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Casseler Neueste Nachrichten

telstandsbertcht auf der Tagesordnung.

Be.

sich

uhälter

neu Städten der 1 dienste geleistet zu

utigen Mit-

Polizeivsrschrtft-n. Ich habe mehr Zutrauen zu pädagogischen Mitteln. Rur das Zusam­menwirken von Regierung und Winzern läßt etwas Nutzbringendes erwarten

Abg. Schüler (Ztr.i: Das Wichtigste ist die Wnrmbekämpfnng. Leider ist ein wirklich brauchbares Mittel noch nicht gefunden. Nur ein gemeinsames Vorgehen kann wirksam sein.

Weihnachtsferien tat Reichstag.

(Privat-Telegram m.)

Wie uns aus Berlin depeschiert wird, werden die Weihnachtsferien des Reichstages am 15. Dezember ihren Anfang nehmen und bis zum 9. Januar dauern. Die erst« Sitzung des Reichstages im neuen Jahre wird am 10. Januar stattfinden.

giscke Vorgang spielte sich nach dem Bekunden von Augenzeugen folgendermaßen ab:

Der 14 Jahre alte und einzige Sohu des Landwirts Wilhellm Siebert in dem vnachbartem Dorfe Oberzw ehren, Lud­wig Siebert, war aus Wunsch des Vaters nach Caffel gefahren, um für einen Nachbar» einige leere Kisten auf dem Casseler Bahnhöfe abzuholen und zwar aus nachbarlicher Gefäl­ligkeit. Entgegen der Weisung des Vaters geschleift worden sei. Die Leiche des Knaben geren, sondern einen jüngeren, feurigen Gaul in die Scheere, ein Umstand, der ihm zum Verhängnis werden sollte. Denn auf dem Rück­wege vom Bahnhofe nach Oberzwehren in der Ferdtaandsstraße, fiel urplötzlich während der vorsichtige Junge das Pferd am Kopfzügel führte eine leere Stifte vom Wagen herab, ^niolge des Knalles, der hierdurch entstand, scheute das leicht erregbare Tier dermaßen, daß es jäh zur Sette sprang und dabei dem Jungen einen derartigen Stoß versetzte, daß dieser mit furchtbarer Gewalt zu Boden geschleudert wurde und so unglücklich gegen den Rinnstein fiel, daß deffen spitze Kante seine dünne linke

Abg. Baumann (Ztr.): Aus allen deut­schen Weingebicten sind hier Stimmen laut ge­worden; an der Regierung ist es nun, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Damit schließt die Aussprache und daS Saus vertagt sich. Für d onnabcnd steht der konserva

Votttische GhroniL

Die Universität Klausenburg in Sieben­bürgen hat den Deutschen Kaiser zürn' Ehrendoktor ernannt. Die Ernennung wird damit begründet, daß der Kaiser anläß­lich des Jubiläums der Berliner Universität erklärte, daß er für wissenschaftliche Zwecke 9 Millionen Mark gesammelt.

Die Einberufung des preußischen Land­tages zum 10. Januar 1911 wird, wie wir hö­ren, in den nächsten Tagen durch eine amt­liche Bekanntmachung erfolgen.

*

Wie in parlamentarischen österreichischen Kreisen verlautet, soll die Stellung deö Hon- delsministers Dr. Weißkirchner ernstlich erschüttert sein. Eine Bestättgung der MitteUung steht noch auS.

Sin Telegramm auS Rom meldet: Er- lern ist das neue päpstliche Motu pro- prio erschienen, das den Ordensbrüdern un-

$85 Seeeftt aus Gaffel.

Ser Tod aus der Siraße.

Ein entsetzliches Unglück hat am Freitig Nachmittag in der Friedrich- trabe ereignet. Ein blutjunges Menschen­leben wurde dabet jäh vernichtet. Der tra-

entspricht... Es scheint demnach, daß für Herr Bassermann immer noch keine Stätte gc-* funden ist, wo ersein Haupt hinlegcn kann"; und daß in der Partei nach tote vor Unklar­heit darüber herrscht, in welchem Wahlkreis Herr Baffermann unrergebracht werden soll.

