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Oberhessische Blätter

Unterhaltungsbeilage zur Oberhessischen Zeitung

Nr. 12

Marburg, im Dezember

1932

Die Lurkensteuee

Em Stück Hessischer Finanz- und Steuer- geschickte.

Von Bruno Jacob.

(SchluH.)

Noch einmal wurde von den Hessische nLand- ständen, wiederum zu Treysa, unterm 30. Oktober 1594, eine Türkentteuer nach Matz- gäbe des Regensburger Reichstagsabschiedes vom gleichen Jahre bewilligt. Diesmal wurde eine „eilende Hülff" für dringend notwendig erachtet, wobei auf je 100 Gulden Steuer­kapital zu zahlen waren auf Weihnachten 1594 ein Schreckenberger, auf 1. Mai 1595 1 Orthsgulden") und auf den Tag Johannes des Täufers (24. Juni) 1595 wieder ein Schreckenberger. Mr die nächste Zeit aber wär noch eine „beharrliche £>ülff", jedesmal im November, 1595—1599, zahlbar, in Höhe von je ein Schreckenberger fällig. Hier wird auch ausdrücklich wieder der Gulden (Steuer- guldeni zu 27 Albus oder 15 Batzen angesetzt. Diesmal wurde auch kein Unterschied in der Veranlagung zwischen freiem Eigentum und Lehngut gemacht, nur die selbstbewohnten „Freihäuser des Adels'' in den Städten blieben unbelastet, desgleichen die „Tischgüter" des Adels nebst Pferd und Harnisch. Alle übrigen Bestimmungen des Steueranschlags von 1576 werden wieder angewandt, etwas eingehender sich aber ausgesprochen über die Veranschlagung der Einkommen aus dem Han­del, ein Beweis, datz dieser sich mehr ent­wickelt hatte. Für Gesellen, Dienstboten und andere besitzlose Personen wird, soweit sie nicht zu den Armen gehörten, sondern Ein­kommen aus Lohn und Unterhalt hatten, eine Kopfsteuer von jährlich einem Batzen angesetzt. Als oberste Steuerkommiisionen wurden wieder deren zwei, zu Kassel lind ju Marburg, gebildet. Wir sehen hier, trotz der Erbteilung von 1568 das Hessen land noch als staatliche Einheit, wenn auch der landesherr­liche Beigeordnete der Kommission zu Mar­burg durch den Landgrafen Ludwig III. fTestator) bestimmt wird, der zu Kassel durch den Landgrafen Moritz. Die Kom­missionen setzten sich wie folgt zusammen:

Zu Kastel'

Jost Oswald von Buttlar. Philipp Lud- _wig von Baumbach. Johann Ebel und ein landesherrlicher Kommissar:

zu Marburg:

Johann Elauer, Rudolfs Ran, Weigand Happel und ein landesherrlicher Kommistar.

lieb erblicken wir die Reibe der Steuer­abschiede, durch die in Hessen die Türtensteuer bewilligt und erhoben wurde, so sehen wir. daß die meisten Grundsätze der damaligen Steuertechnik denen von heute sehr ähnlich sind. Nur ging man damals in erster Linie vom Grundvermögen, nicht vom Jahresein­kommen, als der Derechnungsbasis, aus. Das ergab sich aus der zu einem erheblichen Teile noch bestehenden Naturalwirtschaft in einem fast rein agrarischen Lande. Die Veran­lagung des Handelsgewinns z. B. war noch auf die grobe Schätzung gestellt, da wohl damals nur der Erotzhandel, der in Hesten kaum vorhanden war, nicht aber der Klein­handel Handelsbücher führte. lleberhaupt verdiente es noch einmal einer grundlegenden Untersuchung, wie sich das private und

12) Wohl identisch mit dem „Reichsort" gleich 1Z< Reichsthaler gleich 8 Albus.

öffentliche Rechnungswesen bei uns in allen seinen Einzelheiten entwickelt hat. Nicht un­interessant ist auch die Feststellung, datz man, wie oben gezeigt, den Steuerabzug vom Lohne kannte und, verwandt damit, den Steuerab- »ug von Zinsen, die an einen Hypotheken­gläubiger zu zahlen waren. Daneben er­scheint. als Stück einer primitiven Steuer­technik, die uns heute wieder geläufige Kopf­steuer. — Jedenfalls wichen diese Türken­steuern sehr stark von den sonst in Hessen üb­lichen Steuerarten ab und stellen ein staats­rechtliches Novum dar, da die übrige Steuer­technik noch im Mittelalter wurzelte, von „Bede" und „Ungeld" (direkter und in­direkter Steuer) ausging, während die Tür­kensteuerordnung von 1532 schon den An­fang einer modernen Steuerpraris bildet.

