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brauchbar hinaus, ich ging wieder nicht zu­grunde, ich kam wieder zurück, ich bot ihr tote- der meine Dienste an. An ein dutzendmal in meinem Leben bat sich dieser Vorgang toieder- holt. Niemanden kann cs wundern, daß mtch der Kampf draußen mit den Elementen auf andere Gedanken brachte, als man in der bür­gerlichen Welt hegt. Sind meine Gedanken unrichtig, dann beseitigt mich die Welt, ohne sich nach mir umzusehen. Nimmt aber die Menschheit meine Gedanken auf, dann gebührt der Menschheit das Verdienst, nicht mir."

So spricht ein Reformator. Wedekind, der tradiwnslos dasteht, zählt nicht zu den abge­schlossenen Künstlern. Er ist ein Dramatiker des Zwtschenreichs, einer der bedeutenden Bahnbrecher und Vorahner des Vollenders, auf den die Gegenwart hofft. -v-

Die Universitär der Frauen.

Aus Tokio wird uns geschrieben: Japan ist wohl der erste Staat der Welt, der eine Universität hat, die eigens für Frau en geschaffen ist, und nur von Frauen dcsucyt wird. Man ist also in Japan in der Frauen- cmanzipation schon insofern weiter gekommen, als in Deutschland, als man den Frauen daS Recht aus eine Universität zugesteht, ohne sie jedoch dem männlichen Geschlecht in der Form gleichzustellen, daß man die Frau neben dem Mann aus einer Bank sitzen läßt. In der rich­tigen Erkenntnis, daß der Frau alle Mittel zur Bildung ihres Geistes erschlossen werden müssen, ohne sie dadurch zu .Mannweibern" zu erziehen, baden die japanischen Gelehrten den ganzen Studienplan für die Frauen aus der Universität eingerichtet. Sie werden dunst die Studien nickt für einen bestimmten Beruf vorbereitet, der ihnen die Möglichkeit gibt, den Lebensunterhalt zu verdienen, fondern sie wer-

wrenotag, ls. wrzemocr imo.

Casseler Neueste Nachrichten

Freude h-r-ttete. . . .

-rs-

Ai,z Ziffabon meldet ein Telegramm: ; Appellationsgericht hat einstim-

Neues hem Tage.

iS Mit dem Leben gefpielt. Ueber eint leichtsinnige Tat, die schwerstes Unglück im Ge- folge hatte, berichtet uns folgeitdeS Tele- gramm aus Langendreer: In der ver­gangenen Nacht benutzten auf der Zeche Bruck- straß fünf Bergleute verbotswidrig in einem Bremsfchacht die Seilfahrt. Hier­bei stürzten alle fünf ab. Drei waren so- fort tot; einer starb nach der Einkrefe- rung ins Krankenhaus, und der fünfte ist schwer verletzt.

rs Ter Soldat als Amokläufer. Das Kriegsgericht in Bielefeld verurteilte, wie von dort gemeldet wird, den Reservisten K l ö p p i u g, der am 23. Oktober mit dem Seitengewehr eine Person erstochen und eine zweite schwer verwundet hasxe, zu 12 Jahren Zuchthaus.

Wie ein Telegramm meldet, staben gestern in Athen die Wahlen zur National. Versammlung stattgefunden. Die voll- ständigen Ergebnisse werden erst in eimgen Ta- gen Mannt sein.

Das Appellationsgericht hat emstim- mig den früheren Diktator Franc o und die anderen Mitglieder des ehemaligen Mini- steriums Franco als in die Amnestie emge' schlossen und die gegen sie erhobene« Beschul- digungen für nichtig erklärt.

*

leisten.

S3 Berlin-PetcrSburg-London? Wie uns aus Köln berichtet wird, bestätigt die .Kölnische Zeitung" in etnem Telegramm ihres Berliner Korrespondenten, daß der Reichs­kanzler am Sonnabend im Reichstag seine Erklärungen über die auswärtige Politik aus dem Grunde nicht frei vorgetragen hat, weil über den Wortlaut vorher eine Verstand'- gung außer mit Petersburg auch mit London herbeigeführt worden war. Man darf daraus, am Ton der Erklärung des Kanz­lers aemessen. schließen, daß zwischen den drei Großmächten in den schwebenden prägen in der Hauptsache Uebereinstlmmung besteht. . e ...

Politische Chronik.

