Nr. S. — l. Jahrgang.
Caffeler Neueste Nachrichten X
Mittwochs 14. Dezember'ISia.X
Von anderer Seite wird uns als wahrscheinlich bezeichnet, daß die voraussichtliche Lösung der Krise ein Kabinett Gautsch sein wird, das sich jedenfalls schon am Donnerstag dem Abgeordnetenhaus vorstellen werde.
Neu« vom Zoge/ ‘ >
Sie Margarine-Dergistmtgen, (Privat-Telegram m.) *
Aus Hamburg wird uns depeschiert: Der Regierungspräsident von Uckert und der Geheime Medizinalrat Bertow sind gestern nach Beendigung der Untersuchung in der Mohr'schcn Fabrik nach Kiel zurück- gekehrt. lieber das Ergebnis der Konferenzen und der Untersuchung ist noch nichts bekannt geworden. Von allem Rohmaterial und von den vorhandenen Fertigfabrikaten wurden 'Proben entnommen, die einer genauen Untersuchung unterzogen werden sollen. Den Inhabern der Fabrik ist bis auf weiteres die Weiterfabrikation gestattet worden. Gestern sollte ursprünglich mit Rücksicht auf den Todesfall durch die Staatsanwaltschaft die Fabrik geschlossen werden, die Statsanwaltschaft hat aber unter der Bedingung, daß bei der Fabriktion der Waren die peinlich st e Sauberkeit beobachtet wird, die Weiterfabrikation gestattet. Die Leitung der Fabrik hat nunmehr von 600 Arbeitern 150 entlassen, da der Absatz in Margarine zurückgegangen und eine Einschränkung daher notwendig geworden ist.
«L Ein Millionendefraudant. Aus Cöln meldet uns ein Telegramm: Die Untersuchung gegen den Kemptener Notar Günther, der, wie berichtet, an einer Schußverletzung, die er sich in selbstmörderischer Absicht in einem hiesigen Hotel beibrachte, krank im Hospital liegt, bringt immer größere Unterschlagungen heraus. Die unterschlagenen Summen sollen bereits eine Million Mark übersteigen.
rw Die verschwundene Engländerin. Gro- ßes Aufsehen erregt in Neapel, wie von dort telegraphiert wird, das Verschwinden einer jungen Londonerin, Miß Knox, die seit einigen Tagen mit ihrer Mutter im Hotel Lucia wohnte. Die Mutter fürchtet, daß ihre Tochter von einem jungen Italiener, der vergebens Annäherung an die Damen gesucht hatte, gewaltsam entführt worden ist.
rw Die geretteten Paflagicre der „Olympia". Ein Spezial-Telegramm berichtet uns aus London: Dank der drahtlosen Telegraphie ist es gelungen, die 56 Passagiere und 50 Mann Besatzung des auf Klippen geratenen Dampfers »Olympia" zu retten. Das Schiff war infolge heftiger Stürme an der Küste auf Klippen geworfen worden und befand sich in großer Gefahr. Durch die drahtlose Telegraphie konnte aber rechtzeitig Hülfe herbeiaebolt werden. ,.-v—
Im Neueste aus kastel.
Ein mhsteriSfer Fall.
Die Kunde von einem Ueberfatt in der Spohr- st r a ß e erregt heute die Oeffentlichkeit. Es wird erzählt, ein in der Wohnung allein anwesendes Dienstmädchen sei von einem Manne überfallen, gefesselt und mit dem Tode bedroht worden für den Fall, daß es nicht mäuschenstille sein werde; dann habe der Eindringling gestohlen, was er nur finden konnte. Nach den von uns angestellten Ermittlungen gibt das Mädchen an, erst habe eine jüngere weibliche Person an der Etagentür geklingelt und während es sich mit dieser beschäftigt habe, sei ein Mann in die Wohnung gedrungen, der dann in der geschilderten Art mit ihm verfahren sei. Diese Darstellung ist, wenn man dem angeblich überfallenen Mädchen Glauben schenken darf, richttg. Tatsächlich hat die von einem Ausgang zurückkehrende Herrschaft das Mädchen mit auf den Rücken gebundenen
Händen vorgefunden. Allerdings war die Fessel so dünn, daß ein einigermaßen energischer Ruck das Mädchen sicher davon befreit hätte. Unzutreffend ist dagegen dis weitere Angabe, der Eindringling habe Kisten und Kasten erbrochen und gestohlen. Es ist nichts entwendet worden und gerade dies erscheint sonderbar; denn es waren wertvolle Gegenstände genug da, die ohne Mühe hätten gestohlen werden können. Die Untersuchung über die nicht ganz schlüssige Darstellung des Dienstmädchens ist von der Polizei bereits eingeleitet worden.
