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Stc Sahrgang.

Caffeler Neueste Nachrichten

Mittwoch, 14. Dezember 1910.

fei. 1.1 ....

leit, wäre Wahnsinn, und Kaiser Wilhelm II. tritt als überzeugter Verteidiger des Friedens auf, unter der Bedingung, daß «unablässig friedliche Eroberungen und Er­werbungen gemacht werden.

Sflominstt werft ferner auf die Nüchtern­heit der praktischen internationalen Politik des Karsers hin, der beharrlich die Idee durchführt:Die Zukunst Deutschlands liegt auf dem Wasser". Als er im Jahre 1900 die Expedition nach China abschickte, sagte der Kaiser:Ich werde mich nicht beruhigen, be­vor China nicht bestraft sein wird und seine blutige» Schandtaten gerächt sein werden. Schonung gibt cs nicht; Gefangene werden nicht gemacht. Handelt so, daß nach tausend Jahren kein Chinese es wagt, schief auf einen Deutschen zu sehen". Als im August desselben Jahres Graf Waldersce nach dem fernen Osten abreiste, sagte Kaiser Wilhelm II. einige warme Worte über Rußland, auf dessen Veranlassung der preußische Feldmarschall Deiachements der Großmächte in China er­nannt worden war. lieber Rußland und die russische Regierung sprach Kaiser Wilhelm öffentlich immer in den herzlichsten Ausdrücken und mit der größten Achtung. Gegen Japan verhielt er sich anfangs immer mit merklichem Mißtrauen, da es zu der drohenden und rät­selhaften mongolischen Welt gehörte, von der seiner Meinung nach Europa noch Schlimmes zu erwarten hatte. Bekannt ist diese Mei­nung ausdrückende Bild des Kaisers mit der Aufschrft: Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter!"

Einige Jahre vergingen, und unerwartete Ereignisse führten zu einer Umwertung der Vorzüge Japans und Rußlands. Im März 1905 sprach Kaiser Wilhelm schon von den Heldentaten der Japaner; von ihrer Vaterlandsliebe und ihrer großartigen Disziplin, und im Mai wies er auf die Sittenlosigkeit und Trunksucht der russischen Offiziere und Sol­daten als auf die Hauptursachen der rus­sischen Niederlagen hin. In der Thronrede, die der Kaiser im November desselben Jahres hielt, wurde Japan wegen seines Eintritts in die Zahl der Großmächte begrüßt,mit auf­richtigen Wünschen für den Erfolg der fried­liche KultUrmifsion dieses hochbegabten Vol­kes. In den Fragen der praktischen inter­nationalen Politik", sagt Sslominski zum Schluß,ist Kaiser Wilhelm der Zweite frei von allem Mystischen: die träumerischen Ge­danken über den Himmel und das preußische Christentum verschwinden, und cs erscheint ein nüchterner, sein berechnender Ver- stand, der eine wunderbare Fähigkeit besitzt, Ereignisse zu bewerten und den richtigen Mo­ment zum Vollsühreri. eines notwendige Schrittes zu ersassen. Alles, was der Kaiser dieser Art getan hat, in Marokko, in der Türkei und in der bosnischen Frage. Es ist fehlerlos und mit Meisterhand gemacht, und es offen­bart sich darin ein wirkliches Talent vor Gottes Gnaden." -ec.

Die ParltNilertte.

Tas Neueste aus dem Reichstag.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Wie uns ein Telegramm unseres par­lamentarischen Mitarbeiters meldet, ist der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, von Kiderlen-Wächier, von einer leichten Halsaffektion befallen, die ihn auch seine Rede im Reichstag am Montag nur mit großer Mühe zu Ende führen ließ. Trotz der Heiserkeit des Staatssekretärs war indessen seine Rede aus allen Seiten des Hauses gut vernehmbar, so daß der gute Eindruck, den seine Auslegungen machten, nicht gestört wurde. Die launige Art, in der der Siaats- sekretär seines unglücklichen Debüts vor zwei Jahren gedachte, hat dazu beigetragen, die Erinnerung an jenen Zwischenfall gänzlich zu verwischen. Zu Beginn der gestrigen Sitzung waren der Reichskanzler und der Präsident des Reichstags, Graf von Schwerin-Löwitz, im Reichstag nicht anwesend, da sie Beide an der Jubiläumstagung des Deutschen Land­wirtschaftsrats teilnahmen. Wie aus der Um­gebung des Reichskanzlers verlautet, schießt die Kritik, die ein Teil der linkslibera-

Wedekind imßieiesttant" Das Gastspiel des Dichters im Residenz- thcnter.

