Nr. 15. — 1. Jahrgang.
toefen sein füll. Dir von dem Grafen und seinen Frennden in Bezug aus den Fürsten Bülow verbreiteten Gerüchte sanden schließlich ihren Niederschlag in der Berliner Zeitschrift »Der Eigene", deren Herausgeber, der Schriftsteller Brandt, deshalb vom Fürsten Bülow vor Gericht gezogen und in dem bekannten Bülow-Brandt-Prozeß zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Brandt, ein exaltierter Mann, verweigerte damals die Auskunft über seine Hintermänner. Die in München erschienene Zeitschrift „März" griff jedoch die Angelegenheit auf, indem sie die ganze Affäre Bülow-Brandt als eine Kampagne der Homosexuellen gegen den Reichskanzler von Bülow bezeichnete und ausführte, daß hinter diesem Häuflein anormaler Schwarmgeister die militärischen und höfischen Feinde des Fürsten gestanden und den Plan nicht nur gebilligt, sondern auch unterstützt hätten, der darauf hinauslief,
den ersten Reichsbeamten niederzuwerfen, um auf seinen Leichnam tretend die Aufhebung des Paragraph 175 zu erzwingen. Weiter behauptete der „März" damals, daß Gras Günther von der Schulenburg von den politischen. Drahtziehern benutzt werde, denen sein Uebertritt zum katholischen Glauben die erwünschte Gelegenheit zur G e l t e n d m a - chung ihres sehr großen Einflus- se s geboten habe und der vom Zentrum sogar mit einem Reichstagsmandat ausgestattet worden wäre, wenn nicht die Affäre mit dem Knaben im Kölner Hohenstaufenbad diese Pläne durchkreuzt hätte. Graf von der Schulenburg sei ein Intimus des verstorbenen Reichstagsabgeordneten Kaplan Dasbach in Trier gewesen und habe sich als eifriger Ultramontaner geriert. Und obwohl er ein unmittelbarer Verwandter des Reichskanzlers sei, habe er sich nicht entblö- det, die Führung in dem Kampfe gegen den Todfeind des Zentrums, den Fürsten von Bülow zu übernebmen.
Wegen dieses Artikels erhob Graf Günther von der Schulenburg gegen den verantwortlichen Redakteur des „März", Kurt Aram, die Privatklage, die mit einer Verurteilung zu 50 Mark Geldstrafe endete, weil in dem Artikel die unrichtige Behauptung aufgestellt worden war, Graf Günther babe sich mit Absicht nicht zu dem Prozeß Bülow Brandt als Zeuge eingefunden, und weil von dem Grafen zum Schluß gesagt wurde, er sei
ein „dunkler Ehrenmann".
Alle diese Vorgänge veranlaßten die Familie des Grafen Günther, dessen Entmündigung zu betreiben. Es kam noch hinzu, daß der Graf sich noch bei einer anderen Gelegenheit unliebsam bemerkbar gemacht hatte: Als seinerzeit die Tochter des Landwirtschafts- Ministers Freiherrn von Schorlemer-Liescr den Freiherrn von Fürstenberg heiraten wollte, wandte sich Graf Günther von der Schnlcn- bnrg an den bekanntenBerliner Kriminalkommissar von Tresckow, der die anormalen Kreise überwacht und fragte ihn (angeblich im Auftrage des Freiberrn von Schorlcmer), ob der Freiherr von Fürstcnberg nicht der Polizei als anormal bekannt sei. Die Folge davon war, daß der Freiherr von Fürstenberg am Abend vor der Hochzeit, an der der Kaiser als Gast teilnehmen wollte, sich im Lieserer Schloßteich ertränkte. Ferner war der Familie von der Scknlenburg bekannt geworden, daß der Graf Günther bereits im Jähre 1901 gemeinsam mit einem anderen Aristokra- ren von Köln aus
„einen Bund adeliger Eigener"
ins Leben rufen wollte. Die Bemühungen der Familie haben dann auch den Erfolg gehabt, daß der Graf in einer Verhandlung des Velberter Amtsgerichts unter dem Vorsitz des Amtsrichters Schissers entmündigt wurde. Der Graf beantragte jedoch die Aushebung der Entmündigung, da sie nicht wegen seiner angeblichen Geistesschwäche, sondern ausschließlich aus politischen und gesellschaftlichen Gründen betrieben worden sei und man ihn nur mundtot machen wolle. Er hat sich bis zum heutigen Tage deshalb auch außerhalb der Reichsgrenzen aufgehal- ten, nimmt jedoch an der heutigen Verhandlung teil, zu der das Gericht zwei Bonner
Casseler Neueste Nachrichten
Psychiater zur Beurteilung des Geisteszustandes des Grafen geladen hat, eh.