Ä Casseler Submissionsgeschichten. Die Submission für die Erstellung eines Zweifamilienwohnhauses nebst Wirtschaftsgebäude am Fuldahasen zu Cassel hat enorme Preisunterschiede zutage gefördert. Der Höchstfordernde verlangte 15 202.88 Mark, der Mindestfordernde glaubte mit 10 594.94 Mark auskommen zu können. Das ist eine Differenz von fast dreiunddreißigeindrittel Prozent des Höchstbetrages, und von mehr als 50 Prozent der Mindestforderung, also das, was man eine „Submif- fionSblüte“ zu nennen gewohnt ist. Wir geben die Namen der an der Bewerbung beteiligten Casseler Baufiimen mit ihren Forderungen nachstehend wieder: R. Friede 15 202.88 Mark, Burghardt u. Lingelbach 12 603.84 Mark, H. Arnold 13 194.94 M„ Bügler u. Kaiser Nachf. 13 757.12 M., Sander u. Rösler 13841.36 M., C. Zulehner u. Co. 13180 M., C. H. Müller 13 655.04 M., Fuchs u. Jäger 14148.12 M, Ang. Dietrich 12 613.46 M„ W. Stück 13 089.56 M., Ang. Gerhardt 14262.94 Mark, Bäbendorf 14319.78 M„ H. Kretschmer 14 319.40 M„ H. Mauermann 13 651.02 M., R. Ecklebe 12 609.70 M., Chr. Dock 13 393.64 M., Lauterbach u. Rumpf 13 502.70 M., Th. Groszek 14470.90 M., und A. Mees 10 594.94 M.
'△ Keine v-Zugverlegung! Die kürzlich in der Stadt verbreitete Nachricht, daß die V-Züge 179 und 180 Berlin -Cassel- Frankfurt a. M. - Basel und umgekehrt vom 1. Mai nächsten Jahres ab nicht mehr über Magdeburg, sondern über Nordhau- s e n geleitet werden sollen, entbehrt, wie uns von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, jeder Begründung.
△ Nur ein Versehen . . . Der am Don- nerstag abend in einer Wirtschaft in der Holländischen Straße überfdiene Friseur R. aus der Gießbergstraße, der von einem anderen Gast aus Versehen mit einem Stuhl über den Kopf geschlagen und dabei schwer verletzt worden war, befindet sich aus dem Wege der Besserung, sodaß gegenwärtig Lebensgefahr nicht mehr besteht. Der Täter hatte bekanntlich in Ä. einen ©eener vermutet, und der bedauernswerte Friseur fiel auf diese Weise einem verhängnisvollen Vergehen zum Opser.
A In die Fulda gestürzt. Auf einer Bleiche am linken Fuldaufer stürzte heute vormittag eine Frau, die am Ufer einige Wäschetücke ausspülte, kopfüber in die Fulda. Ein Bleicherbursche, der sich gerade in der Nähe befand, brachte die dem Ertrinken Nahe wieder aufs Trockene und geleitete sie zu ihrer Wohnung.
A „Ein Mann des Volkes". Unter die- ’em Titel geht am kommenden Freitag im hiesigen Residenz-Theater ein fünf- aktiges Schauspiel erstmalig in Szene, das einen hiesigen Autor zum Verfasser hat. Das Schauspiel behandelt ein politisches Thema in spannender und origineller Form. Es spiegelt im Rahmen einer hewegten dramatischen Handlung den Kampf der Meinungen wider und klingt, ohne einer der bestehenden politischen Parteien zu nahe zu treten, in eine Absage an die Parteileiden- chaft aus. Der Dichter, Herr Karl Johann Kreiß in Cassel, isi ds Schriftsteller bekannt und geschätzt.
