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Dienstag, 20. Dezember 1910.

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arößert? Mr irgend einen weitläufigen Ver­wandten oder für milde Stiftungen? Schloß er die Augen, wer trauerte um ibn? Er, — gewiß und Vater auch, — aber so nahe standen sie doch nicht miteinander, daß er eine Lücke in ihrem Leben zurückgelassen hätte, die nicht aus- zufüllen war. Wie selten sahen sie sich! Die weite Entfernung, der Beruf des Vaters, der seine ganze Mannestraft erforderte, hinderte ein häufiges Zusammenkommen. Onkel Reuter hatte ja gewiß Zeit, aber er war früher ge­zwungen gewesen, geschäftlich sehr viel zu reifen, so daß er sich in den letzten Jahren, nach Aufgabe seines Geschäftes, nur schwer hatte entschließen können, einmal die lange Fahrt nach Pommern zu unternehmen. Und dann mochte auch noch ein anderer Umstand dazu bei­getragen haben, ihm den Aufenthalt in Werns­dorf zu verleiden. Bei Vater und Mutter herrschte ein reines Glück, ein stilles Genügen, und das war nichts für den einsamen Mann, mit dem prächtigen Herzen. Das mochte in seinem Innern Erinnerungen wecken an längst vergangene Zeiten. Das tat nicht gut für einen Mann wie Onkel Reuter. Heinz Rühling be­griff es, trotz seiner fünfundzwanzig Jahre.

Er ging mit dem Briefe in das Arbeits­zimmer seines Vaters, die .Amtsstube".

Unwillig drehte sich der Oberamtmann um, er liebte es nicht, gestört zu werden bei der Arbeit, das wußten die Familienangehörigen. Als er Heinz' ernstes Gesicht und den Bries in seiner Hand sah, fragte er kurz:

.Was ist los?"

.Onkel Reuter hat einen Schlaganfall be­kommen. Vater!"

Er riß Heinz den Brief aus der Hand und las ihn. Dann ging er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Das war eine schlimme Nachricht! Sein guter Freund war Reuter trotz aller Verschiedenheiten, er konservativer Landwirt und Pommer, der andere süddeut­scher. liberaler Kaufmann. Vom Schlachtfelde von Mars la Tour rührte ihre Freundschaft her, dort hatten sie sich überhaupt zum ersten Male gesehen. In Todesnöten hatte ihn sein Pferd im Handgemenge in die Nähe des kleinen Husaren gebracht, ihn den baumlangen Küras­sier. Am selben Abend noch hatten sie Hand in Hand am Biwakfeuer gesessen und die Freund­schaft hatte gehalten durch mehr als dreißig Jahre. Sie war fester und fester geworden, trotzdem sie Hunderte von Meilen getrennt lebten, Freud und Leid hatten sie miteinander getragen, ihre Frauen hielten zusammen wie Schwestern, er, der Oberamtmann hatte Glück gehabt im Leben, auf Regen war immer schnell Sonnenschein gefolgt, dem guten Reuter aber hatte das Sckickfal arg zugefetzt und das schmiedete doch anständige Menschen nur noch fester zusammen. Gerade in den letzten Tagen batten sich seine Gedanken mehr mit Reuter be­schäftigst denn je. Sein Junge stak in Her­zensnöten, da sollte der bejahrte Freund seine Hände über ihn halten, das war nun vorbei.

(Fortsetzung folgt.)

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fcntt hatten, fragte der Oberamtmann un- wrlllg:

.Wo steckt denn das Mädel, die Klara?" .Behauptet, in der Wirtschaft zu tun zu haben, Vater!"

.Zum Donnerwetter, was ist das für eine Manier?" polterte er los.

Heinz zuckte die Achseln, ihm wurde das Zuiammensein mit den Eltern ungemütlich.

.Gute Nacht, ich fühle mich wie zer­schlagen!"

Er gab seinen Eltern einen Kuß und ging mit schweren Schritten die Treppe hinauf. Aus Klara Herbarts Zimmer schimmerte Licht durch die Türspalte, Er blieb einen Moment stehen. Sollte er ihr eine .Gute Nacht" wünschen? Nein, er ließ es, sie würde ja edensowemg schlafen können wie er.

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Die Post am nächsten Vormittage brachte einen Brief von Herrn Reuters Dieser, Karl, an Heinz.