Eine Dreibundrede im Italiener-Paria- ment. Wie etn Telegramm aus Rom meldet, endete die gestrige Kammerdebatte über den Etat des Ministeriums des Aeußem, mit einer Rede des Ministers San Giuliano, der seinen festen Glauben an den Dreibund, mit außerordentlicher Geschicklichkeit bekräftigte, ohne daß die Kammer, abgesehen von eini­gen Unterbrechungen, bei den das Verhältnis Italiens zu Oesterreich-Ungarn betreffenden Stellen, zu widersprechen gewagt hätte. Der Minister erklärte, die Rüstungen Oesterreich- Ungarns würden Italien nicht minder zustat. ten kommen, wie die italienischen Rüstungen Oesterreich-Ungarn, welche Erklärung laut­los an gehört wurde. Auch die regie­rungsfeindlichen Blätter spenden der mutigen Rede des Ministers lebhaften Beifall.

* Die ersten Wirkungen. Wie uns ein Telegramm aus Frankfurt a. M. mel­det, gehen in Süddeutschland infolge der Ein­fuhr französischen Schlachtviehs die Fleisch­preise erheblich zurück. Der Ersolg beweist also, daß durch die Oeffnung der Grenzen der Fleischnot und der Fleischteuerung auf ein­fachste Weise gesteuert werden kann. Was sagt Herr von Schorlemer-Lieser zu dem Ergebnis?

Abg. Geck (Soz.): Wir können die Grenzen nicht mit einer chinesischen Mauer gegen die fliegenden Feinde, die Pllze, umgeben, ober wir können mehr Geld für die Forschung aus­werfen. Frankreich hat für das beste Mittel gegen die Reblaus 800 000 Franks auSgesetzt, bei unS sind es nur 2500 Mark.

Geh. Rat Frhr. v. Stein: Es wurde be­mängelt, daß vom Reiche in 30 Jahren nur etwa 170 000 Mark für die Reblausbekämpfung ausgegeben worden sind. Dies mag zutressen, es bleibt aber zu berücksichtigen, daß nach dem Reichsgesetz di« Reblausbekämpfung nickt Sache des Reichs, sondern der Bundes­staaten ist, die hierfür an 20 Millionen aus­gegeben haben. Man darf die Wirkung der Reblausbekämpfung nickt unterschätzen. Von einem Gesamtrebenbestand von 120 000 Hektar mußten nur einige 100 Hektar vernichtet wer­den, weil sie von der Reblaus befallen waren.

Abg. Bogt-Hall (Wirtsch. Vgg.): Erfreulich ist es, daß die Winzer trotz der schweren Not treu an der Scholle hängen. Der Kampf gegen die Reblaus hat schon ungeheure Mittel er­fordert, allein in Württemberg wurden 13A Millionen dafür ausgegeben.

Abg. Wallenborn (Ztr.) fordert schnelle HUfe für das Ahrgebiet, wo schon die mittle­ren Besitzer bedroht sind. Die Vorschläge der Winzervereine sollten mehr beachtet werden.

Abg. Pauly-Cochem (Ztr.) bedauert die un­geheure Entwertung der Weingelärcde und be­spricht die besonderen Verhältttisse im Mosel­gebiet.

Abg. Lehmann-Wiesbaden (Soz.) fordert Einstellung von Mitteln in den Reichsetat zur Beseitigung der Notstände.

Abg. Dr. Zehnter (Ztr.) hebt hervor, daß die weiße amerikanische Rebe sich wenig zur Einführung eigne, da sie schlechteren Wein lie­fere und auch nicht reblaussest sei.

