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Nr. 1L L Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Freitag, 16. Dezember 1910.

einem zweiten Prozeß verlangt die Prinzessin Luise Ausfolgung der der Baronin Vaughan vom König vermachten Summen, des Schlos­ses Balincort und zweier Villen in Ostende. Den dritten Prozeß führt die Prinzessin Luise gegen den belgischen Staat selbst, von dem sie , Herausgabe des auf sie entfallenden Teiles bet« ienigen Stiftungen verlangt, die aus den oben erwähnten Gründen nicht realisiert worden sind. Die vierte Klage geht von der Prinzessin Stephanie aus, und richtet sich gegen die bel­gische Regierung, denselben Gegenstand be­treffend.

Es läßt sich heute natürlich noch nicht sagen, ob und inwieweit die gerichtlichen Schritte der Prinzessinnen von Erfolg begleitet sein werden. Immerhin hat der belgische Staat ein nicht geringes Jntereffe daran, daß diese Dinge, die dabei zur Sprache kommen müssen, nicht allzu breit der Oeffentlichkeit zu­gängig gemacht werden. Daß König Leopold sowohl bei seinen Transaktionen im Kongo­staat wie bei der Auseinandersetzung zwischen dem Kongostaat und Belgien, endlich auch bei der Festsetzung seines Testamentes mit einer Eigenmächtigkeit vorgcgangen ist, die mit den belgischen Gesetzen sowohl als auch mit den Gepflogenheiten der bürgerlichen Moral nicht immer im Einklang stand, ist bekannt. Aber auch die belgische Regierung, das heißt: Das Kabinett Schollaert und mit chm der frühere Justizminister und jetzige Kolonialminister Nenkin würden bei einer öffentlichen Behandlung der Erbschaftsfrage aufs ärgste kompromittiert werden, denn das auch heute noch am Ruder befindliche Kabinett war es, unter dessen Augen sich die Manipulationen des Königs vollzooeu. Ist aber erst einmal der Stein ins Rollen gekom­men, dann haben zuviel Elemente in Belgien ein Jntereffe daran, dem Prozeß eine Gestalt zu geben, die nicht nur das Ansehen des bel­gischen Staates, sondern auch das Prestige der Regierung und die Regierungspartei aufs höchste zu kompromittieren geeignet wäre. Man wird es deshalb voraussichtlich soweit nicht komme»! lassen, sondern einen A u s a l e i ch suchen, der die Ansprüche wenigstens teilweise befriedigt. -np-

Re Parlamente.

Die letzte Sitzung im alten Fahr.

(Don unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Schon um, die Mittagsstunde war man gestern im R e ich s t a g zusamrnengetreten und Ferienstimmung schien zu Beginn'der Sitzung über dem Ganzen zu lagern. Von den Stür­men, die am Dienstag das Haus durch- brausteir, war gestern nichts mehr wahrzu­nehmen, höchstens, daß die dichtgcfüllten Tri­bünen darauf hmdeutetcn, daß man auch für den letzten Tag im alten Jahre Skandalszenen erwartete. Hieß es doch, daß Herr Kreth von den Konservativen sprechen würde, ein Mann von demselben Tempera­ment wie Herr von Oldenburg, der schon mehr wie einmal scharf mit den Sonaldemo- kraten znsammengeratcn ist. Statt dessen sprach der Nationalliberale Heinze, der sich in der Hauptsache gegen das Zentrum wandte und im weiteren Verlauf seiner Rede betonte, daß seine Partei von Ausnahmegesetzen nichts wissen wolle. Dann kam der Reichsparteiler Fürst Hatzfeld, nicht nur vornehm von Geburt, sondern vornehm auch von Gesin­nung, der zu Begin»' seiner Rede trotz seines gegnerischen Standpunktes seiner Hochachtung vor der liberalenWeltanschauungAusdruck gab. Lebhafter wurde es erst, als Herr Raab von der Wirtschaftlichen Vereinigung zur Tribüne stieg und aus dem Saale heraus das ver­hängnisvolle WortTriole" in die Debatte hineingeworfcn wurde. Herr Raab ergrimmte, nud eine erregte Kontroverse mit dein Prä­sidenten war die Folge. Auch später noch, bei den Reden der Herren Gröber und Müller-Meiningen gab's dramatisch bewegte Momente, und so kam die Menge, die bisher auf den Tribünen ausharrte, doch noch aus ihre Kosten. Die Debatte zog sich bis in die späten Nachtstunden hin, und als der Etat endlich auf die Schultern der Budgetkom­mission geladen werden konnte, herrschte

