Nummer 14.
COlerMlieste
1. Jahrgang.
Casseler Abendzeitung
hessische Abendzeitung
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, 20. Dezember 1910.
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Die.«affeler Reuest« Nachricht-«- erscheinen wöchentlich sechsmal. Bis auf weiteres werde« Lis .Reuest« Nachrichten- alle« ftamtllen tn Laste! völlia toftenlo« geliefert. Druckerei, Verlag u. Redaktion: Schlachthofstrabe 23/30. Staliner Redaktion: SW, Friedrichstraße 10, Telephon: Amt VI, 676.
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Depeschen.
reregrLphisltzrr Dienst der Kasseler Sieuesteu Nachrichten.
Der Berliner Frauenmord noch nngellärt!
Berlin, 19. Dezbr. (Spezial.Telegramm.) Der Kutscher Otto Schultz, der in der Nacht zum Sonntag in der Siegwartstraße in Charlottenburg verhaftet wurde, ist nicht der Mörder der Witwe Margarete Hoffmaim aus der Blumentalstraße. Schultz konnte nämlich für die Mordnacht einen vollständigen A l i b i b e w e i s erbringen. Er war verhaftet worden auf die Angaben eines Ungarn hin, der behauptete, daß ihn Schultz als Komplizen zu der Mordtat habe werben wollen. Schultz ist aber vorläufig in Haft behalten worden, da er noch eine Strafe zu verbüßen hat.
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Opfer des Automobils.
Berlin, 19. Dezember. (Privat-Te- legramm.) Gestern ist auf der staatlichen Automobilstraße von Neumarkt nach Predazzo auf dem infolge der Nässe schlüpfrig gewordenen Pflaster ein Personenautomobil umgelippt. Drei Personen wurden sehr schwer, mehrere andere leichter verletzt. Das Automobil, das sich in voller Fahrt befand, wurde gänzlich zertrümmert. Die Schwerverletzten dürsten kaum mit dem Leben davonkommen.
Leutnant Laniös Leiche gesundem
Recklinghausen, 19. Dezember. (Spe- »ial-Telegramm.) Wie aus Bremen gemeldet wird, hat ein Ftscherkutter aus ho- her See die Leiche des verunglückten Leut- n a n t s Laniö, der mit dem Ballon »Richard Albert" aufgesticgen war, ausgefischt. Papier- und andere Erkennungszeichen dienten zur Nekonoszierung der Leiche. Der Ballon war am 13. November mit zahlreichen anderen Ballons der Internationalen Vereinigung für Lustschiffahrt in Reichelbe bei Gelsenkirchen aufgestiegen und seitdem verschollem
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Die neuesten Margarinevcrgiftungem
Danzig, 19. Dezbr. (Privat-Tele- gramm.) Nach dem Genuß von Backa- Margarine erkranken fortgesetzt weitere Personem Nachdem kürzlich ein Fall von Backa-Vergiftung in Marienau bei Marjeu- burg festgestellt worden ist, sind gestern acht Familien in Tolkemit (Kreis Elbing) nach dem Genuß von Backa-Margarine erkrankt. Die Erkrankten schweben zumteil in ernster Lebensgefahr. Die Behörde hat eine Unter« juchung eingeleitet.
Graf Metternich wird ausgeliefert.
Wien, 19. Dezbr. (Priv at-Tele« 8ramm.) Der verhaftete Graf Wolf- Metternich wird am Dienstag von der Wiener Behörde nach Berlin ausgeliefert werden. Es heißt, daß Verwandte des Grafen in Wien eine Kaution von 50 000 Kronen hinterlegt haben. Die Verhandlungen mit der Berliner Behörde wegen Freilassung des Grafen werden fortgesetzt. Der Graf behauptet, gänzlich unschuldig zu fein.
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Selbstmord oder Verbrechen?
Londom 19. Dezember. (Spezialtelegramm.) Ucrber den mysteriösen Tod des jungen Deutschen Moritz Wilhelm Meyer aus Frankfurt a. M. hat man noch keine Klarheit schassen können. Nach dem Gutachten der medizinischen Sachverständigen handelt es sich um einen S e l b st m o r d. Der Vorsitzende der Gerichtskommission, die mit der Untersuchung betraut ist, hat sich diesem Gutachten aber nicht angeschlossen, nimmt vielmehr an, daß Meyer einem Verbrechen zum Opfer gefasten ist.
