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Gaffekr Mmeste Mschrichten

Erster Jahrgang.

5. Beilage.

Sonntag, 4. Dezenrbsr ISIS.

Legeneratisu?

Sie tzsdmnrvtarische Ärtfe in Wwftfami,

TS»n unserem Korrespondenten.)

England ist nicht nur die Heimat deS Par­lamentarismus, sonder« bis vor kurzem schien es auch, als ob die Engländer allein das LSese« des Parlamentarismus richtig erfaßt hätten. In den meisten Staaten, die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts «ach englischem Vorbtlde Parlamente geschaffem machte sich, nachdem der erste Rausch vrr-lo^ gen, alsbald em bedenklicher Niedergang des parlamentarischen Lebens, ja vielfach eine di­rekte Nichtachtung des o mühsam Erruu- g-nen beM-rkbar. Man denke nm an die teu­ften Obstruktion-- und Prügelszenen im öfter- «ichischen Reichsrat, durch die sichdas Pa^ ment l-hrrlang selbst von der Mitwirkung bet der Regimma auSschaltcte. Luch in vie­len anderen Parlamenten ging es nicht viel besser zu, und wenn auch Tu Deutschland Ausfchrettungenim Parlament selbst zuden Seltenhelten zahlen, so läßt sich doch auch im beutichen polnischen Leben eine P-rflUuna des Parlamentarismus nicht hinwegleuanen Früher rechneten es sich die geistigen Führer der Natron zur höchsten Ehre an, im Reichs­tag oder in den Landtagen der Einzelstaaten euren 01$ emzunehmen. Heute ziehen sie sich mehr und mehr von der Politik zurück, und die breite Mittelmäßigkeit tritt an ihre Stelle

Allem England schien von dieser rückläu- sigen Bewegung bisher verschont zu bleiben. Den Grund dafür glaubte man darin finden zu rollen, daß in England der Parlament«- rrsncus die Frucht einer jahrhundertlangen Entwicklung ist, während er zu den an­dern Staaten als etwas Fertiges kam Der jetzige Wahlkampf zeigt indessen, daß auch England nicht gegen die allgemeine Zeit- stromung geschützt ist, und daß auch dort der Parlamentarismus, der von hier aus seinen Siegeszug über die ganze Erde anttat, an Kre­dit verloren hat. Der Gedanke, daß allein die gewählte Volksvertretung über das Wohl und Wehe des Landes zu entscheiden habe, soll durchlöchert werden, und die Verle­genheit, in der sich die Unwnisten befinden, kann nicht besser illustriert werden, als durch den Vorschlag, das parlamentarische zu Gun­sten des Referendums (der Volksabstimmung) zu durchbrechen. Der Ausgang der Wahlen wird ja zeigen, ob sich die Mehrheit des eng­lischen Volkes den gesunden Sinn bewahrt, den cs bisher noch immer gezeigt hat, wenn cs sich um die Grundlagen seiner Verfassung handelte.

Auf den ersten Wick möchte cs ja scheinen, als ob die Einführung des Referendums ein Fortschrit sei, da hierdurch das Volk in die Lage versetzt wird, in wichtigen Fällen selbst die Entscheidung zu fällen. In Wirklichkeit bedeutet indessen die Volksabstim­mung die Rückkehr zu einer längst überwun­denen Epoche, zu den Zeiten der antiken Städtcrcpubliken, in denen auch die wichtigsten Angelegenheiten unmittelbar durch das Volk entschieden wurden. Schon die Geschichte Athens hat gezeigt, was dabei herauskommt. Die Masse wird nämlich stets geneigt sein, sich von Augenblicksstimmung Hinreitzen zu lassen: Das war im Altertum so, und so ist es auch noch heute. Dazu kommt, daß die Fra­gen, um die cs sich tu der heutigen Gesetzge­bung handelt, oft zu konrplizicrt sind, daß sich der Durchschuittswähler kamn über alle Konsequenzen klar sein wird, und cs schlech­terdings unmöglich ist, die Wähler über einen vollständigen Gesetzentwurf abstimmen zu las­sen. Läßt man aber nur über allgemeine Prinzipien absttmmen, so besteht dir Gefahr, daß das Gesetz, das nachher auf Grund die­ser Prinzipien vom Parlament beschlossen wird, ganz anders aussicht, als es sich die Mehrheit der Wähler gedacht hat.