drunten am Königsplatz schon nächt­liche Ruhe. Am zehnten Januartag im neuen Jahre wird man sich im Hause Wallots Wiedersehen ., .

Am Vorabend der Ferien.

Reichstagsfitzung vom 14. Dezember.

Die gestrige Reichstagsstung zeigte aber- uials ein vollbesetes Haus und auch die Re« gierungöbank war gut besucht: Man sah außer Herrn Delbrück die Herren Wermuth, von Hee» ringen, von Lindequist und von Tirpitz.

Die erste Lesung deS Etats wird (am fünften Tage) fortgesetzt.

Abg. Heinze (nl.): Die Rede deS Zen- trumsabgeordneterr E r z b e r g e r, in der er uns als die Hinterwäldler hinstellt, war be­sonders dadurch interessant, daß sie so leb­haften Beifall auf der Rechten fand. (Sehr richtig links.) Was sagt aber die Rechte dazu, daß Abg. Erzbcrger über die K o rn i» a n d o - gewalt des Kaisers sprach- ? (Sehr richtig.) Unsere Stellung zur Finanzreform ist bekannt. Das Zentrum hat durch seine Hal­tung zur Finanzreform nur den Kanzler st ü r z e n und den Block sprengen wollen. (Große Unruhe im Zentrum.) Ich lege Ihnen nichts unter, was Sie nicht selbst ausgesprochen haben. Die gesunde Libera­lisierung Deutschlands läßt sich nicht aushalten, aber durch Ihre (nach rechts und zum Zentrum) Verschärfung der indirekten Steuern, ohne den Millionenbesitz genügend zu besteuern, wird die Radikalisierung herbei­geführt.

Abg. Fürst Hatzfeld (Rp.): Wir blicken auf die Finanzrcforin mit Befriedi­gung zurück. Wir haben die Sache über die Partei gestellt, unbekümmert um etwaige

Konsequenzen bei den nächsten Wahlen. Allerdings hätten wir manches anders ge­wünscht. Ein großer Fehler war der Aus­schluß der Liberalen. Trotz allem was uns trennt, erkennen wir die Berech­tigung der liberalen Weltanschau- u n g an. (Hört, hört, im Zentrum) Daß Dornburg eine neu* Aera für unsere Kolo­nien geschaffen hat, zeigt der Kolonialetat. Wir wünschen auch seinem Nachfolger ähnliche Erfolge.

Abg. Naab (Wirtsch. Vgg.w Die Nationalliberalen techtolrnechteln immer mehr mit den Sozialdemokraten, sie kommen mir vor, wie ein Pferd, dem ein Bündel Heu und ein Bündel Hafer vorgchalten wird und das nicht weiß, wonach es schnappen soll.

Vizepräsident Schultz: Der Vergleich der nationalliberalen Partei mit einem Tier verstößt gegen die Ordnung des Hauses. Ich bitte, sich zu mäßigen. (Heiterkeit.)

Äbg. Raab: Eugen Richter hätte sich der Mehrheit gefügt als echter bescheidener Demo­krat. Mehr als die ritterliche Deckung seines Vorgängers kann ich in den Worten deS Herrn von Lindequist nicht sehen. Mit Leuten aus liberalen Kreise»» sollte man

jedes Geschäft nur Zug um Zug und vor Zeugen abschließen. Das hat man bei der Blockpoütik gesehen. Liberale und Sozialdeinokraten kann man wohl als vaterlandslose Meister und Ge­sellen bezeichnen.

