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Nr. 10. — L Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichte»

DomrcrStag, 15. Dezember 1910.

»unerhörten* Verhaltens wegen seines Urteils über die Moabiter Krawalle auf sich schleudern. Gewitterschwüle. Vornübergebeugt wirft der Kanzler Notizen aufs Papier. Dann ein schneller Entschluß: Unterstaatsselretär Wahn­schaffe eilt zum Präsidium, um die Wort­meldung des Kanzlers abzugeben. Schluß­urteil Dr. Davids: Moabit ist „ein gefundenes Fressen für den schwarzblauen Block*, und der Kanzler kommt spornstteichs dahergejagt, um sich an der Ausschlachtung zu beteiligen; die Sozialdemokratte aber schüttelt die Moabiter Aufrührer energisch von ihren Rockschößen ab, die Sozialdemokratie, deren Endziele Dr. David im milden Licht einer Apotheose aus- leuchten ließ, offenbar, um das schroffe republi­kanische Bekenntnis seines radikalen Frakttons- freuudes Ledebour abzuschwächen.

„Das Wort hat der Herr Reichskanz­ler !* Wie Wetterschlag fahren dessen messer­scharfe Sätze zur roten Ecke hin: „Ob die in Moabit Angeklagten verurteilt oder frei­gesprochen werden: Ueber die moralische Mitschuld der Sozialdemokratie urteilt nicht das Kriminalgericht, sondern die Oeffent- lichkeit. Und sie hat bereits dahin entschieden, daß die moralische Mitschuld der Sozialdemo­kratie seststeht * Ein Wirbel st urm schrillen Lärms ist die Antwort auf diese Erklärung; die Präsidentenglocke kann nickt durchdringen, weil aus dem bürgerlichen Lager energische Bravorufe brausen. Schwei­gend, blaß steht der Kanzler in dem Orkan. Endlich vermag Vizepräsident Schultz soweit Herr der Situation zu werden, daß er den Sozialdemokraten Kuriert, Zubeil. Ledebour für die Zwffckenrnfe: „Frechheit!* „Er bat ge­logen!* „Schamlosigkeit!* einen Ordnungs­ruf erteilt. Gemessenen Tons hält der Kanrler „trotz der ibm an den Kopf geworfenen Kraft­worte* seinen Standpunkt aufrecht. Die all­gemeine Erregung wogt während der folgen­den Darlegungen der Abaeordneten Schrader und Hilpert in der Wandelhalle weiter, und eg steht in der Mittwoch-Sitzung ein wenig w»ib- nachtlicher Abschluß dieser dramatischen Aus­einandersetzungen bevor. Redner der schärf­sten Tonart sollen von links wie von rechts zu diesem Kampf aufgeboten werden. . . .

-rs- *

Die Stimme von links.

sPrivat - Telegramm.)

Die uns aus Berlin berichtet wird, läßt Nch der „Vorwärts* in seiner heutigen Ausgabe über die gesttige Kanzlerrede folgen- dermaßen vernehmen: „Wenn der Reickskanz- ler glaubt, seinen politischen Ruf dadurch heben zu können, daß er mit dem Eigensinn des gescholtenen Kindes beweislose Ver­dächtigungen einfach wiederholt, so sckätzt er das Volk doch offenbar nach dem intellek­tuellen und moralischen Niveau der Junker­massen ein. Bet den allgemeinen Reichstags- Wahlen wird ja unser Volk auch über Herrn von Bethmann Hollweg sein Urteil fällen, über seine allgemeine Politik sowohl, wie über seine Eingriffe in den Moabiter Prozeß, und heute schon kann man sicher sagen, daß dieses Urteil lauten wird: Gewogen und zu leicht befunden!*

Sturm im Reichshaus.

Reichstagssitzung vom 13. Dezember.

Die Sitzung beginnt sehr friedlich, ge­wissermaßen „poetisch*. Am Bundesratstisch sieht man die Herren: von Bethmann-Hol- weg, Wermuth, vo Ttrpitz, von Kiderlen- Wächter, von Heeringen von Lindequist und Wahnschaffe. Der Präsidententisch ist anläß­lich der 100. Sitzung mit einem von den Schriftführern gespendeten Blumen st rauß geschmückt.

Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt.