Die „Stützen des Zarenthrons".
Petersburg, 19. Dezember. (Privat- Telegramm.) Außer dem Wirklichen Staatsrat R o r a t o w, dem früheren Direktor der ulgulmabahn, der wegen riesenhaften Betruges verhaftet worden ist, ist jetzt auch dessen Bruder Boris Neratow, Ober st a. D., verhaftet worden. Dieser soll sich als Agent bei den seltsamen Geschäften der Bahn- gesellschaft zum Mitschuldigen seines Benders gemacht haben.
Mar von Sachsen.
Der Prinz als Ketzer.
Ein Jahr und einige Monde stnds her, als durch die Presse die Kunde ging, auf den verwaisten Stuhl des Posener Erzbischofs solle (nach kurzer Uebergangszeit) Prinz Max von Sachsen berufen werden, der, einst ein flotter Gardeschützenosfizier, in jungen Jahren des Kriegers Rock mit dem dunkeln Priesterkleid vertauschte und dann später im Schweizerland als rPosessor der Kirchenlehre wirkte. Als er damals als Kandidat fürs Erzbistum in der deutschen Ostmark genannt ward, suchte ich den prinzlichen Priester am Ort seines amtlichen Wirkens auf. In Freiburg, der kleinen Schweizerstadt, waren indessen die dürftigen Räume, die der Wettiner Prinz sich zum weltlichen Aufenthalt erwählt hatte, unbewohnt, und eine alte Haushälterin erzählte dem Besucher im breitesten Schweizerdeutsch, der Herr Professor befinde sich in den Bergen, wo er seit Wochen geistlichen Exerzitien obliege. Nach langer Wanderfahrt fand ich ihn denn auch endlich in weltferner Einsamkeit in einem Klosterdörschen nah bei Einsiedeln, wo der Priester vom Wcttinerhaus grauhaarigen Bäuerinnen und wetterharten Holzknechten mit zündendem Wort Buße predigte und stundenlang im engen Beichtstuhl die Sündenbekennt- nisse der Gläubigen hörte. Wie ein Apostel, Haar und Bart lässig in den Linien des Ehristuskopfstils gehalten, mit ekstatisch glühendem Blick und beredtem Predigcrmund: So stand der Mann, dessen Bruder eine Königskrone trägt, mitten unterm Volk der Armen und Enterbten; jeder Zoll ein Priester, ein vom hohen Ziel des Amts bis ins tiefste Innere Durchdrungener. Die Dinge des profanen Weltgettiebs hatten nicht mehr Raum in diesem Hirn, und bei der Erwähnung deS Posener Bischofsamts wehrte nur ein müdes Lächeln dem Frager. Damals fühlte ich aufrichtiges Mitleid mit diesem vor der Welt Geflohenen, in dessen Seele der Erdenfreude Schimmer für immer erloschen fchiem
Heut nennt man den Prinzen von Wettin einen Ketzer, und ein Werk seiner Hand ist von der Zensur des ewigen Roms mit hartem Wort verdammt worden. Wäre der Freiburger Professor ein Priester des Alltagtvps: Man würde den Konflikt kaum tragisch nehmen, denn aus der Regung der modernen Geisteswelt -eraus ist wider die ehernen Mauern der Peters- tadt schon manchmal die Brandung emporge- chäumt, und immer noch blieb Rom der Fels m Meer, an dem der Wellenschlag sich schwächlich brach. Der Prinz von Sachsen aber ist mit anderm Maß zu messen: Seine kirchliche Gesinnung ist unerschütterlich, und auf einem Boden gegründet, der schon in Kindheit- und Jugendjahren von nimmermüder Hand beackert ward. Seine katholische Ueberzeugung und der Glaube an das Lehrprinzip seiner Kirche werden vom Feuer eines im tiefsten Herzens- innern lohenden Fanatismus genährt, und wer diesen Prinzen im Priesterrock einmal zur Gemeinde der Gläubigen sprechen hörte und im Auge des Gottesmannes das Feuer heiligen Eifers glühen sah, der mag nicht glauben, daß in diesem Herzen jemals