Zum Schluste mag, da die Ausschreibung besonderer Türkensteuern in Hessen 1594 endet, noch eines kleinen, mit der letzten Ausschrei­bung verbundenen Erlöstes gedacht werden. Durch landgrälliche Verordnung vom 29. No­vember 1594 wurde noch als charitative Hilfs- mahnahme die Aufstellung von Opferstöcken bei den Kirchen angeordnet, um das so ge­sammelte Geld jur Pflege der kranken und verwundeten Krieger aus dem Türkenfeld­

zuge zu verwenden. Zugleich wurde ange­ordnet, dah mit dem Mittagsläuten, bzw. an destem Schlüsse die üblichen „Eebets- kchläge" zu tun seien, damit jedermann dabei ein Gebet um Sieg der kaiserlichen Waffen über die Türken verbinde. Eine Stelle der Verordnung lätzt vermuten, dah man hier und da im Lande Bedenken gegen das Läuten und die Eebetsschläge hatte, hierin eine Erinne­rung an den katholischen „Angelus" sehend. Es wurde angeordnet, dah vor dem Beginne des Läutens der Pfarrer die Gemeinde auf seinen Zweck von der Kanzel her Hinweisen sollte. Das Läuten dieser Betglocke und die Ermahnung zum Türkengebet von der Kanzel war schon im Soeyerischen Reichstagsabschied vom 31. Oktober 1544 für das ganze Reich in den Artikeln 32 und 33 angeordnet, scheint sich aber erst in Hesten gerade 50 Jahre spä­ter durchgesetzt zu haben. Ilnd wenn heute von den Kirchtürmen des Hestenlcmdes noch mittags 12 Uhr das Geläute ertönt möge es daran erinnern, dah es zum Gebete mahnte, das Gottes Hilfe erflehte im Kampfe der ge­samten Christenheit gegen die Ungläubigen, dah es zugleich aber auch mahnte, die Geld­mittel zum Türkenkampfe riicht zu versagen, aller Christenheit zn Nutze.

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Diel 5dmetn im neuen Jahr!

Prosit RmM!

dem „Oderheh" tw sei Landleo.

Prost Naujohr!, täte er Oberheh,

Viel Glück m alle Stücke,

Mr winm hau zou dm Johrgewänu^), Ms Freun die Hänn sich drücke.

Nit all, wär sich vo sealbst verstitt Könn mer hau zou dir komme, Vrel Uemstänn mache, leit ois nit, Du wirscht's so fromm nit nontme.

Mr hu schu manches naue Johr Zejiome ogefange,

Du beast met ois durch Freud ean Läd Johraus, johreann gegange.

So rotmi mr auch irns naue neantn ® et ruft meaner schreire, Woas ois ds ahle nit vergönnt Hibsch lege stell beiserre.

Earn Sommer freilich manche Doa. Wann Wärs leit o de ®räre2). Da hun mr für deich nit vrel Zeit Doas muht du unerschäre.

Doch fetzt die Herrschaft eans Eefmn Eam Weanter bei dm Owe,

Daus leit die Noucht of Dorf eam Wald, Dann beast du, Mousche2), owe.

Erjcht kimmst du of dm Herr sein Schuus, Der bozt om Brell die Scheiwe, Ean lest, woas sär vo Politik, Vo Weand ean Wearrer schrerwe. Die Motter letzt die fleitzige Hänn, Mol oach en Ableack raste.

Ean guckt, woas of dm Wochemeat Die Botter ean Ayer koste.

Ds Mäche spannt of die Geschichrt), De Jong of Sportberichte, Die Zeirung breangt für jeden aut Humor ean Scherzgedichte.

Die Mäd kann, wanns nit anerfcht grt, Durch deich en Mann noch feanne. Wann für vielleicht ze schüchtem war Met Dorfborich ozebeanne.

Wu Rärrer schnurrn beim Lampelichf, Eam Owe Aeppel brore. Wer find sich do als Gast noch eamt? Doas is gar schneall gerate. Dr „Oberheh". ois Hemctbload! Breangt, woas die Leu winn roeaffe^ Doas kennt dm Bauer sei ®cbeu5). Deshalb roills niemed misse.

Sogar eam Hirtehäusche daus, Wu nit Ueberfluh führt die Zügel, Do kloppt he o, wanns Owed wird, Om klene Feansterflügel.

Dann kribbelts, krabbelts ean de Stobb, Die Lies verliert die Masche«), Ds Klonste wirft de Schnuttel fort, De „Oberheh" ze hasche. •

Nu, „Oberheh" — en sch ine Gruh!