Präsident Gras Schwerin-Löwitz: Sie haben doch hoffentlich kein Mitglied des Hauses gemeint?

Abg. Raab (in entrüstetem 'Tone): Nein. (Große, allseitige Heiterkeit.) Die Dummheit wird bleiben. (Stürmische Zurufe der Soz.) Ja, gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. (Heiterkeit.) Als der Redner sich »veiter gegen die Sozialdemokratie wendet, ruft ein sozialdemokratischer Abge­ordneter' Triole! Abg. Raab: Dieser Zwischenruf ist einfach hundsgemein!

Der Präsident ruft den Äbg. Raab zur Ordnung.

Abg. Raab: Die Sozialdemokraten sa­gen. es könne noch bei uns kommen wie in Por­tugal. Nun unsere deutschen Fürsten werden sich anders benehmen als der König von Por­tugal.

Inzwischen ist ein S ch l u ß a n t r a g ein» gegangen. Hierüber entspinnt sich eine kurze Geschästsordnungsdebatte, in der die Abgeord­

neten Dr. Müller- Meiningen und der Abg. Dr. E v e r l i n g (nl.) lebhaft gegen den Schluß der Debatte protestieren. Der Abg. Singer erklärt diesen Antrag als

eine Vergewaltigung der Minorität.

Aus Antrag des Abg. Dr. W i e m e t (Fortschr. Vp.) wird über den Schlußantrag namentlich abgestimmt. Die Abstimmung ergibt die Ad­le h u u n g des Antigges mit 113 gegen 112 Stimmen. (Große Bewegung.)

Abg. Speck (Ztr.) beantragt, die Sitzung zu vertagen. (Unruhe und Gelächter links.) Der Antrag wird ab gelehnt. Das Wort erhält hierauf der

Abg. Böhme b. k. Fr.) Redner kann sich lange wegen der herrschenden 'Unruhe im Hause nicht verständlich machen. Man hört nur bruch­stückweise, daß et sich gegen die von der rechten Seite über die Wahl in Labiau-Wehlau verbreiteten Unwahrheiten wenden wolle. Von behördlicher Seite feien dort ungesetzliche Uebergriffe jeder Art erfolgt, genau wie in Oletzka-Lhck. Aus der andauernden Un­ruhe auf der Rechten ruft Abgeordneter Dt. Pauli-Potsdam: Verlogenheit (Die Soz. ver­langen stürmisch einen Ordnungsruf.)

Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Der Ausdruck Verlogenheit ist unzulässig. Ich nehmen an, daß Sie ihn nicht auf den Redner bezogen haben, sondern auf Vorgänge draußen.

Abg. Böhme: Beeinflussungen sind nur von konservativer Seite erfolgt. Ich war selbst dabei, wie ein Amtsvorsteher nach einer Ver­sammlung zu

zwei Faß konservativen BkereS einlud. Wir daicken dem Reichskanzler dafür, daß er die bisherige Schutzzollpolitik weiterfüh­ren will. Der Redner polemisiert schließlich noch gegen den Bund der Landwirte.

Abg. M ü l l e r - M e i n i ng e n (Fortschr. Vvt.): Zwischen uns und den Sozialdemokra­ten klafft eine Weltanschauung. (Lachen im Zentrum.) Ob, über diese Pharisäer und Schriftgelehrien! (Große Heiterkeit!) Dem Reichskanzler kann ich nur sagen, wir sind längst in der rückschrittlichen Bewe­gung drin. (Sehr richtig! links.) Der Reichs­kanzler wiederholte hier im Hanse seinen Sarnmlungsruf. Auch »vir müssen Samm- lungspolitik treiben, den Kampf um das gleiche Recht, die Sammlung aller liberalen und de­mokratischen Elemente. Sc»rum ans die Schan­zen. Es lebe der frische, fröhliche Kampf un­ter der Fabnc des Fortschritts. (Stürmischer Beifall links, Zischen int Zentrum.)