Wie uns aus Berlin gemeldet wird wurde dort gestern am Glaste des H o f p r e - diaers Stöcker seine Büste enthüllt. Um 9 Uhr abends starb Stöckers Gatttn nach langjährigem Leiden.

Nachrichten auS Metz zufolge ist die M a- gen operativ« des Unterstaatssekretars im Kolonialamt, Dr. Böhmer, gut verlau­fen.

Sie Politik des Tages.

S3 Dammann kontra Heeringen. Der Rechtsanwalt Dammann in Oberhausen, dellen ehrenamtliche Maßreaelunq als Reserve­offizier di-ser Tage im Reichstag zur Sprache kam veröffentlicht in einem Kölner Blatte eine gegen den K r i e g s m i n ist e r von Hee- ringen gerichtete Erklärung, in der es unter anderem heißt:

Bei Erwähnung meiner Duellanaele- genheit im Reichstage hat der Krßegsminister von Heeringen erklärt, ich fei für schul- big befunden, weil ich von einem Kame­raden. mit dem ick in nicht einwandfreier gesckäftlicker Beziehung gestanden Hätte, brieflich schwer beleidigt worden sei. meine verletzte Ehre aber nickt Hinrei­ck end gewahrt habe. Auf den Zuruf: .Was hätte er denn tun sollen?" hat der Minister entgegnet: Abgesehen von einer Forderung, hätte ich den Ehrenrat an« rufen oder gerichtliche Klage an- strengen können: ick hätte aber nichts von alledem getan. Darin liegt der mir gemachte Vorwurf nicht genügender Wahrung meiner Ehre begründet. Demgegenüber stelle ich fest: Gleich am Tage und in der Stunde, als ich den beleidigenden Brief erhielt, habe ich unter Einfendung des Originals dem Ehrenrate Meldung gemacht. Gleichzeitig habe ich gerichtliche Klage eingeleitct und auch davon dem Ehrenrate Meldung gemacht. Ter Ehrenrat hat mich aber unter Hinweis auf die allerhöchste Kabinettsorder vom 15. Juni 1897 ge­zwungen, die gerichtliche Klage zurück- z u n e h m e n."

Der Vorfall bedarf also noch der amtlichen Klarstellung, denn cs steht hier Behauptung gegen Behauptung, und da die Frage der

tik auf

Aufrechterhaltung des Friedens im Orient unterftübt wird Ueber unsere Beziehungen zu England und angeb­liche Verhandlunoen mit diesem über eine vertragsmäßige Beschränkung der R n tun fl cn zur See hebe ich hervor, daß bie großbritannische Regierung wiederholt dem Ge- ^auken Ausdruck gegeben hat eine Vertrags mäßige Beschränkung der Rüstungen berbenu- ühren, ohne jedoch Anträge zu sichen. Wir legegnen uns mit England in dem Wunsche, Rivalitäten in Bezug auf die Rustnw , ju vermeiden. Der Gedankenaustausch dürfte auck zur Beseitigung be 8 ^6trauens fübrer das sich zwar nickt zwischen den Re- c.ierungen, 'aber in '^r öflentlicken Mciming vielfach aeltend gemacht hat. lieber unsere Verhältnisse zu Rußland kann icy sagen, daß die Entrevue harmonisch verlaufen ist. Das Gleiche gilt auch von den Besprechungen h't Vertreter der beiderseitigen Regierungen. Die Regierimgen werden sich in keine Aktto- rinfn'fen die die Spitze gegen den ände­rt n richten und keinerlei Politik unterstützen, die auf Störung des Status duo auf dem Bal­kan ausgeht. Wir müssen zugeben daß Ruß­land einen besonderen Einfluß auf Norbpersren aeltend machen muß. Rußland toirb unserem Handel dort kein Hindernis in bett Weg legen. Es hat sich eine

Uebcreinftimmung über alle Fragen aeben bas alte vertrauensvolle Verhältnis zwischen uns und Rußland ist gestärkt und befestigt worden. (Lebhafter d^Abg Dr. Wiemer (Vvt): Der Reichs­kanzler hat wiederholt die Mahnung an uns acrichtet, als Trennende zu vergessen Wir sind zu praktischer Arbeit stets be- {eit die Sünden der Vergangenheit aber bleiben bestehen. Wie steht es nnt der Wi - wen- und Waisenversicherung und mit der Pri­vatbeamtenversicherung ? Vielleicht gibt bvt Reichskanzler hier eine ^tlarnng über ben Stand der preußische« Wahlreform ab Wir wollen ferner eine schrittweise Her­absetzung der Zölle. Der Reichskanzler meinte, auf die nächsten Wahlen werde eine Götterdämmerung nicht folgen. Wir futo ja gewöhnt, mehr Dämmerung als Got­ter zu haben. lHeiterkeit!) Wie denkt sich Fürst von Beckmann (Große Heiterkeit! Der Reichskanzler schüttelt lachend den Kopf) bu Durchführung der Gleichberechtigung der Staatsbürger? Ich glaube es ihm, daß er

