Einzelbild herunterladen
 

Nr. S. — 1. Jahrgang.

Die Hochflut in Spanien.

(Privat-Telegramm.)

Bordeaux, 17. Dezember.

Die Meldungen aus Spanien über das Unwetter lauten fortdauernd sehr Lrnst. In Granada sind mehrere Stadtvier­tel unter Wasser gesetzt und die Brücke von Las Cmnpanas wurde von der Strömung sortgeriffen. In Saragoffa ist der Ebro stark gestiegen. Zahlreiche Straßen sind über­schwemmt. In Valadolid ist das Waffer um 2 Meter ge st Legen. Mehrere Wohnhäuser stehen unter Wasser. Ein Erd- mtsch verschüttete einen Arbeiter. Auch die Stadt Cadix wurde überschwemmt. An dem Strand bei Coil wurden Leichen ange­schwemmt, was auf eine Schiffskata­strophe schließen läßt. In Catapona stürzte infolge Zusammenbruchs einer Brücke ein Postwagen in den Tadrun-Fluß. Wagen und Pferde wurden von der Strömung fort« zcrisseu. Der Postillon und Insassen konnten von Zollbeamten gerettet werden. Der Damp­fer „Cabo-Orgega" ist auf der Höhe von Co- runna gesunken. Passagiere und Besatzung konnten sich auf einen anderen Dampfer ret­ten.

IiZ Katastrophe auf dem Kafpi-See.

Aus Petersburg wird uns geschrie­ben: Ueber die furchtbare Sturm-Kata­stroph e auf bejg Kespi-See, bei der meh­rere hunderr'Menschen ihr Leben eingebüßt haben, sind jetzt aus Astra­chan nähere Mitteilungen eingetroffen, die ein anschauliches Bild von der Größe der Katastrophe geben. Es wird uns darüber berichtet:

Petersburg, 17. Dez. (Telegramm.) Am Abend vor dem Ausbruch des Sturmes, am 25. November, erhielt der Astrachaner Verwalter der Dampfergesellschaft „Kawkas i Merkuri", Patrikejew, vom Chef der Schiffahrtsinspektion die Nachricht, daß das Barometer rasch und tief sinke, was auf Sturm deute; Patrikejew möge infolgedessen die Schiffskarawane nicht auf die Reede hin- auslassen. Auch die Schiffsmannschaften baten, als sie von der Sturmwarnung gehört hatten, den Verwalter, sie nicht der furchtbaren Gefahr auszusetzen. Patrikejew, der schon die Warnung der Schiffsinspektion mißachtet hatte, erklärte indessen den Matrosen kurz und bündig: Wer nicht in die See hinaus wolle, solle sich nur gleich seine Ablohnung holen. Schweren Herzens gehorchten die Mannschaf­ten und fuhren hinaus in den Sturm. Nur wenigen war es vergönnt, heimzukehren.

Während des furchtbaren Sturmes an­kerten auf der Reede die schweren Dampfer „Imperator", „Jmperetriza", „Baiba" und „Elbrus", aber keines von diesen großen Schiffen verließ auch nur für einen Augen­blick den Ankerplatz, um den schwer mit der See kämpfenden kleinen Schiffen Hilfe zu bringen. Bon überall kamen Notsignale, aber keiner der Dampfer rührte sich vom der Stelle. Es befanden sich auf der Reede zur Zeit der Katastrophe 24 Schiffe um die Landungsstelle zerstreut. Am Morgen des 26. November brach der Sturm los. Die Barke „Kawkas" hißte zuerst die Notflagge, aber die Dampfer, die in der Nähe hin und her kreuzten, fuhren an ihr vorüber, ohne auf die Hilferufe zu achten. Gegen Abend fank die Barke mit der gan­zen Mannfchaft, und bald darauf er­eilte auch das Lichterschiff Nr. 125 dasselbe Schicksal. Das Fahrzeug war von der An- kerstelle loSgeriffcn worden und wurde ins Meer hinausgetrieben, obgleich in nur gerin­ger Entfernung der derselben Dampfergesell- schaft gehörende Schoner „Kirgis" vor Anker lag.