der Zweifel am vergötterten Ideal Raum gewinnen und das Hirn grüblerischem Pessimismus dienstbar werden kanm Max von Sachsen ist cmpor- gewachsen in der Atmosphäre streng-kirchlicher Daseinsauftassung, und in seiner Priestertätigkeit offenbart sich eine Hingabe an das Ideal katholischer Chrifflichkeit, die nur verständlich wird, wenn man die ganze Eigenart dieses apostelhaft eifernden Priesters nach ihren psychischen Qualitäten würdigt. Um so schärfer wirkt nun der Gegensatz, daß dieser durch Ueberzeugung und Gelübde verpflichtete Sohn der Kirche zum Kritiker alles Dessen geworden ist, das er bisher als Siegszeichen kirchlicher Unüberwindbarkeit in heiliger Ekstase verehrte. Die Psyche des Priesters birgt nicht den Schlüssel dieses Rätsels, denn an die Kirchen- treue des Wettiner Prinzen wagt sich auch heut kein Zweifel, und so bleibt denn nur die eine Möglichkeit, daß aus dem Fanatismus priesterlichen Eifers, der in der Seele Max von Sachsen loht, auch der eifernde Bußprediger erwachsen ist, der mit hartem Wort Rom zur Umkehr ruft.
Fanatismus erzeugt immer Uebel; mag er nun verehrend oder richtend wirksam wer- dem Tie Apostelfigur des Wettiner Prinzen ragt wett hinaus übers Niveau des Durchschnittspriester, und in der Seele dieses dem Dienst der Kirche Geweihten brennt ein Feuer, das sich nicht in der Alltagswerkelei des Theolgieprofessors verzehrt, sondern ins tiefste Innere des Erkennens einzudringen strebt. Dazu gesellen sich der dogmatischen Vorstellung vom Heilswesen der Kirche ein scharf ausgeprägtes ästhetisch-kritisches Empfinden, die romantische Vorstellung vom »reinen Christentum", und das aus edlem Trieb geborene Verlangen, der Wahrheit Pfadfinder und Vorkämpfer zu sein, Die Vorstellung des P r i e st c r s
vom Wesen der Kirche wird überstrahlt vom Empfinden des idealen Menschen, und so versttickte sich in der psychologischen Wirkung beider Strömungen naturnotwendig dasJdeal- Menschliche mit dem Dogmatisch-Kirchlichen zu deutlich erkennbaren Gegensätzen, die ihren Niederschlag nun in der herben Kritfl des Prinzen am Wesen der Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts gefunden haben. Max von Sachsen ist zum Märtyrer seines Idealismus geworden, und man fühlt Miüeid mit dieser Priesterseele, die im Ringen um Wahrheit und Erkenntnis weit vom Alltagwege ab sich im Abglanz historischen Abendschattens im Gewirr der Eindrücke und Empfindungen versttickte. Von Nom kommt die Kunde zum Norden, daß Petti Stuhl den Ketzer zur Siebenhügelstadt zittert habe, damit er dort Rechenschaft ablege über eine Tat, die von schroffer Kritik als ein Verbrechen wider den heiligen Geist katholischer Christlichkeit ge- brandmarkt worden ist. Wahrscheinlich wird auch für den Wettiner Prinzen die Fahrt gen Rom zum Canossagang, und der Priester, der als Forscher und Historiker den Pfad der Pflicht verlor, kehrt als Büßender heim zum Schweizerland. Die Erkenntnis seiner Auffassung vom Wesen der Kirche wird dadurch aber nicht umgestoßen werden können, und es wird, auch wenn der Irrende Buße tut, der Märtyrer übrig bleiben, der tief rat Seelen- Jnnern ein verlorenes Ideal bellagt. Der Traum vom prinzlichen Erzbischof im Ostmärkerland aber ist ausgeträumt, und Max von Sachsen wird der stille, weltflücbtige Priester bleiben, der er war. **
Die Schrecken des Bagno.
(Von unserem Korrespondenten.)
Paris, 17. Dezember.
