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SkL 8. — L Jahrgang.

Liedervorttägen beteiligt zu haben, sie hätten damit aber keinerlei polnische Tendenzen ver­folgt.

Da die meiste« Angeklagten nur Polnisch verstehen, mußte zu ihrer Vernehmung ein Dolmetscher herangezogen werden. In der gestrigen Vernehmung vor Gericht gab der Angeklagte Grygier zu, den Verein gegründet und auch die inkriminierten Lieder angeschasst zu habe«. Er behauptet aber ebenfalls, sich nicht schuldig gemacht zu haben. Er habe als deutscher Soldat gedient, sei Unteroffizier ge­worden und respektiere die deutschen Gesetze. Er habe auch nach Vorschrift die Gründung des Vereins dem zuständigen Distriktskommiflar angemeldet. Die Mitange­klagten haben, wie von feiten der Verteidigung bemertt wird, Grygier int Verdacht, die ano­nyme Anzeige gegen die Vereinsmitglieder erstattet zu haben. Der Angeklagte Probst Dycker behauptet, er sei weder Mitglied noch Mitbegründer des Vereins „Gaecilia" ge­wesen. Als er von seiner früheren Kaplan- stelle versetzt werden sollte, habe ihm der Ver­ein eine Ehrensitzung veranstaltet und 'habet einige Lieder gesungen. Der Angeklagte Ge­meindevorsteher Korbik war einige Zeit Vorsitzender des Vereins. Er bezeichnet 'als hauptsächlichsten Zweck der Vereinsgründung den, hie polnische Jugend von der Sozialdemokratie fern zu halten. Es fei ihm von seiner Vorgesetzte« Behörde bedeutet worden, daß er als Gemeindevor­steher, also als Beamter, nicht einem der Strasz-Vereine angehören dürfe, doch habe ihm der Distrittskommiffar ausdrücklich die Mitgliedschaft an dem Verein „(Saecilia" ge­stattet.

Der Landtagsabgeordnete Switala hat an der Gründungssitzung des Vereins teil« genommen. Er hat auch die Statuten des Vereins entworfen, die dann von der Ver­sammlung angenommen wurden. Ob er selbst Mitglied geworden sei, weiß der An­geklagte heute nicht mehr. Er bezeichnet als Zweck des Vereins die Fort- und Weiterbil­dung des polnischen Bauernstandes aus eige­ner Erfahrung. Seine politische Gesinnung habe mit der Gründung des Vereins gar nichts zu tun gehabt. Der Angeklagte Ge­meindevorsteher Sobiech behauptet, Grygier habe das Verlangen gestellt, daß mehrere Lieder gesungen bezwz. eingeübt würden, die ihm, Sobioch, als unzuläffig erschienen seien; darunter befand sich das bekannte »Gott schütze Polen!" Er habe darauf hinge­wirkt, daß diese Lieder nicht gesungen wur- den. Dem Angeklagten Benlskiewiez wird zur Last gelegt, zwei Vorträge aufreizenden Inhalts, darunter einen solchen über die pol­nische Revolution von 1848 gehalten ,n haben. Er erklärt, daß er die Vortrüge aus einem Buche abgeschrieben habe. Der Vorsit­zende stellt noch fest, daß die Anzeige gcocn den Verein nicht von irgend iemaud erstattet worden sei, es sei allmählich das belastende Material durchgesickert. — Die Staatsan­waltschaft steht auf dem Standpunkt, daß der Verein „Caecilla" lediglich politischen und reichsfeindlichen Zwecken gedient habe und bat, um dies zu beweisen, eine Menge von Zeugen laden lassen. Die Verhandlungen werden heute fortgesetzt werden. Für den Prozeß sind fünf Verhandlungenstage in Aussicht genommen. -rsch.

Sie Spfer der Iezemberflut.

(Telegraphische Meldungen.)