Abg Groeber (Ztr.): Die Rede des Dr. Müller-Meiningen bezeugt den schweren 9tet- fier seiner Pattei über den Verlauf d - Finanz­reform. (Lebhafte Zustimmung t Ztr. und Rechts.)

Der Freisinn versagt, wenn es neue Steuern gibt. Der Aba. Groeber gebraucht gegen den Äbg. Müller-Meiningen den Ausdruck Verleumdung, der Präsident rügt das. Groeber weigert »sich aber, den Ausdruck zuruckzunehmen und erhält nunmehr einen Ord­nungsruf.

Abg. Groeber: Das ist eine Unter» str eichung meines »Satzes. (Große Unruhe linkst

Vizepräsident Schultz: Das geht nicht, daß Sie in dieser Weise eine Beleidigung noch einmal wiederholen, nachdem sie soeben ge­rügt worden ist.

Abg. G r o e b et wendet sich dann gegen, den Abg. Schrader, und spricht über den Mo- bemifteneib. Der Eib bezieht sich nicht auf die staatliche Gewissensfreiheit, eS ist ein Amts- und Diensteid der katholischen Geistlichen. Schrader bat. nun gestern erklärt, man müsse die Frage aufwerfen, ob ein Katholik, der einen solchen Eid geleistet habe, überhaupt zu einem Staatsamt zugelassen werden könne. Das ist rin'Vorstoß gegen die Gleichberechtigung. die Grundlage des konfessionellen Friedens. Fott mit dem Kulttirkamps und solchen Kulturkämp- fern. (Beifall im Ztr.)

Abg. Dr. Frank (Soz.): Der ganze theo­logische Streit beweist, wie notwendig die

Trennung der Kirche vom Staat ist. Hat der Reichstag nichts bessers zu tun? Der großen deutschen Arbeiterbewegung wollen Sie mit kleinlichen Ausnahmegesetzen beikom­men? Der Reichskanzler hoffte, eine Begrün­dung für seine Pläne durch den Moabiter Pro- zeß zu erhalten. Das war ihm unmöglich. Darum war seine gestrige Rede ein Rückzug. Alle Parteien sollen sich dagegen wenden, vor allem das Zentrum. Die jetzt anaeknndiaie Umsturzvorlage ist, wie die Zuchthausvorlage, wohl auf den Wunsch des Monarchen zuttickzu-

führen. Den monarchischen Gedanken fördert das bei den Arbeitermassen sicher nicht, denn die Deuwkratifierung Deutschlands ist nicht mehr aufzuhalten.

Die Verhandlung spinnt sich bis in die späten Abendstunden fort, und der Etat wird schließlich an die Budgetkommission verwiesen, worauf sich der Reichstag bis zum 10. Januar vertagt. An diesem Tag« findet die ente Sit­zung im neuen Jahre statt.

Sie Politik des Tages.

s»Einstweilen keine Aussprache .. . Der Reichskanzler hat bekannüich am Montag in seiner Rede im Reichstag erklärt, daß in Zukunft alle polittfchen und wirtschaftlichen Ge­gensätze zwischen Deutschland und Eng­land auf dem Wege einer vertraue ns- vollen Aussprache ausgeglichen werden sollen. Die englische Presse nimmt diesen Vor­schlag beifällig auf und erwartet diese Aus­sprache bereits für die allernächste Zeit. Wie dem gegenüber unser Berliner Bureau von gut unterrichteter Seite erfährt, beabsichtigt man auf deutscher Seite vorläufig noch nicht, an England heranzutteten, da gegen­wärtig das Interesse Großbritanniens ganz auf die Wahlen mnd die Vetofrage gettchtet ist. So­bald sich aber die innerpolitische Situation ir England geklärt haben wird, darf mit der Ver­wirklichung der vom Kanzler gegebenen Andeu­tungen gerechnet werden.