Abg. Dr. Becker-Köln (Ztr.): Ich schließe mich dem allgemeinen Klageliede über die be­dauernswerte Lage der Winzer durchaus an. Der Redner empsiehit die Einberufung eines W e i n p a r l a m eu t s.

$ Rektoratsprüfung ta Caffel. Vor der Pruftmgskommiflion des hiesigen Königl. Provinzial-Schulkollegiums fand am Don- nerstag und Freitag eine Rektorats-Prüfung statt. Sie hatte das günstige Resultat, daß die sämtlichen Prüflinge bis aus einen Herrn, welcher freiwillig von der Prüfung zurücktrat, bestanden. Es sind dieses die Herren Mittel­schullehrer Beil- Frankfurt a M., Grau­vogel- Frankfurt a. M., Simon- Frank- furi a. M., Arnst - Frankfurt a. M., Brück- ner - Hanau, Carillon - Frankfurt a. M., C r e d e - Ziegenhain, Gersbach - Monta- baut, Grünschla g-Frankfurt a. M., R o l l» Frankfurt a. 5DL, VooS-Großalmerode, 58 e- ber-Cassel » Weenrich-Arnstadt tu Thüringen, und Z w e n g e l - Frankfurt a. 8DL, sowie die Präparanden-Sehrer Franke- Homburg und Rune-Rinteln a. d. Weser, Seminarlehrer H e n d u S -Fulda unb Hauptlehrer Schmidt-Homberg.

+ AuS den Tiefen deS Leben». Etn Bild stärkster sittlicher Berkommenheit wurde in einer Verhandlung, die geftern vor der hiefi- gen Sttaskammer stattfand, aufgerollt. Ange- Nagt wegen Zuhälterei waren die beiden Brüder Ernst und August D. auS Caffel, die beide schon erhebliche Vorstrafen wegen Dieb- stahls, Straßenraubes und Zuhälterei erlitten haben. Beiden wurde zur Last gelegt, Frauen- zimmem in Caffel sowohl wie in verschiede-

terfagt, sich an Handels- oder Finanzgesell- chaften zu beteiligen, sowie sich überhaupt mit irgend einer der Religion fremden ~ chästigung abzugeben.

Der Reichstag unb die Reblaus.

Manchem Redner scheint eine Reblaus über die Leber gekrochen zu fein*, meinte gestern im Reichstag unter der Heiterkeit des Hauses der sozialdemokrattsche Abgeordnete Geck, und man muß sagen, daß er Recht hatte. Selten find bei einer derartigen Aussprache so viel Redner zu Worte gekommen: denn jeder wollte zeigen, wie sehr ihm die Rot feiner Wähler zu Herzen gehe, und so sprachen denn nur Leute aus weinbautreibenden Bezirken. Bei einem derartigen Thema ist es begreiflich, daß eine Rede der anderen fast wie ein E gleicht, und daß die Debatte trotz des Stoffes sich zu einer recht trockenen gestaltete. Freilich, der von der Reblaus betroffene Weinstock gibi: auch keinen Saft mehr, und die Rot der Win­zer schreit zum Himmel. Das Klagelied aller Redner war in der Hauptsache leider nur im­mer aus denselben Ton gestimmt, und sowohl Herr Roestcke, der das teinzersreuudliche Herz des Landwirtbundes zeigte und eine Reichs- studienkommission empfahl, als auch Herr Hoef- sel, der für die Weinbauer der Reichslande eintrat, und Freiherr V. Wolff-Metternich, den man sonst nur über denDohnenstieg* reden hört, vermochten das Interesse des Hauses nicht zu fesseln. Und so ging es in bunter Reihe weiter: Herr Vogt-Hall, dann noch eine Reihe von Herren ans dem Zentrum, wie Wal­lenborn, Spindler, Baumann, sie alle saßen am Ufer der Spree und .weinten*, bis endlich, nachdem der Rede Bächlein langsam versiegt war, die Besprechung der Interpellation ge­schlossen wurde. Heute wird man sich, nach­dem nunmehr die Winzer glücklich erledigt sind, auf Grund eines konservativen Antrages mit der M i t t e l st a n d s s ü r s o r g e beschäf­tigen. Man merkt es, die Wahlen rücken im- iner näher . , . *

Reichstagssitzung vom 2. Dezember.