L

Frank Wedekind schrieb den Schwank, den wir gestern abend im Theater des Herrn Nordau sahen, im Jahre 1899. Das Stück, das künstlerisch nicht ganz ausgeglichen ist, funkelt von bizarren Launen. Schon hier springt der Geist Wedekinds prägnant in Er­scheinung. Der Dichter findet (behutsam tastend) die Urformel seines Wesens, souverä­ner wird die Eigentümlichkeit seines grau­samen, aufwühlenden Intellektes in der dra­matischen Gestaltung. Durch den Dialog der Komödie gleiten die Lichter echten Wedekind- Witzes, bestrahlen höhnisch die Gestalten, die deutlich ihren Schöpfer verkünden: Im Liebestrank" tollt sich unverfälschtes Wede- kind-Volk. DerErdgeist"-Dichter läßt es an den Gifthaken seines Humors zappeln, bis die Umrisse der Figuren sich lachhaft verzerren. Im Dialog sind schon die Minen der Skepsis ausgestreut. Zynismen züngeln hier und da Mipor wie kleine Giftschlangen.

Wedekind zerrt sein ureigenes Milieu auf die Bretter. Zirkusatmosphäre zieht durch den Liebestrank". Reine Jnstinktmenschen betreten die Szene, über der dann und wann so etwas wie em harter, Bestien bändigender Wille schwebt. Im Zeichen dumpfer Triebhaftigkeit, des Elementaren stehen die Gestalten. Sie sind Besessene. Das dichterische Ideal, von dem der zerrüttete Aiwa Schön in derBüchse der Pandora" später in Lulus grauenhafter Dachkammer zu London spricht, ist längst schon ein bißchen künstlerische, menschliche Sensatton geworden:Ich suchte mit klarstem Zielbewußt- iets den Verkehr mit Menschen, die nie in

len Blätter an der Rede des Reichskanzlers geübt hat, weit übers Ziel hinaus. Die Ver­schärfung des Gesetzes gegen sozialdemo­kratische Umtriebe ist lange geplant ge­wesen, ehe die Konservativen mit ähnlichen Wünschen hervorgetreten sind. Man geht auch fehl, wenn man annimmt, daß der Reichskanz­ler mit seinen Ausführungen den Beifall der Konservattven gefunden habe. In Kreisen der rechtsstehenden Parlamentarier bekundet man vielmehr ziemlich unverhohlen, daß die Rede des Kanzlers für sie eine Enttäu­schung war.

Der Aal am dritten Tag.

Reichstagssitzung vom 12. Dezember.

Am Bundesratstisch: Wermut, Delbrück, von Kiderlen-Wächter, von Heeringen, Lisco und Krätke.

Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt.

Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Lisco gibt eine Erklärung ab, daß die so­zialdemokratische Behauptung unrichtig sei, wonach gegen den Redakteur Wendel in Frank­furt a. M.

ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung erst nach der Rede des Abgeordneten von Hehdebrand eingeleitet worden sei. Das Ver­fahren sei bereits im Oktober eröffnet wor­den. Die Justiz werde ihre Pflicht tun, ohne erst Anregungen dazu aus dem Hause abzu- w arten.

Abg. Lattmann (wirtsch. Vgg.): Der Etat ist erfreulich. Anstatt das anzuerkennen, sucht die Linke das Volk zu verhetzen. Die Liberalen haben ja früher auch mit dem Zen­trum Politik gemacht, ohne daß man von einemrosa-schwarzen" odergrün-schwarzen" Block sprach. Daß die Finanzreform mit dem Zentrum gemacht wurde, ist die Schuld der Liberalen. Wir haben uns die größte Mühe gegeben, den Block zu erhalten. Ob die Heranziehung des Zentrums gern oder ungern geschah, darauf kommt es nicht an, mit dem Gemüt werden derartige Fragen nicht entschieden. Es ist dieselbe Geschichte wie da­mals, als Bismarck zur Schutzzollpolitik überging. Auch da

versagte der Liberalismus trotz der redlichsten Mühe Bismarcks. Bis­marck hat damals auch sicher n d)t gern seinen Frieden mit dem Zentrum geschlossen. (Lebh. Beifall rechts.) Wir danken dem Reichskanz­ler, daß er energisch gegen die Sozial­demokratie tioraei;en will. (Bei all.)

