Nr. 12. — 1. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachricht«»
Sonnabend, 17. Dezember 1910.
mich am eitlen Dampfe des Ruhmes zu letzen, sondern eine substantiellere Nahrung suche; ich bin Gourmand, ohne deshalb Schlemmer zu sein; mehr kann man von einem Könige nicht verlangen. .. . Ihre Majestät beschwert sich über mein Verhalten gegen die Königin. Sie haben mich Wohl zwingen können, sie zu heiraten; mich sie lieben zu machen, liegt nicht in Ihrer Macht. Ist sie nicht große Dame genug für mich? sagen Sie. Mr den Bruder Napoleons ist nichts groß genug, so haben Sie mir tausendmal wiederholt. . . . Ich selbst wollte ja keine große Dame, das wissen Sie recht gut. Sie tadeln mich, daß ich die Repräsentation nicht liebe: allerdings liebe ich sie nicht, sie langweilt mich, und wenn ich sie auch lieben wollte, so paßte sie doch nicht zu meiner Figur und meiner Tournure, zwei Dinge, die in unserer Familie nicht eben imposant sind. Uebrigens habe ich meinen Hof nach dem Ihrigen eingerichtet; ich kleide mich wie Sie, was können Sie mehr verlangen? Ich habe Merfeldt zum Präfekten von Hannover ernannt, weil er ein besserer Verwaltngsbeamter als angenehmer Kammerherr ist. In meinem persönlichen Dienst aber mag ich keine Fremden."
Die Wut Napoleons über einen solchen Brief läßt sich denken. Die Strafe des Kaisers ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Diesmal war es Rapp, der auf seiner Reise nach Danzig, wo er wieder das Gouvernement übernehmen sollte, als der Blitzstrahl des Jupiters in den Tuilerien erschien (schreibt Pigault). Rapv kommt an und überrascht uns mitten in einem kleinen Souper, an dem die Favorite des Tages, ferner Fürstenbcrg und Winzingerode und ich, der unglückliche Autor der Epistel, teilnahmen. Rapp tritt mit seiner Ihnen bekannten Familiarität ein, in Begleitung eines königlichen Gardcofsiziers. „Sire," (beginnt er, zum König gewandt) „ich bin mit einem nangenehmen Auftrag betraut, den ich von Ihrem Bruder erhalten habe, der sich in einem Zustand unbeschreiblicher W u t und Aufregung befand, als ich mich bei ihm beurlaubte." Der König erbleicht, kaum kann er Rapp noch sagen, daß er Platz nehmen solle, und anstatt ihm ein Glas Wein anzubieten, ergreift er selber eins und stürzt es auf einen Zug hinunter. . . . Ich war stumm und verwirrt, wie ein ertappter Missetäter Rapp liest uns das entsetzliche Dekret vor, das in nachstehenden Worten gefaßt war:
„Eigenbändiqe Ordre des Kaisers: Unser Adjutant, der General Rapp, wird auf der Stelle nach Kassel abaeb-n, wird den Major Müller von den westföli- schen Husaren zu sich berufen und sich mit ihm zum Könige begeben nd diesen verhaften. Der König hat achtundvierzig Stunden Zimmcrarrest, Pigault aber, als der Verfasier des Uns von unserem Bruder geschriebenen unverschämten Briefes, kommt auf zwei Monate ins Gefängnis und wird dann unter sicherem Geleite nach Frankreich zurückgeschickt. Wir erteilen dem General Vollmacht, die strengsten Maßregeln zu ergreifen, falls man so verblendet sein sollte, sich der Ausführung Unserer Befehle zu widersetzen. Napoleon."
Und Isrcme? Er war nicht so „verblendet", dem gestrengen Bruder Widerstand zu leisten. Ruhig fügte er sich in die ihm angesonnene Rolle und trat in seinem eigenen Palaste, unter der Ueberwachung seines eigenen Gardeofftziers, seine Haft an. Achtundvierzig Stunden später hatte er indessen das „peinliche Intermezzo" vergessen und war wieder, was er immer war: Der ewig muntere und sorgenlose „König Lustik" ...
