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Nr. 13.

Erster Jahrgang. ■—

Lsffeler Mrurste Mschrichrrn

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3. Verlage.

Sonntag, 18. Dezember 1910.

Irr Geliebte einerBonavarte.

Biovanni Pacini mrt> Pauline Bonaparte.

Man schreibt uns: Die Mailänder Scala ließ dieser Tage Giovanni Pacinis Oper ,S ap p h o", deren Partitur jahrzehntelang unbenutzt im Theaterarchiv geruht hatte, zu neuem Leben erstehen. Mailänder Blät­ter knüpften an diese Wiedererweckung einer längst vergessenen Musik aller­lei Erinnerungen an den Kom­ponisten, der in seinem Vaterlande einst so berühmt war, wie Rossini und Mercadante. Berühmter aber als durch seine Opernwerke wurde Gwvanni Pgcini durch seine intimen Beziehungen zu vornehmen grauen. Seine erste Geliebte war die Grä­fin Sanioilow. Diese Dame machte sich da- durch, daß sie in ihrem Salon zu Mailand österreichische Offiziere empfing, bei den Ita­lienern gründlich verhaßt, und Pacini mußte für diese Unklugbeit seiner Liebsten büßen: Man übertrug die Antipathien, mit denen man sie bedachte, auf ihn und pfiff ihn im Theater aus. Zu einer Sensation gestaltete sich dann sein Liebesverhältnis mit der außerordentlich fckönen Pauline Bonavarte-Bor- g h e s e, die er mit wahrer Leidenschaft liebte, obwohl sie fünfzehn Jahre älter war als er. Von Viareggio. wo das Ltebesidvll ein offenes Geheimnis war, schrieb Pacini an seinen freund: .Was soll man von Gott noch mehr verlangen, wenn man die Freuden derLiebe und die Freuden der Kunst genießen kann.

Als Pacini dann abreisen sollte, wollte die Prinzessin ihn mit Geschenken überhäufen, aber er nahm nur eine Haarlocke Napoleons und bewahrte sie auf wie ein Heiligttim, bis sie ibm »cm einem Dienstmädchen gestohlen wurde. Die zarten Bande, die den Komponisten mit der Schwester des Kaisers der Franzosen ver­knüpften, waren so allgemein bekannt und sozu­sagen von der Gesellschaft anerkannt, daß ein gewisser Alessandro Bossi von Lucca aus an Pacini schreiben konnte: .Ihre Majestät die Königin, meine erhabene Herrin, hat gehört, daß Ihre Hoheit die Fürstin Borghese wieder krank ist, und befiehlt mir audrücklich, mich an Sie, hochverehrter Herr Pacini, zu wenden und Sie zu bitten, Ihrer Majestät über das Befin­den Ihrer Hoheit wahrheitsgetreu Bericht zu erstatten." Die Fürstin Pauline war so eifer­süchtig. daß sie dem Komponisten nickt gestattete, mit hübschen Primadonnen zu korrespondieren; sie widerstand auch allen Bitten und Drohun­gen der Familie Borghese, als diese sich Mühe gab, sie zur ehelichen Pflicht zurückzurufen und von Pacini sich zu trennen. Schließlich suckte sogar Pacini selbst auf sie einzuwirken, um sie dem Gatten wieder zuzusühren. ..Wenn Du Dich verheiratest, werde ich von selbst in den Schoß der Familie zurückkehren", antwortete sie. Vierzehn Tage später hielt der Maestro um die Hand eines jungen Mädchens, der Tochter eines Freundes seines Vaters, an, und Pau­line wurde, ihrem Wort getreu, wieder eine brave Ehefrau. -ce-

MntW «Derlei.

Der Offizier im Ballsaal.

Aus Anlaß des bevorstehenden Beginns der Hosfcstlichkeiten und Ballgesellschaften ist (wie uns aus Berlin geschrieben wird) den Offizieren eine besondere Kabinettsorder in Erinnerung gerufen worden, die der Kaiser vor einiger Zeit über das Verhalten der Offiziere in gesellschaftlicher Bezie­hung und besonders über das Rauchen in Tanzsälen und in Gesellschaft von Damen er­lassen hat. Diese Kabinettsorder, die einen Mißstand beseitigen will, über den schon viel­fach geklagt ist, bezieht sich auf das Rauchen der Offiziere in allen Räumen, in denen sich