In den meisten Fällen wird die ganze Sache überhaupt auf eine Farce hinauslau­fen, und der wildesten Demagogie würde durch das Referendum Tür und Tor geöffnet. Wenn in der Schweiz das Referendum noch nicht allzuviel Schaden angerichtct hat, so be­weist das gar nichts, denn die Schweiz ist ein kleines Ländchen, das in der internationalen

Politik keinerlei Rolle spielt, und wenn es den

Schweizern Vergnügen macht, über das Ab- stntverbot oder ährtliche schöne Sachen eine Urabstimmung herbetzusühren, so ist das eine äußerst harmlose Beschäftigung. Nun denke man aber einmal, man wollte in England die 10 beliebte Flottenfrage zum Gegen­stand eines Referendums machen. Es könnte dabei gar nicht ausbleiben, daß die natio­nalen Leidenschaften in ihren Grund- ilesen aufgerührt würden, und die Folgen eines folchen Verfahrens lassen sich gar nicht absehen. Der jetzige Wahlkampf, in dem aus beiden Seiten mit allen Mitteln der Dema­gogie gearbeitet wird, gibt bereits einen Vor­geschmack von dem, was bei einem Referen­dum in dieser Hinsicht geleistet werden würde. Mau kann also, schon im Interesse des Friedens, nur wünschen, daß die gegen­wärtige englische Krise zum Abschluß kommt, ohne daß das .Volksregiment- in Form des geplanten Referendums Tatsache wirb, -m-

Aus drr Heimat.

Dir LrasSdre des RentMerfters.

(Von unserem Limburger Korrespondenten.)

In Molsberg hat sich dieser Tage eine Tragödie ereignet, die in den weitesten Krei­sen lebhafte Anteilnahme an dcm tragischen Geschick eines allgemein geachteten Mitbür­gers geweckt hat. Der Oberrentmeister L 0 n g a r d, drr seit einem Vierteljahrhun- b-s rcTrtfr&0Xn"&Pe?ttrtcr in den Diensten des Grafen Wollersdorf stand, ersch 0 ß sich rzwei f l«ng darüber, daß ihm vom Eltersdorf infolge vorgerückten Al- ! § bLe Generalvollmacht für die gräfliche- s^derwaltuug entzogen, und bereits ein' Nach- folaet Jüt ihn ernannt worden war. Die Nach- don, der Zurücknahme der Generalvoll. h!r^raIa-f ?"n.Sard völlig unvorbereitet uud der als impulsiv bekannte alte Mann geriet darüber in eine derartige Aufregung, daß er r" bsu cht verfiel und in irrcnarzt- Behandlung gegeben werden sollte. Die Marter wollten ihn gerade aus seiner Woh- nung abholen, als Longard unter irgend emem Vorwande für kurze Zeit die Ausmerk- wmkett seiner Umgebung von sich abzulenken verstand. Diesen Moment benutzte er, um au» einer Schublade einen Revolver hervor,uzie- hen und sich blitzschnell, ehe die Umstehenden es zu hindern vermochten, eine Kugel ins Herz zu schießen, die seinen sofortigen Tod herbciführte. Lorgard erfreute sich in der Molsberger Gegend allgemeiner Beliebt- yert und galt alS überaus eifriger und pflicht­getreuer Beamter, dem die gräfliche Verwal­tung mancherlei Fortschritte zu verdanken hat. Es scheint indessen, daß in neuerer Zeit zwi­schen dem Grafen und seinem Oberrentmeister ein einigermaßen gespanntes Ver­hältnis bestanden hat, das nun znm An­laß einer e;fchütterudcn Tragödie geworden ist.

* Fulda, 1. Dezember. (Freiwillig in den Tod.) In Kaltennordheim (Rhön) hat sich der Amtsgerichtsreyistrator Streck er­schossen. Ter Grund ist unbekannt.

* Gersfeld, 2. Dezember. (Genehmi­gung eines neuen Schienenweges.) Der Regierungspräsident in Kassel bat, wie in dcm Regierungsblatt bekannt gegeben wird, dem Kreise Hersfeld die Gcnebmigttng zur Herstellung und zum Betrieb einer vollspuri- qen nebenbahnähnlichett Kleinbahn von Hcrs- fcld über Schenklengsfeld nach Hcimboldshan- seu für den Güter- und Personenverkehr er- tcüt.

* Zierenbcrg, 2. Dezember. kWahl macht Qual.) Auf das Ausschreiben der hiesigen Bürgermeisterstelle sind 120 Bewer­bungen aus verschiedenen Berufsständen ein­gelaufen, von denen bei einer gemeinschaftli­chen Sitzung des Magistrats und der Stadt­verordneten zunächst neun Offerten zur engeren Wahl gestellt wurden.

* Witzenhaufen, 2. Dezember. (Zuschuß für die K 0 l 0 n ia l s ch u l e.) Für die Ko­lonialschule in Witzenhaufen bewilligte der Vorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft in Elberfeld 3000 Mark Zuschuß.

