmanns Rühling über.

Rechnungen, die etwa noch zu begleichen waren, sollten von Heinz unter Beistand des Notars und Karl bezahlt werden.

Kaum eine halbe Stunde hatte die Auf­nahme des letzten Willens gedauert. Notar und Zeugen verabschiedeten sich auf Wunsch des Arztes schnell mit einem Händedruck von Herrn Reuter.

„Sind Sie nun zufrieden, alter Quälgeist?" fragte Doktor Vogel.

Müde lächelte sein Patient.

.Noch einen tüchtigen Löffel von der Me­dizin und nun schlafen Sie bis heute nach­mittag gegen fünf Uhr, dann sehe ich wieder nach Ihnen!"

Nr. 17.

Erster Jahrgang.

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Große Auswahl bestgepflegter

Mosel-, Rhein- und : Bordeaux-Weine: trotz ganz erheblicher Preissteigerung noch

* • *

Der Arzt machte auf dem Wege nach der Mainzer Landstraße Notar und Zeugen auf- mersam, daß es nicht unmöglich sei, das Testa­ment werde angefochten, sie müßten daher acht geben, daß sie vor Gericht unter ihrem Eide aussagen könnten. Herr Reuter sei im vollen Besitz seiner Geisteskräfte und dann dürfe die Handlung nicht zu lange dauern.

Karl wurde hinausgeschickt, Herr Reuter ühlte sich wohl, das Protokoll wurde aufgesetzt.

Heinz Rühling sollte das Barvermögen er­halten, seine Schwester das große Zinshaus

so und der andere ist so. das wissen Sie ja viel besser als ich. Man sagt doch: macht man sein Testament, dann stirbt man auch bald!"

»Na, so'n Unsinn!"

.Und vielleicht wollte mein Herr auch ab- watten, wie es den Kindern des Herrn Ober­amtmanns ergehen würde, 'ne reiche Heirat wäre ja nicht ausgeschlossen gewesen, dann hätte er wahrscheinlich dem ärmeren Teil mehr vermacht!"

„Wahrscheinlich, Karl, das wird ja der Grund sein! — Na, adieu und geben Sie mir werter auf Herrn Reuter gut acht!"

„Adieu, Herr Doktor, jawohl — jawohl!"

(Nachdruck verboten.)

.Da wird's Wohl wirklich am besten sein, Ich sage alles!" bemerkte der Diener.

„Natürlich!" erwiderte der Doktor.

„Also Herrn Leutnant Rühling möchte der Herr Reuter zum Erbe» einsetzen!"

„Donnerwetter, da bekommt der einen schönen Batzen Geld in die Hand!"

„Vielleicht auch noch Herrn Leutnant Rüh­lings Schwester, er sprach mal davon, aber das weiß ich nicht bestimmt!"

„So, so — hm — das würde allerdings den lieben Verwandten höchstwahrscheinlich gar nicht paffen!"

„Gewiß nicht, Herr Doktor, und deshalb ist ja mein Herr so unruhig!"

„Ich werde ihm gleich mal etwas auf den Zahn fühlen und ihn dabei beruhigen, kommen Sie mit, Karl, 's ist immer gut, Zeugen sind anwesend, man muß an alles denken!"

„Das mein' ich auch, Herr Doktor, das mein' ich auch!"

Als die beiden in das Krankenzimmer zu­rückkehrten, sah sie Herr Reuter forschend an, Patienten sind leicht ungeduldig, vor allem solche, die gewohnt sind, selbständig zu handeln.

Der Arzt setzte sich auf das Bett und er­griff Herrn Reuters Hand.

„Nicht sprechen, mein Lieber, antworten Sie mir mit den Augen, ich verstehe Sie schon. — Soll ich mit Karl zusammen eine kurze Nachricht nach Wernsdorf an Rühlings schicken?"

Der Kranke nickte bejahend.

„So schreiben Sie, Karl!"

„Hm — und nun mit dem Testament! — Nicht unruhig werden, Herr Reuter — erledi­gen Wir in den nächsten Tagen, stündlich bessert sich Ihr Zustand, die Nahrungsaufnahme ist ja schon ganz zufriedenstellend: bedenken Sie doch, vor drei Tagen haben Sie Ihren Anfall erst bekommen!"

„Wann?" fragte der Kranke gespannt.

„Wann wir das Testament machen? Na, sagen wir so ungefähr in einer Woche, wenn Sie sich ruhig halten, sonst freilich muffen wir noch länger warten. Alle Aufregungen, auch das Nachdenken, fchadet Ihnen augenblicklich: essen, trinken und schlafen sind jetzt die Haupt­sache. — Versprechen Sie mir, meine Ratschläge zu befolgen, ich bin nicht mir Ihr Arzt, sondern doch auch Ihr alter, guter Freund!"

