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Nr. 15.

Erster Jahrgang.

CaffklrrMeueste Mgchnchtm

Mittwoch, 21. Dezember 1910. । puiwmmwv n iMiWliflFIWnnWIWLIl' JtlBBBBMBMMWBH'JIJf WBmill »1 'IlWMMMBiaMMM———Ml

Wenn Stirnen schenken •..

Die Weihnachtsgeschenke der „Bühncnstcrne". (Von unserem Korrespondenten.)

Aus Newhork wird uns geschrieben: Die reichen Damen der Geldaristokratie befin­den sich vor Weihnachten und vor Neu­jahr in einem Zustande gelinder Auf­regung. Sie wetteifern seil einigen Jahren darin, den vergötterten Lieblingen der Kunst Geschenke zu machen, und sich vor allen Din­gen in diesen Geschenken zu übertrumpfen. Natürlich sind cs hauptsächlich diejenigen Bühnengrößen, denen der große Name vorangeht, die sie mit ihrer Huld und mit den Beweisen ihrer Verehrung beglücken. Jnter- effant dürfte eine Aufstellung der Geschenke sein, die in diesem Jahre in der amerikanischen Dollarftadt für einige Träger der bekanntesten Nanren bestellt worden sind. Namentlich ist es der „göttliche" Caruso, dem einige Damen zum Weihnachtsfeste etliche kostbare Ueberraschungen bereiten wollen. Mit Na­deln und anderen Kostbarkeiten will man frei­lich das Wohlgefallen an der Kunst des Sän­gers nicht ausdrücken; denn die Geschenke sol­len nicht nur wertvoll, sie sollen auch origi­nell sein. So hat «ine Dame, eine Millio­närin in der fünften Avenue, Caruso für seine Rolle als Don Josss eine Uniform geschenkt, die ihresgleichen noch nicht gesehen hat. Rein äußerlich genommen unterscheidet sie sich nur wenig von der Tracht, in der man den Don gofä gewöhnlich auf der Bühne erblickt, aber alles, was an der Uniform glänzt und blinkt, ist aus edelstem Metall hergestellt. Dis Knöpfe sind echtes Gold, reich mit Edelsteinen garniert und jeder einzelne Knopf trägt das Namenszeichen des Sängers und das Datum des kommenden Weihnachtstages aus Brillan­ten und Rubinen eingelaffen.

Diese Uniform soll den Betrag von 14 000 Dollars gekostet haben, und die Geberin hat nur den einen bescheidenen Wunsch an die Gabe geknüpft, den Don Jos6 bei seinem Auftreten in der Oper darin bewundern zu dürfen. Eine andere Dame beschenkte Caruso mit einem Dolch, den er in der Schlußszene von „Carmen" benutzen soll, und dieser Dolch ist ein Kunstwerk ganz eigener Art. Aus Platin, bekanntlich dem kostbarsten und wert­vollsten Edelmetall, ist der Griff hergestellt und die Spitze erglänzt in Gold, das, feinziseliert, alle Szenen aus „Carmen" darstellt, in denen der Künstler auf der Bühne weilt. Die Arbeit ist so fein ausgeführt, daß das Antlitz des Sängers in jeder Figur deutlich zu erkennen ist. Trotzdem sind die Figuren nicht größer als 5 Zentimeter. Da Caruso (wie die mei­sten großen Bühnenkünstler) außerordentlich abergläubisch ist, so bedachte ihn evy» Ver­ehrerin seiner Kunst, die diese Schwäne des Sängers kennt, mit einem indischen kostbaren, wie geschmackvollen Amulett. Dieses An^ lett stammt von einem indischen Fakir und stellt einen eigentümlich schillernden Topas dar. Die Rückseite des edlen Steines hat eine gpldene Fläche, und auf dieser goldenen Fläche sind die Anfangsbuchstaben all der Obern ein­gelassen, in denen Caruso auftritt. An «jter Platinkette, die so fein gearbeitet ist, daß sie sich nur durch das Blitzen des Metalls von der Haut abhebt, häng> der wertvolle und glück­bringende Stein.