kein Parteikanzler fein will. Aber feine Ta­ten passen bisher ausgezeichnet in de« blau- schwarzen Kurs hinein. Die Vorgänge beim Wahlkampfe in Labiau-Wehlau sprechen eine deutliche Sprache. Ich begrüße, daß der Reichskanzler Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie nicht machen will.

Der Sturm da draußen im Lande ist durch eine falsche Politik hervorgerufen. Der Kanzler und die Mehrheit des Hauses tragen die Mitschuld an der falschen Finanz­politik, und die Finanzreform ist eilt Wechsel­balg. Wir verlangen Beseitigung bet Stan- desvorrechte und der verfassungswidrigen Zn- rücksetzung der jüdischen Mitbürger. Bei der Begnadigung der Bonner Borussen drängt sich der Vergleich auf mit der Vcrur- teilung der Landwehrleute, die sich mit einer Depesche an den Kaisör wandten, zu langjährigen Zuchthausstrafen. (Sehr wahr! links.) In der Frage des Lem- pelhofer Feldes darf sich der Reichstag bte Entscheidung nicht nehmen lassen. Wir emp­fehlen ferner eine Ei «schränk u n g bei Flottenrüstungen durch Verständigung mit England. Dem Rattensängergeflöte von der Sammlung werden wir nicht folgen und sehen mit Zuversicht der Entscheidung bet den Wahlen entgegen.

Abg. Frhr. von Garnp (Np.) > Wir mußten di» Reichssinanzreform machen, sonst wären wir in eine endlose..^"^viisere ge­kommen. Die sozialdemokratische Gefahr^ dür­fen wir nicht gering emschatzen Sie verhetzt die Jugend und mochte auch ins Militär ein« bringen9 Wir wollen unter allen Umstanden den sozialdemokratischen Terror brechen. Die Gesetzgebung muß die Möglichkeit dazu bieten.

Ehrenaerichtsbarkeit der Reserveoffiziere ohne­hin (stunb genug zur Kritik bietet, erfordert die Angelegenheit einwandfreie Klärung.

Wie es kam . . . ZumP roses s o - renstreit" wird unS aus Berlin berich­tet: Die Herren, die dem Professor Ludwig Bernhard bet feiner Duellforderung bei­standen, veröffentlichen folgende Erflärung: Die Pistoleuforderung an Herrn Professor Sc- ring wurde nicht dadurch veranlaßt, daß die Professoren von Schmoller, Gering und Wag­ner in einem an Professor Bernhard gerichte­ten Briefejede über die amtlichen Beziehun­gen hinausgehende Gemeinschaft mit ihm ab= lehnten", sondern durch eine in hohem Grade verletzende Kränkung seiner Ehre, die diesen Worten boranging. Ledig­lich diese persönliche Beleidigung bestimmte Herrn Professor Bernhard, am 27. Juli eine Ehrenerllärung von Professor Erring zu ver­langen, was dieser aber ablehnte und sich nur bereit erklärte, den Streitfall einem aus Standesgenofsen zusammenggsstzten Ehren, gericht zu unterbreiten und jede von diesem für erforderlich erachtete Genugtuung zu geben Professor Bernhard lehnte dieses Anerbieten indessen ab, worauf erst die Ueberbringung der Pistolenforderung erfolgte. Professor Ge­ring hat sich aber im entscheidenden Moment geweigert, der Herausforderung Folge zu

Die m

Begnadigung der Bonner Borusse«.

gebt den Reichstag gar nickts anWir sind mit den Maßnahmen des Schatzsikretars ein­verstanden. Er ist bor tuckstaste tot.

den ick seit 26 Jahren kennen gelernt habe. Gute Finanzen dienen ebenso dem Frieden, wie ein tücktiges Leer. IBetfall.)

Es wird sodann ein Vertagungsantraa angenommen und die Weiteckerattnig des Etats auf Montag anberaumt Schluß 5 Uhr.