Russische Zeitungen veröffenllichten dieser Tage sensationelle Einzelheiten über Mißhandlungen, unter denen die politischen Gefangenen in den Sttafanstalten von Wologda und Zarahtui (oder Zarentui) zu leiden haben sollem Man erzählte, wie in Wologda fast hundert Sttäflinge, die fast alle wegen politischer Verbrechen verurteilt sind, in der grausamsten Weise gemartert und verstümmelt wurden, weil sie gewagt hatten, sich über das, schlechte Essen zu beklagen. Und in einem an einen sthittschen Dumaabgeordneten gesandten Telegramm hieß es: »Im Zuchthaus von Zarahtui begehen viele Sträflinge, die sich körperliche Züchtigungen gefallen lassen müssen, aus Verzweiflung S e l b st m o r d. Sazonow hat gleichfalls Selbstmord verübt." Sazonow hatte (wie man weiß) am 28. Juli 1904 durch eine Bombe den Minister Plchwe getötet. Der »Matin" hat nun die hier wiedergegebenen Nachrichten, die aus Petersburg nach Westeuropa gelangt sind, zum Anlaß genommen, um sich bei den in Paris lebenden russischen Flüchtlingen nach den Existenzbedingungen in den sibirischen Sttafanstalten zu erkundigen. Was er erfahren hat, sei hier mitgeteilt: Man zählt unter den Gefangenen von Zarahtui mehr als zweihundert „Polittsche". Sie bewohnen das obere Stockwerk der Sttafanstalt und Hausen in Räumen, die kaum dreißig Personen fassen können, in Gruppen von fünfzig bis sechzig. Daher kommt es, daß einige von den unglücklichen Sträflingen kaum Platz haben zu schlafen.
In Keinen Zellen isoliert sind nur ein paar politische Gefangene; zu ihnen gehötte auch Sazonow. Der Spaziergang der Sttäf- linge dauert im Sommer eine Stunde, im Winter eine halbe Stunde. Im Winter wird jedoch der Spaziergang für die Deportierten zu einer Marter; denn da die meisten von ihnen sehr schlecht und mangelhaft bekleidet sind, haben sie unter der hatten Kälte furchtbar zu leidem Sie bleiben daher lieber in ihren vetteuchten Gefängnissen, dem vestilenzialffchen Herde zahlreicher Krank- heiiem Besonders stark wütet hier die Tuberkulose, von der mindestens die Hälfte der Gefangenen ergriffen ist. Tie Nahrung besteht täglich für jeden Gefangenen aus einem Kilo Schwarzbrot, das gewöhnlich schlecht gebacken ist, aus 60 Gramm Fleisch, 400 Gramm Kartoffeln, 70 Gramm Heidekorn und 4 Gramm Fett. Dreimal täglich wird warmes Wasser vetteilt, aber die Gefangenen müssen sich selbst Zucker und Tee kaufen, um sich ihr Gettänk zu bereitem Die Gefängnisordnung ist hart und unerbittlich. Es ist beispielsweise den Gefangenen stteng verboten, ans Fenster zu gehem Bei dem geringsten Verswß gegen diese Verordnung beginnen die Schlldwachen zu chießem und es sind bei solchen Gelegenheiten chon mehrere Gefangene schwer verwundet worden; einige wurden sogar getötet. Die Schildwachcn leiden geradezu an Halluzinatto- nen: In der kleinsten ungewöhnlichen Bewegung eines Gefangenen scheu sie einen Fluchtversuch, und wenn in der Nacht in den von einer Heinen Lampe erhellten Zellen sich
nur ein Schatten zeigt, wird sofort darauf losgeschossen.