Der -Kranke nickte mit dem Kopfe.

„So, — ist vernünftig von Ihnen, werden schon wieder der Alte, da wird die Gesundheit auch nicht ausbleiben!"

Karl kam wieder und gab dem Arzte den Brief.

„Schön und nun schreibe ich noch einige Zeilen drunter und nehme den Brief gleich mit, dann ist er morgen früh in Wernsdorf!"

Der Arzt las das Schreiben mit feinem Postskriptum Herrn Reuter vor, der nickte mit dem Kopfe und war's zufrieden.

Karl brachte ihn bis zur Korridortüre.

„Nun sagen Sie mir bloß, warum hat denn Herr Reuter sein Testament nicht früher gemacht?"

„Gott, Herr Doktor, der eine Mensch ist

Zwei Tage drauf kam ein Eilbrief aus Wernsdorf. Der Oberamtmann fragte an, ob er nach Frankfurt kommen solle, nach Erhalt emes Telegrammes würde er sich sofort auf die Bahn setzen und hinfahren. Heinz, der aus­führlich geschrieben, reise noch am Abend nach Gogulkowo und werde, wenn es der Gesund­heitszustand des Freundes erlaube, die letzten drei Tage seines Urlaubes in Frankfurt ver­bringen. Karl möge doch täglich kurzen Bericht sowohl nach Wernsdorf, wie nach Gogulkowo bei Znin senden, wie es ihm gehe, im übrigen sei der Junge mit Geld versehen, um sich sofort nach Frankfurt begeben zu können. Wenn es aber nicht ganz dringend von feinem alten Freunde gewünscht würde, bäte er davon ab­zusehen, er habe eben eine böse Geschichte durchgemacht, in der er sich zur Zufriedenheit seiner Eltern als Mann bewährt

L Beilage.

Freitag, 23. Dezember 1910.

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helfen könne er in Frankfurt doch nicht,

Karl mußte sofort nach Wernsdorf schreiben, daß es Herrn Reuter besser gehe, ein Hierherkommen nicht nötig sei und was Heinz, der auch alle Tage kurze Nachricht erhalten solle, angericktet habe.

Auf die letzte Frage antwortete der Ober­amtmann kurz und bündig, 'ne Jugendeselei, die der Junge überwunden.

Wird 'ne unglückliche Liebe sein, kalkulierte Herr Reuter sehr richtig und drängte den Arzt, nun zur Abfassung des Testamentes seine Einwilligung zu geben.

„Na meinetwegen, aber nickt zu viel Sal­baderei. Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen, und nehmen Sie sich einen Zeugen zur Ab­fassung dazu, wie wär's mit Herrn Ottmann, dem haben Sie ja Ihr Geschäft verkauft. Ich möchte mit dieser Sacke nickts zu tun haben, den Grund sage ich Ihnen später, Karl kann ja als zweiter Zeuge fungieren!"

„Nein, Karl nicht." erwiderte Herr Reuter.

„Dann der Geheimrat Hering!''

Der Patient gab seine Einwilligung kund.

„Also morgen vormittag komme ick mit dem Notar Meining, Ihrem alten Recktsheistand und den Zeugen zu Ihnen, sagen wir ein halb elf Uhr, — einverstanden?"

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„Nur nichts in sich reinwürgen, sei i»oh/ daß du jemanden hast, dem du dich anW»" trauen kannst," hatte er zu seinem Sohne gesa

Der junge Offizier war nun mit seinö Gedanken allein. Ein Herr, wahrscheinlich ei Geschäftsreisender, saß in der anderen Ecke »n° las in der Zeitung, trotzdem die Gasflamme nur trübe flackerte, trübe wie Heinz' (Stimmung*

Heute früh noch hatte er geglaubt, den Himmel stürmen zu können und nun saß er „auf den Schub gebracht", im Zuge. Noch wirbelten ’ seine Gedanken wild durcheinander: ei >mol schalt er sich feige und dann wieder glaub er, recht gehandelt zu haben. Im Beisei, ,ov Klara hatte er beim Abschied gesagt: . -

„Ich stelle den Kampf um meine Liebe nicht cm. für meine Pflicht halte ich es, euch, gerade 1 im Beisein von Fräulein Herbatt, dies offen zu sagen, aber ich muß Ruhe haben, in einer an­deren Umgebung werde ich schneller zu einem Entschluß kommen, als hier!"

„Aber ohne uns vorher um Rat zu fragen, wirft du doch nichts unternehmen?" hatte der Vater besorgt gefragt.