Niederwalluf, 2. Dezember. (E i n scharfe Konkurrenz.) Für die Stelle des Bürgermeisters der hiesigen Gemeinde ha­ben sich 113 Bürgermeister gemeldet.

* Eschwegc, 2. Dezember. (D 0 mReichs- tagsabgeordneten Raab.) Im hiesi­gen Wahlkreis verlautete, der Abgeordnete Raab wolle nicht wieder kandidieren, wenig­stens hier nicht. Dies scheint nicht richtig zu sein. DieDtsch.-Sözialen Blätter" des Herrn Liebermann v. Sonnenberg schreiben nämlich, dall alle antisemitischen Reichstagsabgeordne­ten in ihren Kreisen wieder aufgestellt werden.

* Wiesbaden, 2. Dezember. (Bürger­meister wechsel in Aussicht?) Hier verlautet, der zweite Bürgermeister, Geh. Fi­nanzrat Glässiug, der erst kurze Zeit hier amtiert, habe die Absicht, von seinem hiesigen Posten, der bei seiner Wahl als Durchgangs­posten für die Stelle des ersten Bürgermeisters bezeichnet wurde, zurückzutreten. DasTage­blatt" verzeichnet weiter Gerüchte, wonach sich Herr Glässing um den Posten eines Bürger­meisters in Schöneberg-Berlin, nach einer anderen um einen Direktionsposten bei einem großen industriellen Etablissement bewerbe.

* Höchst. 2. Dezember. (Ein philoso­phischer Bauer.) Am Gericht wurde kürz­lich herzlich gelacht. Ein Bauer hatte ein Pferd alslammfromm" verkauft, das sich hinterher als Beißer und Schweißer erwies. Er sollte es daher zurücknehw.cn. wogegen er sich sträub­te, da das Pferd bei ihm diese Untugenden nie gezeigt habe.Su c Gaul", saate er,is grab wie e Frau. Ancr kimmt mit'r zurecht, der Anner niti. Da, do is mei Alt! Eich kann mit beie mache, was ich will. Prowier's amer ewohl Annere, ab' se nit hägi unb beißt tote d'leibhastig Deiwel!"

* Frankfurt n. M., 2. Dezember. (Spie­lerisch e t n Menschenleben ver­nichtet.) Ein schwerer Unglücksfall ereig­nete sich hier nachts um 3 Uhr. Der Wirt Oskar Decker in bet Hallgartcnstraße spielte mit einem Revolver. Dieser entlud sich und traf den Friseur Oswald Manig aus der Friedcbergcr Landstraße in das linke Auge, so daß Manig auf der Stelle tot zusammcnbrach. Der Täler wurde verhaftet.

* Treysa, 2. Dezember. (H o telv er­kauf.) Tas vor zwei Jahren hier neuer­baute Bahnhofs-Hotel ist an den Gastwirt Ebert aus Wildungen für 90 000 Mark ver­kauft wordcn.

* Treysa, 2. Dezember. (Fernvonder Heimat verunglückt.) In der Marbur­ger Klinik liegt noch immer unerkannt ein auf dcm hiesigen Bahnhof verunglückter fremder Reisender, der selbst noch nicht vernehmungs­fähig ist, so daß seine Persönlichkeit noch nicht festgestellt werden konnte. Vielleicht melden sich auf diese Zeilen bin etwaige Angehörige des Verunglückten. Man wende sich an das hiesige Polizeiamt.

* Fritzlar, 1. Dezember. (Ein Stra- ßenwalzeubesitzer vergantet.) Die zur Konkursmasse des verstorbenen Straßen- walzenbesttzers Horn hier gehörigen Häuser und Ländereien sind von dcm Kaufmann Moses Mannheimer hier im Zwangsversteige­rungsverfahren erworben. Der Kaufpreis be­trägt etwa 12 000 Mark. Es werden etwa 55 bis 60 Prozent an die Gläubiger zur Vertei­lung kommen.

ZoIM der Mft.

Bernhard Shaw über Tolßol.

