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Nr. 16.

ErsterZahrgang.

Laffeler Murste Mschrichtrn «.

An die Bewohnerschaft Wels!

Es ist uns zu Ohren gekommen, daß fettens einiger Trägerinnen Vergütung für die Zustellung der.Casseler Neueste Nachrichten' verfangt wird. Wir machen ganz besonders darauf aufmerksam, daß die „Befielet Neueste Nachrichten" bis aus weiteres vollständig kostenlos an alle Familien in Eafiel geliefert Werde». Unsere Trägerinnen haben also vorläufig weder Abonnementsgeld noch sonst irgend welche Gebühren zu beanspruchen. Für Mitteilung von Zuwiderhandlungen sind wir ganz besonders dankbar.

Mag Der „Wer Nmllc MriW.

Weihnachten im Kaiserhaus

Im Glanz bet Lichterbätnne.

Aus Berlin wird uns geschrieben: In diesem Jahre wird das Weihnachtsfest im kaiserlichen Schloß zum ersten Mal, seitdem der Kronprinz vermählt ist, ge­feiert werden, ohne daß der Kronprinz und feine Gemahlin dabei zugegen sein werden. Die Enkelkinder deS Kaisers aber sollen am Weih­nachtsabend die Bescherung im kaiserliche« Schloß mtterlebeu und sehe«, wie der Kaiser das Weihnachtsfest für die Seinen und für seine Umgebung gestaltet. Am späte« Nach­mittag des heiligen Abends verläßt der Kaiser das Schloß, und alle Soldaten, die Schild­wache stehen, bekommen ein kleines Weih­nachtsgeschenk in Gestalt eines neugeprägten Goldstücks. Von hier begibt sich der Kaiser in eine Kaserne, wo schon der Christbaum angezündet ist, und wo die Soldaten in freu­diger Erwartung der Ankunft des obersten Kriegsherrn harren. Der Kaiser bleibt wäh­rend der ganze« Feier hier und begibt sich alsdann in das Schloß, um mit seiner Fa­milie das Fest zu feiern. Die Familientafel findet vor der Bescherung statt; sie wird im Jaspissaal eingenommen, und alle Mitglieder der kaiserlichen Familie nehmen daran teil. Alsdann führt der Kaiser seine Familie in den Muschelsaal, wo die Bescherung vor sich geht. Es ist ein uralter Brauch im preußischen Kö­nigshaus, daß nicht ein einzelner Baum für die gesamte Familie angesteckt wird, sondern daß für jedes Mitglied ein Extrabäum­chen brennt, so daß man an der Zahl der vorhandene« Bäume die Anwesende« erken­nen kann.

Es ist jedoch in diesem Jahre beschlossen worden, für den abwesenden Kronprinzen und die abwesende Kronprinzessin einen ge­meinsamen Baum herzurichten. Die jungen Prinzen werden ihre Weihnachtsgaben für die Eltern darunter legen, und wenn das kron- prinzliche Paar von der Reise zurück sein wird, soll es die Geschenke persönlich erhalten. Der Baum für das kronprinzliche Paar steht rechts von den beiden großen Bäumen für den Kaiser und seine Gemahlin. Wie in jedem Jahr, so wird auch bei der jetzigen Weih­nachtsfeier der Kaiser persönlich den Befehl geben, die Tür zum Muschelsaal zu öffnen. Dann führt er die Angehörigen an die Tische, auf denen die Geschenke für die einzelnen Mit­glieder der Familie liegen. Nachher führt die Kaiserin ihren Gemahl an den Tisch, der die Geschenke trägt, die für ibn bestimmt sind. Niemand geht leer aus im Kaiserhaus: Das ganze Schloßpersonal wird beschert, und ein Riesenchristbaum blitzt mit Hunderten von strahlenden Lichtern in den Abend. Die Kai­serin selbst hat noch mehrere andere Pflichten zu Weihnachten: Wochenlang vorher ist sie schon damit beschäftigt, Waisenhäusern, Kran­kenhäusern und anderen Wohltätigkeitseinrich­tungen die Weihnachtsgeschenke und Weih­nachtsfeiern zu bestimmen; denn gerade die Weihnachtszeit ist für sie eine Gelegenheit, ihren wohltätigen Sinn in umfangreichster Weise zu betätigen. Viele Kranke und Un­glückliche wissen davon zu erzählen, wie die hohe Frau durch ein Geschenk oder durch eine andere Aufmerksamkeit die Schwergeprüften zu tröste« wußte. —eg—.

Her Marm mit den zwei Frauen.

Die Doppelehe Crispis.

