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der Zwietracht da» Parteisüppch« zu koch«. SM ob sicht trotz der geschmäht« Ftturaz- resor» Handel und Wandel blühe, ja, an das Anstand (Türkei!) Geld eeeeb« werde! In diesem Gedaukrngany tarn dem Zentrums- raaun MltagS der Zorn, toeU die Rrgierupg bet offensichtlichen Vergiftung des öffentlich« Eeb«s sicht rechtzeitig durch Lufllärnug des Volle» dorgebeugr habe. ZuDummng rechts. Unter i-rlch« UrnöLud« verunglückt- der SanmümigSappttr. mit dem der Zentrums, mau» feine* schloß. und Wer die Aufsor- dermm. «an mSge. fowett di- bürgerliche Souleur reiche, den Hader abtmr undta telbffloftr Arbeit' sich zufammesstnd«. flutete da» spöttische Lach« der Link«.

Der kcmftrvaftve Abgeordnete Frhr. von R^chthofeu. der »nnüchsi gleichfalls geg« die Linke vom Leder zog, suchte insofern mit mehr Geschick einzulenken, als er den Reichs- Lmzker mit einem Hinweis auf die behut­sam« wirtschaftlichen Aufgaben der nah« Zukunft apostrophierte. Mft ander« Worten: ©et Geist des Zolltarifblocks soll vom leitenden Staatsmann heranfbeschwo- r« werden, damit wenigsftns die Rational- liberal« aus dem Riug der Link« heraus­gelockt werd«. .Ob man wohl mit Speck liberale Mmrft saug« wird?', meinte Ge­nosse Sch ei dem« un iu seiner temperameut- voü-saririsch« Rede, bei der eS im Saal sehr lebhaft wurde. Der Reichskanzler, dem dieser Redner seine heuftge Abwes«hett als Mift- «Hftmg des Reichstages auslegte, wird sich nach seiner Rücftehr von der Hotzagd (vermut­lich am Sonnab«d schon) als Mittler und Friedensstifter zu versuch« habe«. Ein sauer Werk! Der Wahlkampf erheischt erbitterndes Vorrecht, die neuen Handelsvertrüge aber, von denen Versöhnung erhofft wird, lieg« noch in nebelhafter Ferne. ... , -ts-

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Die ßtatpremlere.

< Reichstagssttzrrug vom 9. Dezember.

Die Ministerbank ist dicht gefüllt: Delbrück, Wermuth, von Tirpitz und von Heering« sind erschien« und nur der Kanzler fehft, der in Springe zur Hofjagd weilt.

Staatssekretär Wermuth leitet die Etatsberaluug mit einer länger« Rede ei«, in der er unter anderem ausführt: Das letzte Rechnungsjahr bedeutet die Prob« aufs Exempel unserer Reichsstnanzen. Die Finau- s« des Reiches befinden sich in fortschrei­tender Gesundung. (Lebh. Hört! Hört!) ilber gerade deshalb ist eS nötig, doppelt vor­sichtig zu sein, damit nicht die Gesundung un­serer Finanzen gefährdet ist. Auf das Jahr 1911 smcken sich

die Laste» bet Bergange^eft mit voller Stärke nieder, dir Schuldentilgung, die Erschöpfung des ReichÄuwall^rftoadS usw. Das find hohe Anforderung«, und dir Mittel zu thrrr Befriedignng sind «g be­grenzt. Au die Matriknlarbeiträge von 80 Psg. pro, Kopf müffm ton uns unbedingt seMammern, sonst verlieren wir cheich wie­der da» Steuer aus der Hand. Wir werd« aber das Gledhgetoicht zwischen Ausgab« und Einnahmen wieder hersteL« kömwn. (Bei- fall.) Aber die Frted«sprLseuzstärke des Heeres muß erhöht werd«. Das J-chr 1909 war et» Jahr der Wirrnisse und doch en- bete es mft einem »er)önlichen Licht- blick. Es hat sich um 112 Millionen Mark bester erwies«, als auzunehm« war. Das J-chr 1910 hat (eine angenehmen Nebeer a s «chu ng e n, aber auch keine Esttäuschunge« gebracht. Kein Ressort hat seine AuSgabm bisher Überschriften. (Hört! Hörti rechts; Heiterkeit lftckL.) Sie seh«, daß der Geist der Sparsamkeit überall iu der M- nanzdertoaltung umgeht. (Beifalls Aber auch 1910 ist