Damen aufhalten, und zwar nicht nur in Ptt- vattäumen, sondern auch in Hotels, Klub- räumen usw., in denen Festlichkeiten veranstal­tet werden, wobei Offiziere mit ihren Damen teilnehmen. In dem Erlaß wird zur Kennt­nis gebracht, daß der Kaiser es mehrfach miß­liebig bemerkt habe, daß die Offiziere ohne Rücksicht auf die anwesenden Damen bei Ball­gesellschaften rauchen. Der Kaiser erwartet,

daß dies fortan unterbleibt. Gleichzeitig wird daraus aufmerksam gemacht, daß einer älteren Bestimmung zufolge das Rauchen in den Schloßhöfen und in dem Vestibül des kaiser­lichen Schlosses untersagt ist. Während früher die Zigarette auf besondere Rauchzimmer be­schränkt blieb, kann man jetzt tatsächlich die Beobachtung machen, daß die Zigarette häu­fig genug auch in die übrigen Gesellschafts­räume eindringt, was weder vom ästhetischen Standpunkt aus, noch von dem einer guten Etikette schön geheißen werden kann. Aller­dings mag die gerade in den besten Gesell­schaftskreisen immer mehr hervortretende Zu­neigung junger Damen für den Tabak da­bei mitspielen. Die Herren fühlen sich beim Anblick rauchender Damen nicht mehr geniert, auch ihrerseits eine Zigarette anzuzünden. Trotzdem ist es wohl ohne Zweifel, daß die kaiserliche Willensäußerung auch für die Her­ren „vom Zivil" in vollem Umfange Anwen­dung finden könnte.

Tragödien des Lebens. -

Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Bremerhaven: In Lehe hat sich in der vergangenen Nacht eine L i e bes­te a g ö d i e abgespielt. Tie 35 Jahre alte Damcnschneiderin Görmig aus der Oueber- straße 10 in Lehe unterhielt mit dem in dtn Vierzigern sich befindlichen Kanzlisten des Steueramts, Richter, seit kurzem ein Liebes­verhältnis. Als der älteste Knabe der Görmig vormittags in die Schule gehen wollte, fand er seine Mutter und Richter in der Küche tot vor. Damit die jüngeren Ge­schwister die Leiche der Mutter nicht fehen soll­ten, führte der Knabe dann seine beiden jüngeren Geschwister durch eine andere Tür hinaus zur Schule.

*

Napoleons Elba-Standarte.

Aus Paris wird uns geschrieben: In dem kleinen Städtchen Gap (Hautcs Alpes) ist ein denkwürdiger historischer Fund gemacht worden. In den Bodenräumen eines Schnei­dermeisters wurde bei dem Abbruch eines alten Hauses eine grünseidene Fahne ent­deckt, über deren Herkunft man sich keine Vor­stellung machen konnte. Es wurde darum

fatzungsgemäß nach Patts an das Kriegs­ministerium berichtet, wo durch die Beschrei­bung des Fahnentuches festgestellt wurde, daß es sich um die feit jeher vermißte Fahne han­delte, die Napoleon I. bei seiner Rückkehr von der Insel Elba führte. Nqvoleon hatte in Gap diese Spezialstandarte, die er nur auf Elba geführt hatte, zurückgelassen, um von jetzt an wieder die Tttcolore zu führen.

Er hatte im Eifer und in der Aufregung der kriegerischen Handlungen, die jetzt folgten, die Fahne völlig vergessen, und auch späterhin nicht mehr die Gelegenheit gefunden, sich um sie zu kümmern. Die französische Negierung dagegen hatte schon des öfteren Maßnahmen ergriffen, um die Fahne wieder aufzusuchen, ohne daß es ihr bisher gelungen wäre. Jetzt wurde ihre Auffindung durch einen Zufall er­möglicht. Es besteht kein Zweifel, daß es sich um die echte Napoleon-Standarte handelt, da die Beschreibung durchaus auf die Fahne Napoleons paßt. Die Fahne sieht näm­lich folgendermaßen aus: Sie ist aus grüner Seide hergestellt, und das Tuch ist mit golde­nen Bienen bestickt, die fliegend dargestellt sind. In der Mitte des Fahnentuches ist in erhabe­ner Goldarbeit das Jagdhorn der Chasseurs ä cheval eingestickt, das Napoleon seinerzeit auf dem Fahnentuch anbringen ließ, da er für diese Truppengattung eine große Vorliebe hatte. Es sind zwei Offiziere nach Gap abgefandt worden, um diesen Ueberrest aus großer Zeit' nach Patts zu hringen. Hier soll die Fahne neben der vor zwei Jahren aufgefundenen Standatte Napoleons I. im Jnvaliden-Dom Aufstellung finden.