A Ans bet Beamtenwelt. Ernannt wurden: Der Landgerichtsrat Dr. Jaritz in Verden zum Oberlandesgerichtsrat in Cassel, der Gerichtsassesior Rüdinger zum Staatsanwalt in Hanau, der Referendar Walter H a d l i ch zum Gerichtsassessor, die Rechtskandidaten Heinemann, v. Dom
browski, Spier, Raabe und Zeh zu Referendaren, der Postsekretär Söltzer in Cassel zum Ober-Postkassenbuchhalter und der Förster E i s e n b a ch zum Revierförster unter Uebertragung der Revierförsterstelle Gelnhausen in der Oberförsterei Bieber. Etatsmäßig angestellt wurden: Der Post- sekretär Streilein in Cassel sowie die Telegraphengehilfinnen Bachmann und Hilden in Fulda und Strange in Cassel. Uebertragen wurde: Dem Postfekretär Bechstein in Eschwege die Verwaltung einer Ober-Postsekretärstelle in Merseburg. Uebertoiefen wurde: An Stelle des zurzeit im Ministerium für Handel und Gewerbe beschäftigten Regierungsassessors Dr. von Schroetter der Regieningsaffeffor von Götz, bisher in Geestemünde, dem Königlichen Oberpräsidium in Cassel.
A Wahrheit und Dichtung. In den letzten Tagen sind in Cassel Gerüchte über angebliche Einbruchsdiebstähle verbreitet gewesen, von denen bei der Polizei, die es doch wissen dürfte, auch nicht das geringste bekannt ist. Heute macht eine ähnliche Nachricht die Runde: In einer Wirtschaft in der Klosterstraße sollen einer Witwe Sch. 200 0 Mark gestohlen worden fein. Auch diese Mitteilung ist unzutreffend: Es gibt in der Klosterstraße weder eine »Witwe Sch.", die Wirttn ist, noch sind 2000 Mark gestohlen worden. Cassel ist also doch nicht so »schlecht", wie manche Leute es anzunehmen scheinen.
A Von der Eisenbahn. Vor der königlichen Prüfungskommission in Hannover haben die kommissarischen Eisenbahnassistenten Rött- ger und Holle ans Cassel die Fachprüfung 1. Klasse bestanden. Sie wurden zu Eisenbahn- Prak ti kanten ernannt
△ Die „verhängnisvollen" Fenster. Ein baupolizeiliches Kuriosum hat sich im Stadtteil Rothenditmold ereignet. Dort ist Herr H. Besitzer eines großen, an der verlängerten Wolfhager Straße, hinter der großen Straßenüberführung gelegenen Wohngebäudes, an dessen hinterer Seite sich jetzt die, zurzeit noch im Werden begriffene neue Schösferhofstraße entlang zieht. Herr H. beabsichtigt nun, seinem Hause noch einen Anbau anzufügen, dessen Eingang jedoch nach der neuen Schösferhofstraße zu gelegt werden soll. Als Herr H. dieses Anbauprojekt zur Anmeldung brachte, ward ihm bedeutet, daß er, wenn der Anbau mit Fenstern versehen werde, verpflichtet sei, für beide Straßen (Wolfhager- und Schösferhofstraße) Anlie- gerheiträge zu entrichten. Dagegen sträubte sich nun aber Herr H., und er ist entschlossen, lieber auf die Fenster im Anbau zu verzichten, als doppelte Anliegerbeiträge zu zahlen. Wenn also nicht ein Ausweg aus dem Dilemma gefunden wird, wird demnächst in der neuen Schösferhofstraße ein fensterloses Haus zu bestaunen fein, zweifellos ein Anblick, der in ästhetischer Beziehung nichts weniger als angenehm wirkt.
A „Opfer der Nacht". Der hiesige Tapezierer R., der sich morgens um 3 Uhr in »gehobener Stimmung" auf dem Wege nach Hause befand, glitt auf oem schlüpfrigen Psla- ter aus und erlitt eine schwere Oberarmverrenkung. Der Verunglückte sand noch in der Nacht tm Landkrankenhause Ausnahme.
A Auto kontra Milchkarre. In der Ho- henzollernstratze gabs heute srüh ein fatales Malheur. Ein auf dem schlüpfrigen Psla- ter schleuderndes Auto warf eine mit gefüllten Milchflaschen beladene Stoßkarre um. Statt in die Töpfe der Hausfrauen floß der unentbehrliche Saft in die Straßenrinne. Abgesehen davon, daß die Kundschaft des Händlers wohl vergeblich auf die Frühstücksmilch gewartet hat, dürfte der Unfall keine herben Folgen haben, denn der Besitzer des Kraftwagens übernahm sofort die Schadensersatzpflicht.