Die Notsignale des Lichterschiffs beant­wortete der „Kirgis" mit dem Signal: D i e Polizei soll helfen!", obgleich es all­gemein bekannt ist, daß die Wasserpolizei für solche Zwecke kein einziges Schiff zur Ver­fügung hat. In der Nähe des von den Wel-

Caffeler Neueste Nachrichte«

Sonntag, 18. Dezember 1910.

len hin- und hergeworfenen Fahrzeugs kreuzte auch der Schoner „Bombay". Kaum Glaubliches wird von dem empörenden Verhalten des Kapitäns dieses Schoners berichtet: Er soll den Schiffbrüchi­gen zugerufen haben: „Bon Euch Lum­pen ersaufen noch viel zu wenig! Ertränken müßte man Euch!" An demselben Tage kam es auch zu einer furchtbaren Katastrophe auf dem persischen Landungsplatz. Dieser Lan­dungsplatz, auf dem sich etwa zweihun­dert persische Stauer befanden, wurde in drei Teile gerissen. Ein Teil der Landungsbar­ken wurde von den Wellen hin und her ge­schleudert, ein anderer ins Meer hinausge­trieben; der dritte blieb vor Anker, füllte sich aber immer mehr mit Wasser. Von den Per­sern, die auf den Schiffen verzweifelt hin und her rannten, fprangen viele ins Waffer, um sich fchwimmend zu retten; die mei­sten aber ertranken.

Auf einem losgerisscnen Teil der Lan- dungsbarkcn arbeiteten die verzweifelten Per- fer an den Pumpen, bis der Dampfer „Ameri- kanez" herankam und 80 Mann rettete. Am selben Abend fank die Barke .Merkur" mit der ganzen Mannfchaft, Frauen und Kindern. Die Mannfchaft des in der Nähe befindlichen Dampfers „Ara!" wollte dem „Merkuri" Hilfe bringen; dem wider­fetzte sich jedoch der betrunkene Kapitän des Schiffes. Dank gebührt (wie Augenzeugen der entsetzlichen Katasttophe berichten) dem Kapi­tän des Dampfers „Konstantin Kaufmann", der, obwohl er 300 Passagiere an Bord hatte, überall, wo er konnte, die Mannschaften der sinkenden Schiffe rettete. Zuletzt brachte er die Besatzung des Lichters Nr. 141 an Bord, worauf ihn die Passagiere, die um ihr Leben bangten, anflehten, vom Rettungswerk Ab­stand zu nehmen. -ds-

Prmz Max als Ketzer.

Prinz Max von Sachsen auf dem Index.

Einem Privat-Telegramm aus Rom zufolge ist die Abhandlung des Prin­zen Max von Sachsen, die er in der Zeitschrift „Rom und Orient" veröffentlicht hatte, auf Veranlassung der vatikanischen In­stanzen Mf den Index gesetzt worden. Prinz Max, der in Freiburg als geistlicher Profes­sor wirkt, wird in den nächsten Wochen nach Rom reisen, um sich dort persönlich zu ver­antworten. Der römische Korrespondent eines Berliner Blattes erhielt von einer hochstehen­den geistlichen Persönlichkeit ein Exemplar der genannten Zeitschrift, die sonst nicht mehr zu haben ist, da sie im Auftrag des Vatikans aus dem Buchhandel zurückgefordert wurde, und teilt aus dem Inhalt des Aufsatzes fol­gendes mit:

Prinz Max beschuldigt die Päpste und die lateinische Kirche, gewalttätig und herrschsüchtig gewesen zu sein und unter Union nur volle Unterjochung ver­standen zu haben, aber nicht Gleichberechti­gung. Er erinnert daran, daß in den ersten Jahrhunderten die Kirche keine Mo­narchie war und zur absoluten Monar­chie erst durch die Fälschung Pseudo-Isidors wurde. Ein solches System könne man den Orientalen nicht auferlegen. Der Papst solle Selb st Verleugnung üben und den Orientalen gestatten, die Auffassung der er­sten Zeiten vom Primat zu bekennen, auch solle der Papst ihnen Selbstverwaltung ge­statten und auf Geldsucht verzichten; denn wenn die Orientalen Tausende von Fran­ken für jede Bischofsbulle und andere Dis­pensen zahlen müßten, würden sie Geld­gier als den Beweggrund der römischen Unionbestrebungen ansehen. Die jetzigen unierten Griechen seien nur geknechtete und maskierte Lateiner. Auch in Glau­benssachen solle Rom von den Orientalen keine Annahme von Dogmen verlangen, die die lateinische Kirche allein fabriziert habe. Zum Schluß erinnert der Prinz an das