Sie Politik des Tages.
s Der Kampf ge^en die „rote Flut". Die „Konservative Korrespondenz", das Organ der konservativen Partei, veröffentlicht eine Erklärung zu den Rcichstagsreden des Kanz
lers in der Frage der Bekämpfung der Sozialdemokratie. Es beißt darin:
Ohne uns in allen Einzelheiten mit dem Standpunkt der Reichsregierung gegen die Sozialdemokratie zu identifizieren,' haben wir mit Genugtuung davon Kenntnis genommen, daß die Aeichsleitung gegenüber dem immer st-irkercu Ansturm der Soialde- motratie sich voll ihrer Pflicht und Verantworiung be w u ß t i st, die Grundlagen unseres Staatswesens, unserer Gesellschaft und unserer Kultur wirksamer aiä bisher schützen zu müssen.
Ium Schluß heißt es: Es war und ist unser Recht und unsere Pflicht, unter den obwaltenden Umnänder der Reichsleitung ein „Videant consules zuzurufen, so daß die dagegen gerichtete Ve Währung des Herrn Reichskanzlers der sachlichen Berechtigung entbehrt.
ca3 „Elsaß" contra „Schwaben". Zu dem bereits gestern von uns mitgeteilten Unfall zweier deutscher Linien sch iffe werden uns telegraphisch noch folgende Einzelheiten beuchtet: Als das Linien- und Arttllerieschulschrff „Schwaben" am Mittwoch abend auf der Fahrt von Kiel nach Sonderburg die Kieler Außensöhrde passierte, ließ es in schluteir. Nebel mit dem dort draußen übenden Linienschiff „Elsaß" zusammen. Der Zusammenstoß konnte durch Ausweichmanöver beider Linienschiffe etwas abgeschwächt werden, war aber doch sehr heftig. Soweit bi' jetzt feststeht, sind auf dem Linienschiff „Eliaß" zzwei Geschütze ge b r o ch e n und auch die Außenseite des Schiffes ist erheblich beschädigt. Die „Schwaben" ist an Backboroseite und auf achtern beschädigt worden, am die Bockbordschraube hat Schaden gelitten.
Politische Chronik.
Aus Lonoon meldet ein Telegramm über die englisckp.n Wallen: Bis 1 Uhr nachts waren gewählt 239 Liberale, 257 Unionisten, 49 Vertreter der Arleirerpartei, 85 Anhänger Redmonds und acht Anhänger O'Briens.
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Wie aus Petersburg berichtet wird, wurde aus Anordnun des Senators Garin in der Wohnung der gefeierten Schauspielerin Tossrua, dl. im Suwarin-Theatcr anstritt, eine Haussuchung abgehalten. Der Verdacht, den Garin gehegt hatte, bestätigte sich: Man fand bei rhr wichtige politische Dokum- “ie, nach denen man bisher vergeblich gesucht hatte.
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Ein Privatte.'egramm meldet uns aus Magdeburg Bei der gestrigen L a n d t a g s e! j a tz w a h l im vierten Wahlbezirk des Regierungsbezirks Magdeburg wurde der bisherige Vertreter der Nationalliberalen, S ch' s i e r, mit allen abgegebenen Stimmen w-edcrgewählt.
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Einem Telegramm aus Paris zufolge empfing der Ministe des Aeußeren gestern hmitaq den Besuch des russischen Botschafters I s w o l s k i mit dem er eine lange und sehe sreundjchaftliche Unterredung hatte.
Meldungen aus )' cm zufolge wählte die veremipte Bundesversammlung gestern zum Bundespräsidenten Rucket, zum Vizepräsidenten des Bundesrats Forrer, zum Präsidenten des Bundespcrichts Merz, und zum Vizepräsidenten des Bundesgerichts F a v e t.
Rmrs vom Tage.
Der Tsdeszng der Pest.
(Von unserm Korrespondenten.)
Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die Nachrichten über das Vordringen der Pest in der Mandschurei lauten immer bedrohlicher. Der Hauptanfteckungs- herd befindet sich zwar in der Mongolei, aber in der Mandschurei, sogar in demjenigen Teil, der der Ostchinesischen Bahn zunächst belegen
ist, gibt es zahlreiche kleine Pest-Herde, wo die Epidemie bald abflaut, bald wieder mit verstärkter Kraft austritt.
