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Nummer 5.

Casseler Mmchritimg

®t»taffHer Neueste Nachrichten" erscheinen wöchentlich sechsmal. Bis auf weiteres werden dieNeueste Nachrichten" allen Familien tn Saffet völlig wfteuioS geliefert. Druckerei, Verlag u. Redaktion: Schlachthofstraß« 28/30. Bedleet Redaktion: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt VI, 676.

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Fernsprecher 951 tmb 952.

Freitag, S. Dezember 1910.

Fernsprecher 951 «nd 952.

Depeschen.

LSegvaPhtscher Liesst der Kasseler Neuesten Nachrichten.

r Rektor Bock.

Berlin. 8. Dezember. (Privat-Tele» aramm.) Der verhaftete Rektor Bock hat sich gestern nachmittag einer Magen st ein- o p e r a t i o n unterzogen. Das Befinden Kocks gibt zu Besorgnissen Anlaß.

*

Der Arzt als Berführer.

Krefeld, 8. Dezember. (Privat-Tele» gramuu) Die hiesige Strafkammer verur» reilte den praktischen Arzt Dr. Wienhues we­gen Verführung eines minderjährigen Mäd­chens zu sechs Monaten Gefängnis. Wegen Fluchtverdachts erfolgte die sofortige Verhaf- tung des Verurteilten. Wienhues hatte mit dem kaum der Schule entwachsenen Mädchen fett längerer Zeit ein intimes Verhältnis un- ^erhatten.

Der Spion von Straßburg.

Straßburg, 8. Dezember. (P r i v a t - Telegramm.) Ein Unteroffizier der Waschinengewehrabteilung des 130. Infanterie­regiments wurde bt einem Hause der St. Me- dordnsstraße verhaftet, als er 500 Mark in Empfang nehmen sollte, die chm von einem fro nzösifchen Gentesoldaten für die Aus- lieferuug eines Maschineugewehrrohres zuge- fichert war«. Der Unteroffizier hat fosort jein Verbrech« etngestanden.

vom Schicksal ereilt!

Benthe«, 8. Dezember. (Privat-Te- le gr a m rn.) Der lang gesuchte Mädchen- Händler Slawin Ski ist nunmehr in Ga- lizieu verhaftet Word«, als er seine eigene Frau an dn Freudenhaus verkaufte. Ferner ward« zwei Rumänen und eine elegante Dame festgenommen. Erstere trieb« lebhaften sillädchenbande! in ganz Polen, die Dame warb speziell auf Bahnfahrt« junge Mäd- ch« au. e

Warum rüstet die Türkei?

Sosta, 8. Dezember. (Privat-Tele» gram m.) Augenblicklich wird hier die Tat­sache viel besprochen, daß die Türkei, trotz ihrer schlecht« Finanzlage, ihre Rüstungen mit großem Eifer fortsetzt. Außer d« in Stetzr (Oesterreich) bestellten 200 000 Geweh» «», hat die türkische Regierung jetzt auch eine größere Anzahl Mtu« und Munition bei der Fabrik Whttehaed in Fiume in Auftrag ge­geben,

MH«, 8- Dezember. (Privat-Tele- gramm.) Der Sekttonschef im lkultusmini» sterünn, BesandinoS, der angeklagt war, au der Ausführung gefälschter Abgangszeug- «che für die Universität mitgewirkt zu haben, erschoß sich gestern in Gegenwart des Unter» fuchungsrichters. Besandinos war sofort tot. Außer ihm kommen noch zahlreiche Mitschul­dige tu Frage.

Sie Springer Piirsch.

Staatsdienst und Hosdienst.