ein wefthin sichtbarer W-rnnugSpfahl geg« allzu optimistisch« Erwartung«. Wir dürft» uns aber freu«, daß der Voranschlag fast mathematisch genau erreicht werd« wird. Freilich müst« wir erst das Ergebnis bei d« Zoll« und Stemru abwart«. Der Staats­sekretär geht daun auf die ehtytoat neuen Steue« ein und schließt hieran ein« kurz« Ueberblick über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich lebe der fest« Ueberzsmrmg, baß der Zeitpunkt ' sicht ft« ist, wo dieser

Ceffetet Reuest« Rach richt«

Felsblock auf der Höhe ein« sicher« Ruhe- pmüt find« wird. Wirken wir zusam- men, damit er nicht noch auf dem Gipfel unser« Hand« entgleitet. (Beifall rechts und im Zentrum.)

Preußischer Kriegsmintster von Hee- rlug en: Die Nottoendigkeft eines stark« deutsch« Heeres eingehend zu begründ«, ist meines Erachtens kaum vorhanden. Jeder, der die Gegenwart und die Zukunft nüchtr« ab- schätzt, wird mft mit der Meinung sein, daß Derttschlands geachtete Stellung, sein Einfluß auf die Erhaltung des europäisch« Friedens nicht zum mindesten auf einer

stark« und säflagfertis« Armee bericht. Durch das neue Friedenspräftnzge- setz soll« die entstanden« Schwäch« beseitigt werd«. Nach der Ueberzeuguug der verbün­det« Regierungen ist aus milftärischen und politischen Gründen jetzt der Zeitpuntt ge­kommen, unser ^Heerwesen weiter zu entwickeln. Der Kriegsrninister legt dann die schon bekannten Grundsätze der neuen Hee- resvorlage dar; nur die allerdringendst« For­derung« seien eingebracht worden. Die Durchführung dieser Maßregeln würde das Heer befähigen, den Feind von der vaterlän­disch« Grenze abzuhalten, wenn der Ernstfall nicht erspart bleiben sollte. (Beifall rechts.)

Abg. Speck (Zenft.): Der Etat zeigt die glücklich« Rückwirkungen der Reichsfi- nanzreform aus unsere Reichsfinanz«. (Sehr richtig im Zentrum, Lachen links.) Bon einer allgemeinen Erörterung der politischen Frag« wollm ton absehen. Das Privatbe- amtengesetz sollte noch in dieser Session vor­gelegt werden. Die Neuwahlen scheinen unter der ParoleGegen die Reichsfinanzreform' und »Gegen ihre Urheber' vorgenommen wer- b« zu sollen. Gewiß, die Rejchsfinsnzre- sorm ist <