Staatssekretär des Auswärtigen Amts von Kiderlen-Wäckter: Wir halten es auch heute noch für das Wünschenswerteste, daß die Gebrüder Mannesmann sich mit den anderen Interessenten einigen. Mir sind be­reit, dahingehende Verhandlungen zu unter­stützen. Diese strittigen Fragen gehören vor das Forum des internationalen Schiedsge­richts. lieber das marokkanische Berggesetz sind an anderen Stellen Indiskretionen began­gen zugunsten von Interessenten. Wir werden nicht zulassen, daß unsere Interessen ins Hintertreffen geraten. Es ist dann dir Frage der Reorganisation und

Reform des Auswärtigen Amts berührt worden. Es wird im Auswärtigen Amt mit Fleiß, Treue und mit Erfolg ge­arbeitet und den Reformbedürfnissen wird Rechnung getragen. An dec Organisation, die aus einer großen Zeit stammt, vortt Fürsten Bismarck, wollen wir nicht rütteln lassen. Ich habe schon vor zwei Jahren erklärt, daß das Auswärtige Amt gut und zuverlässig arbeitet. Eine besonders begeisterte Ausnahme haben damals meine Ausführungen nicht gefunden. (Große Heiterkeit.) Gerade das Auswärtige Amt braucht Vertrauen und um dieses bitte ich Sie. In der Kommission werde ich noch nähere Auskunft geben. (Beifall.)

Staatssekretär des Kolonialamts Dr. von Lindegnist: Da ich zum ersten Male die Ehre habe, den Etat des Reichs- kolouialamts zu vertreten, möchte ich einige Mitteilungen über die finanzielle und wirt- fchaftliche Entwicklung unferer Schutzgebiete macken. Es geht vorwärts mit alleiniger Ausnahme vielleicht von Südwestasrika, wo

ihrem Leben ein Buch gelesen haben. Ich Hämmerte mich mit aller Selbstverleugnung und Begeisterung an diese Elemente, um zu den höchsten Höhen dichterischen Ruhmes em­porgetragen zu werden." Der Tierbändiger .mit der Hetzpeitsche, der Wedekind im roten Zirkussrack, steht schon (schüchtern und ungewiß noch) hinter der Gardine:

Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier,

Das meine Damen sehn Sie nur bei mir."

Aber noch klingt helles Komödiengelächter. Die Groteske will in der Harmlosigkeit schwe­ben bleiben. Haß, Verachtung, Ekel werden sowie sie sich festsetzen wollen fröhlich von ein paar Schwanktricks in die Lust gesprengt. DerLiebestrank" ist eine sehr feine Komödie.

II.

Die Handlung sei kurz skizziert. Der rus­sische Wuiiisürst Rogoschin, der vom Knuten­ideal besessen ist, liebt die junge Gräfin Katha­rina Totzky, ein feuriges, wildes Rasseweib, das unaufhörlich von Temperamentserplosio- nen kracht. Er liebt sie vergebens, bis ihm der Kunstreiter Schwigerling über den Weg läuft Diesen engagiert er kurzerhand als Hauslehrer für feine Kinder, in Wirklichkeit will er jedoch, daß Schwigerling, derZigeuner", ihm einen Liebestrank braut, der die hübsche Katharina in seine Arme führen muß. Der Kunstteiter weigert sich anfangs, dem alten Dummkopf willfährig zu fein. Aber als ihm Gefängnis und Tod drohen, vollführt er den albernen Hokuspokus, den der Fürst von ihm verlangt Er braut diesem irgend ein Gesöff zusammen, verdeutlicht ihm jedoch mit Nachdruck, daß der Zaubertrank nur dann wirksam fei, wenn der Fürst beim Trinken nicht an einen Bären denke. Diese Bedingung wirkt natürlich suggestiv auf Rogoschin, der bald das ganze Haus voller