Die Nachrichten über die schweren U n - Wetter in England, Frankreich und Spanien lauten fortgesetzt sehr ernst, und es zeigt sich, daß die Schäden, die Sturm und Flut ange­richtet haben, weit größer sind, als nach den ersten Meldungen anzunehmen war. Wir lassen nachstehend die uns bis jetzt vorliegenden telegraphischen Meldungen über die Ereignisse des gestrigen Tages folgen:

Hamburg, 19. Dez. (Telegramm.) Bei dem Sturmwetter her letzten Tage, durch das insbesondere die Inseln in der Nordsee hart mitgenommen wurden, ist zwi­schen Helgoland und Westerland ein Fischerboot untergegangen. Die gesamte Mannschaft ist ertrun-

Eaffeler Neueste Nachrichtest

k en. Im Kanal wurde gestern eine große Menge schwimmender Wracks ange- troffen.

Cuxhaven, 19. Dezember. (Privat- Telegramm.) Seit der vorvergangenen Nacht herrscht in der Nordsee und in der Elbemündung schweres Sturm­wetter. Viele Schiffe laufen schutzsuchend hier ein. Man hegt große Besorgnisse wegen vieler kleiner Schiffe, die sich auf See befinden.

London, 19. Dezember. (Privat- Telegramm.) Noch immer treffen Nach­richten über Sturmverheerungen ein, die durch den Südsturm an der Südküste von England und Wales wüteten. Eine große Anzahl von Schiffen ist schwer be­schädigt worden.

Biarritz, 19. Dezember. (Privat-Te- legramtn.) Der Dampfer „Morraon" aus Glasgow ist auf der Höhe von Biarritz in eine fehr gefährliche Sage gera­ten. Das Schiff treibt der Küste zu. Ein großer Dampfer versucht, ihm Hilfe zu bringen. Infolge des hohen Seeganges aber konnte der Dampfer an den Kohlendampfer nicht belangelangen. An Bord des Damp­fers befinde« sich 18 Mann Besatzung. Das Schiff wird verloren sein, sobald seine Ankerketten reißen.

Brüssel, 19. Dezember. (Privat-Te- legramm.) Der große Sturm, der an der südenglischen Küste wütete, hat auch in Bel­gien viele Verwüstungen verursacht und mehrere Unglücksfälle herbeige- fühtt. In der Nähe von Lüttich war ein Totengräber gerade damit beschäftigt, scharf an einer Mauer ein Grab auszuschaufeln. Ein heftiger Windstoß riß die Mauer um, und die Steine begruben den Toten­gräber, der später tot aus den Trüm­mern hervorgeholt wurde. In der Nähe von Brüssel, in Vilvorde, wurde das Dach einer chemischen Fabrik eingerissen. Ei« Arbeiter wurde getötet, ein anderer schwer ver­letzt.

Landskrona, 18. Dezember. (Tele­gramm.) Die Reederei des Dampfers »Cedric", der mit einer Besatzung von sechzehn Mann mit Kohlen auf der Reise von Hüll nach Gesle begriffen war, hat von dem Kapitän des Dampfers ein Telegramm erhalten, wonach das Schiff gesunken und zwölf Mann ertrunken sind.

Madrid, 18. Dezbr. (Telegramm.) Aus Vigo wird gemeldet, daß das Meer noch fortgesetzt Leichen und Trümmer an den Strand wirst, die von dem bei Gor« rubedo untergegangenen Dampfer „Paler­mo" herrühren. Da am Kap Finisterre heftige Stürme herrschen, ist es un­möglich, sich der Stelle zu nähern, wo das Schiff untergegangen ist.

Cadix, 18. Dezbr. (Telegramm.) Bei Chipiona wurde ein Boot von einer großen Welle auf einen Felsen geschleu­dert. Sieben Matrosen ertran­ken.

Ein weiteres Telegramm meldet uns aus Grenoble: Der Fluß Jser steigt fett gestern mit großer Schnelligkeit. Innerhalb weniger Stunden hat das Wasser wieder den Höch st en Stand erreicht und überflutet durch die Oeffnungen des durchbrochenen Dam­mes weite Strecken Landes, die bereits ver­gangenen Juni unter Wasser gestanden hatten. Die Wege sind augenblicklrch unpassierbar, alle Verbindungen sind unterbrochen. Die Lanb - wirtschaft hat schweren Schaden er­litten. Alle Anwohner haben ihre Wohnungen verlassen müssen. Das Wasser steigt immer noch. *

Gia deutscher Dampfer in Seenot.