Staatssekretär des Kolonialamtes von Lindequist: Wenn ich aus etwas in meiner amtlichen Tättgkeit stolz bin, so ist es das Vertrauen, das mir von unseren Deutschen in Britisch-Afriko während der schwierigen Zeiten desBurenttieges entaegengebracht wor­den ist. Mein Standpunkt hat sich seither in

keiner Weise geändert. Solange ich an der Spitze des Kolonialamtes stehe, werde ich da­für eintteten, daß nur eine durchaus deutsch- nationale Politik gettieben wird. (Bei­fall.) Der Staatssekretär verteidigt dann noch den Gouverneur von Samoa ge­gen den Vorwurf, daß dort die deutschen Interessen nicht genügend gewahrt werden.

Abg. Gans Edler zu Puttlitz (tont.): Wir freuen uns über die Erklärung des Reichskanzlers zur auswärtigen Politik. Die Etatsdebatte steht unter dem Eindruck des Erfolges der Reichsfinanz­reform. Wir können ohne Sorge in die Zu­kunft blicken. Die Erregung im Lande liegt an der Steuerhetze der Presse.

Der schwarzblaue Block

ist nichts als eine Legende. Die letzten Wahlen vollzogen sich unter außergewrhnlichen Umständen und außergewöhnlicher Agitatton, sowie unter einer bisher nickt gekannten Auf­wendung von Geldmitteln. Glauben Sie, daß Wähler für den liberalenGedanken ge­wonnen sind? (Rufe links: Abwarten;) Die konservative Partei ist einig nach wie vor in der Ueberzeugung, daß das parlamenta­rische Regt ui e für Deutschland nicht paßt. (Sehr richtig rechts.) Die Soialdemokratie geht auf die Revolution aus. Wenn sie nur dos Wahlrecht haben, ob das Volk gesund, urteilsfähig, zufrieden ist, küm­mert sie nichts. Sie wollen vernichten den Staat, das Heer und wer weiß was noch. (Abg. Frank ruft: Den Schnaps Heiterkeit links.) Die Politik der Konservativen wird die bewährte bleiben. (L'ebh. Beifall rechts.)

Abg. David (Soz.): Der Felsblock, den der Staatssekretär auf denBerg hinaufgewälzt und oben festhalten will, wird vom Kriegs- Minister und vom Staatssekretär bei Marine wieder hinuntergeschleudert werden,

die dulden keine Ersparnisse.

Warum schlägt Deutschland nicht in die von England gebotene Hand zur Abrüstung ein. Wie man im Volk über die Finanzreform denkt das erfahren Sie bei jeder N-uwahl. (Sehr gut! links.) Es ist eine Schmach für Deutschland, daß kein Veld für die Veteranen, die Witwen und Waisen vorhanden ist Der Reichskanzler sollte seine Politik nicht nach der Mebrheit des gegenwär- tigert Parlaments, sondern nach der unzwei­deutigen WillenSmeinung der Mehrheit des Volkes einrichten. Wenn der Reichskanzler im Namen der Nation spricht, so ist das eine leere Phrase. Er hat sich mit Haut und Haaren den Rittern und den Heiligen trer- schrieben. Der Kanzler meint, er wäre nicht von Hernr von Hehdebrand abhängig. Ich glaube, der Wortlaut seiner sogenannten Ab­sage ist ausdrücklich zwischen dem Kanzler und Herrn von Hepdebrand vereinbart wor­den. (Hört, hört! links.) Der Kanzler will eine Verschärfung des gemellten Rechts herbei- führen Warum bestraft er nicht die Duel­lanten. Seine Kenntnisse über Moabit bat der Kanzler wohl aus der Berliner Polizei­presse. Der Kanzler hat In eine schwebende Rechtsfrage eingegrisfen. Das ist unerhört.

Wir haben Moabit nickt gewollt.

aber der schwarz-blaue Block wollte seinen Tendenzprozeß haben. Wir wollen den Weg der Resormen gehen. Rein theoretisch kann die Republik auch aus gesetzlichem Wege erreicht werden. (Zuruf rechts: Unglaublich) Aufforderungen zum Umsturz haben wir nie ergehen lassen. (Zuruf: Wie wollen jSie es denn machen!) Die Monarchie sollte sich nur zur sozialen Demokratie bekennen, (Sehr gut! bei den Soialdemokraten.) Das wäre die einzige Lösung des Knotens. Wir wollen die Eroberung des preu­ßischen Volkes, aber nicht mit Kra­wallen. -Die Sozialdemokratie ist unbe z w i n g b a r. Sie kann nur um den Preis der Vernichtung der deutschen Nation ver­nichtet werden. Unsere Parol'e ist: Mit uns das Volk mit uns der Sieg! (Lebhafter Bei­fall bei bett Sozialdemokraten. Lachen rechts.)