Der Blick in die Zukunft

Ueber das interessante Thema .Studien zum Fernsehen der Zeit" sprach dieser Tage in M ü n ch e n der bekannte Kultur­historiker Dr. Mar Kemmerich vor einer zahlreichen Zuhörerschaft. Das Fernsehen ge­hört ebenso wie das Hellsehen zu den schwie­rigsten Problemen menschlicher Erkenntnis und die größten Denker haben versucht, Prophe­zeiung und Wahrsagung auf ihren meta« physischen Zusammenhang zu untersuchen. Als H i st o r i k e r ist der Vortragende zu diesem Problem gelangt, und er kam bei seinen Stu­dien zu der Ueberzeugung, daß es kaum ein großes Ereignis in der Weltge­schichte gibt, das nicht von Kundigen, mit­unter schon um Iahrhundette voraus g e w e i s- s a g t worden ist. Sogar nach Tag und Stun­de. nach Ort und Persönlichkeit wurden die Ahnungen prophetisch veranlagter Naturen zur Gewißheit, und der Vottragende behauptete, daß solche Prophezeiungen auch für die E r e i g- nisse der neuesten Zeit wie für das Erd­beben auf Martinique, den Brand der Lloyd-

EK.

fchiffe im Hafen von Newhork, den Untergang der „©neifenau"' zutreffen sollen.Das Publknm folgte jedenfalls feinen originellen Ausführun­gen mit Spannung und sichtlichem Ernst und vielleicht mochte mancher aus dem Vottrage die Neberzeuguvq davon getragen haben, daß es eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unfere Schulweisheit träume» läßt.

Die Brant als . . . Rekrut.

Eine .militärpflichtige Braut' zu haben, ist für einen liebenden Bräutigam gewiß kein Vergnügen, und die Lage wird verzweifelt, wenn kurz vor der erfehnten Hoch­zeit der . . . unerbittliche Gestellungs­befehl an die ins zwanzigste Lebensjahr eingetretene wehrpflichtige Jungfrau gelangt. In dieser Lage befand sich jüngst ein junger Bursche in Parma, der sich mit Augusta Mar­cella Severino Gandolfi zu,n Bund fürs Le­ben verlobt hatte. Die Standesamtsregister wußten dagegen nur von einem an demselhen Tage geborenen Knaben Augusto Marcello Sevettno Gandolfi, und als deren Bräutigam die nötigen Papiere für die Eheschließung forderte, wurde er noch ausgelacht, weil er einen Jungen heiraten wollte, der überdies gerade in diesen Tagen sich zur Musterung stellen mußte. Der Bursche schwor bei allen Heiligen, die Musterung fei ungesetzlich und überflüssig, denn er wisse ganz genau, daß feine Geliebte ein Mädchen sei, aber gegen die Bureaukratie blieben einfttoeüen alle seine Bemühungen nutzlos, bis auf ge­richtlichem Wege die Wahrheit festgestellt und der Schnitzer eines Standesbeamten im Zi­vilstandsregister von Parma endgültig bettch- tigt ist. Bis dahin ist an Vereinigung des liebenden Paares nicht zu denken.

./ . , Gerechtigkeit für die Fran!

Uns wird geschrieben: Eine Prügel­strafe für Verbrecher gibt es auch in den Vereinigten Staaten nicht. In einem einzigen Falle nur verlangt die öffentliche Meinung für Delinquenten eine energischere Strafe als Haft und Gefängnis, und in einem einzigen Falle nur können Körperstrafen immer auf allge­meine Zustimmung rechnen: Wenn es sich um Ehemänner handelt, die ihre Frauen schlagen. Diese Nachsicht des Publikums und des Gesetzes hat sich vor kurzem der Friedensrichter Haydel in der kleinen Stadt Swayersville in höchst wirksamer Weise zunutze gemacht. Frau Gey, eine kleine, blasse und schwache Dame, erschien vor dem Frie­densrichter und zeigte ihm ihre mit blauen Flecken und Wunden bedeckten Arme und Beine, wobei sie unter Tränen erklärte, daß sie die Mißhandlungen ihres brutalen Gatten nicht mehr ertragen könne. Der Richter ließ den Ehemann Geh sofort festnehmen: als die- fer, an allen Gliedern zitternd, vor Gettcht er« schien, fand er den Richter mit einer Knute bewaffnet vor. .Jacke herunter und auf die Knie," schrie der Friedensrichter. .Für einen solchen Burschen gibt es nur eine Strafe, und Sie sollen sie auf der Stelle zu spüren bekommen." Sprachs, begann erbar­mungslos auf Gey loszuschlagen, und hörte erst auf, als der Mann ohnmächtig zusammen­brach. Nachdem Gey wieder zu sich gekommen war, schickte ihn Haydel nach Hause, indem er ihm drohend in Aussicht stellte, daß er, der Richter, ihm eine „zweite vermehrte und ver­besserte Auflage" der Prügelstrafe zuteil werden lassen würde, wenn er sich einsallen lassen sollte, sein schwaches Weib noch einmal zu fchlagen.

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