Aus London schreibt man unS: Bern­hard Shaw äußert sich dieser Tage einem Journalisten gegenüber über Tolstoi folgen­dermaßen: Tolstoi ist für uns ein ungetümer Riese, tote wir ihn in den alten Sagen der Vorzeit. bewundern, heutzutage aber nicht mehr für möglich halten. Seine ganze Ker- sönlichkcit hat etwas heroisch-mvthisches, was unserer Zeit durchaus abhold zu sein scheint. Wenn wir von großen Einsamen und Reli- gionssttstertt aus den Tagen der Vorzeit et­was hören, bann sind wir ehrfürchtig gestimmt und murmeln Wohl: ,Ja, damals!" und glatt-

Eben dabei, daß diese großen Tage entgiltig vorüber sind, in denen Persönlichkeiten auf- tauchten, die völlig außerhalb des Bereiches der Vorstellungen der anderen Menschen leben Noch ein Zeichen haben sie, an dem sie zu er- kennen sind, da sie im Gegensatz zu sämtliche» anderen Menschen ausschließlich für eine Idee leben. Ich weiß, andere Leute leben auch für eine Idee, halten dafür eine Zeitung oder Zeitschrift, sprechen in Ver fammhtngett und sind dabei ideal gesinnt. Aber das sind sie gleichsam nur im Nebenamte. Sie sind, kann man sagen, abends von etnhalb neun bis einhalb zehn Uhr Idealisten. Oder sic schwärmen beim Morgenkaffee für Ideale. So. wpic sie mal auf dte Straße kommen, ver­schwindet alles. Man sieht es ihnen nicht an unb selbst wenn sie es behaupten würde« glaubte man cs ihnen einfach nicht.

Ties ist nach meiner Ansicht der sprin­gende Punkt, durch den sich die Heiligen wie Tolstoi von den Alltäglichen unterscheiden. Sie lassen nicht mit sich spaßen und handeln; sie haben für ihre Ueherzeugung nicht bestimmte Zeiten und Stunden, in denen sie sie zum Ausdruck bringen müssen, sondern sie sind s e l bst das Ideal. Sie atmen das Ideal aus; jede Faser an ihnen ist ihre Persönlich­keit, jeder Schritt ist eine wahre Wut der Ucberzeugung, und auch, was sehr wichtig ist, in ihrem aLchen klingt ihr Ideal und ihre Ueberzeugung wieder. Kurz: Es sind Fels­stücke, die uns durchaus unorganisch Vorkom­men und zwar aus dcm Grunde, weil wir, dieorganischen Wesen", so jämmerlich und beweglich sind, daß wir unbewegliche Charak­tere nur mit Steinen oder großen Felsen ver­gleichen können und müssen. Tolstoi hatte et- was von einem alteverbitterten Felsen an sich; er war ein Riese der Vorzeit, der aus eisgrauen Tagen zu uns mit seinem mächti­gen Antlitz herüberragte. Es ist, als ob er den Füßen in einem Zeitalter gestanden hätte, das viele Tausend Jahre zurückliegt. Und es erscheint auch nicht als willkürlich, daß die­ser Riefe gerade in Rußland das Licht der Welt erblickte, denn Rußland mutet heute noch an wie ein großes Stück Vorgeschichte, das wir mit Gruseln hören, ohne uns denken zu können, daß wir es selbst erleben. Und so sind Tolstoi und Rußland gewissermaßen eins!

Kunftschau.

Große ttmwälzungcn Im Berliner Thea« «erleben? Berliner Blätter veröffentlichen sol- sensationelle Meldung:Direktor Rein-- qardt verläßt das Deutsche Thea- ter, Direktor Brahrn verkauft sein Lessing-Theater an die A. E. G. und übernimmt das Deutsche Theater. Tie Kammerspiele werden zu einem großen Lichtspieltheater umge- baut. Brahm beabsichtigt, daS Deutsch« Theater und seine Umgebung nach modernen Grundsätzen umzubauen, unb Reinhardt plant die Errichtung eines Theaters in Arena- form. Eine Bestätigung dieser Berliner TheaterevolutionS-Mitteilung sicht noch aus Wir möchten aber zu der Meldung bemerken, daß sie sehr unwahrscheinlich klingt!

*Chantecler" in Newyork. Noch im Laufe dieses Jahres wird in Newyork, wie uns von unserem dortigen Korrespondenten ge­meldet wird, RostandsChantecler" in der englischen Uebersetzung von Louis N. Parker, seine amerikanische Uraufführung erleben. Aber der Titelheld des Stückes wird in Newyork nicht von einem Manne ver­körpert werden: die Rolle, in der man in Pa­ris Guitty sehen konnte, wird in Amerika von Miß Maud Adams gespielt, während May Blaney die Fafanenhenne verkörpert. Die Kostüme werden in Paris ferttggestellt; es sind insgesamt 6070 Federkleider, die noch Im Laufe dieser Woche nach Amerika ab­gehen. Die prächtigen Federbälqe Chanteclcrs und der Fafanenhenne kosten allein rund 2060 Mark. Die Dekorationen werden genau nach den Modellen des Porte-Saint-Martin-Theo- tcrS angcfertigt.

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Sang und Kiang im 19. u. 20. Jahr­hundert, 5 Bände ä Mk. 12..

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Sang u. Klang fürs Kinderherz

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