Nie Politik der Tages.
<s> Der neue Landtag. Wie uns aus Berlin berichtet wird, ist soeben die Tagesordnung für die erste Plenarsitzung des preußischen Abgeordnetenhauses ausgegeben worden. Die erste Sitzung findet am Dienstag, den 10. Januar 1911, nachmittags 1 Uhr statt. Unmittelbar nach der vorläufigen Konstituierung wird der Fin.inz- ministcr den neuen Staatshaushaltsetat einbringen. Hierauf wird sich das Haus vertagen. Am gleichen Tage wird das H e r- r e n h a us eine kurze Sitzung abhalten, um sich zu konstituieren.
cs3 Französische Verkehrs-Misere. (Telegramm.) Ter Bürgermeister von Dünkirchen erklärte einem Berichterstatter, daß die Stadt durch den Wagenmangel der Eisenbahn einen außerordentlichen Schaden erleide. Auf den Hafenkais lagern gegenwärtig 25 000 Tonnen Ware. Man befürchtet, daß die fremden Schiffe, denen es unmöglich sei, ihre Ladung zu loschen, es vorziehen werden. belgische Häfen anzulausen. Der Sekretär der Handelskammer erklärte, der Schaden, der durch diesen Uebclstand dem Handel von Dünkirchen zugefüqt werde, müsse auf 100 000 Franks täglich geschätzt werden.
Politische Chronik.
Wie uns aus Berlin depeschiert wird, hat der Gouverneur von Kamerun, Dr. Gleim, der vor Antritt seiner Stellung das Dezernat für dieses Schutzgebiet im Rcichskolo- nialamte innchatte, nunmehr in dem Geheimrat Dr. Oskar Meyer einen Nachfolger erhalten. Dr. Meyer war bisher erster Referent des Schutzgebietes Togo und ist nunmehr zum Geheimrat und Vortragenden Rat im Reichskolonialamt ernannt worden.
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Aus Köln meldet uns ein Telegramm unseres Korrespondenten: Der Landwirtschaftsminister Freiherr von Schorlemer hat an den Vorstand des Rheinischen Sängerbundes ein Schreiben gerichtet, worin er sich bereit erklärt, das Protektorat über das im nächsten Fahre in Köln stattfindende erste Rheinische Sänger- Bun d es f e st zu übernehmen
Das Kriegsgericht von Limoges (Frankreich) verurteilte den antimilitaristischen Agitator V e r b e s s o n, der im August dieses Jahres in Perigneux einen Unteroffizier erschossen hatte, zu lebenslänglichem Zuchthaus und Degradation.
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Einem Privattelegramm aus London zufolge war der Stand der englischen Wahlen gestern spätabends iotqender: 272 Unionisten, 270 Liberale, 43 Mitglieder der Arbeiterpartei, 73 Nationalisten und 9 Anhänger O'Briens.
Perl« vom Tage.
„KnUurbilÄer" cas Magharierr.
(Von unserem Korrespondenten.)
Aus Budapest wird uns geschrieben: In den Kreisen der hiesigen besten Gesellschaft erregt augenblicklich die Fe st nähme einer Einbrecherbande, die sich fast vollständig aus Reserveoffizieren zusammensetzt, das allergrößte Aussehen. Am Sonnabend wurde in der Wohnung des Notars Dr. Charman in Budapest ein Buchhalter namens Prager beim Einbruch in flagranti ertappt und dadurch kam der ganze Skandal zum Ausbruch. Man wunderte sich, daß ein Mann in der gesellschaftlichen Stellung Pragers sich dem Einbruchsdiebstahl widmete, und forschte nach den Umständen, die ihn dazu geführt hatten.