cS3 Die kommenden Dreadnoughts. Aus London wird uns berichtet: Die technische ZeitschriftMotorboot" kündigt an, daß einer her im diesjährigen ober im nächstjährigen Programm vorgesehenen Dreadnoughts mit Motormaschiuen von 12000 Pferbekräften ausgerüstet werden solle, die bereits in England gebaut würden. Diese gäben eine Schne 1 lig- keitvoriLl Knoten und würden mit Roh­öl gespeist. Der höchste Punkt der Maschinen liege ziemlich tief unter der Wasserlinie, wo­durch diese tatsächlich unverletzbar wür­den. Der ersparte Maschinenraum sei zur Auf­nahme von Extrabrennmaterial eingerichtet, das das Schiff instand setze, zweimal »o lange auf hoher See zu bleiben, als ein mit Dampf ge­triebenes Schlachtschiff.

c§P Russische Polizei-Geschichten. Wie aus Petersburg berichtet wird, wurde in der gestrigen Sitzung der Reichsduma einstimmig eine Interpellation an den Minister des In­nern angenommen betreffend die gesetzwidrige Handlung eines Agenten der Geheimpoli­zei, der in Jekaterinoslow in eine Arbeiter- Wohnung während der Abwesenheit des Be­wohners Sprengstoffe gebracht hatte, was die Verurteilung zweier Arbeiter zu Zwangs­arbeit nach sich zog. Sodann nahm die Duma eine Uebergangsformel on, in ber r Quota­tionen von Regierungsagenten in jeder Form verurteilt werden.

tS3 Zehn Millionen für den Frieden! Mel- düngen aus Washington zufolge hat der Mul- ttmillionär Andreiv Carnegie gestern einem Ausschuß von Vertrauensleuten 10 Millio­nen Dollar 5 prozentiger Mottgagne- Bonds überwiesen, deren Zinsen bekanntlich da­zu bestimmt fein sollen, die Abschaffung derKriegezu beschleunigen. Der Ausschuß wählte Reeg zu seinem Vorsitzenden. Präsi­dent Taft hat eingewilligt, die Würde des Ehrenvorsitzenden zu übernehmen.

Politische Chronik.

In der Preffe wird das Gerücht verbreitet, daß der Gouverneur von Samoa, Dr. Solf, als Nachfolger des Gouverneurs von Deutsch­ostafrika, Frhr. von Rechenberg, in Aussicht ge­nommen worden sei. Wie uns demgegenüber von zuverlässiger Sette Bertdjtet wird, handelt es sich bei die» er Meldung lediglich um müßige Kombinationen, da an amtlicher Stelle von einem bevorstehendLn Gvuverneurwechsel nichts bekannt ist.

*

Die Reichstafiskomrnission für die R e i ch s. Wertzuwachs st euer hat gestern ihre Be­ratungen beendet imb den Regierungsentwurf mit 15 gegen 1 Stimme bei 7 Stimmenthal­tungen angenommen.

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Petersburger Meldungen zufolge ist als Nachfolger des zurückttetenden österreichischen Botschafters in Petersburg, Grafen Berchtold,

Hochzeit...

Skizze tum Kurt GrStzinger.

Es war ein sehr interessantes Schauspiel. Einige waren gerührt, andere neidisch, alle aber waren neugierig. Und als das Braut­paar aus dem Hochzeitswagen gestiegen, über den Läufer hinwegbegangen und hinter den hohen Flügeltüren in dem vornehmen Restau­rant verschwunden war, wollten die Erörterun- gen kein Ende nehmen. Daß sie Seide getragen hatte, war selbstverständlich; nur über die Spitzen konnten sie nicht einig werden. Die Echtheit der Bttllanten versuchte eine der Zu­schauerinnen anzuzweifeln. Da aber kam sie schön an. Wenn sie eine Ahnung hätte, wie reich der Bräuttgmn fei, der ließe »ich nicht lum­pen! Und alle konnten es noch gar nicht fas­sen, was für eine brillante Partie das Mä­del gemacht habe.

Im großen Saale war es blendend hell: die zahlreichen Kronen verbreiteten eine enor­me Hitze. Der Kaviar, der das Galadiner ein­leitete, mundete vortteftlich, der feurige Süd- Wein fing bereits an, die zatten Gemüter zu errege und die Kapelle ließ die anmuHge Me­lodie eines Walzers ertönen.