Kaiser hat sich als F r i e d en s r st er- wiesen, und der Eindruck des festen Zusam­menwirkens Deutschlands und OesterrcLchs ist auch in Italien nicht spurlos vornberge- gangen. Die Ungebärdigkeit und Pobclhaf- tigkeit der deutschen Sozialdemokratie gegen den Zaren als Gast des deutschen Volkes hat unsere Beziehungen zu Rußland nicht verbei- fert. (Lebhafte Zustimmung). Die Besse­rung der Verhältnisse in der Türkei begrü- ßen wir. Die deutsche Politik in Marokko bat aber keine glänzenden Resultate gejeittgt. Der Vertreter des Zentrums blies gestern

zum Sammeln der bürgerlichen Parteien. In den Zeiten der Borromaus-Enzyklika kann uns ein Bündnis mit dem Zentrum nicht erwünscht fein. Zch glaube nicht an das An­wachsen der roten Flut, aber Reformen sind notwendig, und wir werden nur bann baS er­reichen, was wir erstreben, wenn Thron und Volk treu zusammen stehen. (Lebhaf­ter Beifall.) _ ,,

Reichskanzler von Bethm ann Holl- w e g: Ich will kein allgemeines Exposee über unsere äußere Politik geben, sondern nur auf einige Fragen antworten. Dabei spreche ich meinen Dank den Staatsmännern der beiden verbündeten Mächte aus, bte tn ihren Parlamenten unseren Beziehungen war­me Worte gespendet haben. Ick schlicke mich ihnen voll an, denn ick finde tn r^ven bestä­tigt, was mir die Herren in freundschaftlicher Unterhaltung hier und in ->florenz gesagt ha­ben. Die Rechte der deutfchen Untertanen_ in Marokko werden wer zu schützen wissen. Darüber wird der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes noch Auskunft sseben. i-te kaiserliche Regierung bat die Verhandlungen der Banken mit der Türkei mit Sympathie begleitet, weil dadurch ihre bewahrte Poli-

mit voller Energie, aber ohne Aus­nahmegesetze durchgcführt werden sollen. Vor 15 Jahre« hat sogar die Reichspariei Be­denken gegen die f»genannte Umsturzvorlage gehabt. Die Moabiter Vorfälle sind allerdings nicht zu unterschätzen. Aber davon, daß die Polizei die Sache provoziert hat, kann keine Rede sein. Sie ist anfangs viel­leicht sogar zu zögernd vorgegangen. (Sehr richtig! rechts.) Aber an der jetzigen Ausdeh­nung des Verfahrens trägt auch die Behörde Schuld, die die Anklage kombiniert hat. Der Schatzsekretär verdient Lob für die Aufstellung des Etats, aber werden die neuen Steuern wirklich immer so viel bringen, wie veran­schlagt worden ist? (Sehr richtig! links.) Wir standen bei der Reichssinanzreform auf dem Boden der Regierungsvorlage. Jetzt stellt man es so hin, als ob wir keine positiven Vorschläge gemacht hätten, aber Sie (nach redMS) täuschen damit das Volk nicht. Die schärfste Kritik für Sie bilden die Wahle« in

LyckOletzko und LabiauWehlau.

Das Quinquenat halte« wir für richtig, und auch in Sachen des Tempelhofer Feldes nimmt der Kriegsminister einen richtigen Standpunkt ein. Er sollte aber auch nicht das Augenmerk verlieren bezüglich der Exklusivität des Dffi« zierkorps. (Lebhafte Zustimmung links) Wir erkennen an, daß die Flotte auf die Höhe gebracht toirb. Mit Befriedigung sehe« wir die auswärtige Politik in den Hän­den eines so erfahrenen Diplomaten tote des Herrn von Siderlen-Wächter. Tex Deutsche

Der Kamps um den Mat. <

ReichstagSfitzung vom 10. Dezember.

Auch am zweiten Tage der Etatsbera- tuug ist die Regierungsbank voll besetzt, und neben Delbrück, von Heeringen, von Tirpitz, Wermuth und Krätke sieht man auch Herrn von Bechmann Holltoeg, inzwischen

von der Springer Pürsch heimgekehrt.

Rach Erledigung einiger geschäftlicher An­gelegenheiten tritt das HauS in die Tages­ordnung ein: Fortsetzung der ersten Lesung des ReichShauShaltsetats.