herrschsüchttge Gebaren des Papstes Niko­laus I., an die die Gemüter erregenden Schimpfbullen von Leo IX., und an die Rücksichtslosigkeit Jnnocenz III. gegenüber den Griechen.

Der erwähnte geistliche Würdenträger er« klärte, der Artikel werde besonders im Orient ungeheures Aufsehen erregen. Wie uns ein Privat-Telegramm aus Rom berichtet, ist man im Vatikan über die Schroffheit der Stellungnahme des Prinzen umso mehr überrascht, als Prinz Max von Sachsen nach seiner ganzen Art als einer der treuesten und überzeugtesten Anhänger der Kirche gilt und aus seiner streng-kirchli­chen Auffassung niemals ein Hehl ge­macht hat .Man erwartet indessen, daß ir­gend eine Form der Klärung gefunden wer­den wird.

Politische Chronik.

Aus Lübeck meldet uns ein Telegramm: Der Ausschuß der Landesverficherunasan- talt der Hansastädte bewMgte 1 Million Mark darlehensweise zum Bau von Arbei­te r w o h n u n g e n.

Die Politik des Tages.

Die Verfassung fürs Reichsland. Die beiden Verfassungsgesetze für Elsaß-Lothrin- gen, die die V e r f a s f u n g s f r a g e im Reichsland regeln, und die dem Reichstag bald nach feinem Wiederzufammentritt im neuen Jahre zugehen werden, sind nunmehr amtlich veröffentlicht worden. Sie bestim­men im wesentlichen: Der Statthalter wird vom Kaiser unter Gegenzeichnung des Reichskanzlers ernannt. Bundesrat und Reichstag scheiden als Faktoren der Landes­gesetzgebung Elsaß-Lothringens aus. Es sind zwei Kammern vorgesehen. Der Ersten Kammer gehören 18 Vertreter kraft ihres Amts oder auf Grund berufsständischer Wahl an; ebensoviele ernennt der Kai­ser auf Vorschlag des Bundesrats. Die Zweite Kammer geht hervor aus allgemei­nen direkten Wahlen mit gehei­mer Abstimmung. Wahlberechtigt sind alle männlichen reichsangehörigen Einwohner Elsaß-Lothringens, sofern sie über 25 Jahre alt sind; Wahlberechtiqten über 35 Jahre ste­hen zwei Stimmen, Wahlberechtigten über 45 Jahre drei Stimmen zu. Die Zahl der Ab­geordneten zur Zweiten Kammer beträgt 60.

Mecklenburg in Not. Wie uns aus Schwerin berichtet wird, ist, zwischen der Regierung und dem Landtag ein Konflikt ausgebrochen, der vielleicht zur Auflö­sung des Landtags führen wird. Die Regierung hatte zu den Kosten des Landes- regiments einen Zuschuß von 1800 000 Mark gefordert. Der Landtag lehnte indessen die Bewilligung dieser Summe ab, weil ihm das Etatsrecht nicht gewährt werden soll. Die Ritterschaft bewilligte alsdann einen Zuschuß von 1200 000 Mark. Damit ist die Regie­rungsvorloge gefallen, und die Regierung ist entschlossen, nunmehr ihrerseits „die Kon- seauenzen zu ziehen" und den Landtag auf» zulösen.

täo Jung-Deutschland gegen die „rote Flut." Ein Privat-Telegramm mel- bet uns aus Berlin: In einer stürmischen Akademikerversammlung wurde ge­stern abend Stellung genommen gegen das Verhalten der Leipziger freien Studenten gegen Professor Henrici. Die Versammlung wandte sich mit Entschiedenheit S-gen jeden Versuch, dem sozialdemokratischen Gedanken in der Studentenschaft einen weiteren Wirkungskreis zu verschaffen. Die Universitätsbehörde in Halle untersagte der freien Studentenschaft für den Vortragszyklus zur Einführung in das Programm der politi­schen Parteien den Vorttag des sozialdemo- kratifchen Reichstagsabgeordneten Sude- tum.