.Hochgeehrter Herr Leutnant!

Unser Herr Reuter hat vor einigen Tagen einen linksseitigen Schlaganfall bekommen, nun erholt er sich langsam und läßt Sie bitten, auf der Rückreise einen Tag bei ihm zu verweilen. Das Schlimmste ist, Gott sei Dank, überstanden, doch ist Herr Reuter, der Ihnen und den Ihrigen herzliche Grüße senden läßt, noch sehr hinfällig und kann nicht schreiben.

Ich bin, hochgeehrter Herr Leutnant Ihr hochachtungsvoll ergebener

Karl Wendschuh."

Und der Arzt hatte darunter geschrieben.

Unserm alten Freunde geht es wieder leidlich, direkte Gefahr liegt nicht mehr vor. Sie kennen mich wohl gut genug, als daß Sie an meinen Worten zweifeln könnten.

Besten Gruß an Ihren Herrn Vater und Sie.

Dr. Vogel."

Heinz mußte sich fetzen. Also auch das noch! Im stillen hat er immer noch gehofft, wenn die Not am größten werden würde, an Onkel Reuter eine Stütze haben. In dessen jetzigem Zustande mußten ihm natürlich alle Erregungen ferngehalten werden, darüber war er sich vollkommen klar. Ganz verlassen fühlte er sich. Da stieg ihm die Röte der Schäm ins Gesicht, er saß hier und dachte nur an sich, während Onkel Reuter auf seinem Schmerzens­lager hilflos lag, nur angewiefen auf die Hilfe des alten Dieners. Wie einsam war es um den sechzigjährigen Mann geworden! Er besaß einst ein treues Weib, ein Kind, beide hatte ihm der Tod geraubt. In seinen vier Pfählen war er glücklich gewesen, sein Beruf hatte ihn stark in Anspruch genommen, da rettete er sich immer mit stillem Genügen heim zu seinem Weibe nach den Aufregungen und Aerger, die das Geschäft mit sich brachte. Und nun — und nun, so sah also das Ende aus nach einem Leben voll Sorge und Arbeit! Für wen hatte er gearbeitet? Für wen fein Vermögen ver-

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Noch ein paar Gutsnachbarn kamen, zu­letzt der Kreisarzt, der noch einen Krankenbe­such hatte machen muffen.

Man setzte sich zum Frühstück, jeder bekam ein riesiges Beefsteak mit Bratkartoffeln, dazu wurde Rotwein in Massen getrunken, das be­liebte Getränk der pommerscheu Gutsbesitzer. Tie Damen hatten sich zurückgezogen, sie woll­ten erst zum Iagddiner erscheinen. Derbe Witze wurden gerissen, lautes Lachen war die Antwort. Die Sonne kämpfte immer noch mit dem Nebel, wie eine große, rote Scheibe stand sie am Himmel.

Der Oberamtsrichter hatte keine Ruhe mehr.

.Nu aber frisch auf zum fröhlichen Jagen! Wenn uns Petrus nicht durch die Stoppeln hopsen steht, denkt er, er hat's nicht nötig mit dem Nebel fertig zu werden! Wollen mal ver­suchen, ob der alte Herr ein Einsehen hat!"

Man lachte, schob geräuschvoll die Stühle zurück, wünschte sich nochmals Weidmannsheil und brach auf.

Draußen wurde nach Anordnung des Ober­amtmannes eine Kette gebildet, die besten Schützen auf den Flügeln, auf dem rechten der alte Löberjuhn, auf dem linken der Oberamts­richter, vor der weit auseinander gezogenen Front suchten die Hunde in kurzem Galopp kreuz und quer die Felder ab.

Und als der erste Sonnenstrahl durch den Nebel brach, mit Freude begrüßt, krachte der erste Schuß, Löberjuhn hatte den ersten Reb­huhn runtergeholt. Bald knatterten die Schüsse durch die noch immer dicke Luft.

.Holla," rief auf einmal der Oberamtmann dem Rittmeister von Heiligen zu. .Aufgepaßt dort, — ein Fuchs!"