A Waßmann, der „Bekehrte". Der auch in Cassel bekannte Karl W a ß m a n n, der durch seine naturgemäße Kleidung (barfuß und barhäuptig, leichtes, dunkles Hemd mit rotem Lendenstrick) eine populäre Straßenerscheinung bildete, hat sein Naturaposteltum aufgegeben und trägt nunmehr bürgerliche Klei
dung. Er begründet seine Umsattelung mit den vielen Nachteilen, die ihm das Tragen sei, nes bisherigen .Gewandes" einbrachte.
A Caffeler Getreidepreise. Am heutigev Getreidemarkt sind für je 100 Kilogramm folgende Preise erzielt worden: Wei- zen 18,75 bis 19,25, Roggen 14,75 bis 15,50, Hafer 14,50 bis 16,00 Mark.
A Konzert im Zentral-Hotel. Am Sonntag, den 6. Januar 1911, veranstalten hervor- ragende Künstler im Saale des Zentral-Hotel- ein Konzert. Es treten auf: Senta Wolschke (jugendl.-dramat. Sopran) aus Leipzig und Otto Müller, der rühmlichst bekannte Casseler Sänger. Am Flügel sitzt Viktor Wichura-Cassel.
A Zwei Wochen vor Weihnachten. Auch im Stratzenbild Cassels treten die Weihnachtsrüstungen jetzt immer mehr hervor. Zwar deckt noch kein Schnee, die sehnsüchtig erwartete Begleiterscheinung des Weih nachtsfestes, den Erdboden, aber die ersten Christbäume sind, wie wir schon mitteilten, vor einigen Tagen eingetroffen, und feit Montag wächst nun auch auf den beiden Seiten des Ständeplatzes eine der bekannten Holzbuden für den Weihnachtsmarkt neben der andern empor. In wenigen Tagen wird die Budenstadt durch eine erwartungsfrohe Käuferschar belebt fein.
A Weihnachtsarbeiien und Frauen-Ar- bcitsverein. Beim herannahenden Weihnachtsfest dürfte mancher Hansftau, die mit Arbeit überlastet ist und nicht alle Gaben für ihre Sieben selbst Herstellen kann, ein Hinweis auf den Frauen -Arbeitsverein willkommen sein. Da der Verein nur wirklich unterstützungsbedürftige Frauen beschäftigt, so dienen alle diejenigen, die ihm Arbeit zuwenden, einem wohltätigen Zwecke. Die Arbeitsstelle des Vereins ist Mittwochs u. Freitags von 9 bis 2 Uhr geöffnet; ständige Annahmestellen befinden sich in den Kaffeestuben Karl s st r a ß e 13 und K ö» i g s t o r.7 2.
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Letzte Telegramme.
(Rach Schluß der Redaktion eingegangen.)
r. Das Drama in der Grubs . „
Winnipeg, 13. Dezember. (T e I e g r ä m mj Nach den enbgiltigcn Feststellungen sind durch die Explosion in dem wesrkanandischen Koh. leubetgwerk 31 Bergleute getötet woo den. xi, ' , je,-/ -—
> Jugend von heute. ------■'
Paris, 13. Dezember. (Telegram m.) Die Schüler der oberen Klasse der Volksschule in Auriel (Dep. Rhonemündung) verließen vor einigen Tagen die Schule, zogen in geschlossenen Reihen unter Vorantragung einer roten Fahne vor das Bürgermeisteramt und erklärten, daß sie streiken würden, falls der geg-nwärftge Schulleiter nicht versetzt würde. Diese Versetzung erfolgte gestern (!) und die Knaben haben den Schulbesuch wieder aufgenommen. —
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Amerikas Eisenbahner. - _ _____
Chicago, 13. Dezember. (Telegram utj Die Vereinigung der Lokomotivführer hat unter Androhung des Ausstandes an die Vereinigung der Eisenbahndirettoren ein Ultimatum gerichtet. Auf den Bahnlinien im Westen und Südwesten von Chicago sind 97 pCt. der Lokomotivführer für den Aus- stand, wenn die Löhne nicht um 17 Prozent erhöht werden. Man hofft, daß weitere Beratungen stattfinden werden, ehe der Ausstand erklärt wird. ' * -
„Wandernde Erde".--------- - ....