Reichskanzler von Bethman« Holl­weg ergriff dazu als Erster das Wort zu der Rede, die wir bereits in unserer Sonnabend- Ausgabe in der telegraphischen Ucbermittiung unseres Berliner Bureaus totebergegeben ha­ben. Nach dem Kanzler kommt

Abg. Basser mann (ntl) zum Wort: ES bleibt dabei, daß die Reichssinanzreform nicht dem sozialen Gedanken entspricht. Es war ein Fehler, daß Fürst Büloto nach Ableh- nung der Erbschaftssteuer den Reichstag nicht auslöste. Hätte er es getan, so wäre die Auf- toärtSbetoegung der Sozialdemokratie nicht er­folgt. Die Aeußerung des Kanzlers über die Wixtschaftspolitik unterschreiben wir in allen Teilen. Der Kanzler hat auch darin unseren Peisall, daß die bestehenden

Gesetze gegen revolutionäre Bewegungen

Nr. 8. 1. Jahrgang.___________________

Verhältnis nicht nur toiederhergestellt, sondern gekräftigt, und wie hoch man diese Errungen­schaft auch im Parlament betontet, baS ergab sich aus dem lebhaften Beifall des Reichstags, lieber die Orientfrage, in der Deutschland gleichfalls parallel mit Rußland geht, und über sonstiges wird man wohl vorn Staatssekretär von Kiderlen-Wächter noch näheres zu hören bekommen. Als unnachsichtlicher Kritikus trat dann in langer Rede als Vertreter der Sieger­partei von Labia« < Wehlau. Dr. Wie­mer von der Fortfckrittlicherr Volkspartei auf den Plan. Die Linksliberalen lassen sich für einenblau-schwarzen" RegierungskurS nicht gewinnen; sie schreckt .der Glorienschein der Selbstlosigkeit", den Herr Speck vorgestern über Zentrum und Konservative« leuchten lieft. Gegenüber heftigen Unterbrechungen von biefer Seite markiert ber Redner scharf die Tren­nungslinie zwischen Linksliberalen und So­zialdemokraten. Der spaßige Ton. den als­dann (als letzter im Sonnabend-Reigen) ber Reichsparteiler Frhr. von G a m p anschlug, zog bas bis babin hohe Niveau ber Dis­kussion ersichtlich nach unten, unb man merkte auch an bes Kanzlers Mienen, baß ihm ber .Sekunbantendienst" dieses Redners wenig

Set ZnunMet Wedekind.

3u seinem Gastspiele im Casseler Residenz­theater.

Heiß wirb das künstlerische, bas mensch­liche Problem Wedekind umstritten. Anfrei- zcnd, faszinierend glänzen die Resultate deS Dramas, das uns dieser Dichter schenkte. Ueber den artistischen Interessentenkreis ber Litera­ten ist fein Wert jetzt hinausgewach- scn, um sich leidenschaftlich zu einer brennen­den menschlichen Angelegenheit zu c rheben. Uns alle sollte bas Problem Wedekinb in sei­nen Bann zichn; denn hier vollzieht sich eine künstlerische, eine ethische Revolution ohne- gleichen, hier wirb die Schaubühne zur wahr­haft moralischen Anstalt. Die Werte einer neue« Geistigkeit, die unter Qualen einer wi­derspenstigen," verheerten Natur abgerun­gen wurden, schimmern auf ihr.

Wild züngeln die Rampenlichter auf. Es ,ellt das .literariscke Variöto". Aber es spreizt sich kein Literaturclown mehr: das Theater sinkt ins Grauen zurück. Haß, Hohn, Verachtung, die immer wieder bte Li­nien der Groteske aufspringen lassen, arbeiten stöhnend am Mechanismus dieser Buhne. Ein Geist, der sich weit borgetoagt hat, spricht nut grausamer Stimme zu uns. Gepeinigt von der Dummheit und ^Brutalität ber Wirklich­keit, bricht er in Blasphemien aus. Und eS ist wiederum der Schmerz eines Gekreuzigten, der in die Nacht des Lebens hinausschreit. Das zynische Drama Wedekinds, das ein Spie­gel der Verzerrungen ist, ist heißer Kamps um die Wahrheit. In ihm öffnen sich die Un­tergründe des Lebens. Alle Niedrigkeit, alle Laster der Menschheit springen auf ihnen tn grellen Lichtern der Ironie hervor. Wie Arthiebe fallen die Worte bei fetnbfelige« Dia- log3, um alle Tiefen bet Seele aufzureißen. In

der Geste einer Figur, in einem jähen Grin­sen, zu bem sich bie Physiognomie ber Szene zusammenfaltet, strahlen Welten von gedanklichen Perspektiven, von kühner, unge­ahnter Psychologie.