Die Aussprache über die Interpellation über den

Kampf gegen die Rebschädlinge wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Roeffcke (kons.): Die Erfolge der Reblansbekämpfnng sind zweifellos erfreulich. Der Wnrmsckaden geht in die Dutzende von Millionen. Eine Reichs-Studien-Kommisston wäre zu errichten.

Abg. Dr. Höffek (Rpt.): Elsaß-Lothringen bedarf ganz besonders der Fürsorge des Rei­ches; denn eS hat den größten Weinbau im Reich und hat auch die schlimmste Mißernte erlitten.

Abg. Dr. Freiherr v. Wolff-Metternich (Ztr.) bedauert, daß bisher alle Mittel, die man ge­gen die Rebschädlinge empfohlen hat, so ziem­lich wirkungslos geblieben sind oder zu teuer waren.

fc.Lt Jahrgang. ________

Staatsbürger nicht gleichgflttg fein, wenn tat Justizhaus von Moabit die Justiz mit Anstrengung um Ansehen und Autorität rin- gen muß, lediglich, weil in der Ueherspannung der Empfindung en im vorbereitenden Werk der Griff zu hastig und die Tat zu schnell war, und Professor Delbrück trifft abermals das Richtige, wenn er in feinen Jahrbüchern fegt, es liege »eine schwere Schädigung des Ansehens unserer Justiz darin, wenn die Staatsanwaltschaft behaupte, die Berweisung deS Moadit-ProzeffeS an die Lieber-Sttaflam- mer sei reiner Zufall gewesen, und wenn man in wetten Dolkskreisen dieser Behauptung keinen Glauben schenken wolle.* Man wttd avfattneu, wenn sich die Tore deS Sri- minalgerichts in Moabit endlich hinter den bsimkchreuden Akteuren dieses unerfteulichen Schailspiels schließen werden, und man ist aus den Erfahrungen des wochenlangen Ringens um Ansehen und Autorität der Justiz zu dem Verlangen berechtigt, daß derartige Szenen sich nicht wiederholen werden und ein zwei­tes Moabit uns erspart bleibt!

* Das Programm des Reichstags. (Von unserem parlamentarischen Mitarbei­ter.) Nach den Beschlüffen des Seniorenkon- ventS des Reichstags sollen vor Weihnachten neben der ersten Lesung deS Etats nur noch die zweiten Lesungen des Arbeitskam» mergesetzes und der Urnen Novelle zum Strafgesetzbuch erledigt werden. Außer­dem ist zurzeit nur der Entwurf eines Halis­arbeitsgesetzes plenarreif. Alle übrigen Gesetze befinden sich noch in den Kommissionen. Die Negierung legt Wert darauf, daß die Arbeiten am Zuwachssteuer- und Rcichsbesteuerungsge- etz in den Kommissionen so gefördert Wer­ren, daß sie bis zum Eintritt in die Weih- nachtsserien abgeschlossen sind. Es würde da­durch die Möglichkeit geschaffen, auch diese Gesetze noch im Januar erledigen zu können. Die zweite Lesung des Etats soll erst nach der Absolvierung dieser Arbeiten begonnen werden.