Von Zeit zu Zeit verstärktes Auftreten der Epidemien, wie cs jetzt beobachtet wird, hat schon vor etwa zehn Jahren stattgehabt, doch vergrößert sich die Gefahr jetzt dadurch, daß die infizierten Ortschaften sich in unmittel- barer Nähe der Eisenbahn innerhalb der Expropriationszone befinden. Uebrigens ist der Kampf mit diesen Herden, die sich in der Sphäre der Tätigkeit der russischen Administration besinden, immerhin noch einigermaßen möglich: viel schlimmer steht es dagegen mit denjenigen Herden, die sich auf chinesischem Territorium befinden. Dort sind nicht nur Maßnahmen zur Bekämpfung der Pest unmöglich, sondern es liegen nicht einmal Nachrichten über den Umfang der dortigen Epidemien vor. Die chinesischen Behörden verweigern nämlich darüber grundsätzlich alle Informationen. Aber auch innerhalb der Expropriationszone kann die Bekämpfung der Epidemie nur von den örtlichen Organen ausgeführt werden, und die Mandschurei steht außerhalb der Kompetenzsphäre der Kommission zur Bekämpfung der Pest, sodaß die Kommission nur der Verwaltung der Bahn Hilfe angedeihen lassen kann. Die Bahn hat denn auch alles mögliche getan, um die Pest zu lokalisieren. Auf der Station Mandschurija sind große Abteilungen von Acrzten konzentriert, und Baracken und Isolationspunkte sind in Menge angelegt worden. Tie chinesischen Dörfer, in denen sich die Pest festgesetzt hat, sind von Truppen umzingelt. Ferner ist die Transbaikalbahn durch eine Reihe von Maßnahmen, die schon günstige Resultate gezeitigt haben, vor Einschleppung der Pest geschützt. Auf den mandschurischen Stationen tft die Aufnahme chinesischer Passagiere verboten und die Annahme von Murmeltierfellen zum Transport (die die Hauptträger der Epidemie sind) ist vollständig eingestellt worden. Außerdem werden auf der Transbaikalbahn Passagiere erst nach fünftägiger Beobachtung zur Beförderung zugelassen. Trotzdem dringt die todbringende Seuche immer weiter nach Westen vor, und die Gefahr vergrößert sich mit jedem Tage. * -or-
Petersburg. 16. Dez. (Telegramm.) In Baku ist ein Pestfall mit tödlichem Ausgange vorgekommen, ebenso in Bakum. Im Gouvernement Astrachan gewinnt die Pest unter der Nomadenbevölkerung an Ausdehnung.. Am Mittwoch sind neun Personen erkrankt und sechs gestorben. Die Bevölkerung ist von panikartigem Schrecken erfüllt. Ganze Dörfer sind von ihren Bewohnern verlassen.
iS Das verhängnisvolle Alibi. Wie uns aus Berlin gemeldet wird, wurden dort gestern nachmittag zwei junge Kaufleute v e r - hastet, die in den Verdacht geraten waren, den neuesten Frauenmord (an der Rentierin Hoffmann) begangen zu haben. Durch ein Geständnis, womit sie den Alibibeweis führten, kam heraus, daß der eine von ihnen am Tage vorher einen Geldbries mit 3000 Mark, den er zur Post tragen sollte, unterschlagen und den Betrag mit seinem Freunde geteilt hatte.
rs Der Untergang der „Palermo". Aus Hamburg wird uns berichtet: Gestern vormittag 11 Uhr senkte sich auf dem Gebäude der S l o m a n l i n i e die Flagge halbstock». Es war die Meldung eingelausen, daß der Dampfer „Palermo" total verloren gegangen ist. Der Dampfer ist mit Mann und Maus untergegangen und die aus 18 Personen bestehende Besatzung und fünf Passagiere, unter denen sich fünf Verwandte des Seniorchefs der Slomanlinie, Edye, befanden, sind ertrunken.