Einem Petersburger Telegramm zu­folge wurden dort in der Nacht zum Freitag 60 Studenten beiderlei Geschlechts verhaf­tet. Zahlreiche Schriftstücke wurden bei ihnen befchlagnahmt.

*

Nach Depefchen aus Rio de Janeiro verwendet die brasilianifche Regierung die Mannfchaft der Meutererschiffe, die sie in ent­fernte Provinzen entfandt hat, dort als Straßen- und Eifenbahnbahnhau­arbeiter.

Äeuer vom Tage.

„König Mexanders Geist."

(Von unferm Korrespondenten.)'

Aus Belgrad wird uns geschrieben: Der frühere ferbifche Finanzmini st er Mija- tovic beunruhigt zurzeit die abergläubische Bevölkerung Serbiens in höchstem Maße durch die Mitteilung von einem Gespräch, das er mit dem Gei st des ermordeten Königs Alexander von Serbien geführt haben will. Mijatowic hat schon des öfteren durch feine fpiritistischen Neigungen und durch Gefpräche mit Geistern von sich reden gemacht, und vor Jahren hat feine Prophezeihung Auf- fehen erregt, in der er dem damaligen König j Alexander weissagte, daß er noch vor dem Abschluß seines 30. Lebensjahres auf tragische- Weife sterben werde.

König Alexander war aber im Gegenfatz zu feinem Vater, dem König Milan, nicht abergläubisch und wehrte den „Propheten" ab. König Milan dagegen hatte großes Zuttauen zu den Geistergesprächen seines Finanz­ministers und wohnte in seiner Regierungs­zeit des öfteren den fpiritistifchen Sitzungen am „Wracza" im Haufe des Finanzministers bei. Die Hauptstärke Mijatovics besteht nach seinen Angaben in seinen Gesprächen mit Geistern. Auch der ganze Kreis, in dem er lebt, ist spiritistisch geschult und hält Unter­redungen mit den Geistern abgeschiedener Diplomaten, Staatsmänner und Fürsten ab. Erst jüngst machte ein Angehöriger dieses Kreises interessante Mittellungen über eine Unterredung mit dem „Geist der Köni­gin Draga", der Gemahlin des früheren Königs Alexander. Königin Draga äußerte stch darin geheimnisvoll über den Vorgang in der Mordnacht, über ihre Absichten zu­gunsten Serbiens und über ihre Verkennung von feiten des ferbifchen Volkes. In ähn­lichem Sinne sind die Mitteilungen gehalten, die Mijatovic jetzt von dem „Geist des Königs Alexander" erhalten haben will. Man nimmt in Serbien an, daß sich in diesen Veröffentlichungen eine große Be­wegung gegen das Königshaus der Karageorgjewitfch geltend machen soll, und lediglich zur Unterstützung der Um­triebe die Geisteransicht des ermordeten Königs und der ermordeten Königin herangezogen wird. Bei der Unbildung, in der der größte Teil des serbischen Volkes lebt, und bei dem Aberglauben, in dem das ganze Voll befangen ist, ist diese Art stcherftch eine sehr wirksame Agttatton. Andererseits aber sind weite Kreise der serbischen Polittker der Ansicht, daß es sich nur um die Mitteilungen fanatischer Spiritisten handle, die ohne jeden politi- scheu Hintergrund seien. Da die Aeußerungen der „Geister" des ermordeten Königspaares auch vieles enthalten, was sich zugunsten der jetzigen Regierung auslegen läßt und der Be­ruhigung des Volkes dienen kann, so kann man tatsächlich an eine höchst unpolitische Spiritistenbegeisterung glauben, zumal der Ex. Minister Mijatovic schon feit zwanzig Jahren dem Spiritismus huldigt und (wie bemertt) auch den früheren Königen Milan und Alexan- der fo viel Unheil prophezeihte. Die An­stifterin soll übrigens die Gemahlin des Mini­sters, eine geborene Engländerin, gewesen sein, die ihren Gatten erst in die Geheimnisse der „vierten Dimension" einweihte. -ir-

Die Königliche Verordnung, durch die der preußische Landtag auf den 10. Januar einberufen wird, ist gestern amtlich bekannt gegeben worden.