Da hatte ihm Heinz die Hand gegeben und' „Nem!" gesagt. —

's war wieder einmal eine schlaflose Nach- für den jungen Offizier. In Stettin lag er zwo Stunden auf dem Bahnhofe und in Bromverj hatte er auch fünfzig Minuten Aufenthalt. Ihuft den der Vater von klein auf gelehtt, im Buche der Natur zu lesen, dem auf seinen weiten Fahnen von Straßburg nach der Heimat nie­mals die Zeit lang geworden, waren die Hin melsstriche, die er noch gar nicht kannte, heut vollkommen gleichgiltig. Er startte vor sic hin, entwarf Pläne, die er immer wieder al undurchführbar erkannte, wenn er sie einer eir gehenden Prüfung unterwarf, das machte ist mißmutiger von Stunde zu Stunde, schließlich gab er das Grübeln auf und sann vor sich hin. Ein Wiedersehen mit seinem Schwesterchen hatte er sich wahrlich anders vorgestellt, dock was half es? Man mußte eben die Feste feierst wie sie fallen! Und sein Schwager war ein vernünftiger Mann, dem wollte er sich ganz rückhaltlos anvettrauen, vier Augen sahen mehr wie zwei, der kannte das Leben besser wie er, der junge Offizier. Wohl tauchten noch Zweifel in ihm auf. Er sagte sich, der gute Wacker- batth ist glücklich, der steht alles durch eine ro­sige Brille, gerade jetzt, wo er ein Kind erwar­tet. da wurde er wieder unruhig, aber schließ» lich's war's doch ein kreuzbraver Kerl, dem man reinen Wein einschenken konnte, dem großen schlanken Mann, gewachsen wie etne Tanne, mit den guten blauen Augen und dem langen blonden Schnurrbatt, den er bei ernsten @e3 sprächen immer zwischen seine beiden großen Fäuste nahm und zur Sette stttch. Ja, der ' prächtige Fred Wackerbarth war ein Trost für Heinz Rühling. Und noch einen anderen hatte er. Seine Eltern würden über Klara Her­batt ihre Hände halten, die schickten lieber ihren Sohn in die Welt hinaus, um dott sein Gleichgewicht wiederzufinden ,als das allein- lebende, arme, junge Mädchen. Wie viele hätten wohl so gehandelt? Ein warmes Ge-<L ühl stieg in dem jungen Offizier auf und trieb ,hm das Wasser in die Augen. Gott konnte er nicht genug danken, daß er ihm solche Eltern gegeben. Seine Spannkraft erwachte, der Zu­kunft wollte er mit festem Blicke ins Auge sehen, ein Ausweg würde sich schon finden lassen, weder er noch Klara standen verlassen da, edle Menschen hielten Wacht über sie beide.

(Fortsetzung folgt.) V

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VIIL

Der Zug der Heinz über Stettin, Stargard, Kreuz, Bromberg nach Znin bringen sollte, stand auf dem Bahnhof in Anklam zur Abfahrt bereit. Der junge Offizier hatte das Fenster des Abteils heruntergelassen und blickte auf den Vater, der mit ernstem Gesicht, den einen Fuß auf dem' Trittbrett, vor ihm stand.

„Also, mein Junge, Kopp hoch und die Zähne zusammenaebissen, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und wenn du mal denkst, 's geht garnickt mehr, dann häng dich auf einen halb rohen Schinder und jag' los, so was beruhigt das junge Blut!"

- Heinz nickte stumm, sein Gesicht war bleich.

„Und mach die Augen auf und rappottier' mir, wie es in Goanlkowo aussieht, wollte eigentlich jetzt mal hin, da aber dock in ein paar Monaten Kindtaufe ist, hat's keinen rechten Zweck, sie schreiben ja ganz zufrieden, aber vielleicht tun sie das blos, um uns zu be­ruhigen !"

„Wäre aber sehr unrecht. Vater!"

„MeinGott, am Ende begreiflich, junge Leutchen haben glücklicherweise Zutrauen zu ihrer eigenen Kraft, sie denken leicht, sie kom­men allein über den Berg!"

Jedenfalls erhälst du Bericht von mir nach bester Ueberzeugunq!"

„Weiß, mein Junge, und deshalb ist mir deine Reise teilweise ganz lieb!"

Starr sah Heinz über den Vater hinweg, der Abschied wurde ihm unsagbar schwer. Ein Pfiff, die Lokomotive zog an. noch ein Hände­schütteln und der Zug rollte die Bahnhofshalle hinaus.

Der Oberamtmann ging zur Bahnhofs­telegraphenstation und gab folgendes Tele­gramm auf:

Wackerbarth.

Gogulkowo bei Znin.

Heinz morgen mittag 12,47 Znin, kämpft schwer.

Vater.

Sie würden ihn schon verstehen. Der Ober­amtmann hatte Heinz noch gebeten, sich den Ge­schwistern gegenüber rückhaltlos auszusprechen.

rMax Baldes,

Femspruch 361 Untere Königsstr. 33.