Die Gesellschaft bestand in erster Linie aus reichen Kaufleuten und Bankiers, den Ver­wandten und Geschäftsfteunden des glücklichen Bräutigams, der selbst Inhaber der schon vom Pater her bekannten großen Bankfirma war. Auch verschiedene Ofttziere waren unter den Gästen, sogar einige Herren der höheren Ari- stokratte. Graf von und zu Scherbenbrüller verachtete zwar innerlich den unmilitättschen Bräutigam, aber er konnte sich der Einladung dock schlecht entziehen, da er Bei ihm kolossal verschuldet war und sich auch fernerhin die Gunst des Geldmannes nicht verscherzen wollte.

An dem einen Ende der D-förmigen Tafel saß das jungvermählte Paar. Sie war ein herrliches Geschöpf; ihr reiches, äußerst ge­schmackvoll frisiertes, dunkelbraunes Saar, ihr»

angenehm gewölbte Stirn, die leicht gebogene Nase, dann die tadellosen Zähne hinter den verführerischen Lippen, und vor allem ihre Augen, die in feurigem Glanze strahlenden dunklen Augen, machten sie zu einer Schönheit. Selbst jener feste Gesichtsausdruck, der an Ent­schlossenheit und Herrschsucht erinnerte, vielleicht auf Egoismus schließen ließ, konnte ihre Reize nicht beeinträchtigen; im Gegenteil, t-.-fe eigenartige Kälte in ihrem Antlitz, die mit einem halb verborgenen Temperament lebhaft kontrastterte, machte sie nur noch interessanter und charakterisierte ihr ganzes Wesen, in dem offenbar ein Widerspruch herrschte.

Hatten ihn ihre äußeren Reize gefesselt? War es jener kalte Hauch gewesen, der ihre Leidenschaft noch hervorhob? Jener leicht iro­nische Ton vielleicht, der ihn wohl von ihr fernhalten sollte und ihm ihren Besitz nur be­gehrlicher machte? Oder hatte ihre Melancho­lie, die sie in manchen stunden überkam, und darauf wieder ihr eigenfinniger, befehlshabe- rischer Ton seine Liebe entfacht? Er wußte es selbst nicht. Eins nur stand fest: Er batte ihr nicht nur seinen Namen gegeben und sie damit zur Teilhaberin seines Vermögens gemacht, sondern er war ihr Sklave. In allem fügte er sich ihrem Willen. Sogar sein angeborener Geiz verschwand vor ihr. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte die Hochzeit nicht so viel Geld kosten dürfen. Doch sie wünschte alles so großattig und prunkvoll, daß alle Welt stau­nen sollte. Und et willfahrte ihr ohne Wider­spruch.

Nun faß er neben ihr an der großen Tafel. Was feine Bekannten nicht für möglich gehalten hatten, war gefchehen: In ihm, dem Funzig- jährigen, war die Liebe erwacht, zum ersten Male im Leben die große, leidenschaftliche Liebe.

Die junge Braut versuchte, sich an dem Glanze, in dessen Mittelpunkt sie stand, zu be­rauschen. Jedoch ... in ihrem tiefsten Innern fühlte sie sich unbefriedigt: Sie war nicht glück-

Und der Helle Saal verschwand ihr vor einem anderen Bilde. Eine schwüle Sommer­nacht schien es zu sein, ein sternenklarer Him­mel. Sie saßen auf der Bank jener flciiten An­höhe, die ihnen beiden so gut bekannt war. Märchenhaft lagen die Aecker und Felder im silbernen Scheine; keine Baumkrone bewegte sich in dem einsamen Walde. Der Mond-spiegelte sich im See; einige Nachen glitten über die stille Fläche.

»Dein Spiel ist so schwermütig,' sagte Jte. Aus der Tiefe seiner Seele waren die Töne gedrungen. Er legte die Geige auf die Bank. Seine Brust war so voll; fein Herz tat ihm weh.