1" Explosion auf einem Kriegsschiff. Meldungen'aus Paris zufolge betrat gestern abend der Matrose Evans von dem gegenwärtig im Hasen von Cherbourg liegenden amerikanischen Linienschiff „North Dakota" die Kohlenbunker mit einem brennenden Wachsstreichholze, das er, als es niedergebrannt war, fallen ließ. Es fiel in den an-
gehäusten Kohlenstaub, der sich unter starker Explosion entzündete. Evans wurde fürchterlich verbrannt: er starb wenige Augenblicke später an Bord.
rs Revolverszene auf dem Bahnhof. Meldungen aus Lodz zufolge entstand auf dem dortigen Bahnhof, als fünf langgesuchte Banditen verhaftet werden sollten, eine Schießerei, bei der ein Offizier und ein Polizci- beamter erschossen und ein Maschinist, ein Gendarm und ein Kaufmann schwer verwundet wurden. Die Banditen entkamen in der Verwirrung.
iS Die verurteilte Profcssorentochter. Aus Petersburg meldet uns ein Telegramm: Die Tochter des bekannten hiesigen Universitätsprofessors Thal wurde auf Befehl des Stadtbauvtmanns, General Drai- schewskh, zu drei Monaten Arrest verurteilt wegen tätlicher Beleidigung von Polizeibeamten bei einer Versammlung von 2000 Personen in der Aula der Universität, die als Protest gegen die Selbstmorde politischer Zwangssträflinge cinberufen worden war.
iS Revolution im Armenhaus. Aus London wird gemeldet: Im Belmont- Armenhaus zu Sutton ereignete sich ein ernster Krawall. Die Weigerung der Armenhäusler. ihr Abendbrot zu essen, gab zu dem Auirubr Veranlassuna. Der Vorstand des Armenhauses und seine Beamten wurden mit Tellern. Mellern und Gabeln beworfen. Die Aufrühre .schlossen sich dann in dem Sveisesaal ein und sanaen und brüllten. 40 Konstabler wurden herbeigerufen und als diese in den Sveisesaal cindrangen, kam es »u einem erbitterten Handgemenge. Schließlich gelang cs der Boli-ei. des Aufstandes Herr zu werden. 80 gefesselte Gefangene wurden in Kraftwagen nach dem Polizeigefängnis überführt.
Jas Neueste aus Wei
Dis Verlobung im . . . Wartsfaal.
Ein recht unangenehmes Abenteuer hat eine hübsche junge Polin dieser Tage in Cassel erlebt. Sie traf abends auf dem hiesigen Bahnhof ein und nahm, um sich ein wenig von den Reisestrapazen zu erholen, im W a r t e s a a l des Oberstadt-Bahnhofes Platz. Sie wollte bald nach einem benachbarten Städtchen Weiterreisen, wo sie eine Stellung bei einer Beamtenfamilie angenommen hatte.
Doch nun nahte sich ihr das Malheur im Wartesaal, wo sie unvorsichtigerweise ihre Reize kokett strahlen ließ. Diese zogen einen Jüngling an, der um jeden Preis die Bekanntschaft der glutäugigen Schönen machen wollte. Und bald hatte er mit ihr „angebandelt". Die Polin radebrechte ein wenig Deutsch, und so kam auch eine „zärtliche" Konversation in Gang. Im Laufe der Unterhaltung, die immer animierter wurde, ließ nun der junge Mann durchbttcken, daß er Sehnsucht nach eiitem Weibchen, nach einem eigenen Heim habe. Er mimte den Heirats- kandidaten. Mit Bravour! Der Don Juan spiegelte dem Mädchen goldene Berge vor, und die Polin sträubte sich denn auch nicht sonderlich gegen so inbrünstige Heiratsabsichten. Kurz und gut: Eine Verlobung „aus Knall und Fall" ereignete sich im Warteiaal, in dem das Pärchen die Nacht über traulich beisammen saß. Am Morgen verließ es dann in gehobener Stimmung den Bahnhof, um irgendwo in der Stadt die Verlobungsstimmung durch ein Täßchen Kaffee zu steigere Nun ereignete sich jedoch jenes Malheur, da- die überglückliche Braut aus Polen so iah aus allen Himmelswonnen stürzen sollte: Während man den Mokka schlürfte, legte sie ihre wohlgespickte Geldbörse in einem Augenblick der Zerstreuung auf einen Stuhl. Auf diesen Moment hatte der „Bräutigam" offenbar nur gewartet: Er rückte unruhig hin und her, fituf heimlich nach dem Geldtäschchen und ... entfernte sich rasch, unter irgend einem Vorwand, mit der „Mitgift" der Verlobten.