Vor einiger Zeit stand Sazonow in einer Nacht mitten in der Zelle, als plötzlich die Fenstettcheiben von mehreren Kugeln in Stücke geschossen wurden. Ms der Posten später gefragt wurde, warum er eigenttich geschossen habe, erklärte er: ^Jch glaubte, in der Nähe des Fensters einen Schatten zu sehen." Im Jahre 1908 erließ der Gouverneur Ebelow ein Dekret, das dem Zuchthaus- Direktor von Zarahtui gestattete, gegen die polittschen Gefangenen Körperstrafen anzuwenden. Die Gefangenen unterzeichneten darauf eine Protestkundgebung, in der sie zu wissen taten, daß sie sich alle das Leben nehmen würden, wenn auch nur einer von ihnen gezüchtigt werden sollte. Die erste Unterschttft war die des Attentäters Sazonow. Ms dann trotzdem mehrere »Politische" gepeitscht wurden, führte Sazonow seine Drohung sofort aus und gab sich den Tod. Am 13. Januar hätte der Mörder Plehwes aus dem Zuchthaus von Zarahtui enüassen werden sollem Mit Sazonow verschwindet einer der Hauptzeugen der Azew-Affäre, denn an dem Tage, an dem das Attentat gegen Plchwe verübt wurde, hatte Sazonow sich von Azew verabschiedet. »Vielleicht wer- den wir uns nie mehr Wiedersehen," sagte Azew, der Inspirator und Organisator des Attentats. »Gestatten Sie, daß Ich Sie umarme," fügte er traurig hinzu, als wenn er die Ereignisse voraussähe. Es war ein Judaskuß! Azew nahm dann Sazonow beiseite, wie wenn er ihm ein Geheimnis Mitteilen wollte: »Ich habe zu Ihnen so großes Vertrauen (sagte er), daß ich Ihnen meinen Namen mitteilen will; ich heiße Azew." Sazonow kannte bis dahin nur den »nom de gaerre" des Terroristen, der dann als der gefährlichste Spitzel der ruflWn politische» Polizei entlarvt wurde. »gj.
Studenterr-Revvlution?
(Telegraphische Meldungen.)'
Depeschen aus Petersburg zufolge machen sich in der dottigen Studentenschaft lebhafte revolutionäre Umtriebe be- merkbar. In der vergangenen Nacht wurden die Führer der Studentenbewegung ve r h a f - tet. Es sirrd etwa dreißig Studenten verschiedener Hochschulen in Haft genommen worden.
Studentenversammlungen in Charkow und Kiew haben den Streik beschlossen, der in Charkow drei Tage dauern soll. Das Rektorat bt Kiew hat die Universität bis zum 28. Januar nächsten Jahres geschlossem An den letzten Abenden sanden geheime Versammlungen der Studenten statt.
Einem uns zugehenden Privat- Telegramm zufolge fanden in den letzten Rächten in Lodz zahlreiche Haussuchungen tatt. Etwa zweihundert Personen, meist dem Arbeiterstaude angehörend, wurden verhaftet. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Die Polizei beschlagnahmte eine Menge revolutionärer Schriften.
Sie Geheimbündler.
Ein polnischer Scnsationsprozetz. (Von unserem Korrespondenten.) Liffa, 18. Dezember.
Ein umfangreicher polnischer Ge- »eimbundsprozeß beschäftigt gegenwärtig die Strafkammer des hiesigen Landgerichts, vor dem sich nicht weniger als iebenundzwanzig Angeklagte zu verantworten haben. Es handelt sich meist um kleine polnische Leute, aber auch Angehörige der besseren Stände befinden sich unter den Angeklagten, unter andern der Landtagsabgeordnete Switala, der Probst Dycker, sowie zwei Gcmeindcvor- teher, die als solche preußische Beamte sind. Die Verteidigung der Angeklagten liegt in den Händen von drei Rechtsanwälten. Die Anklage lautet auf Mitgliedschaft an einem verbotenen Verein und Aufreizung zu Gewalttätigkeiten. Das erstere Vergehen wird erblickt in der Teilnahme an dem Verein .Caccilia", der angeblich nur die Pflege des polnischen Liedes fördern oll, von dem aber die Staatsanwaltschaft behauptet, daß er unter dem Deckmantel des Gesanges nationalpolnischen Ten- denzen huldige. Die Aufreizung zu Gewalttätigkeiten sieht die Anllage in dem Singen verbotener polnischer Lieder, in denen die Wiederherstellung des Königreichs Polen verherrlicht wird. Sämtliche Angeklagte bestreiten, sich irgendwie schuldig gemacht zu haben. Sie gcbcn zu, Mitglied des Gesangvereins -.Caccilia" in Zarnikow ge» wesen zu ici* d sich an d-n -'olnischcn