Im Kuppelbau am Berliner Königsplatz rüstet man sich zum Kampf um den Etat, der am Freitag mit den üblichen Plänkeleien einsetzen soll, um dann (voraussichtlich) in wenig Tagen zum wilden Gefecht zu ent­brennen. Es ist löbliche Uebung im deutschen Reichshaus, bei der Etatberatung alle die Sorgen von der Seele herunterzureden, die sich im Lause von langen zwölf Monden ange­sammelt haben und zu deren pflichtmäßiger Erörterung das langausgedehnte Arbeits­programm des Hohen Hauses anderweit nicht Gelegenheit bietet. Im Konvent der Senioren war man in diesem Jahr löblich bemüht, den Beginn der Etatberatung auf einen tunlichst frühen Termin festzusetzen, damit vor dem Fest noch ein beachtlich Stück Arbeit geleistet werden kann. Und so verständigte man sich denn dahingehend, am neunten Dezembertag mit dem Etatkrieg zu beginnen. Die Parteien waren mit dieser Zeiteinteilung auch einverstanden, denn die Wahlen rücken mit jedem Tage näher, und es ist den Sprechern der einzelnen Frak­tionen wichtiges Herzensbedürfnis, für die Wähler draußen im'Land Töne zu finden, die in deutschen Männerbrüsten brausenden Wider­hall wecken und dem Wahlkreis, aller Welt offenbar, zeigen, daß der von chm ins Volks­haus Entsandte emsig und nimmermüd über Reichsgeschick und Volkswohl wacht. Bei sol­cher Arbeitsfreude ists eine Lust, endlich den Etat ins Haus zu bekommen.

Da erschien, als man in verschwiegenen Fraktchnskämmerchen bereits Zung' und Lunge prüfte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Kanzler-Botschaft, in der Herr Theo­bald von Bethmann Hallweg dem Konvent greiser Senioren kund und zu wissen tat, daß er am Freitag, dem neunten Dezember, ver­hindert sei, im Hohen Hause zu erscheinen und den Erwählten des Volks den Etat der Reichs- wirffchaft mit den üblichen Einleitungsworten zu überreich«. Der Herr Kanzler ist nämlich für diesen Tag anläßlich des Besuchs des öster­reichischen Thronfolgers auf deutscher Erde ver» pflichtet, an einer H o f j a g d teilzunehmen, die am Freftag in der Frühe in den Wäldern bei Springe stattfindet, und nach deren Endigung später (beim Jagdsouper) wahrscheinlich auch die hohe Politik noch zur üblichen Erörterung kommen wird. Herr von Bethmann Hollweg, dem schon in frühen Ministertag« die bunte Hoffagbuniform verliehen ward, ist zu dem höfischen Ereignis »befohlen* worden (wie'S im Hofsttl heißt) und wird also, während im Reichstag die Etatpremiere vor dicht gefülltem Haufe in Szene geht, imSpringer Bufch* dem edlen Weidwerk auf Schwarzwild huldi- Sen. Im Reichstag hat man die Botschaft des Kanzlers mit sehr gemischten Gefühlen ausge­nommen, und es macht sich bei der Mehrheit der Volksboten die Auffassung merkbar, daß der Platz deS ersten verantwortlichen Reichsbeamt« am ersten Tag der in diesem Jahr besonders kritischen Etatdebatte am Bundesratsttsch des Parlaments gewesen sei, und nicht im Wald­gestrüpp von Springe. Anderseits mißt man der Freitag-Hofjagd zu Ehren der österreichi­schen Gäste so hohe polittsche Bedeutung bei, daß der Kanzler es als seine P f l i ch t erachten utaßte, in Springe nicht zu fehlen.

Da die Politik der Völker auch heute noch in ihrem nicht unwichtigsten Teile bei fürst­lichen Diners, Soupers und auf der Pürsch gemacht wird, so konnte es der Kanzler al- lcrdings als Notwendigkeitsgebot erachten, dm Tag von Springe nicht vorübergeh« zu las­sen, ohne mit dem demnächstigen Träger der Habsburger Krone und seiner politischen Be­gleitmannschaft in persönliche Berührung zu kommen, wenn es sich auf der anderen Seite auch fragt, ob der politische Gewinn des Tags so erheblich sein wird, daß er das Fehl« des Kanzlers bei der Etatpremiere aufzuwiegen vermag. Jedenfalls hat das Parlament der vom Volk Erwählten berechtigten Anspruch auf angemessene Würdigung seiner Arbeit seitens der Regierung, und zur Erfül­lung dieses Anspruchs gehört es zweifellos, daß bei wichtigen Verhandlungen des Paria- ments (und eine solche ist die Eröffnung der Etatsberatung doch unbedingt) der verant- worlliche erste Reichsbeamte anwesend ist. Es sind aus der jüngsten Geschichte des Deut­schen Reichstags noch Zeiten in der Erinne­rung, in denen der Reichstag wochenlang am Tisch des Bundesrats nur Kommissare und Dezernat-Geheimräte, aber kein« Verantwort­lichen Minister und keinen Kanzler sah. Und das geschah zu einer Zeit, da weder Hof- pürsch stattfand, noch ftgend ein anderer zwin­gender Grund der Abhaltung erkennbar war. Der Reichstag hat damals auch seine Stimme zu lautem Protest erhoben, und in der Mini­sterbank waren bald darauf wieder die »Häup­ter der Lieben* reichlicher zu zählen. Offen­bar empfindet man im Parlament auch den Hofjagddienst des Kanzlers als eine Zurück- fttzuna M Reichstags hinter höfischen Inter-

Sturm im Türkenparlarnrrft.