Man schreibt uns aus Rom: Das Er­scheinen von Crispis Memoiren gibt dem italienischen Journalisten Mongiardini Veranlassung, in der »Rivista di Roma' unbe­kannte Einzelheiten aus dem Leben des gro­ßen Staatsmannes zu erzählen: Er will sie von Rosalie Montmasson erfahren haben, der stolzen Savoyardin, die mit Crispi

den »Zug der Tausende' mitmachte, mit ihm in Paris die bitterste Rot teilte und später in Malta vor Gott seine Frau wurde. Sie war in den ihr angetrauten Mann bis zur Raserei verliebt und so eifersüchtig, daß sie emmal bei Tisch, in Gegenwart mehrerer Gaste, em Messer ergriff, um sich die Puls­adern zu durchschneiden, und nur mit Mühe konnte man ihr das Messer wieder entreißen. Als sie Crispis Beziehungen zu Donna Lina, feiner späteren .Gattin Nummer zwei', zu ahnen begann, spürte sie so lange uncher, bis sie die kourpromittierenden Liebes­briefe gefunden und gelefen hatte Nun war für sie alles zu Ende: Sie verließ fofort das Haus des Mannes, dem sie ihr Leben geopfert hatte, und mietete sich ein kleines Zimmer, in dem sich auch nicht ein einziges Möbelstück be­fand, fo daß sie den ersten Tag auf der Erde fitzen und schlafen mußte. Erst als Garibaldi und andere sich einmischten, gab ihr Crispi ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch; später fügte er noch eine kleine Monatspension hinzu, die die Stolze indessen nur widerstrebend annahm, da es sie schmerzte, von dem Manne, der sie von sich gestoßen hatte, ein Almosen anzunehmen.

Rosalia Montmasson hatte sich auf Malta mit Crispi nur kirchlich trauen lassen und nie daran gedacht, der Trauungsurkunde auch in Italien Geltung zu verschaffen: als sie dann erfuhr, daß Crispi, der sich rnzwischcn mit Donna Lina standesamtlich und infolgedessen rechisgiltig hatte trauen lassen, dem, der ihm die maltesische Trauungsurkunde bringen Wurde, 30 000 oder gar 40 000 Lire verspro­chen hatte, hielt sie das wichtige Dokument sorgsam hmter Glas verborgen. Noch einmal machte die Montmasson von sich reden. Als der Fürst von Linguaglossa Crispis Tochter als Gattin heimführte, wünschte er, daß auch fein Schwiegervater Crispi sich noch nachträg­lich mit Donna Lina kirchlich trauen lassen sollte. Rosalie Montmasson erfuhr das und fchickte eine mit ihr befreundete Dame zum Kardinal Parroechi, dem Vikar von Rom, um ihm die eifersüchtig gehütete malte­sische Trauungsurkunde zu zeigen; der Kardi­nal sah sich die Urkunde genau an und er­klärte, daß die katholische Kirche nie zwei kirch­liche Eheschließungen ein und desselben Man­nes mit zwei noch lebenden Frauen einfegnen würde. Mit einer gewissen Genugtuung sagte Rosalie, als sie diesen Vorfall erzählte, hin­zu: »Der Papst beugt fich nicht vor Crispi!' In der letzten Zeit seines Le­bens scheint sich Crispi jedoch mit seiner .Gat­tin Nummer eins' ausgesöhnt zu haben; er schickte ihr wenigstens sehr oft Blume«, Ge­schenke und Geld. Als sie eines Abends schwer krank in ihrem finstern Zimmer lag, hörte sie jemand eintreten. „Wer hat sich an

mein Bett gesetzt?' fragte sie. .Dein Mann . . .!' In diesem Augenblicke sühlte Rosalia Montmasson sich für die langen Lei­den, die sie erduldet hatte, wenigstens ein klein wen'-, entschädigt. —wz—

Das Fommalisten-Mmisterium.

Briand «nd feine Leute.,

Man schreibt uns aus Paris: Das zurzeit in Frankreich am Ruder befindliche Ministerium Briand, das nun schon manchen Kampf überdauert und damit einen in Frankreich sehr beachtlichen Beweis des Bestandes geliefert hat, zählt nicht weniger als zehn Mitglieder, die sich zuerst als Journalisten einen Namen gemacht haben und zum Teil noch heute journalistisch tätig sind. Jedermann weiß, daß der Ministerpräsident Briand sich vor fünfundzwanzig Jahren sein erstes Geld als . . . Versammlungsberichter st atter verdiente: Er war als juristischer Doktor nach der Hauptstadt gekommen, konnte aber mit der Juristerei nicht viel verdienen, und trat in den Dienst einer Zeitung, die ihn als Reporter beschäftigte. Er schrieb so leicht und gefällig, daß er sich bald auf der ersten Zeitungsseite gedruckt sah und bis zu den Leitartikeln vor- rüttte. Viele Jahre leitete er dann, bevor er sich über Hals und Kopf in die Politik stürzte, eines der kampflustigsten Blätter der äußersten Linken, die „Lanterne'. Als Chefredakteur war Briand weder fehr anspruchsvoll, noch fehr arbeitsam: Sein Blatt gehörte auch nicht zu denen, die große Willensanstrengungen er­forderten, da das ganze Interesse sich (wie das auch heute noch der Fall ist) auf die politischen Artikel konzentrierte.