(Telegraphische Meldung.)

Aus Las Palmas (Südamerika) be­richtet ein Telegramm: Ein deutscher Dampfer hat 12 Meilen nördlich der Jnfel

Grancanaria um Hilfe signalisiert, weil er infolge des heftigen Sturmes das Steuern- derverloren habe. Die Anstrengungen von fünf Schleppdampfern, zu dem beschädigten Dampfer zu gelangen, waren indessen wegen des furchtbaren Sturmes vergeblich. Ueber das Ergebnis der Bemühungen eines deutsche« Danrpfers, der ebenfalls zur Hilfeleistung in See gegangen war, ist nichts bekannt.

Sie Politik des Tages.

Der kommende Landtag.

(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Die neue Session des am 10. Januar nächsten Jahres zusammenttetenden preußi- ße« Landtags dürfte mit gesetzgeberi­schem Stoff nicht allzu sehr belastet werden. Die Hauptarbeit des Landtags ist die Erledi­gung des neuen Etats, der voraussichtlich am 10. Januar nachmittags dem Abgeordne­tenhause durch eine Einführungsrede des Fi­nanzministers Lentze vorgelegt werden wird.

Soweit bis jetzt feststeht, werden die vor­bereiteten größeren Gesetze, so vor allem das Wassergesetz mit dem Fischereigesetz und der Entwurf über die Neuregelung der Ein­kommen- und Ergänzungssteuer und der Dellarationspflicht dem Landtag in der nächsten Session «och nicht vorgelegt wer­den. Das Wassergesetz ist eine so umfang­reiche Materie, die, ähnlich wie die Kanalvor­lage, längere Zett in Anspruch nehmen dürfte. Dazu tritt der Umstand hinzu, daß die Ma­terie in den beteiligten Ressorts noch nicht ab­geschlossen ist. Was die Neuregelung der Einkommen- und Ergänzungs­steuer anbelangt, so hat sich der Landtag bereit erklärt, diese Neuregelung evtl, erst im übernächsten Jahre vorzunehmen. Da auch über diese Materie noch toeitere Erhebungen angeordnet sind, und die Vorarbeiten erst nach längerer Zeit abgeschlossen werden können, so ist auch hier anzunehmen, daß der Entwurf noch zurückgestellt werden wird. Von kleine­ren Vorlagen, die dem Landtage höchst wahr­scheinlich in der nächsten Session zngehen wer­den, sind zu nennen: Das Feuerbestat­tungsgesetz, ein Entwurf über die Schul­pflicht Taubstummer, ein Entwurf über den Fortbildungsschulzwang in Ge­meinden über 10000 Seelen, ein Entwurf über ländliche Plichtfortbildungsschulen, ein Zweckverbandsgesetz für größere Gemeinden, eine Vorlage über die Einführung des Schleppmonopols auf preußischen Wasserstraßen, ein Entwurf betreffend die Be­kämpfung des Prämienlosschwiudels, ein Starkstromgesetz, eine Neben­bahnvorlage und einige Eingemeindungs­vorlagen. Da die Etatsberatung im Abge- ordnetenhause durchschnittlich zehn Wochen in Anspruch genommen hat, so dürfte dieser Stoff ausreichend sein, eine Session, die sicherlich vor Pfingsten ihren Abschluß finden wird, auszn- süllen. -th-

ts3 Englische Liebenswürdigkeiten. Wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit« teilt, hat die englische Regierung sich nunmehr in der Frage der deutschen Schadenersatzansprüche aus dem bri- tisch-südafnkanischen Kriege geäußert:

Sie lehnt ein Eingehen auf alle Re­klamationen, die seinerzeit den in Brltisch- Südafrika eingesetzten britischen Kommissio­nen unterbreitet worden sind, ab, und ist hinsichtlich dieser Reklamationen auch nicht bereit, dem deutschen Antrag auf Ueber» Weisung der Angelegenheit an den Stän­digen Schiedshof im Haag zu ent­sprechen. Nur für einige Fälle, die den Kommissionen in Brittsch-Südafrika nicht vorgelegen haben, erkennt sie an, daß es sich habet um eine Rechtsfrage handelt und will diese dem Haager Schiedshof unterbreiten.