Ein Schuß, ein Donnerwetter, der alte Herr hatte gepudelt. Heinz, der neben ihm durch die Stoppeln stampfte, riß das Gewehr an die Backe, ein Geschenk Onkel Reuters, und schickte schnell dem Räuber einen Schuß nach. Mit durchschossenen Hinterläufen blieb er sitzen, wild jagten die Hunde auf den Räuber, der sie zähnefletschend empfing. Einen Augen­blick ein wildes Durcheinander, eine tolle Beißerei und schließlich brachte Heiligens Diana ihrem Herrn den Fuchs, nachdem sie ihn ab- gewürgt.

.Nee, Diana, ich hab' gepudelt, "meine Lichter werden schwach," er nahm der Hündin den Fuchs und gab ihn einem der Jungen, die in größerer Zahl der Kette folgten.

Der Oberamtsrichter behielt recht, Petrus hatte ein Einsehen und die Sonne wurde mit dem Nebel fertig und jagte ihn aus den Berns­dorfer Fluren hinaus. Der verliebte Heinz legte sich das als gutes Omen aus. Bald, sagte er sich, werden auch die Nebel weichen, die mein Glück bedrängen, die Sonne bricht

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durch, — die Sonne. Ganz ausgelassen wurde er, Schuß krachte auf Schuß, die Wernsdorser Rebhühner hatten einen bösen Tag.

Um vier Uhr wurde die Jagd abgebrochen, die Strecke sestgestellt. 231 Hühner, 4 Füchse, 1 Bussard, den hatte der alte Löberjuhn runter» geholt, und drei Rehböcke. Jagdkönig war der Oberamtsrichter mit 57 Rebhühnern, 2 Füchsen und einem Rehbock.

Man hatte in großem Bogen gejagt, auf dem inneren Flügel stand der alte Oberst von Löberjuhn, seine Beine wollten nicht mehr recht mit, dem Oberamtsrichter hatte man den äußeren anvertraut, damit er sich die .Beine ordentlich in den Leib strampeln konnte", sonst schimpfte er, tot zu kriegen war der Arten­mensch überhaupt nicht.

Um fünf Uhr fand das Iagddiner statt, die Damen der Jäger waren gekommen, der Ober­amtsrichter saß rechts von der Hausfrau als Iagdkönig und brachte das Kaiserhoch aus. Von Müdigkeit war bei ihm nichts zu spüren, er scherzte, lachte — und ärgerte gerne seine Mitmenschen, aber man kannte ihn schon und nahm ihm nichts übel.

Auf einmal rief er über die Tafel, als er Herrn von Helligen gähnen sah:

.Ja, ja, ihr Krautjunker, schießen könnt ihr nicht und müde seid ihr auch von jeder kleinen Stoppelhopserei!"

.Ohos" wurden ihm zur Antwort und bissige Bemerkungen, aber er lachte und meinte:

.Regt euch nur auf, sonst schlaft ihr wo­möglich noch ein!" —

Nach Tisch zogen sich die älteren Damen in den Salon zurück, die Herren machten ihr Spiel­chen. die Jugend tanzte im ausgeräumt.n Speisezimmer und flirtete.

Der Kürassier Helligen hatte Klara zu Tisch geführt, sie trug ein einfaches helles Kleid, welches ihre Figur vorteilhaft hervorhob. Der tanzte auch mit ihr den ersten Walzer.

Als Heinz sie aufforderte zum Tanz, senkte sie den Blick, und als er seinen Arm um sie schlang, da fürchtete sie, nicht tanzen zu können, wie gelähmt kam sie sich vor, aber es ging doch. Und wie es kam. wußte Heinz selbst nicht, er flüsterte ihr heiße Liebesworte ins Ohr und sie schloß die Augen und wollte sie nicht hören und doch wie süß klangen sie, — wie süß.

Doch wieder erwachte ihre Energie, sie entfernte sich aus dem Speisezimmer, sie müsse in der Wirtschaft nach dem Rechten fehen. Heinz aber war der Abend verdorben, der lustige Heinz wurde einsilbig und vernachlässigte die Gäste seiner Eltern.

Als man endlich ausbrach, war Mitternacht vorüber. Der Oberamtsrichter hatte .schmählich gewonnen, man bedankte sich bei ihm für .gnädige Strafe".

Der lachte.

.Mit der Zeit werde ich Euch das Skat- fpielen fchon beibringen. Herrfchafien!"

Klara Herbart war beim Abfchiednchmen nicht zugegen. Als sich die letzten Gäste ent-

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