Gaffeler Krurste Mschnchtrn
Nr. 16.
Erster Jahrgang.
1. Beilage.
Donnerstag, 22. Dezember 1910
Herr Pichon, der Minister Les Aeutzern, war, bevor er die diplomatische Karriere ein- schlug, mehrere Jahre lang Redakteur der damals von Clernenceau geleiteten „Justice". Der Arbeitsminister L a f s e r r e ist noch heut« sleißiger Mitarbeiter der „Action"; der Unter- richtsminister Puech und der Staatssekretär N o u l e n s sind ständige Mitarbeiter der „Aurore", während der Staatssekretär Le- fövr-e für die „Petite Rüpublique" schreibt. Der Justizminister Girard ist Redakteur einer großen Zeitung in Bordeaux, und der Finanzminister Klotz stand einst an der Spitze des „Voltaire", der allerdings inzwischen längst selig entschlafen ist. Der Elitejournalist des Kabinetts Briand aber ist der Senator Maurice Faure, Minister der öffentlichen Arbeiten, der für eine große Anzahl Zeitungen und Zeitschriften Gereimtes und Ungereimtes geschrieben hat. Seine pro- venzalischen Dichtungen brachten ihm Ruhm und Ehre, und er hat auch als Minister seine geliebte Provence nicht vergessen. Beweis dafür: Er trägt sich mit dem Gedanken, die französifche Kunstschule von Rom nach Arles zu verlegen, oder in der proven- zalischen Stadt doch wenigstens eine „Zweigstelle" der römischen Schule einzurichten. Wie man sieht, haben also in Frankreich die Leute vom „verfehlten Beruf" durchweg ein recht an- sehnliches Stückchen Lebensarbeit hinter sich gebracht. - -ro-
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Neue Urmenschen.
Die Zeugen grauer Vorzeit.
Man schreibt uns: Unsere Kenntnisse vom Urmenschen sind in den beiden letzten Jahren durch die Entdeckung mehrerer Typen, unter denen die von dem Archäologen Hauser in der Dordogne gefundenen Reste des Homo Mousteriensis und des Homo Aurignacensts den ersten Platz behaupten, wesentlich gefördert worden. Der tertiäre Mensch, das Ziel des Anthropologen, kann als sicher gefunden gelten. Auch aus Südamerika dringt die Nachricht von solchen Funden aus der Tertiärzeit. Dort bat Fl. Ameghine bei dem argentinischen Orte Nechocea in einer Schicht, die wahrscheinlich dem spättertiären Pleistocän angehört, der sogenannten mittlere« Pampasformation, Skelette aufgegraben, die von den bisher bekannten Vertretern pes Urmenschen wesentlich abweichen. Das ausfallendste ist die geringe Größe dieser Menschenrasse, die nicht mehr als 1,40 Meter beträgt. Die Oberschenkel sind kurz und gerundet wie bei den Affen, das- kurze und eingedrückte Fersenbein verrät eine erste Anpassung an den aufrechten Gang auf den Hinteren Extremitäten.
Auch der Schädel zeigt Besonderheiten. Er ist dolicheophal, klein und ovoid, vorn schmal, hinten breit, die Stirn ähnelt dem Neandertaler. Mit diesem hat er auch das Fehlen des Kinnes gemeinsam. Sein Entdecker hat ihm deswegen den Namen des „kinnlosen Menschen", Homo sine mento, gegeben. Seine Oberkiefer sind zwar prognath. seine Zähne aber stecken in ihm im Gegensatz zu dem obengenannten Neandertaler- und Speyer-Schädel vollkommen senkrecht. Der kinnlose Mensch ist älter als diese beiden Primitiven, er vermittelt zwischen diesen und den allerältesten. Etwas jünger ist ein ebenfalls von Ameghine gefundenes Skelett eines jungen Menschen, dessen Stirn fast länger als breit ist. Dieser Vorläufer des heutigen Menschen hatte die Eigenart, den Kovf gebeugt zu tragen, in einer Stellung, die zwischen der des Assen und des Menschen in der Mitte liegt. Es trägt daher den Namen der „Neigehauptmensch". Homo * caput inclinatus. All diese Urmenschen stammen in letzter Linie von den Affen ab; aber wir haben uns diese nicht in den uns bekannten Arten vorzustellen, sondern in viel weniger entwickelten Vorläufern. Gefunden freilich sind diese Zwischenstufen bisher nicht. -W-
An die Bewohnerschaft Wels!
ES ist uns zu Ohren gekommen, daß seitens einiger Trägerinnen Vergütung für die Zustellung der „Casseler Neueste Nachrichten" verlangt wird. Wir machen ganz besonders darauf aufmerksam, daß die „Kasseler Neueste Nachrichten" bis aus weiteres vollftSudig kostenlos au alle Familien iu Cassel geliefert Werde». Unsere Trägerinnen haben also vorläufig weder Abonnementsgeld noch sonst irgend welche Gebühren zu beanspruchen. Für Mittellung von Zuwiderhandlungen sind wir ganz besonders dankbar.
- Serloo Der „Wer Wie Wton".