Frank Wedekind ist durch und durch Mo­ralist. Am dunklen Hintergrund seines scho­nungslosen Realismus entfalten sich zart bie weißen Flügel eines hohen Jbealismus, ber Sehnsucht nach einer neuen Welt der Schön­heit und der Freiheit. Immer wieder stellt er sich selbst in das Zentrum seines Dramas. Leidenschaftlich läßt er in seinem Einakter Tie Zensur" den Dichter Buridan sprechen: »Seit frühester Kindheit arbeitete ich daran, bie Verehrung, bie uns die schöne Natur einflötzt, mit ber Verehrung auszusöhnen, bie uns bie ewigen Weltgesetze abtrotzen. An der Schön­heit der Weltgesetze haben wir kerne Freude. Vor den Gesetzen weltlicher Schönheit hegen wir keine Achtung. Die Wiedervereinigung von Heiligkeit und Schönheit als göttliches Idol gläubiger Andacht, das ist das Ziel, dem ich mein Leben opfere, bem ich seit frühester Kindheit zustrebe."

In bas Publikum, das in Wedekind einen Zotenjongleur, einen Gaukler erblickte, ssvird heute eine andere Ueherzeugung vom Werte des Dichters getragen. Mau muß das We>en dieses Ketzers, dessen Antlitz von Gier, Ein­samkeit und Sehnsucht gezeichnet ist. aus ber Naturalistenzeit Heraus verstehen. Die zerris­senen Stimmmung biefer Generation flattern durch fein Drama, auch wenn es hock über den Ergebnissen jener Epoche steht. Im Zähre 1891 erschien seine Tragödie .Fruhlings- erwachen", über bereit gespenstischen Himmel ein Donnerton bei Revolution fliegt,er .Satanist, verbündet sich hier mit der Ju­gend, die in Dualen ächzt und von bei herr­schenden Moral in Grauen und Tod getagt toirb. Seine Verachtung der bürgerlichen

Welt formt in biefem Stück unheimlich Tra­vestien. Dann schreibt Wedekind den genia­len .Erdgeist", das Drama von Lulu, der gro­ßen Verführerin. Ihre Exottk mordet bte Männer: dem Elementaren, der Triebhafttg- heit fallen die Uebcrlegenheit ber Nerven, ber Geist zum Opfer. Ans der vernichtenden Konsequenz, der unerbittlichen Logik von Strindbergs Dramen wachsen Geist unb yorm des Stückes hervor, das in berBüchte ber Parbora" seine grandiose Fortsetzung ftnbcL Durch dieses erschütternde Sittengemäldc strei­chen alle Schauer der Diesen, ber Hoffnungs- losigkeit. Unter bem Messer Jack des Auf- schlitzers verröchelt Lulu, die aus dem Glanz der großen Welt gestürzt ist, und als itrne durch bie Straßen Londons streifte.

Vor berBüchse ber Panbora" erschien berMarquis von Keith" die wundervolle Hochstaplerkomödie, in ber infernalische Reben klingen:Sünde ist eine mythologische Bezeich­nung für schlechte Geschäfte",Das glänzendste Geschäft in dieser Welt ist die Moral.

1902 entstand das großartige Schauspiel So ist das Leben", baS sich zur Wucht unb Größe ber Shakespeare-Tragödie auftürmt,sn diesem Stück kommt ber Romantiker, der Wede­kind immer war, zum Durchbruch. Das Schick­sal eines Königs wird geschildert, der vom Thron gestoßen wird, auf den Jahrmärkte« als Komödiant umherirrt und als Hofnarr tern verelendets Leben aushaucht. 1904 erschien Hidalla", das Schauspiel, in dem ber bucklwe Karl Heimann den Bund zur Zucktung von Rasseiimenschen bildet. Zum Schlüsse erhängt sich dieser Prophet, um nichtbummer August" im Zirkus Cotrelly werden zu müsse«. Auck durch Heimann spricht Wedekind selbst zu uns: .Mich stieß die Gesellschaft einst als unbrauch­bar ans ihren Kreisen aus. Ick ging nicht zu­grunde. kam zurück und bot ihr meine Dienste an Die Gesellschaft stieß mich wieder als un-