die Entwicklung infolge des Aufstandes und der Diamantenfunde eine etwas sprunghafte gewesen ist. Der Pessimismus, der noch vor wenigen Jahren bestand, ist Gott sei Dank da­hin. Wenn in dieser Beziehung

ein so gründlicher Umschwung eingetreten ist, so ist das neben anderen gün­stigen Umständen dem ersten Staatssekretär des Reichskolonialamts zu danken. (Stürm. Beifall links.) Die Verdienste meines Vor­gängers sind so große und dauernde, daß da­gegen das, was andere vielleicht anders be­urteilen, doch in den Hintergrund tritt. Ich erinnere nur an das großzügige und groß­artige Bahnbauprogramm und wie es ihm gelungen ist, auch das Kapital für die Ko­lonien heranzuziehen. Unsere Kolonien sind eine verheißungsvolle Quelle für den Bezug der Rohmaterialien und für die Deckung un­seres Wollbedarfs für unsere Textilindustrie; denn wir machen uns mehr und mehr unab­hängig von ausländischen Spekulationen und Monopolbestrebutigen. Redner geht dann ausführlich auf die Erträgnisse der Kolonien ein und bemerkt weiter: Neben der Fürsorge für die Gefundheit der Eingeborenen müssen wir ihnen die Arbeit lieb und lohnend machen. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist, daß wir sie richtig behandeln. Mein Vorgänger hat dem ganz prägnanten Ausdruck verliehen, in­dem er erklärte, daß wir die Eingeborenen menschlich und gerecht behandeln müssen. Freilich, übergroße Milde und Weichheit am falschen Platze würde von ihnen leicht als Schwäche angesehen werden. Der großen Bedeutung der Missionen für un­sere Kolonien sind wir uns voll bewußt. Er­freulicherweise ist das Verhältnis der Regie­rung zu den Missionen zurzeit sehr gut. Auch der Einführung der Selbstverwaltung wird die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Der Staatssekretär schließt: Daß das deutsche Volk und der Reichstag in schweren und trüben Tagen nicht an der Zukunft unserer Kolonien verzweifelt haben, das gilt heute belohnt zu werden. Die Kolonien sind nicht eine Sache der politischen Parteien, sondern des deut­schen Volkes. (Beifall.)

Abg. Graf von Mielczynski (Pole): Das unzufriedene Volk droht mit dem roten Wahlzettel. Es schreit nach bürgerlicher Frei­heit, die Regierung aber kommt mit Aus­nahmegesetzen. Wenn wir Polen einige par­lamentarische Aktionen mit Zentrum und Kon­servativen gemacht haben, jo ist das noch keine Allianz auf Leben und Tod.

Abg. Werner (Refp.): Nach den sozial­demokratischen Reden wäre Deutschland der erbärmlichste Staat. Tie Herren sollten sich einmal in der Welt umsehen, dann würden sie kuriert werden. Was Herr Dernbnrg getan hat, tag im Interesse der Großbanken, aber nicht des deutschen Volkes.

Staatssekretär Dr. Lisco: Gras Miel- cynski hat behauptet, daß bei den Polen das Vertrauen zur deuschcn Justiz geschwunden ist. Beweise hat er nicht erbracht. Derartige Aus­führungen von der Tribüne des Reichstages sind geeignet, das Vertrauen in die Justiz zu erschüttern. (Beisall.j

Abg. Erz berg er (Ztr.): Der Etat ist eine Rechtfertigung für die Parteien, die die Reichsfinanzreform gemacht haben. Mit dem Abg. von (Samp sind auch wir vollkommen einverstanden mit der Tätigkeit des Staats­sekretärs. Möge er dem Reiche noch recht lange erhalten bleiben. (Beifall rechts und im Zen­trum; Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die von Herrn SB aff ermann geforderte Wehr­steuer erfcheint uns unzweckmäßig. Aber Je Nationalliberalen wollen eben neue Steu­ern. Der Redner wendet sich in einer langen Rede unter fortwährendem, demonstrativem Beifall des Zentrums und der Rechten gegen die Linke. Als der Redner von der verlogenen Agitation des Hansa-BundeS" spricht, fällt die Rechte und das Zentrum mit donnerndem Beifall ein. Erzberger er­sucht den Kriegsminister für die Kommission um das Material im Falle D ammann und nimmt in der Frage des Tempelhofer Feldes Stellung im Sinne des Krregs- ministers gegen die Stadt Berlin. Zum Schluß richtet Redner heftige Angriffe

Bären sieht. Unterdessen ereignet sich Aben­teuer über Abenteuer im Schloß. Zum Schlüsse brennt dann Schwigerling mit der Komtesse durch. Er nimmt sie mit zum Zirkus.