Weihnachten im Kaiserhaus
Im Glanz der Lichterbäume.
Aus Berlin wird unS geschrieben: In diesem Jahre wird das Weihnachtsfest im kaiserlichen Schloß zum ersten Mal, seitdem der Kronprinz vermählt ist, gefeiert werden, ohne daß der Kronprinz und feine Gemahlin dabei zugegen sein werden. Die Enkelkinder des Kaisers aber sollen am Weihnachtsabend die Bescherung im kaiserlichen Schloß mtterlebeu und sehen, wie der Kaiser das Weihnachtsfest für die Seinen und für seine Umgebung gestaltet. Am späte» Nachmittag des Helligen Abends verläßt der Kaiser das Schloß, und alle Soldaten, die Schildwache stehen, bekommen ein kleines Weihnachtsgeschenk in Gestalt eines neugeprägten Goldstücks. Von hier begibt sich der Kaiser in eine Kaserne, wo schon der Christbauur angezündet ist, uud wo die Soldaten in freudiger Erwartung der Ankunft des obersten Kriegsherrn harren. Der Kaiser bleibt während der ganzen Feier hier und begibt sich alsdann in das Schloß, um mit seiner Familie das Fest zu feiern. Die Familientafel findet vor der Bescherung statt; sie wird im Jaspissaal eingenommen, und alle Mitglieder der kaiserlichen Familie nehmen daran teil. Alsdann führt der Kaiser seine Famllie iu den Muschelsaal, wo die Bescherung vor sich geht. Es ist ein uralter Brauch im preußischen Königshaus, daß nicht ein einzelner Baum für die gesamte Familie angesteckt wird, sonder» daß für jedes Mitglied ein Extrabäum- chen brennt, so daß man an der Zahl der vorhandenen Bäume die Anwesendeu erkennen kann.
Es ist jedoch in diesem Jahre beschlossen worden, für den abwesenden Kronprinzen und die abwesende Kronprinzessin einen gemeinsauren Baum herzurichten. Die jungen Prinzen werden ihre Weihnachtsgaben für die Eltern darunter legen, und wenn das kron- prinzliche Paar von der Reise zurück sein wird, soll es die Geschenke persönlich erhalten. Der Baum für das kronprinzliche Paar steht rechts von den beiden großen Bäumen für den Kaiser und seine Gemahlin. Wie in jedem Jahr, so wird auch bei der jetzigen Weihnachtsfeier der Kaiser persönlich den Befehl geben, die Tür zum Muschelsaal zu öffnen. Dann führt er die Angehörigen an die Tische, auf denen die Geschenke für die einzelnen Mitglieder der Famllie liegen. Nachher führt die Kaiserin ihren Gemahl an den Tisch, der die Geschenke trägt, die sür ibn bestimmt sind. Niemand geht leer aus im Kaiserhaus: Das ganze Schloßpersonal wird beschert, und ein Riesenchristbaum blitzt mit Hunderten von strahlenden Lichtern in den Abend. Die Kaiserin selbst hat noch mehrere andere Pflichten zu Weihnachten: Wochenlang vorher ist sie schon damit beschäfttgt, Waisenhäusern, Krankenhäusern uttd anderen Wohltätigkeitseinrichtungen die Weihnachtsgeschenke und Weihnachtsfeiern zu bestimmen; denn gerade die Weihnachtszeit ist für sie eine Gelegenheit, ihren wohltätigen Sinn in umfangreichster Weise zu betätigen. Viele Kranke und Unglückliche wissen davon zu erzählen, wie die hohe Frau durch ein Geschenk oder durch eine andere Aufmerksamkeit die Schwergeprüften zu trösten wußte. t r-eg—
De? Marm mit den zwei Frauen.
Die Doppelehe Crispis.
Man schreibt uns aus Rom: Das Erscheinen von Crispis Memoiren gibt dem italienischen Journalisten Mongiardini Veranlassung, in der „Rivista di Roma" unbekannte Einzelheiten aus dem Leben des großen Staatsmannes zu 'erzählen: Er will sie von Rosalie Montmasson erfahren haben, der stolzen Savoyardin, die mit Crispi
den »Zug der Tausende" mitrnachte, mit ihm sn Paris die bitterste Not teilte und später tu Malta vor Gott seine Frau wurde. Sie war in den ihr angettauten Mann bis zur Raserei verliebt und so eifersüchtig, daß sie einmal bei Tisch, in Gegenwart mehrerer Gaste, em Messer ergriff, um sich die Pulsadern zu durchschneiden, und nur mit Mühe konnte man ihr das Messer wieder entreißen. Als sie Crispis Beziehungen zu Donna L r n a, seiner späteren „Gattin Nummer zwei", zu ahnen begann, spürte sie so lange umher, bis sie die kompromittierenden Liebesbriefe gefunden und gelesen hatte Nun war für sie alles zu Ende: Sie verließ sofort das Haus des Mannes, dem sie ihr Leben geopfert hatte, und mietete sich ein kleines Zimmer, in dem sich auch nicht ein einziges Möbelstück befand, so daß, sie den ersten Tag auf der Erde sitzen und schlafen mußte. Erst als Garibaldi und andere sich einmischten, gab ihr Crispi ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch; später fügte er noch eine kleine Monatspenfion hinzu, die die Stolze indessen nur widerstrebend annahm, da es sie schmerzte, von dem Manne, der sie von sich gestoßen hatte, ein Almosen anzunehmen.