Prager, der bei einer der ersten Großfirmen Äudapests angestellt ist, gestand nun, daß er ein Mitglied einer aus sechs Köpfen
bestehenden Einbrecherbande sei, von denen drei Personen Reserv eossiziere wären. Sie verkehrten in der besten Gesellschaft und „baldowerten" dadurch die günstigen Gelegenheiten aus, wo ein Einbruch leicht ;u machen und gewinnbringend sei. Sie hatten seit Anfang Oktober sechzig Einbrüche mit gutem Erfolge ausgeführt und dabei alle ihre Freunde bedacht, die nicht vermuteten, daß die vornehmen Herren, die bei ihnen zur Abendgesellschaft waren, schon Dietriche und Verbrecherwerkzeug in der Tasche hatten, um einige Stunden später die Einbrüche auszuführen. Zum Teil stahlen sie Geld, zum Teil Schmucksachen und andere Wertgegenstände. Das gestohlene Gut wurde teils in Wien, teils in Berlin verkauft. Die Polizei prüfte die Angaben Pragers nach und entdeckte, daß alles auf Wahrheit beruhe. Alle die unerklärlichen Einbrüche in der letzten Zeit sind auf das Konto der Reserveoffiziere zu setzen, die dabei die treibenden Faktoren waren. Sämtliche sechs Mitglieder der Bande wurden noch in derselben Nacht verhaftet. Die Polizei hat festgestellt, daß nach oberflächlichen Berechnungen den vornehmen Einbrechern ungefähr 250 000 Kronen in die Hände gefallen sind. Die Einbrecher gaben auf Befragen an, daß sie sich auf diese Weise „einen größeren Nebenverdienst" hätten verschaffen wollen, um ihrer Leidenschaft für den Rennsport fröhnen zu können. Im Besitz der Verhafteten wurden Geldmittel nicht mehr gefunden, da sie bereits alles wieder am Totalisator versviclt hatten. Neben der Untersuchung, die die Gerichtsbehörde veranstaltet bat, hat auch der Reichskriegsminister einen Bericht über diese unerhörten Vorgänge eingefordert. Da durch die Verhaftungen einige der anqesehendsten Familien stark kompromittiert sind, so sieht man dem Prozeß mit dem größten Interesse entgegen. -rs-.
Ire Rettung der „Swakopmund".
(Telegramm.)
Wie uns ein Telegramm aus Plymouth meldet, gestaltete sich die Rettrtng des verloren geglaubten deutschen Dampfers „Swakopmund" (über die wir bereits gestern kurz telegraphisch berichtet haben) infolge der stürmischen See sehr schwierig. Nachdem verschiedene aus Brest und Vigo ausgelaufene Dampfer vergeblich gesucht hatten, erschien am 14. Dezember der Dampfer „Itzehoe" der deutsch-amerikanischen Dampf- schifsahrtsgesellschaft und schickte sich an, die „Swakopmund" nach Plymouth zu schleppen. Inzwischen war die Gewalt des Sturmes immer heftiger geworden, und große Wogen gingen über die „Swakopmund" hinweg. Bei den Bemühungen des Dampfers „Itzehoe", die „Swakopmund" fort- zufchleppen, rissen von Zeit zu Zeit die starken Drahtseile. So waren am Sonnabend früh bereits alle Trossen zerrissen, als der Dampfer „Wismar" von derselben Linie Hilfe brachte und die „Swakopmund" am Sonntag nachmittag in den Hafen von Plymouth schleppte, wo das Schiff nun bis zur Ausbesserung der schweren Schäden ankern wird.
iS Lebendig verbrannt. Aus Halle meldet uns eine Depesche: Die Frau eines Schlossers I a s l o w s k i übergoß nach einem Streite mit ihrem Ehemann ihre Kleider mit Petroleum, zündete diese an und stürzte sich, einer Feuersäule gleichend, aus dem zweiten Stockwerk auf den Hof hinab. Sterbend wurde sie ins Krankenhaus gebracht, wo sie bald ihren Verletzungen erlag.
iS Aus Rache . . . lieber einen entsetzlichen Racheakt wird uns aus Halle wie folgt berichtet: Um sich an der Polizei zu rächen, überfiel der vielfach vorbestrafte Arbeiter Spieß vergangene Nacht den Polizei- sergcanten Wulitzer. der am Dienstag als Belastungszeuge gegen ihn aussagen mußte. Spieß verletzte den Polizeisergeanten durchMesserstichelebensgefährlich.
iS Räubers Ende. Wie uns aus D r e s -- den gemeldet wird, wurde dort gestern in dem
^Mittwoch, 21. Dezember ISIS.