lei» ideales Werk,

aber welches Gesetz ist ideal? IDaS famose Flugblatt des Hausa-Buudes zeigt, wohin die Reise gehen soll. Die Unterstützsug meiner Freunde zu seiner Po litt! kann ich dem Schatzsekretär zustchern. Der Redner bespricht daun den Berkaus des Tempelho­fer Feldes. Au dem Vorgeh« des Mini­sters wäre nichts auszusetz«, w«n nicht der Kaufvertrag ohne jed« Vorbehalt gemacht und die Auflassung nicht schon erfolgt wäre. Welche Konsequenz« aus einer evtl. Ablehnung des Reichstages zu ziehen sind, wftd zu erörtern sein, wenn der Reichstag Stellung genomm« hat. ©obxnut erörtert der Redner den Fall des Rechtsanwalts Damman in Oberhaus«, der, als Reserveoffizier, durch ehrengerichtlich« Spruch mft schlichtem Ab­schied entlass« ist, weil er ein« Mann, der ihn und andere betrog« hatte, und an ihn etaa beleidigend« Brief schrieb, nicht vor die Klinge gefordert. Die Begnadi­gung der beidm Bonner Botnfse« wäre nicht erfolgt, wenn die Mssetäter zwei Ar­beiter gewesm toaren. Die Mehrausgaben der Marine halt« sich in mäßig« Grenz«. Jeder, dem das Wohl des Reicks am Herz« liegt, nmß eS beklagen, tote die bürgerlich« Parteien sich bekämpf«, und wie

die Sozialdemokratie als lachender Dritter die Früchte dieser Zerfleischung eftcheimft. An dem unsachlich« Kampf ist zum groß« Tell die Regierung mit schuld, denn sie hat nicht rechtzeitig AuMrung geschaffen. (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) Me bürgerlichen Partei« sollt« das Kriegs- bell begrab« und an der Versöhnung der Gegensätze selbstlos Mitarbeit«. Nur dann wftd der Reichstag der nächsten Wahlen imstande sein, die großen, schwierig« Aufga­ben der Zukunft zu erfüll« (Lebhafter Bei­fall L Ztr.) und rechtS. Zisch« links, er- netrie SegeNkundgebungeu.)

Preußischer Kriegsrninister von Lee- ringe«: Ich will zunächst nur «ms d« Fall Dammaun eiugehen, fttoett ich heute schon in der Lage bin, einiges rnitzuteüen. Der Oderleutnat Dammaun ist mH schllichtem Ab­schied entlass«, well er gegenüber einem Ka­meraden, der ihn schwer beleidigt hat, seine Ehre nicht hinreichend gewahtt hat. (Zuruf Nn»: Well er nicht geschossen hat!) Seht, da er feine Ehre nicht hinreichend gr- toahtt hat. (Lach« links und im Zenkr.) Sie

schein« die merkwürdig« Auffassung zu hab«, daß man seine Ehre nur

mit Pulver und mit Blei schütz« kann. (Zuruf links: Wie betrag Das richtige wäre gewesen, den Ehrenrat zu bmachrfthti» g« und eine gerichtliche Nage «uzureich«. Unsere ehr«gerichtlich« Verordnung« ken« n« da- Wott Zweikampf überhaupt nicht. (Lach« links.) Ditz Ehrmgerichte kümmern ich nur darum, ob ein Beleidigter «ttpre- cheud d« Ehrbegriff« und d« Verhältnis­sen des Ofizierkorps gehandelt hat. Jttwn- fallS liegt die Sache ächt so, daß der Ober­leutnant entlass« wurde, weil er sich mit einem Betrüger nicht habe schieße» wolle». (^ustimmnna reckts.)

^Abg^Fchr. w Rtchthofen (kons.) Wft sprech« dem Schatzsekretär unsere Anerken­nung aus. Unser Finanzwesen hat sich wesentlich gebessert. Erfteulich ist die überall erk«nbare Sparsamkeit. Die Forde­rungen des Kriegsministers sind berechtigt. Das zeigen uns auch die Rüstungen des Aus­landes. Die Reichsfinanzreform hat ihre Schuldigkeit durchaus getan, aber es ist aus durchsichtigen Gründ« eine große politi­sche Hetze ins Werk gesetzt Word«. Die Finanzreform ist ein großes nationales. Werk, und

wir find stolz darauf.

(Beffall rechts und im Zenttum, Lach« lftckS.) Sie ist ein Ruhmeswerk für die Parteien, die sie zustande gebracht haben.