Das Auswärtige Amt hat die beteiligten Deutschen mit Nachricht versehen Es gedenkt, die Angelegenheit bei der britischen Regierung weiter zu verfolgen und wird näheres

___Dienstag, 20. Dezember 1910. darüber Mitteilen, sobald die englische Negie­rung von den beabsichtigten Schritten unter­richtet sein wird.

S1 Wenn Diplomaten reifen . . . Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Berlin: Der österreichtsch-ungattsche Bot­schafter in Petersburg, Graf Berchthold, traf am Sonnabend in Berlin ein. Ei befand sich aber lediglich auf der Durchreis« von Wien nach Petersburg. Das Gerücht, daß er hier Verhandln ngen wegen bei deuffch-österreichisch-russischen Beziehungen pflegen wolle, ist völlig unbegründet. Der Botschafter hat von den maßgebenden deut­schen Persönlichkeiten niemand gesehen oder gesprochen.

c§3 Das liberale Kartell in Baden. Aus Karlsruhe i. B. wird berichtet: Der engere Ausschuß der nationalliberalen Partei Badens hat dem Abschluß eines Wahlabkommens mit her Fortschrittli­chen Volkspartei für hie nächsten Reichstagswahlen grundsätzlich zugestimmt und nach Anhörung der in Bettacht kommen­den Parteiorganisation die Parteileitung be­auftragt, die Verhandlungen mit der fort­schrittlichen Vollspartei zu Ende zu führen.

Politische Fhronik.

In Breslau wird am 12. Januar ein deutscher ßetmarbeitertag ftattfin* den, um, ehe un Reichstag über das HauS- arbettsgesetz Beschluß gefaßt wird, in einer eindrucksvolle« Kundgebung «och einmal btt Forderungen zu erneuern, die durch bal Hansarbeitsgefetz erfüllt werde« müssen.

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Ei« Privat-Telegramm meldet uns aus Wilhelmshaven: Der Vize­admiral Don Ufebotn ist auf fein Gesuch zur Disposition gestellt worden.

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Wie uns aus Dresden gemeldet wird, ist der frühere sächsische Justizminister Dr. Paul von Seydewitz «ach kurzer Krankhett am ©onnabenb in Blasewitz bei Dresden ge­storben.

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Die Hildesheimer Straflamm er ver­urteilte den Redakteur der toclfischen Gifhor­ner Tageszeitung, Steffel, wegen öffent­licher Beleidigung des Bürgervorstehers Cor­des zu drei Monaten Gefängnis und 1000 Mark Geldbuße.

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Nach Meldungen aus Ezernotoitz ist dort her Journalist Reichmann, Pariser Korrespondent Bukarester Blätter, verhaf­tet worden, angeblich wegen Betefligung an dem im Dezember 1909 gegen den Mimstcv Präsidenten Bratano verübten Anlchlag.

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AuS Konstantinopel meldet ein Te­legramm: Der Chefredakteur und ein Re­dakteur des demokratischen Organs sind auf Beschluß des Kriegsgerichts verhaftet worden, angeblich wegen eines gegen die Tä­tigkeit der Freimaurer in der Türkei gerichte­ten Artikels.

Neues vom Loge.

ax Der überfallene Schriftsteller. Wie uns aus Berlin gemeldet wird, wurde dort gestern auf den Schriftsteller Busack in sei­nem Bureau ein Ueberfall beruht Zwi­schen dem Ueberfoffenen und dem etwa 20jäh- rigen Eindringling kam es zu einem Kampfe, bei dem der Angreifer Verletzungen ba- bontrug. Er entfloh bann. Es handelt sich anscheinend um einen Raubbersuch.

«r Feuer an Bord! Aus Hamburg wird uns telegraphiert: Auf dem Dampfer „Alexandra Wörmann" ist in der ber- gangenen Nacht F euer ausgebrochen, dar in kurzer Zeit das Zwffchendeck, die erste Kajüte und die Kohlenbunker ergriff. Vier Zügen der Feuerwehr gelang es, mit Unter­stützung zweier Fährdampser, das Feuer so­weit zu bekämpfen, daß die Gefahr, das ganze

66« Staate!

Von A. Stephan.