Reichskanzler von Bethmann-Hol- w e g: Die Herren Sozialdemokraten meinen boch nicht etwa, baß sie für sich das Vorrecht zur Besprechung der MoabiterDinge in An­spruch nehmen können. Das hat mit dem

schwebenden Verfahren garulchst zu tun. (Widerspruch twr Soz.)

Die moralische Mitschuld der Sozialdemokratie an den Moabiter Vor­gängen sicht fest. (Stürmischer Beifall rechts^

Nunmehr erhebt sich ein großer Tumult und Lärm bei den Sozialdemo­kraten. Eine Anzahl sozialdemokratischer Abgeordneter springt auf. Der Abgeord­nete Fischer (Soz.) schlägt fortgesetzt mit der Faust auf den Tisch und ruft: Beweise! Skandal! Von anderer Seite wird dem Kanzler zugerufen: Frechheit! Sie haben gelogen! Von der Rechten und den anderen Parteien kommt ein einmütiger Pfuiruf ge­gen die Sozialdemokraten. Diese antwor­ten gleichfalls mit vielfachen Pfuis. Von Rechts wird gerufen: Frecher Bengel! Vizepräsident Schultz hat während dieser Szene fortwährend die Glocke geläutet. Als er schließlich mit seiner Stimme durchbringt, fragt er: Wer hat gerufen: „Sie haben ge­logen?" Der Abgeordnete Kunert ruft: Das war ich. Vizepräsident ruft Kunert zur Ordnung. In dem tosenden Lärm kommt von den sozialdemokratischen Bän­ken der Ruf: Frechheit! Der Bizepräst- dent erteilt auch hierfür einen Ordnungsruf und ruft in den Lärm hinein: Ihr Redner hat zwei Stunden lang ungestört fprecheu können; ich verlange von Ihnen, daß Sie dasfelbe dem ersten Beamten des Reiche« gewähren. (Stürmischer Beifall, der Lärm dauert fort.

Reichskanzler von Bethmann-Hol- weq kann schließlich fein-e Rede fortsetzen: Darüber besteht so wenig eil Zweifel, daß es weder durch dialettilsche Kunstfertigkeiten, noch durch Zeugenaussagen über vereinzelte Miß­griffe polizeilicher Beamten! und auch nicht durch Zwischenrufe die sie mir eben an den Kopf geworfen haben, geändert werden kann. ^Stürmischer Beifall. Anhaltender Lärm der Sozialdem. Abg. Ledebour ruft: Schamlo- to f i g f e 11 Vizepräsident Schultz ruft Lede­bour zur Ordnung.)

Abg. Schrader (Vp.) beginnt unter all­gemeiner großer Unruhe, Der Relchskanler hätte weniger agressiv sein sollen. Sonst ist es unvermeiblich, daß sich die andere Seite energisch wehrt. Gern haben wir es ver­nommen. daß

unsere auswärtigen Beziehungen gut sind. Der Krieg von 1870-^-71 würde -ein Kinderspiel gegen den nächsten europä­ischen Krieg fein. Zn dem neuen Ko­lonialsekretär haben auch wir Vertrauen. Aus­nahmegesetze haben noch keiner Partei g-c» schadet? Ohne Ausnahmegesetze würde es sicherlich nicht so saiwarz hier fein. Hoffent­lich erinnert sich das Zentrum der letzten Knl- ttirkämpfe und Windthorfts. Solche Maß­regeln wären eine Dummheit ersten Ranges

Abg. Graf MielcYnSki (Pole): Die polnische Bevölkerung bat kein Vertrauen zur polnischen Justiz, daran ändert kein Ab- ftreiten des Staatssekretärs etwas.

Abg. Hilpert (Bayer. Bauernb.) stimmt den neuen HeereSforderungen zu. Das Reich sollte aber auch für die Witwen und Waisen der Kri-eger sorgen.

Das HanS vertagt sich sodann auf Mitt­woch 2 Ubr. Es ist wahrscheinlich, daß es in der Mittwochsitzung abermals zu stü r - mischen Auseinwnderse ungen zwi­schen der Regierung und der Sozialdemokratie konnnen wird.