* Baffermann noch immerheimatlos"? AuS Mannheim meldet uns ein Tele- grernm: Der hiesige .Generalanzeiger*, das Blatt des Abgeordneten Baffermann, bringt olaende Erklärung: Wir sind in der Lage tu erklären, daß die Meldung, Herr Baffermann würde im 7. Frankfurter Wahlkreis Guben- Lübben kandidieren, den Tatsachen nickt

irenb August D die Vergehen zum größten Teile eingestand, wies der Bruder die Anklage entschieden zu­rück. DaS Gericht erkannte gegen Ernst D. auf Freisprechung, gegen August D. auf 1%

ahre Gefängnis, 5 Jahre Ehr­verlust und Uebertoeifuug an die Landespolizeibehörde. Zwei Mo»

_____________Sonntag, 4. Dezember ISIS.

Schläfe traf. Ein Schädelbruch trat ein, der binnen wenigen Minuten zum Tob führte.

Alle anders lautenden Mitteflungeu über Ursache und Verlauf des Unglückes sind un- richtig, insbesondere die, daß das Pferd vor der Elektrischen sich gescheut hab« und der Knabe schleift worden sei. Di« Leich« de« Knaben wurde noch am Abend nach Oberzwehren transportiert. Di« unglücklichen Eltern wurden vorher telephonisch über das Schicksal ihre» Kindes benachrichtigt. Di« Leich« wurde vor­läufig ta daS benachbart« Haus des Maler­meisters Holzapfel getragen. ®ta herbeigeru- Jener Arzt konnte nur noch den inzwischen be- reits eingetretenen Tod feMellen.

nern°o?,U»s-f-S-sch-ftLftelle. Wie den Bewoh- nern der Stadt bereits bekannt ist, haben wir tro6cn Druckereigebäude in der schlachthofstraße 2830 eine Geschäftsstelle (x5nseraten-Annahme usw.) in der kölnischen M"ße 5 gegenüber der Mauersttaße - er" "Aet. Leider konnte die Einrichtung des Ladens allen Bemühungen zum Troy bis ^ute Nicht fertiggeftettt werden. Wir hoffen ledoch, unsere Geschäftsstelle am Mon­tag eröffnen zu können.

ft Die Einführung des neuen Landgerichts Präsidenten, der zum L Dezember d. I. vom Landgericht Glogau in Schlesien an das hie- ltge Landgericht versetzte LandgerichtS-Präsi- dent Oehler wurde gestern durch den Prä- rtbenten deS OberlandeSgericht» von Hasset Muchin sein Amt eingeführt. Zu die em Zwecke hatte sich tm großen Sitzungssaale des Schwurgerichts fie Landgerichtsdirektoren,

Beamten der Königlichen StaatSan- waltschast, sowie sämüiche Räte, Richter, Affefforen des Königlichen Amtsgerichts in Amtstracht bezw. Frack und Gesellschaftsanzug versammelt. Herr Oberlandesgerichts-Präst- dent von Hassel, der auf dem Podium am Prasidententisch des Schwurgerichtshofes Platz genommen hatte, stellte den neuen Präsidenten den Anwesenden vor, und führte ihn mit fei« erlicher Ansprache in sein neues Amt ein. Landgericht S-Präsident Oehler dantte in kurzer Ansprache dem Oberlandesgerichts-Prä. swenten für die durch ihn erfolgte persönliche Einführung und die Worte ehrender Begrü- ßung und sprach auch den übrigen Herren für ihr persönliches Erscheinen seinen Dank aus. Im Ansckluß hieran fand die Vorstellung der einzelnen Beamten und ein Rundgang durch daS Gehäude statt.

Jas tWer SchmMel.