Solange der Künstler diesen Stein trägt, wird er nach Aussage des Fakirs niemals seine Stimme und niemals die Gunst des Pu­blikums verlieren. Die Schenkerin hat eigens die Reise nach Rangun angetreten, weil ihr zu Ohren gekommen war, daß ein dort leben­der Fakir diesen Stein besitzt, der für alle Zei­ten Kunst und Gunst in sich schließt. Und da sie nicht dieses Kleinod der Versendung durch die Post und das Schiff anvertrauen wollte, machte sie sich selbst auf den Weg, um es zu holen. Ebenso will sie es dem Künstler über­reichen. Auch ein anderer gefeierter Liebling des Publikums soll dieses Jahr ein kostbares Geschenk erhalten. Es ist Sarah Bern­hard, und da sie in Frankreich lebt, wird sie das Geschenk nicht am Weihnachts-Heilig­abend. sondern am Neujahrstage bekotnmen. Die Geberin ist eine Dame der englischen

Aristokratie, eine begeisterte Anhängerin der „göttlichen" Sarah, die sie in der Rolle des Herzogs von Reichstedt gesehen hat. Damals trug Sarah Bernhard einen Mantel, reich mit Hermelin besetzt, der eine Zeitlang das mo­dernste Kleidungstück in Frankreich gewesen ist. Die englische Lady hat nun einen Mantel ganz aus Hermelin herstellen lassen, und ihn beim Transport mit einer Viertelmillion Mark versichern lassen. Sie hofft als Gegengabe für dieses Neujahrsgeschcnk die „göttliche" Sarah noch einmal als Herzog von Reichstedt erblicken zu dürfen, eine Hoffnung, deren Ver­wirklichung die Künstlerin sich sicher angelegen sein lassen wird.

-or-

Gericht und Recht.

Sie Borkumer Spione vor Gerichte

(Von unferm Korrespondenten.)

Aus Leipzig schreibt man uns: Vor dem Reichsgericht findet morgen die Verhand­lung in der Borkumer Spionage- affäre statt, deren Ausgang man namentlich in deutschen und englischen militärischen Krei­sen mit Spannung entgegensieht. Die An­klage richtet sich gegen die beiden Engländer Brandon und Trench, von denen man den ersteren für einen aktiven englischen Offi­zier hält. Er wurde in der Nacht zum 24. August d. I. aus der Insel Borkum dabei betroffen, wie er Photographien der streng geheim gehaltenen Befestigungsanlagen der Insel machte.

Brandon wurde beim Photographieren verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Emden eingeliefert. Bei seiner Verneh­mung, die mit Hilfe eines Dolmetschers vor sich ging, da Brandon nicht deutsch spricht, berief er sich auf seinen Freund Trench. Erst dadurch wurde die Behörde auf den zweiten Engländer aufmerksam. Dieser stellte sich aber freimütig dem Gericht, um, wie er sagte, seinem Freund behilflich zu sein, seine Unschuld zu erweisen. Trench wurde darauf in Freiheit belassen und inzwischen eine Untersuchung der Effekten Brandons vorgenommen. Das Re­sultat dieser Untersuchung war, daß sofort auch gegen Trench ein Haftbefehl erging. Beide Verhafteten wurden in der Untersuchung streng abgesondert gehalten. Die von den Behörden sofort eingeleiteten Unter» fuchungen ergaben die weitere Tatsache, daß Brandon und Trench bereits im vorigen Jahre die deutschen Nordseeinseln aufgesucht und Zeichnungen angefertigt hatten, offenbar auch zu Spionagezwecken. Die beiden Verdächtigen erklärten, daß sie lediglich Ferienreisende seien und die Photogra­phien nur aus Liebhaberei ausgenommen hät­ten. die in ihrem Besitz vorgefundenen Pläne mit ausgezeichnetem Zahlenmaterial und Meßinstrumenten sind sie aber schwer belastet. In ihren Aussagen waren sie sehr zurückhaltend und brachten auch ihrem Rechtsbeistande, dem Rechtsanwalt Haberfelder aus Emden (der ihnen durch Vermittlung des Emdener enlischen Vizekonsuls beigegeben wurde) wenig Vertrauen entgegen; sie ver­langten die Zulassung eines englischen Rechts­anwalts. In England erregte die Spionage­affäre natürlich das größte Aufsehen. Man versuchte die Wichtigkeit des Falles herabzu­setzen, indem man ihn als Parallelfall zu dem des deutschen Offiziers Helm hinstellte, der in Portsmouth ein paar alte Kanonen photo­graphiert hatte. Die deutschen Behörden schei­nen dieser Aufsaffung aber nicht zu sein, denn das dem Oberreichsanwalt eingesandte Be­lastungsmaterial hat diesen veranlaßt, von Reichswegen die Klage wegen Ausspio- nierung militärischer Geheim­nisse zu erheben. Die beiden Verhafteten wurden nach Leipzig transportiert und sind bisher auch hier in strenger Einzelhaft ge­blieben. -rsch-