Lyon, 13. Dezember. (Spezial-Telegramm.) Die ganze Gebirgsgegend von Leves ist durch fortwährende Erdrutsche, die das ganze Gebiet un- icher machen, bedroht. Ganz besonders ind aber die Ortschaften Aschasfe, Verrire und Blechenet gefährdet. In der Nähe des letzten Ortes ist eine Erdmasie von 200 Meter Breite seit einigen Tagen in langsamer aber teter Bewegung. Zwei Häuser mußten von den entsetzten Bewohnern geräumt wqrdcn, viele andere Gebäude sind noch bedroht?
in der jetzt üblichen Art mit Milch zu versorgen, bereits um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von dem Philosophen Stirncr zum erstenmal in die Praxis umgesetzt wurde, allerdings ohne klingenden Erfolg. Aehnlich verhält es sich mit der Erfindung des berühmten französischen Mathematikers Pascal, dem die Welt den Schiebkarren und den Omnibus verdankt. Pascal war es, der das System der Gesellschaftswagen ein» führte, das sich zu dem umfangreichen Omnibusverkehr in Paris entwickelt, hat. der dem Fremden fofort in die Augen fällt. Auch die Erfindung des Zweirades und seines Vorgängers, des Dreirades, ist auf Paris zurückzufüh- ren. Wenigstens wurden dort die ersten »Velo- zipedes" öffentlich vorgeführt. Trotzdem war der eigentliche Erfinder der Idee einer durch den Menschen selbst getriebenen Fortbewegungsmaschine der große Newton, der tm Laufe seines tatenreichen Lebens die verschte- densten Beweise von der Ferttgkeit und Geschicklichkeit seiner Hand abgelegt und vor mehr als zwei Jahrhunderten einen Wagen erfunden hat, den der Darinsitzende ohne äußere Hilfe in Bewegung setzen konnte.
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Kleines Feuilleton.
Ä" Friedrichsfeld im Reinhardswald. In Carl Vielors Hofbuchhandlung Hierselbst erschien soeben: »Die Entstehung der Kolonie Friedrichsseld im Reinhardswald". Ein Beitrag zur Geschichte der inneren Kolonisation unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Cassel, von Louis Wolff. Die Schrift, in allen Buchhandlungen für 30 Pfennig käuflich, ist nach historischem Quellenmaterial bearbeitet und räumt zugleich mit der in der Literatur wie im Volke eingewurzelten Ansicht auf, daß es sich bei den vierzehn Friedericianischen Kolonien um solche für Hugenotten bzw, Hugenotten
abkömmlinge handele. Das Werkchen ist daher als schätzenswerter Beitrag zur Geschichtsliteratur der Heimat mit Dank zu begrüßen.
•£h Max Liebermann . . . beinahe Ehrendoktor. Wie die Zeitschrift „Kunst- und Sünfticr" meldet, machte seinerzeit (kurz vor der Jahrhundertfeier der Berliner Universität) der Geh. Rat Dr. Heinrich Wölflirr, Professor der neuen Kunstgeschichte, der philosophischen Fakultät den Vorschlag, Max Liebermann zum Doktor Phil, honoris causa zu ernennen. — „Diese Ehrung für den Führer des Fortschritts in der Berliner Malerei mußte jedoch unterbleiben, weil ein Fakul- tätsmitglied widersprach. Dieser Philosoph gab die Begründung, daß dem Kaiser der Affront dieser Ernennung nicht angetan werden dürfe. Selbst zur Stimmenthaltung war jenes Fakultätsmitglied nicht zu bewegen." So kam man auf den Ausweg, Hans Thoma und den Grafen Leopold v. Kalckreuth mit dem Doktorhut zu krönen, die zwar beide keine Berliner sind, von denen aber der Erstere Ehrenmitglied der Berliner Sezession, der andere ihr Mitglied und Präsident des deutschen Künstlerbundes ist.