Er werde sofort wiederkommen" usw. Aber die „Braut" wartete und wartete: Ihr Lieb-
Seine geschiedene Fra«.
Novelette von Adolf Stark-Marienbad.
„Auf Revanche morgen abend!" sagte Norden, während er den Keinen Rest der Barschaft einstrich, der vor ihm lag. Seine beiden Mit,vieler hatten ihn tüchtig gerupft.
„Revanche mit Vergnügen," gab Dokwr Kahler zur Antwort. „An jedem Tage des Jahres, nur nicht morgen."
„Warum nicht? Bist du am Kommen verhindert?"
Kahler lachte. „Das machst du sehr gut! Als ob du nicht wüßtest, was morgen ist."
„Morgen, morgen? Nein, wahrhaftig, ich habe keine Ahnung." „
„So sei dir denn kund und zu wissen," begann der andere mit komischer Würde, „daß wir morgen den 24. Dezember schreiben, an welchem Abende ..."
Norden fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „Nein, so etwas. Morgen ist ja Weihnachtsabend! Wahrhaftig, ich habe cs nicht gewußt. Wer, wie ich, bei Tage in der Vergangenheit lebt und am Abend nur einen Weg kennt, zum Klub, für den gibt es weder Sonn- noch Feiertage, weder Weihnachten noch Ostern, höchstens daß ich in meiner Studierstube, wenn ich zufällig zum Fenster hinausschaue, so nebenbei an dem grünen Laub oder dem Schneegewand der Bäume bemerke, welche Jahreszeit wir haben. Aber das ge-
Kahler schüttelte das Haupt. „Weil wir gerade davon sprechen, lieber Norden, so bitte ich, mir ein Wort der Freundschaft nicht übel zu nehmen. Das ist. kein Leben, das du führst. Die Arbeit in Ehren, ich bin auch kein Müßig- gLnger, aber man muß doch ..."
Norden machte eine abwehrende Bewegung. „DaL iß etwas ganz anderes: du bist ein
Freilich, er mußte einen Tag opfern: das hatte er seit fünf Jahren nicht getan, feit jenem Tage, da sie beide zur Scheidungstagfabrt gegangen waren. Aber mit einer Leichtigkeit, über die er sich felbst wunderte, fetzte er sich über dies Bedenken hinweg, und am nächsten Vormittag faß er im Eisenbahnkoupee, das ihn quer durch ganz Deutschland nach München brachte, wo Klara lebte.
Erst als er aus dem Wagen stieg, siel ihm ein, daß er ja ihre Wohnung gar nicht kannte. Er ließ sich im Hotel das Adreßbuch geben und suchte unter N. Zweimal durchflog er tue Reihen, ohne den Namen Klara Norden zu finden. Ein Gedanke machte ihn erblassen: Wie, wenn sie wieder geheiratet hätte? Aber nein, das hätte sie ihm angezeigt. Sie lebte gewiß unter ihrem Mädchennamen. Und er atmete auf, als das Adreßbuch die Richtigkeit bestätigte.
Nicht eine Sekunde dackte er daran, daß sie vielleicht nicht zu Hause sein könne an diesem Abend, wo doch jeder einen trauten Kreis sucht. Sein Herz klovste gewaltig, als er an die Türe pochte, an der eine Visitenkarte mit ihrem Namen besestigt war.
Kein Herein ertönte, obgleich er sein Pochen noch zweimal wiederholte; da öffnete er die Tür und trat leise ein. Klara war wirklich da. Ganz allein war sie und ein winziges Bäumchen mit zwei Lichtern, die aber noch nicht angezündet waren, zeigte, daß sie gesonnen war, das Fest einsam in ihren vier Wänden zu begehen. . t
Sie hörte ihn nicht. Mit dem Rucken gegen die Tür gewendet, saß sie vor einer Staffelei, und das Bild, dos sie betrachtete, mochte wohl traurige Empfindungen in ihr auslösen, denn sie führte gerade das Tuch an die Augen. Norden wurde cs ganz beklommer zumute. Er räufpertc sich, um seine Anwesen» heft zu verraten.