Just um. diese Zeit wars auch, als man den angesehenen .Lebemann' Briand zweimal täglich in einem Restaurant, dessen Hauptreiz in der Bedienung von .zarter Hand' bestand, treffen konnte. Von den andern neun Jour­nalisten, die das Kabinett Briand zieren, ist der am reichsten mit Gliicksgütern gesegnete unzweifelhaft der Handelsminister Senator Dupuy, der die gelefenste Pariser Zeitung, den .Petit Parisien', besitzt und persönlich leitet. Das Blatt soll (wie behauptet wird) täglich in nicht weniger als 1200 000 Exem­plaren erscheinen. Die Politik nimmt im „Pefti Parisien' selten mehr als fünfzig Zeilen ein, womit indessen nicht gesagt werden soll, daß das Blatt seine große Verbreitung nur diesem Umstande zu verdanken habe. Die Ministerherrlichkeit des Herausgebers hat in dem Zuschnitt der Zeitung nicht das geringste geändert, und ein großer Teil der Leler dürfte überhaupt nicht wissen, daß er das Organ eines leibhaftigen Ministers lauft.

Herr Pichon, der Minister des Aeußern, war, bevor er die diplomatische Karriere ein« schlug, mehrere Jahre lang Redakteur der da­mals von Clemeneeau geleiteten .Justice'. Der Arbeitsminister S aff erre ist noch heute fleißiger Mitarbeiter der .Action'; der Unter­richtsminister Puech und der Staatssekretär N o «l e n s sind ständige Mitarbeiter der .Aurore', während der Staatssekretär Le- fsvr-e für die .Petite Rspubligue' schreibt. Der Justizminister Girard ist Redakteur einer großen Zeitung in Bordeaux, und der Finanzminister Klotz stand einst an bet Spitze des .Voltaire', der allerdings in­zwischen längst selig entschlafen ist. Der Elite- joumalist des Kabinetts Briand aber ist bet Senator Maurice Faure, Minister bet öffentlichen Arbeiten, der für eine große An­zahl Zeitungen und Zeitschriften Gereimtes und Ungereimtes geschrieben hat. Seine pro- venzalischen Dichtungen brachten ihm Ruhm und Ehre, und er hat auch als Minister seine geliebte Provence nicht vergessen. Beweis da­für: Er trägt sich mit dem Gedanken, die französische Kunstschule von Rom nach Arles zu verlegen, ober in ber proben« zalischen Stadt doch wenigstens eine .Zweig­stelle' ber römischen Schule einzurichten. Wie man sieht, haben also in Frankreich Sie Leute vom »verfehlten Beruf' durchweg ein recht an­sehnliches Stückchen Lebensarbeit hinter sich gebracht. - , y , '

, . Neue Urmenschen.

Die Zeugen grauer Borzeit.

Man schreibt uns: Unsere Kenntnisse vom Urmenschen sind in den beiden letzten Jahren durch die Entdeckung mehrerer Typen, unter denen die von dem Archäologen Hauser itt ber Dordogne gefundenen Reste des Homo Mousteriensis und des Homo Aurignacensis den erste« Platz behaupten, wesentlich gefördert worben. Der tertiäre Mensch, bas Ziel bes Anthropologen, kann als sicher gesunden gel­ten. Auch aus Südamerika bringt die Nach­richt von solchen Funden aus ber Tertiärzeit. Dort hat Fl. Ameghine bei dem argentinischen Orte Nechocea in einer Schicht, die wahrschein­lich dem spättertiären Pleistoeän angehört, bet sogenannten mittleren Pampasformation, Skelette auf gegraben, die von den bisher be­kannten Vertretern pes Urmenschen wesentlich abweichen. Das auffallendste ist die ge­ringe Größe biefer Menschenrasse, bie nicht mehr als 1,40 Meter beträgt. Die Oberschenkel sind kurz und gerundet wie bei den Affen, das- kurze und eingedrückte Fersenbein verrät eine erste Anpassung an den aufrechten Gang auf den Hinteren Extremitäten.

Auch der Schädel zeigt Besonderheiten. Er ist dolicheophal, klein und ovoid, vorn schmal, hinten breit, die Stirn ähnelt dem Neandertaler. Mit diesem hat er auch das Fehlen des Kinnes gemeinsam. Sein Ent­decker hat ihm deswegen den Namen des „kinnlosen Menschen', Homo sine mento, ge« geben. Seine Oberkiefer sind zwar prognath, seine Zähne aber stecken in ihm im Gegensatz zu dem obengenannten Neandertaler- und Speyer-Schädel vollkommen senkrecht. Der kinnlose Mensch ist älter als diese beiden Primitiven, er vermittelt ztvischen diesen und den allerältesten. Etwas jünger ist ein eben« salls von Ameghine gefundenes Skelett eines jungen Menschen, dessen Stirn säst länger als breit ist. Dieser Vorläufer des heutigen Men­schen hatte die Eigenart, den Kopf gebeugt zu tragen, in einer Stellung, die zwischen der des Affen und des Menschen in der Mitte liegt. Es trägt daher den Namen der »Neiaehaupt- mensch". Homo * caput inclinatus. All diese Urmenschen stammen in letzter Linie von ben Affen ab; aber wir haben uns diese nicht in ben uns bekannten Arten vorzustellen, son­dern in viel weniger entwickelten Vorläufern. Gefunden freilich sind diese Zwischenstufen bis­her nicht. -nv-

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