Abg. Scheidemann (Soz.): Der Reichskanzler ist zur Hasenjagd. Da der österreichische Thronfolger an dieser Hasen­jagd teilnimmt, erscheint tS dem Reichskanz­ler wichtiger, daß er sich in seiner Gesellschaft befindet, als in unserer. Manche wichtig« Ent­scheidung« sind ja von höfisch« Sanjagd« ausgegang« (Lebhafte Hetttrkett links.) Herr Speck hock zum Sammeln geblaftu. Wahr- scketulich sollt« mft diesem Z-utrumsspeck liberale Mäuse gefangen werd«. Dir Redner geht dann auf die Vorgänge bei der Reichsfinanzreform näher ein mid betont, daß die Sozialdemokratte d« Kampf ge­gen die Regierung samt der Recht« and dem Zentrum fortführm werde. Redner schließt: Welcher Unglücksrabe hat denn die Begnadigung der beid« Bonner Borus­sen empfohlen. Dem Herren werden wir wohl nächstens hier ans der Ministerbank begegn«. (Heiterkett). Unterfchätz« Sie das Rechüich- keitsgefühl des deutschen Volkes nicht. Das möchte ich geg« die Schreier nach Ausnah­megesetz« sag«.

DaS Haus verlad hierauf die Wetter- beratung des Etats auf d« heuttg« Soun- abeud. Schluß 6% Uhr.

Sie Politik des Lager.

sDas bißchen Moabit . . Wie ein Frankfurter Blatt von zuverlässiger Sette er­fahr« hab« will, sind die Versuch«, d« Reichskanzler einer AuSvahmegesetzge- bung gegen die Sozialdemokratie geneigt zu machen, anch m letzter Zett noch ttfrig betrieb« worden, unter besonderem Hinweis auf die Vorgänge in Moabit. Der Reichskanzler fei aber dies« Bemühungen we- äg zugänglich gewesm, und habe unter an- derrrn ntotbert:DaS bißchen Moabit. Wenn der Kanzler diese Amßeruug wirklich ?etan hat, so beweist das nur, daß er die Ver- ältniffe nach ihrer tatsächlich« Bedeutung wertet und entschloss« ist, die politisch« Lei­denschaften auf d« Gang der Staatsgeschäste nicht Einfluß gewinnen zu lassen.

tS3 Der Fanatismus auf der Strasie. Wie uns aus Düsseldorf berichtet wftd, wurde dott an einem der letzten Tage der nationalliberale Abgeordnete Dr. Beumer das Opfer eines rohen UeberfalleS. Der Abgeordnete kehtte geg« elf Uhr uachtS vom Eisenhüttentag ht der Tonhalle in feine Wohnung zurück. I» der Nähe seines Hauses Hat eute unbekannte Person auf ihn zu, schlug ihn ohne weiteres mit etaan Stock über d« Kopf, und rief aus:®o, nun hast dn deinen Lohn!' Dr. Beumer ist so erheblich verletzt, daß et noch heute das Bett hüt« muß. Wie unS ein Telegtamm unseres Düsseldorfer Korrefpon»

Sonntag, 1L Dezember 1910.

deuten meldet, handelt eS sich bei dem Ueberfall um ein« Aft politischer Lei­denschaft. Der Täter ist zwar noch nicht ermitteu, man ist ihm aber auf der Spur.

Der Wafferzoll im Reichstag (Bo» mtfcxcm parlamentarischen Mitarbei- ter.) Die Sommtsston des Reichstags zur Borberatung des Gesetzeutwurses befteffend bte Erhebung von SchissahrtSabgaben trat gestern in bte Beratung bet Vorlage ein. Vorsitzender ist Abgeordneter Winckler (koss.), BeriÄerstatter Dr. Am Zehnhoff (Z«tt.). Es lag« vier verschiedene Anträge vor, die von der Regierung di« Vorlage weiteren Materials znr Beurteilung des Entwurfs verlang«. Man einigt« sich auf ein« Sam­melantrag, der von der Regierung eine Denkschrift verlangt, in der möglichst alle ge­fordert« Auskünfte erteilt werd«. Die nächste Sitzung der Kommission ist noch nicht anberaumt.