Die Metternich-Affäre. Nach einem Telegramm aus Wien ist die Gemahlin des verhafteten Grasen Wolff-Metternich in-

Ein Mam des Volkes.

Ein Caffeler Dramatiker im Residenztheater.

Gestern abend erlebte das Schauspiel „Ein Mann des Volkes" in unferm heimischen Privattheater feine Uraufführung. Das fünfaktige Stück stammt von dem Casseler Schriftsteller, K a r I Joh. Kreiß, der augen­scheinlich ein Neuling auf der Bühne ist. Kreiß ist kein Künstler: er schrieb ein Theater­stück ohne Ambitionen, das von Anfang an einem groben Schema verfallen war. Das Spiel ist gänzlich) auf äußerliche Wirkungen eingestellt, es läßt dramalifche Ansätze auf« springen und ein bißchen Komik glänzen, die von billiger Ironie erzeugt wird. Die be­wegte Szene blüht nicht aus der Tiefs dichte­rischer Auffassung hervor, was Herr Kreiß wohl auch gar nicht beabsichtigt hat. Die Zähne seiner Satire packen nirgends fest an.

Der Gedanke seines Stückes ist ungefähr der: Städter, befaßt euch nicht mit Politff, sondern geht aufs Land und werdet tüchtige Bauern. Das ist mehr wert! Oder: wer nicht durch feinen Beruf zu politischer Betätigung gezwungen wird, soll die Hände von solchen Dingen lassen — widrigenfalls er sie sich ver­brennen wird; denn die Politik ist Schwindel, nichts als Schwindel. Der Held der Hand­lung, die sich aus dem Zentrum dieser Ideen 'heraus entivickelt, ist der liberale Oberlehrer Heinz Henninger. Er arbeitet heiß, unermüd- lich an der Lösung des sozialen Problems. Seine Tendenz nimmt die Interessen des Volles aus, für das er sich opfert. Henninger ist nun der Leiter der „Wohlfahrtspartei". Im Interesse dieser „guten" Sache vernach­lässigt er seinen Beruf und feine Familie. Herr Kreiß macht einen wütenden Pattei- fanatiker aus diese'- Figur, die durch Idealis­

mus und Lebensunkenntnis gekennzeichnet wird. Blind verstrickt stch also Henninger, der adlige Mensch, in seine politischen Ten­denzen, die ihm jedes Disferenzierungsver- mögen rauben.

Selbst das Flehen seiner Gattin, die sei­netwegen bon einer schweren Krankheit befal­len wird, hilft da nicht. Henninger nimmt schließlich sogar an einem unsauberen Wahl­manöver teil, worauf dann sein kluger, nobler Schwager von ihm abläßt. Ihm geht eben das Wohl seiner Partei über alles. Er kennt nur noch die „gute Sache". Und diese beschert ihm am Ende fast den Ruin. Hennin­ger wird wegen seiner politischen Tätigkeit pensioniert. Außerdem verliert er sein ge­samtes Vermögen bei einer verfehlten Zei­tungsgründung, zu der ihm das Partei-Ideal verführte. Und nun stellt es sich heraus, daß alle seine guten Freunde von der Woblfahtts- pattei im Grunde Schubiacke und Schwind­ler sind.

Mit teeren Händen, zerschmettert steht der Oberlehrer da. In diesem Augenblick taucht sein edler Schwager als Retter auf. Sein jovialer Schwiegervater, der Gutsbesitzer, er­scheint, und Henninger sinkt gerührt seiner Gattin in die Arme. Er ist von aller Politik titriert, wird mit dem Schwiegerpapa aufs Land gehen, um dort ein neues Leben, eine neue Arbeit zu beginnen. Diese fünf Akte ließen sich bequem (das Stück ist ermü­dend lang) auf vier zusammenstreichen. Im übrigen zeigte Herr Kreiß bin und wieder, daß er kein ungeschickter Bühnentcchniker ist. Die Aufführung war recht gut. Herr Wern­burg charakterisierte den Henninger vorzüg­lich. Ebenso sind die Herren Niemayer, Schramm, Mantel, Morvilius und Schröder, sowie Fräulein Schenk lobend zu erwähnen. Das Publikum klatschte sehr beifällig. ' —d.'