am Neumarkt gelegenen Hofjuwelicrgeschäft bon Moritz ein verwegener Raub ausgefühn. Vom Neumarkt her kam ein junger Mann mit einer Maske vor dem Gesicht, stellte sich an eines der großen Schaufenster und zertrümmerte plötzlich mit einem großen Pflaster- stein die 1% Zentimeter starke Scheide. Darauf schlug er einen der Glasschaukästen ein und entwendete ein Collier und ein Perlenhalsband im Werte von 30 000 Mark und noch mehrere andere Schmuckgegenstände im Gesamtwerte von 20 000 Mark worauf er die Flucht ergriff. Als er sich unterwegs von Verfolgern umringt sah, zog er blitzschnell einen Revolver Berber und schoß sich eine Kugel in den Mund. Der Räuber brach sofort tot zusammen.
xx Tie Tragödie einet Frau. Die Gemahlin des verhafteten Grafen Wolf-Met-er- nich, die Schauspielerin Claire Valentin, besuchte gestern abend ihren Mann im Untersuchungsgefängnis. Als sie heimkehrte, siel ihren Angehörigen ihr aufgeregtes Wesen auf. In einem unbewachten Augenblick versucht« sie, sich die Pulsadern zu öffnen. Sic brachte sich mit einem Taschennreffer ein« tiefe Wunde in der linken Hand bei. Ihr Zustand gilt als ernst.
XX Eine siebenfache Mörderin. Aus Bremen wird telegraphiert: Unter dem dringen- den Verdachte eines siebenfachen Gift- Mordes wurde die Frau eines Inge- nieurs verhaftet. Sie wird beschuldigt, drei Kinder aus erster Ehe, ihren ersten Mann und im Jahre 1901 beide Eltern und einen Sohn vergiftet zu haben. Die Frau stammt aus Blccoensiedt in Braunschweig, wo sie die ersten Verbrechen begatt» gen haben soll.
XX Breslauer Räuber. Nach einem T e» legramm aus Breslau begab sich dort der Kaufmann Karl Lippik, Chef des großen Küchenmagazins Lippik & Hinke, mit der Tageslosung, die er in einer eisernen Kassette mit sich führte, nach Hause. An dem Hause kam ihm seine Schwester entgegen und nahm ihm die Kassette ab. Als die beiden die Treppen hinaufstiegen, wurde die junge Dame p.^tzlich von einem Räuber überfallen und ge- würgt. Der ihr folgende Bruder wurde von einem zweiten Räuber angefallen, konnte aber noch um Hilfe rufen. Die Räuber suchtet darauf das Weite, ohne etwas erbeutet zt haben.
xx Nevolverszenen auf dem Bahnhof. Aul Beuthen (Oberschlesten) wird depeschiert: Als am Sonntag der russische Bandit Bu- schewski auf dem Beuthener Bahnhof verhaf tet werden sollte, schossen auf ein Zeichen seine Spießgesellen von allen ©eiten auf die ihn umringenden Personen, von denen verschiedene verletzt und getötet wurden. Die Banditen entkamen mit ihrem Führer.
XX- Die verhafteten Saccharinschmuggler. In der Nacht zum Sonntag wurden auf dem Münchener Bahnhof, wie von dort gemeldet wird, der 31 Jahre alte Monteur Haibel, seine Ehefrau und ein 15jähriges Dienstmädchen verhaftet, weil sie 35 Kilogramm Saccharin mit sich führten, das sie von Zürich über München nach SKzburg schmuggeln wollten.
rs Ein verurteilter Muttermörder. Ein Telegramm berichtet uns aus Paris: Das hiesige Schwurgericht verurteilte gestern den Muttermörder Wache de Roo, der am 4. April feine Mutter niederfchoß, als sie gegen den Willen ihrer Kinder nochmals geheiratet hatte, zu zehn Jahren Zuchthaus.
XX Hochwasser in Belgien. Einem Telegramm aus Lüttich zufolge, sind die Maas und ihre Nebenflüsse infolge anhaltenden Regens stark angeschwollen. In vielen an den Ufern der Maas gelegenen Wohnhäusern dringt das Wasser bis ins Erdgeschoß. Die Sembre ist um ein Meter gestiegen; die Schiffahrt ist unterbrochen. In Mons muß- ten in den tiefer gelegenen Straßen zahlreich« Wohnhäuser geräumt werden.
XX Die versunkenen Inseln Wie die New- Yorker „Sun" aus Colon meldet/ ist dort aus La Liberted in San Salvador die Nachricht eingegangen, daß infolge des kürzlich stattge. fundenen Erdbebens mehrere «»eine Inseln an derPacificküste Salva-
Am Abend.