Neuer tom Tage. (

Sie Msrsarftie-DergifturtI«.

Aus Hamburg wird uns gemeldet: Die in den Margarinewerken von Mohr n. Co. beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt« sich in einer Versammlung mit den jüngst« Margarinevergiftun­gen sowie mft dem von dem Firmentnhaber ausgesprochen« Verdacht, daß am Tage der Herstellung der fraglichen Margarine (am 23. November), wo gleichzeittg Stadtverordneten­wahl« in Altona stattfandeu, vom Personal mangels genügender Aufsicht ein schädlicher Stoff zur Verwendung gelangt fein könnte. Die Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen erhob gegen dies« Verdacht Einspruch und erklärte, zu der ftaglich« Zett sei« alle Vorgesetzte tat Betriebe an­wesend gewesen. Die eig«Mche Ursache der Margarine-Bergistungen ist also immer noch nicht ausgeklärt. *

Bon sachverständiger veite wftd unS zu der Margarinevergiftung »och ge- schrftben: Die Krankhettserreger, die so schwe­res Unheil verursacht«, werd« ta einem aus dem Auslande bezog«« Oel gesucht, das in reichem Maße der Margarine zugesetzt wurde. Um solche Vergistungsfälle zu vermei­den, sollt« die deutschen Margattnefabttkauten zur Fabrikation in der Hauptsache nur deutsche Schmelzprodukte benutzen, zu d«« nur beste Robfette Verwendung fta- d«. ES ist ausgeschlossen, daß d« deutschen Schmelz« ungesunde Rohfette zum Schmelzen angeliefert werd«, da alle Schlachttiere der tierärztlich« Untersuchung unterstehen und nicht einwandftrieS Rohfttt durch Uebergieß« mit Flüssigkeit« zum menschlich« Genuß un­tauglich gemacht wird. Solche denaturierte Fette können dann nur noch zur Fabrikation von Talg zu technisch« Zweck« benutzt wer­den. so daß es ausgeschläs« ist, daß sie noch als Nahrangsmittel Verwendung finden. Für die ausländffchen Fette kann diese Garantte nicht überuomm« werden, da eine solch strenge Kontrolle wie in Deutschland Wohl wenig exi- sttert. Sotoett Pflanzenfette ta Frage komm«, liegt auch gar keine Garantie vor, daß ihre Zu- sammeusetzung völlig einwandfrei ist.

üä Zwei Mörder? Stal Frankfurt d. M. berichtet ein Telegramm: Unter dem Verdacht, d« Mord an dem Agent« Bienet auf dem Griesheimer Exerzierplätze an der Matu^r Landstraße begaug« zu hoben, tour- dm gestern früh ta Griesheim zwei Ar­beiter in Haft gekommen: der eine hatte Blut» spuren am Mantel, während der andere ein« Ttobakldofe des Ermordet« bei fick trag.

«5 Ein SiebeSdramo. Nach Mitteilung« a»S Hamburg stieg dott gestern tat Hotel Cortttaental ete angebllches Ehepaar Hanf aus Betttn ab. Mttt ags dran« a«S dem Zimmer der beid« Leute ein Stöhn«: als Hotel- bedienstete eintraten, lag der Mm« schwer röchelnd im Bett, sei» Begleiterin war bereit» tot Beide hatten sich mit Lvsol vergif­tet Der Mann ist der 24 Jahre alte ver­heiratete Barbier Hanf, die Tote die 20 Jahre alte Vrekäufcrin Flemming, beide aus Rixdorf.

7 J-. - -B "

Berzweiflmlg.

SSzze von M. Bötticher.

Schneidend katt fegte der Ostwind durch die Straßen der Großstadt, schärft, trock«e Staubwolken vor sich herjagend; zornig rüt­telte er an Tür« und Fenstern, und wo eine Ritze sich ihm bot, zwängte er sich hindurch, um aus Häusern trab Stuben Wärme und Behaglichkeit mißgünstig mit sich zu reiß«.