Caffel zählt zu den wenigen deutschen Großstädten, die sich wirkliche Theaterkultur er­worben haben. In erster Linie haben die Tradi­tionen unseres Hoslheaters dieses Resultat ge­zeitigt. Die Königl. Bühne verfügte nicht nur von jeher über ein gediegenes Ensemble, sondern auch über eüien rspielplan, den vor­nehmer künstlerischer Geschmack regelte. Der Prachtbau auf dem Friedrichsplatz ist nun, wie es die sorgfältig gehütete Ueberlieferung des deutschen Hostheaters verlangt,, ein Tem­pel, in dem besonders die Klassiker gepflegt werden. Diese Tendenz wäre ja durchaus zu loben, auch wenn sie in diesem Fall mit der <! onvention verknüvft bleibt Gerade das künstlerische Bestreben des jetzigen Intendanten, des Grasen Byland. ist mit Freuden zu begrü­ßen: unter seiner Direktion hebt sich das Re­pertoire sichtlich aus abgefahrenen Gleisen. So w-rd nichr mehr der übliche Klassiker-Sprelvlan abgeleiert, tiefere Griffe suchen vielmehr neue Farben für die Bühne zu gemimten. Man wendet sich Problemen zu, tnbem entlegene Sphären der Literatur aufaesucht werden, um ihnen im Rampenlicht wirksames Leben obnr- trotzen. In dieser Hinsicht hat das Casseler Hoftheater neuerdings wieder ein hochinter- essantes Erperiment angekündigt, indem es Grillparzers ,Esther"°Fragment zur Ans- sührnng bringt. Durch die Fortsetzung der- artiger beachtenswerter Taten (es steht außerdem die Aufführung der »HermannS- fchlackt' bevor) wird sich die Intendanz sicher- lich aufrichtige Dankbarkeit der Casseler Thea- terenchufiasten erwerben.

Ferner bemächtigt sich das Königliche Schauspiel (so weit eS der festumrissene Hof. theater-Charakter zuläßt) auch schon inten­siver der zettpenöffichen Dichtung. Und auch die- fer Will- läßt Resultate aefblM,*-«^ f»n<n» wird)

nicht vergessen, daß z. B. das wertvolleTher- sttes"-Drama des feinen Jung Wieners Stettin Zweig im Casseler Hoftheater aus der Taufe gehoben wurde. Jetzt Wird die neue Saifon u. a. einen zweiten Reurvmantiker präsenne. reu: die Premiere von Ernst Hardts erfolgge­kröntem .Tantris' ist in Aussicht gebracht wor­den. Großes Interesse durfte ferner die Ankündigung erwecken, daß ein Casseler Autor demnächst im Hoftheater zu Worte kommen wird: das Trauersviel .Arasvas" von B. Mo- rition (v- Mellenthin) wird hier die Urauffüh­rung erleben. Auf diese Art verdient sich die Leitung des Hoftheaters volle Anerkennung, insbesonders toemt sie sich weiterhin (vielleicht in rascherem Tempo) ernsthaft bemüht, ein deutlicheres Bild vom Zustand der rxubeut- schen Dichtung zu geben.

Freilich: das Hoftheater wird ans leicht begreiflichen Gründen Repertoirelücken offen lassen müssen. Es kann die moderne Ltteratur nicht gänzlich in seinen Rahmen aufnehmen. Für Die Ausfüllung dieser Lücke sorgt nun reichlich unser Residenztheater, für dessen Blüte die Eaffelaner nicht genug Interesse aufbringen könnten. Der Direktor dieses TbeaterS, Willy Rordan, zeichnet sich durch wählerische Serben, durch hohe Kunstauffass uug aus, die ihn eigent­lich zu einem modernen Bühnenleiter großen Sills prädestinieren. Sein stolzes Repertoire zeugt dafür, daß er Stan für das Reue, Kühne, Unvorhergesehene in der Kumt hat. Die Idee seines Theaters flammt von Mut, von artisti­scher Energie. Er jst der Mann, der d« Großstadt Caffel ein wertvolles modernes Theater zu bieten vermag, deffen Bestand ta hier durchaus notwendig ist. Herr Rordan hat Wilde Schnitzler Biöruson Bahr in Cas­sel eingeführt. Er vollfühtt fernerhin neue, kühne Taten, die höchster Anerkennung teert find: er htüt»* Wedekind -u "ns, wird uns eine

Strindberg-Uraufsiihrung bescheren. Ferner werden hieraus an illustren Gästen kommen: die Sorma, die Eysoldt, Tilli Waldegg und Tillo Durieur, die hier nach Jrne Triesch ein Gares, abgeschlossenes Bild von der modernen Dar- stellungskunst vermitteln sollen. So entwickelt sich das Heine Residenztheater immer mehr zu einem wichtigen Faktor in unserem Kunftleben und Cassel kann auf fein T Heater stolz feint -d-

Hinter den Gardinen.

