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Gasskier Wurste Machrichten

Nr. 10.

Erster Jahrgang.

1. Beilage.

Donnerstag, 15. Dezember 1910.

Zer Liebe Set.

t) Von Horst Bodcmer.

i * (Nachdruck verboten.)

Run saß der alte Karl allem am Bette seines Prinzipals. So also siebt das Ende aus nach einem Leben voll Sorge und Arbeit, Enttäuschung und Erfolg, dachte der Diener. Er seufzte auf. Herr Reuter wurde unruhig und wandte den Kopf zur Seite. Karl legte,ihm einen neuen Eisbeutel auf die Stirn. Das sonst so gesund aussehende Gesicht mit dem grauen Schnurrbart war fahl, aicharau geworden.

Als der Arzt nach zwei Stunden wieder kam und den Puls des Patienten gefühlt, nickte er befriedigt mit dem Kopse.

.Die Sache macht sich, Karl, wir bringen Herrn Reuter durch, wenn nichts Unvorher- zusehcndes eintritt, ich denke in einer halben Stunde wird er wieder — wenigstens halb, — zur Besinnung kommen!"

.Herr Doktor!"

„Pscht, nicht so laut, ich bleibe hier!" Der Arzt nahm ein Buch vor und setzte sich ans Fenster. Von Zeit zu Zeit sah er nach seinem Patienten. Der fing an, unruhig zu werden, warf den Kopf herum, daß die Eis­blase alle Augenblicke von der Stirn rutschte und bewegte die linke Hand.

Befriedigt nickte der Arzt.

Und richtig, kaum war die halbe Stunde verflossen, da schlug Herr Reuter die Augen auf und sah die beiden erst verständnislos an: dann erwachte allmählich sein Gedächtnis, er wollte sprechen, aber nur ein paar gurgelnde Laute entrangen sich mit Mühe dem Munde.

Der Arzt legte seine Hand aus die Stirne des Kranken und sagte laut:

„Richt reden, Herr Reuter, Sie sind in guter Pflege, das wird schon wieder vcrüber- gehen!"

Ein schwaches Nicken war die Antwort.

Dann suhlte der Arzt wieder den Puls.

„Na, sehen Sie mal an, die Schwäche läßt nach, nun werde ich Ihnen recht vor­sichtig etwas Nahrung beibringen! — Haben Sie Hunger?"

Herr Reuter schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Aber Durst— nicht wahr?"

Ein leises, bejahendes Ricken.

„Hab' gleich was aus der Apotheke mit- gcbracht, konnte es mir schon denken! — Da — versuchen Sie zu schlucken, Herr Reuter!"

Aber das ging nicht so einfach. Der alte Diener legte noch ein Kiffen unter den Kopf seines Herrn; sobald der die Medizin genom­men, schlief er sofort wieder ein.

Aengstlich sah der Diener den Arzt an.

„Wollt ich ja, Karl — ist gut so — jetzt

schläft Herr Reuter mindestens vier Stunden; wird er vor der Zeit unruhig, so telephonie­ren Sie mich an!" —

Das war nicht nötig, der Arzt mußte so­gar eine ganze Stunde nach seiner Wieder­kunft warten, bis sein Patient erwachte.

Als der die beiden an seinem Bette stehen sah, wollte er dem Arzte seine rechte Hand reichen, aber es ging nicht, da gab er ihm mit Mühe die linke.

„Sehen Sie mal an, Herr Reuter, lieber, alter Freund, jetzt werden Sie wieder ganz mobil!"

Ein schmerzliches Lächeln war die Ant­wort.

„Erkennen Sie Ihren alten Karl?"

Herr Reuter wollte sprechen.

„Nicht reden, nur ein wenig nicken, ja, — erkennen Sie ihn?"

Da nickte der Patient.

„Na also, — nun wird's besser von Tag zu Tag, paffen Sie mal auf!"

Aber Herr Reuter schüttelte den Kopf.

„Oho, regen Sie sich nicht auf, das muß ich alter Praktikus beffer wissen!"

Wieder wollte Herr Reuter sprechen.

„Ruhe, — Ruhe, — wenn Sie etwas wol­len, schreiben Sie es auf meinen Rezeptblock, hier ist ein Bleistift!"

Schwerfällig malte der Kranke die Buch­staben.

„Ganz kurz, Herr Reuter, — ganz kurz, ich verstehe es schon!"

Der Kranke nickte, schrieb und gab dann dem Arzte den Block mit zitternder, rechter Hand. Er las: „Ich will mein Testament machen."

„Hat keine Eile, lieber, alter Freund, in vierzehn Tagen, spätestens vier Wochen, wer­den Sie wieder so nwbil fein, daß Sie dies dann in Ruhe besorgen können, jetzt würde irgendwelche Beschäftigung für Sie nicht zu­träglich sein!"

Herr Reuter machte eine ungeduldige Be­wegung.

„Ruhe, — so hören Sie doch, ich bin doch Ahr Freund, nicht nur Abr Arzt, und wenn ich Ihnen sage, die Sache hat Zeit, dann ver­hält es sich auch so!"

Aber der Kranke warf sich unwillig in den Kiffen herum. Ter Arzt ivandte sich dem Fenster zu, eine Falte des Unmutes zwischen den Augenbrauen, dann drehte er sich kurz wie­der um.

„Herr Reuter, hier trinken Sie und beruhi­gen Sie sich, mit Ahrem Testament hat es

6en, stände es schlimm um Sie, so würde ich selbst Ihnen raten: Machen Sie Ihr Te­stament!"