Und drob« auch kam er zu Gaste tat dürftigen Erkerftübchen, ohne daß die mangel­haften Fenster viel Widerstand entgegengestellt hätten, suchte mühsam die letzt« Wärmereste zusamm«, schleppte sie mtt sich fort und be- ueäe mit seinem eisigen Hauch die bletchen Fiuger der Näherin, welche dicht am Fenster tat fahle« Dämmerlicht über die Arbeit ge- b«gt saß.

Wie der Wind heult'.' scholl ein keckes Bubenstimmchen aus einer dämmerigen Ecke. Heute ist er wohl wieder sehr zornig und will jemand haschen, der ihm doch immer wieder entwisckt. O, wie gräßlich das klingt! Guck, Mutter, jetzt bin ick ein Nordpolfahrer und ziehe meine Schlitten über Eis und Schnee'. Und ein dickes Tuch um Kops und Sckultern gefchlung»n, an einem Sttick einige Holzklötze hinter sich ber scklepp«d, kam das Bübchen aus seiner Ecke zur Mutter, und als. hie ihn wottlos gewähren ließ, sauste er mit seinem Gefolge in wildem Galopp durchs Zimmer.

Nicht lange jedoch; denn sein lustiges Spiel wurde plötzlich durch ein lautes Klop- f« an der Tür gestött. Der Hauswirt war's, »er nun, ohne lange zu warten, die Tur aus- ttß und sich den ewigen Skandal destrage« zogen« BettgelS' verbat Solche Mieter lÄme er nicht brauchen, und überhaupt sei

heute schon der Vierte ... er müsse auf Pünft- Ücher Zinszahlung besteh« bei dm schlecht« Zeit«, und wenn nicht binnen drei Tag« die Mete bezahft werde, möge sich die Dame nur ein anderes Logis suchen. Hub zorn­schnaubend warf er die Tür krachend ins Schloß.

Aber mit ihm und fein« zornig« Wor- tm war nock eine schemenhafte Gestatt ins Zimmer gehuscht und unbemerkt drinn« ge­blieben. Fast überm«schlich dürr und groß, von schwarz« dichten Schleiern Gesicht und Körper verhüllt; die lang«, schneewttßen Knockenfinger wie bmtesuchend vor itch ftredenb, schlich diese durch das Ztmmerck«, unhörbar, langsam, langsam von der Tür dem Fenster zu, an dem Bübchen vorbei, das schreckerstartt in seine Ecke sich verkroch und bitterlich zu wein« begann. .

Und nun drängte sich die Uuhetmltcke dickt, dickt an die bebmdc Näherin, der die Arbeit in den Sckoß geglitten war, und in zischend« Lauten sprach eine lautlose trab ihr bcch so beuttich bewußt werbende Stimme auf sie ein:Wac soll das ewige Sticheln noch in Hunger trab Kälte? Siehst du benn nickt, baß doch alles vergebens ist? Haben tue Worte des Wittes es dir nicht eben deutlich genug gesagt? Krankheit nagt an betaem sckwacken Körper, Hunger trab Kälte ver­einen sich mit ihr, bem elenden Dasein ein langsames, schrecklickes Ende zu berei­ten^ . ' Auf die Barmherzigkeit der 'Dien scheu willst du noch hoff«? Ha, Törichte! .Haben drei lange Fabre der Not und Entbeh­rung dich nickt klüger gemacht? Bald wird dein Kind zu dir kommen und dich um Brot bitten . . . und du wirst es ihm nickt geben können, und verständnislos wird es dich an- blick« und dich grausam und hartherzig finden.