Mann der Praxis, ich bin ein Stubengelehrter. Seit 15 Jahren arbeite ich an meinem großen historischen Werk. Und eben so lange werde ich noch zu arbeiten haben. Sterbe ich früher, so hinterlasse ich ein elendes Werk, das kaum der Rede wert ist. Bei uns Historikern heißt es: Entweder gar nichts, oder etwas Ganzes."
Kahler zuckte mit den Achseln. „Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen. Auf jeden Fall wirft du morgen hier allein sitzen. Das ist nicht gerade angenehm. Wir andern sind alle im Familienkreis oder wenigstens bei guten Freunden eingeladen."
Norden zuckte mit den Achfeln. „Ich bin nicht sentimental und werde den morgigen Abend wohl hinbringen, wie ich den gleichen Abend in andern Jahren hingebracht habe. Da wird auch noch am Abend gearbeitet. So feiere ich meine Feste, und ich glaube, das ist nicht die schlechteste Art."
„Doch!" Kahler setzte bett Hut auf und griff nach dem Stocke. „Es gibt nur eine richtige Art, das Weihnachtsfest zu feiern, und die besteht darin, andern eine Freude zu bereiten."
„Die Worte gingen Norden nicht aus dem Kopse. „Andern eine Freude bereiten." Kahler hatte recht. Er war eigentlich bei seiner Arbeit verdammt selbstsüchtig, um nicht zu sagen hartherzig, geworden. Denn wenn er auch reichlich und gerne den Armen gab, was bedeutete das bei seinem Reichtum. Nicht das Geben, das Wohltun hatte Kahler gemeint, sondern das Beschenken, welches beglückt und glücklich macht.
Beschenken? Gut, aber wen? Den alten Professor Kurzius? Oder den Bibliothekar, oder . . .? Doch er verwarf die Ideen sofort. Das war nicht das richtige, Und trohbem er den Gedanken von sich wies, stieg doch immer wieder der eine Name in ihm aus: „Klara." Sie war doch die einzige unter bett Lebenden,
die ihm nahe gestanden hatte, wenn auch nur rein äußerlich, sie, seine geschiedene Frau.
Und in der Stille der Nacht überdachte er noch einmal das Abenteuer, das einzige seines Lebens, in welches ihn damals Kahler, der flotte Bruder Studio, hineingehetzt hatte. Ein toller Streich, wie aus einer Operette entlehnt. Eigentlich war es eine Art Betrug, verübt an der guten alten Tante Rehbein, die gewiß etwas ganz anderes im Auge gehabt hatte, als sie ihrem Universalerben bei Strafe der Enterbung befahl, binnen Jahresfrist zu heiraten. Sie hatte ihn so geliebt, die alte Tante, und mütterlich für ihn gesorgt und wollte, daß ein anderes weibliches Wesen an ihrer Stelle diese Pflicht übernehme.
Er erinnerte sich des Abends, da Kahler hereingestürzt war und ihm zugerufen hatte: Heureka, die Quadratur des Zirkels i;t gefunden. Ich weiß dar Mittel, wie du zu deiner Erbschaft kommst, ohne dir eine Frau auf den Hals zu laden, und ein gutes Werk tust du nebenbei auch noch."
Dann kam die Zufammenkunft mit Klara. Anfangs waren sie beide etwas beklommen, aber Norden half geschickt über die peinliche Situation hinweg, und dann sanden sie rasch den Gesprächsstoff. Hatten sie doch beide das gleiche Ziel, eine Lebensaufgabe, welche ihre ganzen Kräfte beanspruchte: Er sein großes historisches Werk und sie ihre aeliebte Kunst. Aber zum Studium gehört Geld, itnb Klara war arm. Hatte Kahler nicht recht, daß diese Scheinbeirat ein gutes Werk war? Kaum zwei- bis dreimal batte er sie nachher gesehen, und nach der Scheidung, die programmgemäß ein Jabr später ftatisand, überhaupt nicht mehr. Aber gedacht hatte er öfters an sie, öfters sogar, als er sich zugestehen wollte. Und immer fester setzte sich der Gedanke in ihm fest, morgen, am Weihnachtsabend seine geschiebene Frau aufzusuchen.