Wie wird es fein . . . morgen um diese Zeit? Und in einem Jahre . . .?"

.Sei lustig, Toni, fei fröhlich!" hatte sie da gesagt. Sie konnte sich noch fo genau aus die­sen Augenblick besinnen. .Du kehrst zurück, und werm es wieder Vollmond ist. bann sind wir wieder hier beisammen." .

.Ich war einst fo voll Hoffnungen, voll großer Zukunftspläne. Doch meine Wunfche er­füllten sich nicht. Da sah ich dich, und mein Herz fand die Sehnsucht wieder. Das Leben hatte neuen Reiz für mich ... ich weiß, es war ein Traum, und ich stehe kurz vor dem Er­wachen."

Sie liebte ihn, ja, sie liebte ihn, die Ju­gend. Und dennoch hatte er reckt. Als der an­dere. reiche Mann kam und erklätte, daß er ihr sein ganzes Vermögen zur Verfüguna stellen wollte, da war der Traum vorüber. Sie wi­derstand nicht. Und heute ward der Lebens­bund geschlossen . . .

Das große Diner war vorüber. Nur ein kleines Leckermäulchen konnte sich noch nicht von dem Himbeereis trennen. Eine alte Dame, die den ganzen Tag über nichts zu sich genom­men hatte, sei es vor Aufregung, sei es, um mit möglichst hungrigem Magen zum Festmahl zu erschettten. hatte den Speisen zuviel Ehre an­getan und spütte Verdauungsbeschwerden. Zwei Börsenmänner stritten sich über steigende und fallende Aktien; ihre Gattinnen ereiferten sich

über Diamanten. Ein junger Leutnant, von Schulden gegnält. wußte nicht, ob er es mit dem alten Geldverleiher Samulon halten sollte, oder mit dieser Brünette; sie war häßlich wie die Nackt, aber sterblich in ihn verliebt und hatte Geldtoie Heu". Ein treuer Anhänger des Bacchus hatte sich von der Gesellschaft zu­rückgezogen, um sich recht ungestört mit den Weingeistern unterhalten zu können. Junge Mädchen und junge Herren standen lustig vlau- derud zusammen und freuten sich auf den Tanz, der bald beginnen sollte.

Da . . . was war das? Welcke Töne dran­gen von außen her in den Saal?

.Oeffnen Sie ein Fenster", bat ein Mn- sikfteund. .Das ist ein herrlickes Spiel."

Die in ihre; Schönheit strahlende junge Braut war in jähem Erbleichen zusammenge­schauert. Wie zitternd, wie klagend drangen die Töne in ihr Herz! Nur einer vermochte so zu spielen. Und diese Melodie, von ihm, so ivunderbare Erinnerungen erweckend, längst verklungene, unterdrückte Empfindungen wie­der hervorzaubernd, so wch, so erbaben, so schwermütig . . . War sie denn wahnsinnig...? Dieses Lied kannte außer ihr nur einer!

Es klang so unsagbar schwermütig und traurig. Und wieder so hell und so laut, voll Schmerz und Verzweiflung. Und wieder leiser wurde das Spiel, finster und vorwurfsvoll . . . dock nein, sie glaubte cs herauszuhören: Sanft und verzeihend. Und die Töne verhallten, tote der letzte Hauch eines Sterbenden.

Ganz still mürbe cs im großen Festsaal. Die 9?örfc»vnänncr hatten das Gespräch über die Aktien eingestellt: bie Frauen hatten aufge­hört, über (u>verer Diamanten zu streiten, und der junge tP-uttumt war ernst geworden; et dachte nick an bie häßliche, reiche Brü­nette; nein o.. etiring ganz, ganz anderes.

Da fiel t... ccqufi. Alle fuhren zusammen. Und gleic: natauf ein zweiter Schuß. Dann war es sekundenlang still.

Die Braut erbebte. .Laßttmich hinaus!" brachte sie mühsam hervor. ,O, ich ersticke. Ich