□ Cassel vonn Reichsgericht. (Von un­serem Korrespondenten.) Wegen Be­truges ist am 15. August vom Landgericht Cassel der Sensenhändler Heinrich Mül­

ler zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden. Ein anderer Sensenhändler hatte ihm Sensen zum Vertrieb überlassen, und zwar für Rechnung des andern. Müller hatte aber die Sensen verkauft, sie sich bezahlen las­sen und den Erlös für sich verbraucht. Seine Revision wurde gestern vom Reichsgericht ver­worfen. — Wegen Körperverletzung ist am 4. Juli vorn Landgericht Cassel der Klemp­ner Fritz Hardt zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Hardt hatte einen Schutz­mann, der ihn festnehmen wollte (wozu er allerdings nicht berechtigt war), mit der Faust geschlagen. Auch diese Revision wurde gestern vorn Reichsgericht als unbegründet verworfen.

□ Sprechzimmer-Geschichten. Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II in Berlin hatte sich gestern der Spezialarzt Dr. med. H. aus Rixdorf bei Berlin unter der Anklage der Verführung von Minder­jährigen und • der Freiheits­beraubung zu verantworten. Dr. H. prak­tizierte feit ungefähr zwei Jahren in dem großen Ärbeitervororte, wo er jedoch alsbald mit feinen Standesgenossen in Differenzen ge­riet, weil er in den Mixdorfer Blättern fort­gefetzt Inserate erscheinen ließ, in denen er seine Kunst als Arzt und seine Röntgen- strahlenuntersuchungen anpries. Am 15. Sep­tember v. I. war H. in das Haus Berliner- straße 42 übergesiedelt, und bald durchschwirr­ten wilde Gerüchte den betreffenden Stadtteil. Es wurde erzählt, daß die Wohnung der Schauplatz wilder Orgien sei, die,®r. H. mit feinen minderjährigen weib­lichen Patienten veranstalte. Seine Wirtfchasterin, ein Fräulein Emmi Westfal, follte mit ihm unter einer Decke stecken, damit „nichts herauskomme". Um die Patientinnen seinen Gelüsten dienstbar zu machen, soll der Angeklagte sie vorher in einen hypnoti­schen Zustand versetzt haben. Es verging jedenfalls keine Woche, in der nicht Mütter mit ihren Kindern in dem Hause erschienen und den Angeklagten beschuldigten, daß er ihre Töchter mißbraucht habe. Unter anderem wurde festgestellt, daß H. sich an einem 15jähri- gen Mädchen vergangen hatte. In der gestri­gen Verhandlung vor Gericht ergab sich in- beffen, daß der Arzt nach Aussehen und Ent­wicklung des Mädchens dessen Minderjährig­keit nicht habe erkennen können. Und da das Mädchen auch freiwillig in die Wohnung des Arztes gekommen fei, fei. Ebenfalls der Tatbestand der Freiheitsberaubung nicht ge­geben. Das Gericht kam daher trotz der schwer belastenden Momente zu einer Frei­sprechung des Angeklagten.

H Die Geheimbündler von Liffa. Aus L i s s a wird uns geschrieben: Nach mehrtägiger Verhandlung ist in dem umfangreichen G e - heimbundprozeß, der sich gegen nicht weniger als 27Angeklagte richtete, das Urteil gesprochen worden. Die Angeflagten, unter denen sich auch der Landtagsabgeor­dnete Switala befand, wurden bekanntlich beschuldigt, Gründer hezw. Mitglieder eines polnischen Vereins gewesen zu fein, der sich mit politischen Fragen beschäftigte, während sie selbst behaupten, daß es sich um einen Pol­nischen Gesangverein gehandelt habe, der ge­gründet wurde, um die Jugend von der Sozial- demokratie fern zu halten. Nach dem Ergeb­nis der Beweisaufnahme wurden die Ange­klagten von der Anklage der Geheimbündelei freigesprochen. dagegen sechs von ihnen wegen Uebertretung der Vorschriften betreffend die po­litischen Vereine zu je 20 MarkGeldstrafe verurteilt.