Sie PsM! des Laser.

s> Wahlreform > Märchen. (Telegramm unseres parlamentarischen Mitarbei­ters.) Aus Berlin wird uns gemeldet: In der Presse ist dieser Tage behauptet worden, daß die Regierung sich mit dem Plane trage, bereits im Herbst 1911 hn Landtage eine neue Wahlvorlage vorzulegen. Wie ich indessen erfahre, ist an maßgebender Stelle

von einem solchen Plane nichts bekannt Neue Beschlüsse über die Ausarbeitung eine; neuen Wahlvorlage sind in letzter Zeit über- Haupt nicht gefaßt worden.

Kriselt's im Justizministerium? Nach­richten aus Berlin zufolge hält man in bortu gen Kreisen die Tage des preußischen Justiz- ministers Beseler für gezählt. Die jüngste Audienz des Ministers beim Kaiser soll die Enftcheidung gebracht haben, und aller Voraussicht nach werde Beselers Abgang un­mittelbar nach der Verabschiedung seines Etats im preußischen Abgeordnetenhause erfolgen. Auch der Nachfolger des Ministers soll bereits designiert sein. Eine Bestätigung der Nachricht bleibt abzuwarten.

Politische Chronik.

Im Reichstag hat gestern die Fort- schrtttliche Volkspartei eine Inter­pellation eingebracht, in der die Aufhebung des ZLndwarensteuergesetzes vom 15. Juli 1909 gefordert wird.

Wie uns aus Berlin telegrafiert wird, sind in den letzten drei Wochen vom Hansa- bunb 30 Orts- bezw. Bezirksgnlppen gegrün­det worden. 65 neue Vertrauensmänner tour, den bestellt und 27 große wirtschaftliche Ver­bände sind neu beigetreten.

Aus Dresden meldet uns ein Tele. gramm: Auf Veranlassung des früheren öster­reichischen Handelsminsters Baernreither In Aussig fand eine aus ganz Sachsen be­suchte Versammlung von österreichischen Vertre­tern von Industrie, Handel und Schiffahrt statt, die sehr energisch g e g e n die Einführung von Schiffahrtsabgaben Protestierte

Meldungen aus Kopenhagen zufolg» beginnt dort Anfang Januar der Prozeß gegen den dänischen Exjustizminister Adler Alberti, der feit November 1908 sich in Un- tersuchungshaft befindet und bet Veruntreuung von 20 Millionen Kronen beschuldigt wird. Der Prozeß dürfte reich an Sensationen wer­den, e

Aus Belgrad wird gemeldet: Die „Tri- bitna* hält ihre Meldung, daß der Zar im Juni des nächsten Jahres den König Fer­dinand von Bulgarien in Sofia besu­chen wird, aufrecht. Der Zar werde auf diese, Reife von bemJDlintfter des Aeußeren Sasosow und dem Kriegsminister beglettet sein.

Wie aus WashMgton mitgeteilt wird, beabsichtigt Carnegie, Dtc Stiftung einer gro- 6en Geldsumme — man spricht von zehn Mil­lionen Dollars — für eine internationale Or­ganisation, die für den Weltfrieden wirken^'oll.

Staies vo» Lage. -

ix: Abermals ein Mord in Berlin! AuS Berlin wird uns telegraphiett: Die 68 Iahte alte Rentiere MargareteHofsmann, ge­botene Schiller aus Berlin wurde gestern in ihrer Wohnung in der Blumentalsttaße im 1. Stockwerk im Bett tot ausgefunden. Decke und Deckbett waren sorgfältig darüberge- Icgt Nach den polizeilichen Ermittelungen ist die Frau das Opfer e i u es M ö r d e ts ge­worben, bet anscheinend beabsichtigt hatte, zu rauben, aber gestatt worden ist. Der Polrzei- ptäsident von Berlin hat eine Belohnung von 3000 Mark für die Aufklärung des an der Frau Hoffmann begangenen Verbrechens aus- gefchtieben.

KX Die Tragödie eines Professors. Wie uns ein Telegramm aus Darmstadt meldet, hat der Professor der Mathematik an der tech­nischen Hochschule in Darmstadt. Geheimer Hof­tat Dr. G u n f e I f t n g e r, sich gestern ftn Al­ter von 65 Jahren erschossen. Er war feit einiger Zeit leidend und hat die Tat, da er morphiumsüchtig war, anscheinend in einem Anfall von Schwermut begangen.