t£2i Als Auguste Rodin die Ehrenlegion erhielt . . . Man schreibt uns ans Paris: Von Auguste Rodin, dem berühmten französischen Bildhauer, dessen siebzigster Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde, erzählt der „Alfiere" eine charakteristische Anekdote. Vor einiger Zeit wurde der Künstler bekanntlich zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt; der Großkanzler des Ordens lieg ihm das prächtige Ordenszeichen zugehen, und Rodin, dem derlei Aeußerlichkeiten vollständig gleichgültig sind, legte den mit Brillanten besetzten Stern und das Offizierkreuz in ein Kästchen tvtv 'achte nicht mehr daran, Eines
Tages aber erhielt er eine Einladung nach dem ElysHe zu einem Essen, bei dem et unbedingt im Schmuck feiner Orden erscheinen mußte. Da war nun die Verlegenheit groß: Rodin wußte nicht, wie er die etwas komplizierte neue Ordensdekoration anzulegen hatte! Wurde sie um den Hals gebunden? Auf der Brust getragen? In der Mitte, rechts, links? Von furchtbaren Zweifel» geplagt, ging der Künstler mit sorgenvoller Miene in seinem Atelier aus und ab. Schließlich faßte er einen energischen Entschluß: Er zog feinen Frack an, packte den Orden und alles, was dazu gehörte, in ein Stück Papier und machte sich auf den Weg nach dem Elhs^e. »Unterwegs" (dachte er) „wird mir vielleicht schon ein rettender Gedanke und die Erleuchtung kommen. Aber es geschah nichts, was ihn hätte -aufklären können, und er war mit feinem Ordenspaket inzwischen schon vor den Toren des Elysses angelangt. Hier trat ihm ein riesenhafter Türhüter, dessen breite Brust mit zahllosen Medaillen und Bändchen bedeckt war, entgegen. „Das ist mein Mann" (sagte Rodin hocherfreut zu sich selbst) „der weiß bestimmt, wie und wo man den Orden trägt!“ Er nahm den Cerberus sofort beiseite und vertrante ihm geheimnisvoll seine Not an. Den Pförtner rührte und interessiette die Sache außerordentlich und mit dem Stolz und der Würde eines ordenskundigen Mannes wickelte er Rodins Ehrenlegion aus der Papierhülle und steckte sie coram publica und zum Erstaunen anderer Gäste des Präsidenten, die gerade vorübergingen, dem großen Bildhauer feierlich auf die rechte Brust . . .
Ein russischer „Messias". Man schreibt uns aus Petersburg: Iwanowo-Wosnessensk, das russische Manchester, mit seinen Tausenden von Arbeitern, ist ein Ort, an dem die verschiedensten „Glauben" in üppigster Blüte stehen. Vor einigen Monaten predigte dort
der „Prophet und Apostel" Grischa, genannt der Barfüßer, Er war ein Bauer, der weder lesen noch fchreiben konnte; aber er ging barfuß durch Schnee und Eis und war infolgedessen ein „Prophet". Man fing an, ihn zu beachten, und es wuchs ihm der Mut. Er begann zu predigen und lehrte: „Da. Tabal- rauchen ist eine Sünde, der Branntwein ist vom Teufel gekommen, Schimpfworte darf ein Frommer nicht gebrauchen, ein Heiliger soll nicht heiraten, weil es gegen das „Gesetz" ist, und was dergleichen Weisheiten mehr sind. Im engsten Kreise feiner .Jünger" verkündete Grischa, er werde „zum Heile der Welt sterben", aber bald wieder auserstehen. Um zu diese» Worte» auch Taten zu fügen, bestellte sich der Apostel einen Sarg und ein Kreuz. Er wollte den Zweifel vieler besiegen und zu diesem Zweck eine große Tat tun, aber die Behörden, die an sein Prophetentum nicht recht glauben wollten, steckte» ihn in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses von Wladimir. In den letzten Tagen trurbe Grischa von dort entlassen, weil nichts darauf schließen lasse, daß er verrückt sei. Natürlich begann nun sofort das alte Spiel von neuem, und der „Prophet"^ hat feine Predigten wieder ausgenommen. t -• - >
Kavanische Musik in Paris. In Paris findet in diesen Tagen ein interessantes Konzert statt: Wohl zum erfiettmale wird ei» europäisches Auditorium Gelegenheit habe», einer Auswahl klassischer japanischer Musikstücke zu lauschen. Der Abend ist von der französisch-japanischen Gesellschaft organisiert worden, die den Pariser Musikfreunden damit Gelegenheit geben will, die klassischen Schöpfungen altjapanifcher Musik kennen zu lernen. Charles Leroux, der längere Zeit in Japan geweilt hat, wird dabei in einem-. Vortrage auf den Geist und die eigenartige; Form der japanischen Tonkunst eingehend