Konstantinopel, 8. Dezember. (Privfft- Telegramm.) Die gestrig- Kammersitzung war stürmisch bewegt. Boscho Effendi beschul­digte den Unterrichtsmimsier willkürlicher Uebergriffe gegen die Narionalirätenschulen. Als der Redner den Boykott kritisierte, unter­brach ihn der Großvezier mit dem Zwischen- ruk .Schande", worauf Boscho Esfendi erwi­derte: .Schande über Sie!" Eine weitere Flut böser Schimpfworte wurde durch den ent- tumbenen Tumult übertönt.

Bomb« in Barcelona.

Barcelona, 8. Dezember. (Spezial- Telegramm.) In der neuesten Bomben- afsäre ist gestern noch eine weitere Verhaftung erfolgt. Auf dem französischen Bahnhofe wurde ein Individuum in dem Augenblick verhaftet, als es einen Zug nach Frankreich besteigen wollte. Der Name des Verhafteten wird nicht bekannt gegeben, man bewahrt überhaupt über die ganze Angelegenheit streng­stes Stillschweigen. Es scheint sich um p o l i» tische Verbrecher gefährlichster Art zu han­deln. *

Spätherbstflut in Portugal.

Lissabon, 8. Dezember. (Spezial-Te- legramm.) Heftige Stürme und lieber» schwemmungen haben den Eisenbahndienst in den tiefer gelegenen Teilen Portugals voll- ständig lahmgelegt Der Telegiaphendienft mit dem Ausland ist zum Test unterbrach« Der durch das Unwetter ungerichtete Schad« beziffert sich fchon jetzt auf Millionen. Zahlreiche Menschenleben sind der Hochflut zum Opfer gefallen.

essen, und es ist wahrscheinlich, daß auf der Tribüne des Wallotbaues von demTag in Springe" noch die Rede fein wird. Hoffent­lich ist dann Herr von Bethmann Hollweg in der angenehmen Lage, die Grollenden mit dem Hinweis auf den politischen Gewinn der Springer Pürsch sänstigen zu können. Denn daß auch im Vaterland der Den­ker und Dichter Staatsdienst vor Hosdienst geht, darüber ist sich derPhilosoph der Wil- helmstraße" doch zweiselloS klar . . .1

Das Künstler-Parlament.

Die Bcrsammluug derG. d. B."

(Von unserem Korrespondenten.)

Berlin, 8. Dezember.

Im Berliner Künstlerhause begann gestern die diesjährige Vertreterversammlung der Ge­nossenschaft deutscher Buhnena n - gehöriger unter starker Beteiligung. All­jährlich haben diese Zusammenkünfte des deut­schen Schauspielerstandes allgemeineres Inter­esse erweckt, und in den letzten fahren ist es besonders die geplante Schaffung eines R eichs theater g esetzes im Verein mit der Aufdeckung des Schaufpielerinnenelends, das an vielen deutschen Bühnen herrscht, und anderen Mißständen des deutschen Bühnenwesens gewesen, die den Be­ratungen des Schauspielerparlaments überall Beachtung sichern. Es kommt noch hinzu, daß in den letzten Monaten der Fall Zickel spielte, in den der Präsident der deutschen Bühnengenoffenschaft, Hermann Rissen, ver­wickelt wurde, und daß innerhalb der Genos­senschaft selbst, sowie zwischen ihr und dem deutschen Bühnenverein, als der Stamm- verttetung der deutschen Tbeakrdirektoren, fortgesetzt