«r Die giftige Margarine. Ein Telegramm meldet uns aus Altona: Wie das Altonaer Polizeipräsidium mitteilt, hat die amtliche Unterfuchung mit großer Wahrscheinlich­keit ergeben, daß die durch den Genuß von Mar­garine der Firma M oh r & Co. hetvotgeruse- nen Erkrankungen auf den Zusatz eines neuen Speisefettes zurückzuführen sind. Es handelt sich um das fogenannten Garda-

Liebe überwindet alles...

Skizze von Käte von Roerdansz.

Er ging seinen Lieblingsweg, am Kanal entlang, zur Schleuse hin. Alle paar Minuten brauste ein Eisenbahnzug über die hohe Brücke: Das wat Leben und Bewegung und stand im grellen Widerspruch zu seinen todes- traurigen Gedanken. Es wat schon herbst­lich, das Wasser des Kanals schien tief dunkel vom Widerschein der darüberziehenden schwatz-gelben Wollen, das Laub an Bäumen und Sträuckern wat fahl und blaß, ein grauer Nebelschleier schwebte über den Din­gen.

Hauptmann von Söllingen ging, wie im­mer, wenn der Dienst nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit erforderte, in hoffnungsloser Traurigkeit dahin. Seit Jabten versuchte die Sorge, sein Herz stumpf und gefühllos zu go-uichen. Aber die Liebe und das Mitleid HW&en nicht sterben für die, die ihm das Teuerste auf Erden war, und die unerhörte Qualen binber. mußte. Lange hatten sein Weib und er auf das Glück ihrer Vereinigung Watten müssen, und als es ihm endlich mög­lich war, sie heimzuführen, befiel sie nach we­nigen Jahren leidenschaftlichen Glücks diese hoffnungslose, vernichtende Krankheit, die keine Freude und keine Hosfmmg mehr auf­kommen ließ. Er mufete ohnmächtig zusehen, wie sie, die er auf Händen tragen wollte, tag» sich mehr und mehr dahinschwand, wie ihre Widetstandsktast unter den guawollcn Schmerzen immer geringer und geringer wurde! Und so konnte es nach Ausspruch der Aerzte noch Jahre weitet gehen!

Vor kurzem hatte sie ihn gebeten, wäh­rend ihre unnatürlich großen Augen in dem abgemagetten Gesichtchen glühten: „Du hast mir so viel Lieb- erwiesen, tu mir mm nock

den größten Liebesdienst und erlöse mich von einem Dasein, das ich nicht länger ertra­gen kann! Du weißt, daß mein Körper wie eine große Wunde ist, in meinem Kopf brennt es wie eine Feuersbrunst, ich habe nur eine Sehnsucht: Ruhe, Erlösung! Gib sie mir! Sei stark, sei gut, toaS kann mein Leben dir und mir noch fein!“

Sie sagte das mühsam, mit leiser, bet» schleiettet Stimme, und die Augen, ach die Augen, die ihn seitdem mit ängstlicher Span­nung verfolgten! Er hatte nicht mehr den Mut, ihr zu sagen, es könne ja noch einmal besser werden. Sie wußten beide zu genau, wie es mit ihr stand!

Und nun konnte er diesen ungeheuerlichen Gedanken nickt mehr los werden, wo er ging und stand, verfolgten ihn diese bittenden Au-m, die ihn zu fragen schienen: „Nun, wie stehl s mit deiner felsenfesten Liebe? Ist sie groß genug, mir zum zweiten Male das ein­zige Glück zu geben, das für mich noch möglich ist??* . . ,

In tiefen, schweren Gedanken war Haupt­mann von Söllingen an der Schleuse ange­langt. Hier pflegte er immer umzukehren, da die Sorge um feine Kranke ihn nie lange von Haufe ließ. Wer dem schönen, in bester Man­neskraft stehenden Offizier begegnete, ahnte nickt, welche ungeheure Seelenlast er mit sich herumschleppte! Wenn er ihr nun den Wunsch erfüllen würde, und ihr statt der vorgeschrie­benen Dosis zu viel Morphium gäbe?? Das wäre doch menschlich, sie zu erlösen von zu großem Uebel! Aber daß eS durch ihn, durch seine Hand geschehen sollte, das war ja Wahn­sinn, das war ja nicht anszudenken! Und wer hätte sonst genug Mut und Liebe, das für sie zu tun? „Mein Gott, erlöse du sie, da­mit ich nickt zum Mörder an ihr zu werden brauche l* schrie es in seinem Herzen. Wie ge­

brochen ging er beim zu seinem kranken Wei­be, das nicht leben und nicht sterben konnte.