Wenn man biel Geld und nichts zu tun hat, dann macht man in her Regel Dumm­heiten. Na ja, etwas muß der Mensch doch machen! Der eine hält sich einen Rennstall, der andere spielt, der dritte bildet sich ein, er könnte nicht leben, wenn nicht irgend eine Theaterdame, die gerade in Mode ist, ihm erlaubt, fein Geld für sie hinauszuwerfen.

Ich kenne einen Millionärssohn, bet durchaus seinen Ehrgeiz darein setzte, Norbpol- fahret zu werben. Vier Expebitionen rüstete er aus: zwar tarn keine von ihnen viel weiter nach Norben, als bie Vergnügungsbampfer, welche alljährlich Tarrsenbe Männlein unb Weiblein an bie „Grenze des ewigen Eises und bes ewige« Schweigens" bringe«, wie bie Prospekte bet Schiffahrtsgesellschaft so poetisch lagen, aber bei her dritten Reise brach er sich auf dem ewigen Eise ein Bei« unb holte sich eine erfrorene Nafe.

Baron Sieber war nie am Norbpol ge­wesen, er verstaub nichts von Pferben, spielte nicht, war ein Frauenfelnb, und trotzdem war er interessant, fabelhaft interessant. Er hatte eine neue Nuance gefunden, etwas, wobei der ganzen Gesellschaft ein angenehmes Gruseln über den Rücken hinablief; er war Anarchist.

Zwar, anfangs hatte man die Geschichte nicht ernst genommen. Seine Konkurrenten sorgten schon dafür, daß er so allmählich mit feinen blutrünstigen Redensarten zur lächer­lichen Figur zu werde« begann. Das merkte Sieder, denn er war nicht allzu dumm, jeden­falls nicht dümmer, als der Durchschnitt seiner Kameraden, und er trug sich schon mit dem Gedanken, eigenhändig irgendwo eine Bombe z« legen, nur um fein Renommee zu wahren, da kam ihm die Polizei zur Hilfe.

Wegen einer Ansprache, die er in einem Cercle gehalten hatte, wurde er angeklagt. Die Verhandlung war bas Ereignis der Saison. Sie fanb mit Rücksicht auf ben An­drang des Publikums im größten Saale des Gerichts statt, und alles, was zur Gesellschaft gehörte, war anwesend. Die Anklagerede des Staatsanwalts und dann bie Verteidigung Siebers: Das alles war einfach großartig.

Zwar war her Staatsanwalt so boshaft, in seiner Schlußrede zu sagen, er sei jetzt nach den Worten des Angeflagten von dessen Harmlosigkeit überzeugt und beantrage Frei­sprechung, aber die Richter verurteilten Sieder doch. Zwar nur wegen groben Unfugs, denn sie hielten die anarchistische Rede für einen fchlechten Witz, und nur zu fünfzig Mark Geld- ftrafe, aber es war doch eine Verurteilung, und feitbem wagte es niemand mehr, in der Ge­sellschaft über Sieber zu lächeln.

Seine Dienstagsabenbe kamen in Mode. Da versammelten sich in seinem Salon so zwei Dutzenb Männlein unb Weiblein, verzehrten behaglich das Esse« (Sieber war ein bekannter Gourmand), tranken Rheinwein und Cham­pagner und stülpten dabei die ganze Gesell­schaft um, die nach aller Ansicht nicht wert war, zu existieren. Das ging so lartge, bis eines Abends Don Fernando Maria Carlos, Herzog von Dolores, in her Gesellschaft erschien.

Sieder selbst hatte den neuen Gast erst tags vorher kennen gelernt, aber was braucht es lange Bekanntschaft bei Genossen, bie schon burch das gemeinsame Band her gleiche« Ge­sinnung zu Freunde«, zu Brüdern geworden sind? Unb her Herzog war so fabelhaft inter­essant! Schon seine Sprechweise, dies ge­brochene, mit spanischen Brocken untermischte Deutsch. Unb bann feine Idee«! Die erst waren interessant! Man schwärmte wie ge- wöhnlich von Ravachol und Genossen, von Dvnamit unb Bomben, von Höllenmaschinen

unb Browningrevolvern, aber der edle Grande lächelte nur verächtlich.