die schwersten Kämpfe auSgefochte«

wurden. Schon jetzt sind für die Versammlung 153 Anträge angemeldet. Die Hauptmasse die­ser Anträge besaßt sich naturgemäß mit dem Verhalten der Rechtsschutzstelle, mit deren Ge­schäftsführung in der Affäre Zickel ein großer Test der Mitglieder nicht einverstanden ist. Das war schon gestern vielfach fühlbar, als die Versammlung durch dm Vorsitzenden Her­mann Rissen mit einer kurzen Begrüßungs­ansprache eröffnet wurde. Obgleich zunächst nur der Bericht über die Pensidnsanstalt zur Be- sprechung stand und die Debatten über die Ge­nossenschaftsangelegenheiten erst heute statt- finden dürften, nahm der Delegierte W e h l a u- Rostock zur Geschäftsordnung das Wort und forderte de» Vorsitzenden auf, biS zum Aus- trage der bekannten strittigen Frag« den Borsich niederzulegen. Man erfuhr dabei, daß vorgestern abend eine bis spat in die Nacht dauernde vertrauliche Vorbesprechung stattgefunden hat, in der der Versuch gemacht worden war,

die Wogen der Erregung

zu besänftigen und einen ruhigen Verlauf der Verhandlungen zu ermöglichen. Inwieweit dies gelingen wird, läßt sich nicht Voraussagen. Wehlau erllärte, er habe vorgestern abend nicht das Wort ergriffen, da er als Delegierter nicht den Auftrag erhalten habe, vertraulichen Ver­sammlungen beizuwohnen. Heute möchte er aber auf die unliebsamen Erörterungen im Ge­nossenschaftsorgan Hinweisen, dessen Lektüre wohl für feinen der Leser ein Vergnügen sei. Ein anderer Redner weist darauf hin, daß es sich jetzt doch um die Pensionsanftalt handle. Sobald man an den Genoffenschaftsbericht komme, lasse sich der Anttag wiederholen, und es bleibe bann dem Takte be« Vorsitzenden Vor­behalten, ihm Folge zu leisten. Dieser Aus­lassung wird von verschiedenen Seiten zuge- ftimmt, und der Vorsitzende geht hierauf zur Tagesordnung über. Bei Besprechung des Jahresberichtes fragt Wehlau-Rostock an, wie doch die Gehälter der Beamten der Genoffenfchaft seien; in der Provinz fei über deren Höhe nichts bekannt, und eS gingen dar­über die tollsten Gerüchte. Der Ver­waltungsdirektor Meitzner erwidert, daß er nicht ohne weiteres befugt fei, die Gehälter anzugeben, da er damit

eine Indiskretion begehen

würde. Wehlau beharrt aber auf seiner Frage und erflärt, daß er sie tot Auftrage seines Lokalverbandes gestellt habe. Präsident Riffen weist daraus hin, daß die Beamten mit der Preisgabe ihrer Gehälter gewissermaßen in eine Zwangslage gebracht würden. Vielleicht würde es sich empfehlen, die Gehälter in einer nichtöffenllichen Sitzung mitzuteilen. Mit diesem Vorschlag ist die Versammlung einver­standen. Im Lause der Tagung kam auch zur Sprache, daß. die sonst üblichen hohen Einnah­men aus Hannover ausbleiven dürften, ba bie bortigen Schauspielerinnen sich von öffentlichen Veranstaltongen sernhalten wollten. Der Grund hierfür fei darin tu suchen, daß in dortigen Blättern unter dem «jtel:Die Tu­gend der Schauspielerinnen" Zei- tungsartikel erschienen feien die i- -ehässiger

Weise den Lebenswandel der Schauspielerinnen glossierten. Die nichtöffentliche Sitzung findet heute statt, und es wird in dieser Sitzung voraussichtlich zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Parteien innerhalb der Genossenschaft kommen.

Tolstois Testament.

Leo Tolstoi und seine Kinder.

(Von unserem Korrespondenten.)

Petersburg, im Dezember.