Nach einigen Tagen entsetzlichen Leidens flehte die Kranke wieder: „Es ist jetzt Zeit, Geliebter, ich kann nicht mehr . . .?*

Da nahm er ihren Kops behutsam in seine Hände und sagte: „Sei ruhig, Liebling, du sollst bald schön und friedlich schlafen!“

Nach kurzem, enffetzlichen Kampfe gab er ihr, ohne zu zucken, eine todbringende Dosis Morphium. Wie ein müdes Kind legte sie ihren Kopf an seine Schulter und mit dankbarem, bertrauenbem Lächeln auf ihren blassen Lippen fchlies sie ein. Sanft legte er ihren Kops auf das Kissen und küßte sie nock einmal auf die Stirn. Dann holte er mit leifen Schritten einen Revolver aus seinem Schreibttsch. Von der grausamen Trag» seines Schicksals Ivie erstartt, war er keines Gefühls mehr fähig. Mit einem letzten Blick auf die Tote schoß er sich in die Schläfe und brach vor ihrem Bett lautlos zusam­men . . ,

Ans dem Reiche der Kunst.

„Götterdämmerung" im Hoftheater. In unserem Hostheater ging gestern abend Richard Wagners „Götterdämmerung* neu einstudiett in Szene. Die Vor­stellung nahm einen imposanten Verlauf. Unter Herrn Professor BeierS bewuß­ter, feinsinniaer Leitung hatte daS Orchester seinen Patt sauber und eraft auSgearbeitet. Es erzielte prachtvolle Klangwirkungen, die den hehren Geist der Mnsll wundervoll erschöpften. Der Regie des Herrn Hertz er gelangen sub- til abgetönte, in jeder Hinsicht stimmungsvolle Lickt- und Farbeneffekte. Ein Wittlich muster- ailtiges Bühnenbild tauchte vor unseren Blik- ken auf. Die Komparserie, der Chor, funftio- nierte vorzüglich. Im Mittelpunkt des Abends

mnmn—ima—fmwBMa stand Frau Beruh, die mit weittragender, klangsatter Stimme die Brünhilde sang, wäh­rend Fräulein v. d. Osten eine liebliche Gutrune war. Herr Brandenberger war ein Siegfried von gedrungener Statur, mit markiger Stimme. Dem Günther lieb Herr Wurzöl sein weiches, schwelgendes Bariton­organ. Reben ihm stand Herrn Ulrichs fin­sterer Hagen wuchtig aus der Bühne. Beson­deres Lob verdienen desgleichen Herr Groß, sowie die Damen Herder, Peters, Rilba Das Publikum applaudiette lebhaft.

S.

Karl Loewe-Abend im Kaufmänni­schen Verein. Der am Dienstag vom Kauf­männischen Verein veranstaltete Karl Loewe-Abend darf in jeder Beziehung als wohlgelungen erachtet werden. „Karl Loewe in Wort und Ton“: Das klingt so einfach, so alltäglich; ist doch ein großer TeU der Werke des Stettiner Kantors längst vollstümllch ge­worden. Und doch besitzen Loewes Kompo­sitionen einen so eigenartigen herben Zauber, die der Komponist mit den einfachsten Mitteln zu künstlettsch vollendeten Formen auszugestal­ten verstanden hat. Auf der einen Sette die leicht dahinpläffchernde Musik, hell und rein, wie der Waldguell in der Morgensonne, und andererseits jene tief ergreifenden harmoni­schen Mollallorde, gleich dem dumpfen Raunen deS Mühlenwehrs zur Geisterstunde. DaS hat nach Loewe so vollkommen wohl keiner wieder getroffen. Mitten hinein versetzt dün­ken wir unS in den Märchenwald, in die Feen­welt, Wispern und Schmeicheln und lanteS geisterhaftes Grollen hött unser Ohr, jedoch nur bann, wenn infolge eine? innerlich mit» empfundenen künstlerischen Vortrages solche? bedingt ist. Dieser Aufgabe ist nun am Dienstag abend der Konzettsänger Otto Süße aus Berlin, wie rückhaltlos anzner» kennen ift gerecht geworden. Mit bramatfr schrrn Geschick verstand er es n. a. den Seele»