Stille Straßen, ta denen sich nicht Laden an Laden reiht, wo nichts die lange Reihe blanker Fenstern unterbricht, haben einen be­sonderen Reiz. DaS Leben, das sich bart ab- spielt, trägt intimere Züge, und der müßige Passant tarnt, durch nichts abgelenkt oder gestört, in diesen Zügen lesen. Es er­öffnen sich ihm biswellen Einblicke in fremde Häuslichkeiten, in denen sich das Leben der Be­wohner abspielt. Solche Einblicke sind von höchstem Reiz. Man kann im Vorübergehen einen kurzen Blick hinter die Gardinen tun, schaut vielleicht einem Fremden ins Gesicht und empfindet sogleich etwas Verwandtes. Sympathisches ober Erregendes; man be- lauscht das Leben und steht für kurze Augen­blicke in fremde Seelen. Es ist mir wenig, was man steht, aber gerade dieses Wenig« charakterisiert.

Man empfängt den flüchtigen Eindruck einer famtroten Tapete, eines venezianischen Kronleuchters, man steht einen Blumenstock grünen, ober erblickt zwischen weißen, weichen Vorhängen einen blonden Frauenkops, ein Stück von einem Klavier, eine Schreibtischecke, und man hat ein Stück Leben anfgefan-

acn, dem sich Nachdenken läßt, seinem Anfang ober seinem Ende zu Hier wohnen Reich­tum, Vornehmheit, Geschmack oder Protzen- tum; Liebe träumt, Jugend kichert . . . Ein paar Häuser weiter: Ein hober Stuhl am Fenster, das weiße Haupt einer alten Fran, über ein Buch gebeugt, eine Landarbeit, und man glaubt, die reine Luft eines stillen Frie­dens zu spüren und die feierliche Grazie der Lavendelzeit. Richt weit davon ein Mädchen­kopf, zwei Angen, die htaausträumen in den Herbst: Wir wissen schon, ein junges Herz, an das die Liebe rührte. Gelegentlich ist ein Fenster halb aus. Musik, Lachen, Becherge- Zäute tönt heraus, ober auch einmal ein heim­liches Weinen, da« keiner vernehmen sollte. Solche Einblicke können erschütternd sein, und wir sehen, was daS Leben dichtet.

Schon die Gardinen zeigen'S, laffen'S ahnen, was dahinter wohnt, |e nachdem ei lange, teure Stores sind, ober einfache Fenster- vorhänge mit Häkelfpitzen. Hinter ihnen lebt Glück und Rot unb Wahrheit. Da wird die Maske gelüftet, abgeworfen, die sonst getra­gen wird. Der Schein fällt, und Wirklichkeit tritt an seine Stelle, man steht di« Menschen wie sie sind und wie die Atmosphäre ist, der sie entflammen. Oft taucht hinter den Gardi- neu etn spähender Kopf auf, zwei Augen mit häßlichem Ausdruck. Wir wissen schon: Hier wohnt Kleinlichkeit, schlimmstes Spießbürger­tum. Straßauf, straßab wandern di» Blicke, streifen heimlich bie gegenüberliegenden Häu­ser und wachen, wer ein- und ausgeht, auf der Suche na* neuem Stoff für einen bösen Wund. Ueberafl gibt es solch« Menschen, in den größten Städten selbst; st« sind die .Chronisten" ihre« Viertels, häßlich« Seelen hinter , . » dichtmaschigen Gardine»,

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