Von M. E. v. Rheinbaben.
Das also war die Liebe ... die Liebe, aus die er all die Jahre gewartet, die er mit blonden Zöpfen uns einem Madonnenlächeln erträumt hatte! Wie ein Helles, sanftes Licht glaubte er, würde sie zu ihm kommen, und dies Licht hätte er behutsam zwischen seine Hände ttebmen und in sein Heim tragen wollen, wo 'bisher alles so nüchtern und glanzlos gewesen war. Und nun?
Perer Markwart lehnte an der Wand des hell erleuchteten Kaflnosaales und schaute den tanzenden Paaren nach. Die Musik jauchzte und weinte, Seide knisterte. Plaudern und Lachen erscholl und Peter Markwarts Augen suchten unter allen nur die Eine, die ihm die Wunderblume der Liebe gebracht hatte. Er selbst tanzte nicht. Man hätte es ihm in seiner Stellung als Geistlicher verdacht. Von denen da aber wuyte Wohl niemand, daß er int Augenblick sein Leben hingegeben hätte, um dies Mädchen dort mit dem Weichen, schwebenden Schritt den andern tu entreißen und an fein Herz zu ziehen.
Alles an ihr leuchtete. Das ttefdunkle Haar mit den goldenen Lichtern darin, das im Nacken zum Knoten verschlungen, fast zu schwer schien für das kleine Gesicht; der rote, ein wenig 'geöffnete, sehnsüchtige Mund und, die Weichen Wangen, von denen man meinen konnte, daß "eine südliche Sonne ihnen Farbe und Glanz verlieben babe. Das alles trank Peter Markwart mit feinen Blicken. Seine zierliche, aber sehnige Jünglinasaestalt spannte sich, seinem seinen, magern Gesicht schienen die tiefliegenden blauen Augen alles Leben entzogen" zu haben. Da traf ibn ihr Blick. Wie eine beiße Welle schlug es über ihn hm und tauchte seine Wangen in Glut. Und schon war alles vorüber, vorbeigetanzt war sie am Arme eines andern. , ...
,Ra, alter Junge, du langweilst dich toxÄl recht?" tönte da eine lustiae Stimme an
sein Ohr. Peter drehte sich rasch um und sah den Freund mit fremden Blicken an.
„Langweilen, wieso?" war die kühle Antwort. „Für unfereinen natürlich haben solche Feste wie dies hier wenig Reizch
„So?" lachte Fritz vom Stege und faßte den andern vertraulich unter den 9lrm. „Du hör mal, da scheinen mir doch, nach deinem Gesicht zu urteilen, die Trauben etwas sauer
In diesem Augenblick glitt Esther von Rank plaudernd und lachend vorbei. Fritz vom Stege sah den Blick, der ihr folgte und verstand.
„Du", sagte er leiser und ließ den Freund los, „versieh dich nicht, die will höher hinaus."
Als Peter Markwart der frischen Leut- nantserscheinunq nachblickte, die sich elegant und sicher vor einer jungen Hauptmannsfrau verneigte, wie er ihr helles Lachen 6"rte über eine feiner ritterlichen Bemerkungen, die so liebenswürdig und leicht ans dem hübschen Munde flössen, da packte ihn trotz aller Geringschätzung. die er dafür hatte, ein io wehes wehes Gefühl des Ausgeschlossenseins. Wo aber blieb alles, was jemals schwer in seinem Leben gewesen war. als er neben der gefeierten Esther von Rank in der klaren Winternacht nach Hause ging?
Wie es möglich gewesen, daß er. gerade er der Begnadete war, der das letzte Stück des Weges allein mit ihr gehen durfte, das wußte er nicht und würde es wohl nie wissen. Was er aber fühlte, das war, daß sie es so gewollt und das erfüllte ihn mit einem Jubel und einer Glückseligkeit, die er kaum fähig war, in sich zu bergen. Wie lebhaft hatte eben noch Esthers Mund" geplaudert; aber nun, wo sie allein gingen, sanden sie kein Wort. Sie hoben Vcche die Häupter zu den Sternen empor, die ivr zitterndes Silberlicht in unermeßlichem Reich- tum über den tief schwarzen Himmel ergossen; sie senkten die Blicke herab auf die kleinen Spiegel, die der Frost zu ihren Füßen geschaffen und die unter ihren Schritten knisternd zerbrachen-
Plötzlich aber sahen sie sich an und Peter Markwart glaubte seinen Äugen nicht zu trauen, als er über Esthers blühende Wangen zwei große Tränen rinnen sah. Und weil die reiche, vornehme Esther Rank für ihn immer unerreichbar bleiben würde, und weil fein heißes Begehren, das noch vorhin ihn gequält, in der Stille und Kühle dieser Nacht in eine heilige, wunschlose Freude sich gewandelt hatte, deshalb ergriff er ihre Hand, deshalb durste er es und deshalb wehrte sie ihm nicht und lächelte ihm zu.