□ Der Exminister im Zuchthaus. Emern Telegramm aus Kopenhagen zufolge hat der frühere Justizminister Alberti sich bei dem gegen ihn ergangenen Urteil be­ruhigt. Ta auch die Anklagebehörde nicht be­absichtigt, gegen das Urteil Revision einzu- legen, wird Alberti noch vor Weihnachten nach dem Zuchthaus in Horsens übergesührt werden.

Sport und Spiel.

Casseler Fußballspiele. Das für den letzten Sonntag angesetzte Spiel auf dem Sportplatz in der Frankfurter Straße zwischen der ersten und zweiten Mannschaft des Casseler Fußballvereins konnte we­

gen des schlechten Wetters nicht stattfinden. Dem dringenden Wunsche des Publikums fol­gend, einen besseren Zugang zum Sportplatz herzustellen, wird der Casseler Fußballyerein im Laufe dieser Woche einen neuen Weg nach seinem Platz hin legen lassen, der vorn Sportplatz quer über die Wiese führt und der Infanterie-Kaserne gegenüber am Roon-Restaurant auf die Frankfurter Straße mündet. Am ersten Weihnachtstage werden sich bann auf bem Sportplätze die erste Mann­schaft des Casseler Fußballvereins Teutonia und diejenige des Casseler Fußball, tierei ns gegenübertreten, während am zweiten Festtag die zweiten Mannschaften der genannten Vereine ein Wettspiel aussechten werden. Die beiden Spiele versprechen einen interessanten Verlaus, da Teutonia alles auf- bieten wird, um den Sieg an sich zu reißen. Der Casseler Fußballverein hat eine Umstel­lung seiner ersten Mannschast vorgenommen, die ihm hossentlich zum Besten gereichen wird, wird aber nichts, denn Wernsdorf und mein Geldbeutel halten eine solche Belastung nicht aus!"

te» Das Bremer Hallenturnier. Das I n - tcrnationale Hallenturnier des Bremer Lawn Tennis-Vereins findet in der Zeit vom 1. bis 5. Februar statt und wird in diesem Winter das einzige deutsche Hallen­turnier sein, da die alljährliche Berliner Ver­anstaltung ausfällt. Als Hauptkonkurrenzen gelangen die neu geschaffenen Hallenmeister­schaften von Deutfchland im Herren-Einzelspiel und' Herren-Doppelspiel zur Entscheidung.

te* Dresdner Schwimm-Konkurrenzen. Aus Dresden wird uns depeschiert: Im Rahmen der Internationalen Hygiene-Ausstel­lung Dresden 1911- werden auch große schwimmsportliche Veranstaltun­gen stattfinden, unter anderem das große internationale Wettschwimmen am 18. Juni und das nationale Wett- f d; to i m m e n für Herren am 30. Juni. Schau­schwimmen werden im Mai und September ab­gehalten und das Kreisfest findet am 3. 7. statt.

Im Aeroplan übet den Aermel-Kanal. Ein neuer Aeroplanflug über den Aermel-Kanal ist von dem englifchen Aviatiker S o p w i t h im Wettbewerb um den de Forest- Preis mit einer in England erbauten Howard-Wright-Mafchine ausgeführt wor­den. Sopwith stieg bei starkem nördlichen Winde morgens auf der Insel Sheppeh in der Themsemündung auf, erreichte nach etwa halbstündigem Fluge die englische Küste zwischen Dover und Folkestone, über­querte bann den Kanal und landete in Belgien bei Beaumont, unweit der französischen Grenze. Die zurückgelegte Distanz beträgt 250 Kilometer, die durchschnittliche Stunden- geschwindigkeit belief sich auf ca. 80 Kilometer. Die Leistung ist um so bemerkenswerter, als der junge Aviatiker bisher keine nennens­werten Flüge ausgeführt hatte und auch diesen Flug ohne besondere Vorbereitun- gen und ohne Unterstützung von Begleitschiffen unternahm. Sopwith ist damit der erste Anwärter auf den de Forest- Preis von 80 000 Mark, der demjenigen eng­lischen Aviatiker zufallen soll, der mit einer vollständig in England hergestellten Maschine von England aus den Kanal überquert und bis zum 31. Dezember die größte Distanz auf dem Kontinent zurücklegt.

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