Rosalia Montmasson hatte sich auf Malta mit Crispi nur kirchlich trauen lassen und nie daran gedacht, der Trauungsurkunde auch in Italien Geltung zu verschaffen: als sie dann erfuhr, daß Crispi, der sich inzwischen mit Donna Lina standesamtlich und infolgedessen rechtsgiltig hatte trauen lassen, dem, der ihm die maltesische Trauungsurkunde bringen würde, 30 000 ober gar 40000 Lire versprochen hatte, hielt sie das wichtige Dokument sorgsam hinter Glas verborgen. Noch einmal machte die Monttnasson von sich reden. Als der Fürst von Liuguagloffa Crispis Tochter als Gattin heimführte, wünschte er, daß auch sein Schwiegervater Crispi sich noch nachträglich mit Donna Lina kirchlich trauen lassen sollte. Rosalie Montmasson erfuhr das und schickte eine mit ihr befreundete Dame zum Kardinal Parrocchi, dem Vikar von Rom, um ihm die eifersüchtig gehütete maltesische Trauungsurkunde zu zeigen; der Kardinal sah sich die Urkunde genau an und erklärte, daß die katholische Kirche nie zwei kirchliche Eheschließungen ein und desselben Mannes mit zwei noch lebenden Frauen einsegnen würde. Mit einer gewissen Genugtuung fügte Rosalie, als sie diesen Vorfall erzählte, hinzu: „Der Papst beugt sich nicht vor Crispi!" In der letzten Zeit seines Lebens scheint sich Crispi jedoch mit seiner „Gattin Nummer eins" ausgesöhnt zu haben; er schickte ihr wenigstens sehr oft Blumen, Geschenke und Geld. Als sie eines Abends schwer krank in ihrem finstern Zimmer lag, hörte sie jemand einticten. „Wer hat sich an
mein Bett gesetzt?" fragte sie. „Dein Mann . . .!* In diesem Augenblicke fühlte Rosalia Montmasson sich für die langen Leiden, die sie erduldet hatte, wenigstens ein klein weni- entschädigt. —wz—
Das Fournalisten-Mirristermm.
Briand und seine Leute.,
Man schreibt uns aus Paris: Das zurzeit in Frankreich am Ruder befindliche Ministerium Briand, das nun schon manchen Kampf überdauert und damit einen in Frankreich sehr beachtlichen Beweis des Bestandes geliefert hat, zählt nicht weniger als zehn Mitglieder, die sich zuerst als Journalisten einen Namen gemacht haben und zum Teil noch heute journalistisch tätig sind. Jedermann weiß, daß der Ministerpräsident Briand sich vor fünfundzwanzig Jahren sein erstes Geld als . . . Versammlungsberichter st alter verdiente: Er war als juristischer Doktor nach der Hauptstadt gekommen, konnte aber mit der Juristerei nicht viel verdienen, und trat in den Dienst einer Zeitung, die ihn als Reporter beschäftigte. Er schrieb so leicht und gefällig, daß er sich bald auf der ersten Zeitungsseite gedruckt sah und bis zu den Leitartikeln vor- rückte. Viele Jahre leitete er bann, bevor er sich über Hals und Kopf in die Politik stürzte, eines der kampflustigsten Blätter der äußersten Linken, die „Lanterne". Als Chefredakteur war Briand weder fehr anspruchsvoll, noch sehr arbeitsam: Sein Blatt gehörte auch nicht zu denen, die große Willensanstrengungen erforderten, da das ganze Interesse sich (wie das auch heute noch der Fall ist) auf die politischen Artikel konzentrierte.
Just um. diese Zeit wars auch, als man den angesehenen „Lebemann" Briand zweimal täglich in einem Restaurant, dessen Hauptreiz in der Bedienung von „zarter Hand" bestand, treffen konnte. Von den andern neun Journalisten, die das Kabinett Briand zieren, ist der am reichsten mit Glücksgütern gesegnete unzweifelhaft der Handelsminister Senator Dupuy, der die gelesenste Pariser Zeitung, den „Petit Parisien", besitzt und persönlich leitet. Das Blatt soll (wie behauptet wird) täglich in nicht weniger als 1200 000 Exemplaren erscheinen. Die Politik nimmt im „Petit Parisien" selten mehr als fünfzig Zeilen ein, womit indessen nicht gesagt werden soll, daß das Blatt seine große Verbreitung nur diesem Umstande zu verdanken habe. Die Ministerherrlichkeit des Herausgebers hat in dem Zuschnitt der Zeitung nicht das geringste geändert, und ein großer Teil der Leser dürfte überhaupt nicht wissen, daß er das Organ eines leibhaftigen Ministers lauft.
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