Dritter Kammermusik-Abend.

Kammermusik-Aufführung im Central-Hotel.

Erfreulicherweife scheint das Interesse für Kammermusik in Cassel wieder lebendig zu werden, was der gute Besuch der gestri­gen Ausführung im Central-Hotel be­wies. Mit dem Titan Beethoven wurde der Abend eröffnet Das 5. Quartett A-dur op. 18 verschaffte uns wieder einen Einblick in die geheimste geistige Werkstätte diefes bis jetzt unerreichten Tonheroen. Das Quartett, das im 31. Lebensjahre des Meisters (1801) ent­standen ist, strahlt im ersten Allegro-Satz einen lebensbejahenden, kraftvollen Geist aus. Ihm folgt das mehr einfache und liebenswürdige Menuett. Als Meister der Variationskunst zeigt er sich in der Umgestaltung des innigen D-dur-Themas des dritten Satzes (Andante cantabile). Im letzten Satz ist die kunstgerechte Verarbeitung des Austaktmotivs von besonde­rem Interesse. Von der Braffche, die damit beginnt, übernimmt es alsdann das Cello, dann die erste und die zweite Violine. Die Ausführung des Werkes durch die Herren Konzertmeister Hoppen, Kammermusiker Krufe, Keller und Kammervirtuos Monhaupt war eine wohlvorbereitete, im Zusammenspiel abgerundete künstlerische Lei­stung. Die zweite Nummer des Programms, „Sphärenmusik" von Rubinstein, fand eine zarte, dynamisch gut abgetönte Wiedergabe. In der darauf folgenden Serenade aus dem F-dur-Quartett ov. 3 Nr. 5 von Haydn, eines der populärsten Stücke des Meisters, wäre in der Ausführung der melodieführenden 1. Vio­line mehr Leichtigkeit wünfchenswert gewesen.

Den Schluß bildete das von den Herren Dr. Zulauf, Hoppen und Monhaupt inter­pretierte Klaviertrio Es-dur op. 100 von Franz Schubert, das zu den genialsten Kam-

Mines Feuilleton.

und klagte mir, daß er schon feit Wochen unter

Greif in läi

mermusikwerken des Meisters zählt. Im ersten und vierten Satz tritt besonders der Klavier­part in den Vordergrund. Herr Dr. Zulauf hatte reichlich Gelegenheit, durch die perlende Ausführung der Läufe und Akkordpassagen seine glänzende Technik zu zeigen, wie er auch den musikalischen Inhalt des Werkes voll ans- schöpfte. Im zweiten Satz (Andante con moto) erkennen wir den Meister des Liedes an den gesangreichen Themen, die m den ein­zelnen Instrumenten abwechseln. Das Zeit­maß hätte sti diesem Satz etwas bewegter sein können. Einer der schönsten Sätze fft das Scherzo, in welchem der Komponist emer uber- sprudelnden Fröhlichkeit die Zugel. schießen läßt. Die Stteichinstrnmente vereinigten sich mit dem Klavier auch hier zu einem wirkungs­vollen Ganzen, nur hätten bte ersteren noch mehr Temperament und innere Warme ent­wickeln können. Nicht vergessen werden soll der. namentlich im Diskant glockenreine, klang­volle Scheel-Flügel. "e"

m Ei« Besuch bei Martin Greff. Der Münchener Mitarbeiter eines Berliner Blattes teilt seiner Zeitung folgendes über

ine habe, als die Vollendung seiner

„ft- Zell, dl- 3n6enbemnenm«e« »ei D.L- fera bereits erschiessen ist. Martin Greif 'vra'ch sich in schärfster Weise gegen die mo- in-rne Literatur und ihre Erzeugnisse an.. Er ist seit längerer Zeit schwer nierenleidend,