Wie schon telegraphisch berichtet wurde, ist in Jasnaja Poljana das Gerücht verbreitet, daß das vom Tulaschen Bezirksgericht bereits bestätigte Testament des Grafen Tol- st o i von einigen feiner Kinder angefoch- ten werden wird. Russische Juristen behaup­ten, daß das Testament, jo sehr sich der Erb­lasser bemühte, ihm eine möglichst korrekte und gesetzmäßige Form zu geben, einen nicht un­bedeutend« Verstoß gegen die gesetzlichen Bestimmungen enthalte, und zwar in seiner Schlußwendung:Im Falle jedoch meine Tochter Alexandra Lwowna Tolstaja vor mir sterben sollte, vermache ich alles oben Bezeich­nete zu vollem Eigentum meiner Tochter Tat­jana Lwowna Ssuchotina." Darin liegt eine Gesetzwidrigkeit, da nach ruffischem Zivilrecht eine solche Bornennung weiterer Erb« unzu­lässig ist: Es könnte daraus gefolgert werden, daß im Falle des Todes des Zunächstgeuann- ten noch weitere Erben nominiert werden kön­nen. Außerdem gibt es noch einen Grund zur Anfechtung des Testaments: Von bett drei Zeugen, die es unterzeichnet haben, bat nur ein Herr Goldenweiser die vorgeschriebene Formel niedergeschrieben:Hiermtt bezeuge ich, daß das vorliegende Testament tatsächlich vom Graf« Lew Nikolajewitsch Tolstoi im Vollbe­sitz feiner Geisteskräfte abgefaßt und von ihm eigenhändig niedergefchrieben und unterschrie­ben worden ist." So verlangt es das Gesetz. Die beiden anderen Zeugen, Ssergejenko und Radynsft, haben aber diese vollständige For­mel durch die Worte ersetzt:Dasselbe be­zeugt."

In der russischen Gerichtspraxis hat es Fälle gegeben, wo ein Testament, selbst ein no­tarielles, wegen dieser verkürzten Formel seine Gültigkeit verlor. Das Tulasche Bezirksge­richt hat sich beeilt, Tolstois Testament zu be­stätigen; es ist aber sehr wohl möglich, daß die Sache in der zweit« Instanz eine andere Wendung nimmt Die Bauern von Jas­naja Poljana wundem sich sehr darüber, daß in dem vom Bezirksgericht bestätigten Testa­ment kein Wort vom Auskauf JaSnaja Poljanas zugunsten der Bauern enthalt« ist. Sie frag« sich, warum nicht auch das Kodizill zur Bestätigung vorgelegt wurde, nach dem die Gräfin Alexandra Lwowna die Vollmacht erhält, au« dem Er­lös von den Werken ihres Vaters daS Land pon Jasnaja Poljana zu erwerben und es den Bauern zu geben. Sollte (so sa- gen die Bauern) das Kodizill nicht bestätigt werd«, so liegt der Fall so, daß als die ein­zige Eigentümerin der Werke nur Alexandra Lwowna erscheint, daß aber, im Falle ihres Ablebens, alle ihre Rechte an ihre Brüder übergehen, d. h. an diejenigen Erbnachsolger, denen nach dem Vermächtnis Tolstois das Gut abgekauft werden muß. Das beunruhigt die Baue« sehr: hatten sie doch schon unter­einander beraten, wie sie das ausgekaufte Land unter sich verteilen wollten. Es werden unter ihnen Stimmen laut, die eine Vertei­lung mit Einführung der Einzelwirtschaft ver- langen, während die Mehrheit bei der Gc- meindewirtschaft verbleiben will.

Interessant sind übrigens die Legen­den, die sich jetzt schon um den toten Tol­stoi zu spinnen beginn«. Wie diegro- gnards" Napoleons I. noch lange nach der Ka­tastrophe von St. Helena nicht glauben woll­ten, daß ihr Idol wirklich gestorben fei, und überall den grauen Mantel und das Hütchen despetit Eaporal" zu sehen glaubten, kann sich jetzt auch der russische Muschtt, der ohne­hin zum Mvstizismus neigt, nicht denken, daß der Mann, der das Leben der Baue« lebte, und für ihr Geschick so tiefes Verständnis zeigte, aus diesem irdischen Jammertal ge­schieden fein soll. Noch heute wachen in stil­ler Nacht am Grabhügel desgroßen Mu­schi!" ganze Scharen von Bauern, die, toenn der neue Tag anbricht, ihren Nachbam geheimnisvolle Dinge zu erzählen wissen, von den Schatten und Spukgestalten, die sich daS srisch aufgeworfene Grab zum Tummelplatz auserfehen haben. Eines abends näherte sich dem Grabe schweigend ein GreiS mit langem Barte, der, ohne ein Wort zu sprechen, nieder- kniete und lange Zeit in stillem Gebet bet» harrte. Als er sich dann erhob, trat er auf einen Muschik zu. der vor Schreck wie ge­lähmt war, berührte ihm freundlich die Schul­ter. streckte segnend die Hände aus und ver- schwand. Tiefe und andere Erzählungen, die von Mund zu Mund gehen, haben das Doll in lebhafte «ufteguna verletzt, viele