III.

Im Residenztheater traten nun gestern Frank Wedekind und feine anmutige Gattin, Frau Tilla Wedekind (Niemann-Newes) vor einem dankbaren Publikum auf. Soviel ich weiß, hat sich Wedekind zum ersten Male als Schau­spieler in Leipzig versucht. Er gab dort in den neunziger Jahren den Doktor Schön in seinem machtvollenErdgeist". Als er 1898 in München auftrat, erschien plötzlich während der Vorstellung ein Polizeiagent hinter der Szene, der Wedekind warnte, feine Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung stehe bevor. Das Publikum pfiff und johlte. Der Dichter floh noch in der Nacht, geschminkt und im Kostüm, nach der Schweiz. Als Mime hat er nie recht zu reüssieren vermocht. Er gehörte zu den MünchenerEls Scharftichtern", sang beim Guitarrenklang seine Lieder, spielte den Kammersänger, den Marquis von Keith, ging zu Reinhardt. In .Frühlingserwachen" gab er denvermummten Herrn", inHidalla" den buckligen Heimann.

Für mich wird der Schauspieler Wedekind immer wieder zur seelischen Sensation, zum tiefwühlenden Erlebnis. Leidenschaftlich zieht einen dieses faltige, zerfurchte Antlitz mit den tief in den Höhlen liegenden Schwermuts­augen des Desillusionierten in feinen Bann. Gestern abend spielte er, der faszinierendste Dramatiker der Gegenwart, den Schwigerling. Er gab ihn im Kostüm eines internationalen Zirkusangestellten, gab ihn mit harten, eckigen Bewegungen, die aus dem Bühnenrahmen heraussprangen. Abrupt, allzu prononziert schleuderte er die Worte in den Raum. Frau Wedekind lieh der Katharina energische Um-

gegen Demburg. Dr. Rohrbach habe in seinem Buche erklärt, daß Demburg schwere Fehler gemacht habe, dtr tak­tisch geradzu eine Täuschung des Reichstags und der öffentlichen Meinung bedeuten. (Hört, hört, rechts und im Zentrum.

Kriegsminister von Heeringen: Ge­genüber der Zeitungserklärung des Rechtsan- walts ®ammann, die wir gestern mitgeieilt haben. D. R.) erkläre ich loyal, daß seine An­gaben richtig sind. ,

Staatssekretär Dr. von Lindequrst verteidigt seinen Vorgänger Demburg gegen die Angriffe Erzbergers.

Nach einigen persönlichen Bemerkungen vertagt sodann das Hans die Weiterberatung auf Dienstag. Schluß: 8 Uhr,

Die Politik der Lager.

SieFurcht von» dritte» Band."

Von untcrr-ichteier Seite wird uns geschrieben: Ein Reichstagsabgeordneter hat in der Presse Befürchtungen über das Erscheinen des 3. Bandes vonBismarcks Er inne- rungen" ausgesprochen, und aus feinen Worten kann man entnehmen, daß es in dem Belieben oder in der Willkür der in Frage kommenden Verlagsbuchhandlung liegt, ob und wann der 3. Band erscheinen soll. Zu­gleich wurde in der Zuschrift die Möglichkeit betont, daß unter diesen Umständen vielleicht allerlei Kräfte am Werke sein könnten, das Erscheinen des 3. Bandes der Erinnerungen des großen Staatsmannes völlig zu hinter­treiben.