„Es ist nur der Abend", sagte sie wie entschuldigend.
„Ja, er ist schön", antwortete er leise.
„Wir haben uns immer so gut unterhalten und ich habe so viel Vertrauen zu Ihnen", fuhr sie fort und ihre Stimme war erfüllt von einer so traurigen Innigkeit, daß er meinte, nie eine lieblichere Melodie gehört zu haben.
„Und das dürfen Sie auch zu mir haben," sagte er fest. ,
„Vielleicht," sprach sie leise, „wundern Sie sich, daß ich in den Gesellschaften die Heiterste von allen bin, daß ich mir den Hof machen lasse, daß ich meine Ehre hineinlege, die vornehmsten Tänzer zu haben, die Begehrteste von allen zu sein und daß ich nun ... ne hielt zögernd inne, fragend, mit einem fast flehenden Ausdruck sah sie zu ihm auf. Er aber sagte nichts, sah zu Boden und fein Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. Langsam und vorsichtig ließ er ihre Hand wieder entgleiten.
Ein schmerzhafter Groll wachte in ihm auf, wenn er an das Leben dachte, das sie führte, wenn er daran dachte, wie so manches Mal er versucht hatte, ihr die Hohlheit desselben vor die Seele zu führen und wie er gemeint batte, daß sie ibn verstanden haben müsse. Er erinnerte sich des Ausdruckes ihrer Augen, wenn er ihr erzählte von dein Segen, den wirkliche Arbeit zu bringen vermag und wie dann dennoch das alte Leben mit seinen flachen F.enden und Geni-üe» =■' ihm wieder cniriifen
hatte. Er verglich fein eigenes Sehen mit dem ihrigen; er dachte daran wie hart er hatte kämpfen müssen er, der so allein stand und toit weit er noch entfernt war von dem, was Ruhe, Frieden und Glück bedeutete.
„Und nun?" srug er mit einer Stimme, die alle weichen Regungen gewaltsam unterdrückte. „Haben Sie nicht von Kindheit an alles gehabt, was sie sich nur irgend wünschen könnten? Auf Händen sind Sie getragen worden und wo Sie hingingen, blühte Liebe für sie auf."
„Als ich ein kleines Mädchen war," begann sie mit einer merkwürdig dunklen Stimme, „lebten wir noch auf dem Lande. Ich hatte die schönsten Spielsachen, die man sich denken konnte und nichts blieb mir unerfüllt als das, was ich mir wahrhaft wünschte."
„Und das war?" fragte er bewegt.
„Ich wünschte mir, draußen mit all den kleinen schmutzigen Dorflindern am Teiche spielen zu dürfen und mit ihnen in den Stroh- mieten Versteck zu spielen. Niemand dachte darüber nach, daß mir möglicherweise in dem Leben, das zu führen ich bestimmt wurde, etwas fehlen könne, es war so natürlich, daß ich zufrieden und glücklich war und alles besaß, was ich brauchte."
„Und waren Sie es nicht?"
„Oft wohl, das leugne ich nicht, obwohl immer ein Rest blieb, der nicht aufgiug. Aber es freute mich, zu sehen, tote man mir huldigte, es gab mir ein wohliges Gefühl von Macht. Hoffnungen zu wecken und Hoffnungen zerstören zu können, Herzen rascher schlagen zu lassen!
Und dann," fuhr sie erregter fort, „kamen Sie, Sie, und weckten wieder die alte Unruhe. Errinnerunaen riefen Sie mit Ihren Worten wach an Leiden, denen ich aus dem Wege gegangen war und an Förderungen, die ich unerfüllt gelassen hatte. Und die Gesichter derer, die mich mit Schmeichelworten täglich umgaben, verzogen sich und Verachtung schlich sich in mein Herz für die, welche mir und meinem Gelbe