„Kindereien! So ifi die große Frage nicht zu lösen. Rabflal muß ein Ende gemacht wer­den, radikal! Ja, wenn man so den Erdball aus den Angeln heben unb hineinschleudern könnte in die Sonne, daß diese ganze Welt, die nicht wert ist, zu existieren, mit einem Schlage vernichtet würde, ah, das wäre eine Tat. Alles, was bisher auf diesem Gebiete geleistet wurde, selbst Kriege und Seuchen, sind ein Kinderspiel. Die Sache muß radflaler gelöst werden. Unb ich habe ein Mittel ge­funden.

Haben Sie schon von dem Opiumraucher gehört ober von hem Morphinisten? Das erstemal nimmt man bas Mittel aus Neugier, bann aber ist man seinem Banne verfallen. Das kommt hoher, daß cs eine solche Fülle von angenehmen Empfinbungen, von Wollust, von Glück, wenn Sie wollen, auslöst, baß der­jenige, her einmal davon genascht, immer wieder dazu greift Sein Sehen kommt ihm fchal vor, er lebt nur wahrhaft int Banne feines Geistes.

Da habe ich den Hebel eingesetzt, unb eS ist mir gelungen. Ich habe einen Stoss ge­funden, her bei feinem Genüsse in einen folchen Glückstaumel versetzt, baß keiner, her je bavou getrunken, sich enthalten kann, dies immer wieher zu tun. Er kann sich nicht bezwingen, selbst bann nicht, wenn er weiß, baß er beim fünften Male sterben muß. Denn so ist mein Gift: Viermal harmlos, tötet es bas fünftemal sicher. Begreifen Sie ben Wert meiner Ent- bedung?

Die Anwefenben wagten kaum zu atmen. Das war ein Plan von folcher Größe, baß es allen ben füttern verschlug. Schweigend erhob sich her Herzog, zog eine Schachtel aus der Tasche, unb von einem zum anbem schreitend, ließ er in bie Weingläser bei jedem ein kleines

Kügelchen fallen, bas sich sofort auflöste. Er felhft warf zwei Kügelchen in fein eigenes Glas.

„Es ist das viertemal, daß ich selbst mein Mittel nehme. Noch einmal, und als erster werbe ich ben Weg gehen, den bie Menschheit mitfolgen muß. Vorher aber sollen meine Ge­sinnungsgenossen das Geheimnis erfahren; sollen sie es weiter verbreiten. Und nun, ohne Sorge, denn diesmal ist es für affe noch harm­los. Das Glas gehoben und angestoßen: „Sei gegrüßt, Meister Tod! Evoe Thanate!"

Wohl lief es manchem der Anwesenden kalt über den Rücken, aber keiner wagte feige zu scheinen. Unb bann bie Neugier! Unb bie funkelnden Augen des Spaniers, die tote hyp­notisierend von einem zum andern gingen! Sieder ttank zuerst, indem er fein Glas an das des Herzogs anstieß. „Evoe Thanate!" Die andern folgten.

Der Morgen graute, alS Sieder, einer der ersten, aus dem Raufche erwachte. Sein Kopf war verdammt fchwer, und er hätte lügen müssen, wenn er irgend etwas von dem Glücks­taumel hätte verfpüren wollen, den her Spanier versprochen hatte. Apropos, der Herzog, wo war der? Vergebens ließ er den Blick durch den Saal schweife«. Er war schon fort. Wie spät war es doch eigentlich? Die andern Gäste schliefen auf den Sesseln.

Sieder wollte bie Uhr ziehen, aber feine Finger griffen ins Leere. Unb jetzt bemerkte er auch, baß her Sriffantring fehlte, ben er am kleinen Finger zu fragen pflegte, und ein Griff überzeugte ihn, baß auch bie Brieftafche unb bas Portemonnaie nicht vorhanden waren.

So ein Gauner! Der hatte eine fchöne Beute gemacht! Mit fchwerem Kopse erhob sich der Hausherr. Da lag auf dem Tifche eine Speisekarte, auf bereu Rückseite mit Bleistift einige Worte gekritzelt waren.

„Ich fürchte, daß mir bie Herrschaften nach