Dem Patienten fielen die Augen schon wieder zu, nur ein ganz schwaches Nicken deu­tete an, daß er die Worte des Arztes ver­standen hatte. Der gab Karl noch eine Menge Verhaltungsmaßregeln.

„Passiert nichts Besonderes, so telepho­nieren Sie nicht, etwas Unruhe kann schon eintreten. Morgen ftüh um sechs Uhr bin ich wieder hier! — Und, Karl, Sie sind nichi mehr der Jüngste, wollen Sie nicht eine Kran­kenschwester nehmen? Sie haben doch auch sonst im Hause zu tun!"

Der alte Diener lehnte entschieden ab.

„Meinem guten Hernr Reuter gehe ich nicht von der Seite, also wozu eine Kranken­schwester? Uebrigens würde ihn der Anblick einer solchen nur aufregen, ich kenne ihn doch! Vor allem lassen Sie ihn nicht in ein Kranken­haus bringen, vor dem hat er immer eine fürchterliche Abneigung gehabt!"

„So—o, — wollen's meinetwegen vorläu­fig fo lassen, später werden wir aber doch an eine Schwester denken müssen! — Na, wollen abwarten! — Adieu, Karl!"

„Adieu, Herr Doktor!"

IV.

Am nächsten Morgen kam Heinz im Jagd­anzug zum Frühstück. Vater war schon früh hinaus auf die Felder, Mutting beaufsich­tigte die Milchabnabme, so traf er nur Fräu­lein Herbart im Speisezimmer an. Die graugrüne Kleidung stand densi jungen Offi­zier famos.

„Guten Morgen, Schwesterchen!"

„Guten Morgen, — Heinz!"

Er schritt auf sie zu und gab ihr die Hand. Wie nett sie aussah in dem einfachen, hellen Morgenkleide.

„Schon gefrühstückt?"

»Ja, — schon vor zwei Stunden!"

„Donnerwetter, Schwesterchen, müssen Sie aber zeitig ans den Federn!"

„Bekommt mir aber sehr gut!"

Sie goß ihm Kaffee ein, er fah auf ihre schönen Hände, so weiß und wohlgepflegt. Ob er schnell einen Kuß auf sie drücken sollte? Nein, lieber nicht, sagte er sich, sie könnte böse werden.

„Trinken Sie noch mal mit mir!"

„Nein, — ich bin doch leine Kasfeeschwe- ster", erwiderte sie lachend.

„Das nickt — aber Gesellschaft leisten Sie mir ein wenig — nicht?"

„Wenn Sie nicht zu lange frühstücken — ich muß zum Gärtner!"

„Geh' ich mit, der Wind kommt von Nord­

wahrpaftig Zcrt. Habe ich Sie denn jemals angelogen?"

Ein Kopfs.hütteln to-r die Antwort.

„Na also! — Vertrauen müssen Sie ha-

ost, da liegen die Rebhühner drüben am Hange fest, paßt sehr gut!"

Sie wird verlegen und fragt schnell:

„Darf ich Ihnen ein paar Butterbrote zurecht machen?"

„Dürfen ist gut, betteln will ich darum, denn von Ihrer Hand gemacht, schmecken sie doch noch mal so gut!"

Da sieht sie den jungen Offizier fest an.

„Bitte, Heinz, keine Schmeicheleien, sie kommen mir nicht zu und ich kann sie auch nicht leiden!"

Da ist das Verlegenwerden an ihm.

„Verzeihung, wehe tun wollte ich Ihnen wahrlich nicht!"

„Das weiß ich — und deshalb bin ich offen!"

„Ich danke Ihnen, Fräulein Klara", er reicht ihr die Hand über den Tisch, „wenn wir gute Kameraden werden wollen, müssen Wir auch grade und ehrlich zueinander fein!"

„Ganz meine Ansicht!"

Heinz weiß eigentlich nicht recht warum, aber fein Schwesterchen ist ihm auf einmal doppelt lieb geworden.

„Die Wurst nicht schonen, die Straßburger schmeckt unser einem nicht!"

„Aber Ihre Mutter schickt doch alle vier­zehn Tage eine — Freßkiste!"

„Du lieber Gott," lachte er sie an, „ich hab' doch auch Kameraden, wenn die erfahren, daß eine gelandet ist, sagen sic sich gleich zum Abendessen an und futtern können die, — sut- tern, Sie machen sich gar keinen Begriff!"

„Doch, doch," meint Fräulein Herbart lachend, „ich sehe ja, wie es Ihnen schmeckt!"

„Die heimatlichen Fleischtöpfe sind doch immer die besten, — überhaupt die Heimat, die Heimat!"

Er ist aufgestanden und reckt sich.

„So bei Vater und uns' Mutting in Wernsdorf, für mich ist's das Paradies auf Erden!"

„Sie wissen gar nicht, wie gut Sie's haben, Heinz!"

„Ach, — das nicht wissen? — O, da irren Sie aber ganz gewaltig!"

Traurig schüttelt sie den Kopf.

„Nein, Sie wissews nicht, denn Sie sind niemals im Leben berumgestoßen worden, stets haben Sie feiten Boden unter den Füßen gehabt, — das Elternhaus!"

(Fortsetzung folgt.)

Die „Casseler Neueste Nachrichten" sind unter Nr. 951 und 952 an das Fernsprech­netz angeschlossen.

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