Willst du ihn an die Hand nehmen, bar- härtpttg und bloß mit ihm durch die Straßen zieh«, von Hans zu Haus für ihn betteln gehen? Oder ihn von dir geb« zu fteblos« Fremd«, daß er wenigstens einem elmden kümmerlich« Leb« erhalten bleibt; er, dein geliebter, dein herziger Junge, dein Sonnen­schein, der so an deine Liebe, an die allgütige, alles verstehende, alles lennmbe Mutterliebe gewöhnt ist . . .? Es ist dir unmöglich, die Mete rechtzettig zn schassen und des Leb«s Nahrung und Notdurst, und wenn du Tag und Nacht sticheln wolltest und könntest! Wozn also noch dies elende Leben, das dir nichts mehr zu bieten vermag und ihm eine ewige Kette von Demüttgungm und Krän­kungen sein wird, wenn nicht Verbrechertum und Sünde sich seiner annehmen, um ihn um so sicherer dann ins Verderb« zu Mrzen?'

Und gierig klammern sich die Finger des unheimlichen Gastes in die Arme der Frau am Fenster, dichter und dichter drängt sich der blutlose Körper an sie heran, und grauenhaft bohren sich die glanzlosen Aug« in die ihr«. Darm löst sick der eiserne Gttff der einen Hand, und ein scharfes Federmesser, bas bie Unglückliche für ihre Trennarbeit« benutzt batte, läßt sie im Wronblicht, bas inzwischen bic verhüllenden Schleier hatte fall« lassen und nun gierig ins Fenster schaute, blitz«: Sieb, ein kurzer Schnitt, da, wo bu Pulse seines Lebens und bie des deinen pochen, und alle Qual ist vorbei . . . Ruhe winkt rach und Friede und ewiges Vergessen.'

Mit einem gellenden Schrei spttngt das gequälte Weib in bie Höhe, bie Peinigerin vcn sich zu stoßen, unb erstaunt eilt das Büb- ckcn aus seiner Ecke zur Mutter:WaS ist dir, willst du nicht Licht macken heute, Müt­terchen? 's ist so arg grauslich hier und Hunger hab' ich auch!* x' » *

Mtt höhnischem Lach« rüttelt ein Wind­stoß am FeMer und bebend zieht die Mutter d« Klein« an sich und fragt:Jst's denn gar fo schlimm damtt? Sieh, dranß« weht ein eisiger Wind, und ich habe kein Brot mehr im Hause. Hältst es wohl aus bis auf mor­gen? Und das Licht lassen wir auck noch ein wenig; du kommst auf mein« Schoß, unb ich erzähle dir ein Märchen, und der liebe Mond hött uns zu. und es ist ganz, ganz lieb und heimlich, nicht wahr, mein Liebling?'

Und mit glanzenden Augen schaut der kleine Mann zu ihr auf, nickt dann dem fer­nen, Men Gefährten freundschaftlich zu, klettett auf ihren Schoß und schmiegt sich in ihren Arm. Und die Mutter erzähtt ihm von einem kleinen, tapfer« Bübchen, das gern recht viel von der Welt seh« wollte und nicht verstand, daß es die Ettern so wenig von sich lass« wollten. Und eines Wtntertags, als die Dämmerung kam, schlüpfte es unbemetit ans dem Hause und ziellos über dm knistern­den Schnee zur Landstraße hinaus. Als es nun lange Zeit, so hurtig es die Rein« Bein­chen erlaubt hatten, fortgeeilt war, wurde eS müde trab fühlte sich so mollig unb warm tote kaum je zu Haus und setzte sich an bem Weg- ranb bin unb schaute empor in bett wolken­losen Himmel, ber sich mit tausend unb aber- taufenb glitzernden Sternlein geschmückt hatte; die lächelten ihm zu, winkten unb flüsterten ihm Koseworie zu, unb mübe, wie im Schoße der Mutter, schloß der kleine Wandersmanq die Augen. ,

Da löste sich ein Sterulein nach dem an­dern los vom Himmelszelt unb kam langsam, langsam zu ihm hernieder; sie umringten ihn dichter unb immer bichter, und als ihrer ge­nug waren unb sie sich kräftig genug Mtte«, nahmen sie ihn auf unb trugen ihn mit sich