Demgegenüber sei festgestellt, daß alle diese Annahmen durchaus grundlos sind und als falsch bezeichnet werden müssen. Un­seres Wissens ist sogar schon gelegentlich des Erscheinens der ersten Bände derGedanken und Erinnerungen" von autoritativer Seite einiges über den Termin mitgetcilt worden, an dem der 3. Band, der das ganze Werk beschließt, erscheinen soll. Diese da­malige Aiitteilung tvar durchaus den Tat­sachen entsprechend. Es lag nicht im Charak­ter des ei fernen Kanzlers, die Veröffentlichung oder Geheimhaltung einer derartig bedeu­tungsvollen Schrift dem Belieben fremder Persönlichkeiten zu überlassen und er hat dem­gemäß auch die Bestimmung getroffen, das; der 3. Band dann erscheinen soll, wenn von den Persönlichkeiten, von denen in diesem Bande die Rede ist, niemand mehr persön­lich getroffen werden tarnt; das heißt: Wenn das Buch nicht mehr als persönlich empfunde­nes Memoirenwert, sondern als eine historische Darstellung vergangener Zeiten von allen Lesern empfunden werden darf. Welch feines Taktgefühl und politischer Scharfblick den verewigten Kanzler bei dieser Bestimmung geleitet hat, kann man aus der Veröffentlichung der Memoiren eines feiner Amtsnachfolger, des Fürsten Chlodwig Ho­henlohe, erkennen, die bekanntlich bei ihrem Erscheinen von allen politischen Persönlich­keiten als durchaus persönlich empfunden wurden und mit Recht an vielen Stellen einen sehr unangenhmen Eindruck hinterlassen ha­ben. In einem monarchischen Staat können Darstellungen politischer Vorgänge nur bann historisch wirken, wenn sie in allen Einzelheiten von den Kindern und Enkeln gelesen werden. Dies war auch Bismarcks Leitmotiv und lediglich von diesen Erwägungen ist der Zeit­punkt für die Veröffentlichung des 3. Bandes bestimmt worden.

c§a Ein Ministerpräsident gesucht! Zur österreichischen Ministerkrise wird aus Wien berichtet: Bei der gestrigen allgemei­nen Audienz äußerte der Kaiser zu hohen Würdenträgern, er rechne daraus, daß Frei­herr von B i e n er t h die Neubildung des Kabinetts durchführen werde. Die Session des Abgeordnetenhauses wird noch Ende die- ser Woche geschlossen. Tie Regierung erwar- tet keine Obstruktion. Sie wird auch vor­aussichtlich vom Parlament das Budget-Pro­visorium, den serbischen Handelsvertrag und die Hausordnungsreform bewilligt erhalte».

risse Das Ensemble des Herrn Nordau, dem das Casseler Publikum zu größtem Dank ver- pfdichtet ist, tat sein bestes, um die Bedeuaung dieses Abends nicht herabzumindern. Es wurde nichts verdorben. Walter Behrend.

Vergessene Erfinder.

Uns wird geschrieben: Es ist eine alte Er­fahrung, daß die Erfinder gerade derjeni­gen Dinge, die wir täglich gebrauchen, und die Urheber derjenigen Einrichtungen, die uns be­ständig umgeben, am leichtesten vergessen, wer­den Ost hat es des Scharfs-,inns der geistvoll­sten Männer bedurft, um den einen oder den anderen jener ganz gewöhnlichen Gegenstände herzustellen, deren sick heute jedermann gedan­kenlos bedien:. Zu diesen Einrichtungen, die zum Teil allerdings la-on m-.coer ourch die Fortschritte der Neuzeit berbrängi zu werben drohen, gehört auch der Sienftmann, dem man jetzt nur noch selten an den Straßenecken der mobemen Großstädte begegnet, der aber in zahlreichen anderen Städten noch ein ent­behrliches Bedürfnis ist. Wessen Kopf ist mut zuerst der Gedanke entsprungen, an den Stra­ßenecken Leute zu postieren und deren Arme und Beine für eine gewisse Entschädigung zur Verfügung zu stellen? Es war kein anderer als Paul Statten, der geistreiche Komödieu- dichter und liebenswürdige Verschwender, der erste Mann der späteren Frau von Maintenon und Geliebten Ludwigs XVI., in dessen Hause sich die gewähltesten Gesellschaften begegneten, und der, um seine zerrütteten Finanzen aufzu­bessern, mitten unter den surcmvaren Scymer- zen eines schweren Krankenlagers jenen Ge- Bauten ausheckte, dem wir unsereExpressen" verdanken.

Auch sonst können wir häufig genug beob­achten, daß Erfindungen von Leuten gemacht wurden, die zu der Art ihrer Idee in gar tei- netn beruflichen Verhältnis stehen. So ist es zum Beispiel bekannt, baß die Idee, Berlin