Tra naus irn ferne Weire2), .

Zou jedem, der daus ean de Welt Ser Hemet hau muh meire.

Aus glückumsponnener Jugendzeit, Wann Naujohrsglocke kleange.

Soll ihm en Gruh irn Mortersproch Die Hemet näherbteange.

H. Bastian.

T) Jahreswende: 2) Wenn die Arbeit drängt: ’) Spielst die Hauptrolle: 4) Roman: B) (Eigenart; 6) Strickmaschen; ’) In ferne Weiten.

Nlesende Geringe

, Eine lustige Siloestetgeschichte.

Schnurrbarts Dicket war Dotfschreiner, cm „Stoppen", wie die Dorfleut zu sagen pflegen, und geziert durch einen mächtigen Vollbart, der ichon mehr als einmal in Ge­fahr gekommen war, bei der Arbeit in die Säge oder m den Hobel zu geraten. Des­halb hatte er ihn meist bei solchen Gelegen­heiten im Brustlatz der Arbeitsschürze stecken. Der starke Bart verdeckte aber die rechte dicke Backe, m der eine Kautabaktolle von der Dicke eines Kinderhändchens wie ein Hund in seiner Hütte steckte. Fleihig und' -patsam war Schnurrbarts Dicket und trank nur, wenn es ihn nichts kostete. Wat em Viehhändler im Dorf, jo war er der erste, denn beim Wein formte er sich mal wieder et­was zugute tun. Da dann die Sitzungen ich manchmal länger ausdehnten, io suchten hn die Dorfburschen zu veräppeln; datum hatte er sich angewöhnt, immer sein Stecheisen als Verteidigungswaffe m der Tasche zu tra­gen. Das wußten auch die Butschen, die zwar noch keine Bekanntschaft mit dem Ding gemacht hatten. Aber letzten Endes hegt ja die Furcht den Wald. Vom Kartoffelaus­machen her freute sich unser Schnurrbarts Dicket schon auf den Silvesterabend, wo es m der Dorfwirtschaft von 12 Uhr ab zu essen und zu trinken gab, ohne dah man einen Pfennig zu bezahlen brauchte. Das war ein Feld für unseren Dicken. So ein ganzes Tellerchen voll Bratwurst hatte er allein nötig. Das spürte er bann paar Tage au seiner Hobelbank.

Eines Jahres kam er in der Silvesternacht ichon um 10 Uhr in die Gastwirtschaft „Zum

roten Ochsen", nahm auf einem Stuhl neben dem Ofen Platz, von wo aus er einen guten Blick nach der Wirtsküche und gleichzeitig nach der Stubentür harte. Auch der schöne Duft der Bratwurst kam da zuerst in seine Nüstern. Verdammt nochmal! Diesmal schlich der Uhrzeiger wie ein Genesender nach langer Krankheit. Und dabei harte der Dicke einen Mordshunger. Er harte nichts zu Abend genossen, um den rechten Apprtit im gegebenen Augenblick zu haben. Wie em Taubstummer sah er da und muhte von Zeit zu Zeit seinen Mund durch die Hand oer- schliehen, damit niemand sein Gähnen sah. Die anderen Gäste vertrieben sich die Zeit durch Kartenlpiel. Was sollte das bedeuten, dah auch diesmal gar kein Wurstduft aus der Jlüche kam? Merkwürdig! Endlich harte der Zeiger die Zwölf gefaht, und alles sprang auf und gratulierte, und auf her Straße er­schollen Jubelschreie und Böllerschüsse!

Die Wirtsfrau trug auf Schüsseln mit He­ringsstücken in Rahm und Pellkartoffeln. Und die gtohe Schnapsflasche brachte der Wirt und trank seinen Gästen zu. In einem grohen Satz war unser Dicket schon am Tisch wie ein hungriger Fuchs im kalten Winter an der Falke. Und schon wat der Feskschmauh im Gange. Härte er doch nicht so wenig und dabei noch schlechte Zähne! Die Bratwurst lieh stch doch belser beihen, als diese zähen Heringe, die noch lebend die Schlacht am Skagerrak mit angesehen harten! Aber umso besser konnte er die Schnäpse beihen, denen er tüchtig zusprach. Der Alkohoiteufel stach ihn schon gewaltig in den Kopf: da harte er aut einmal eine dicke Heringsgräte zwischen den Zähnen hängen und würgte nun mit jei­ner Gabel daran, sie zu beseitigen, wobei ihm das Blut aus dem Munde floh, wie

wenn er sich einen Zahn Härte ziehen lassen. So wat er ein tüchtiges Stück zurückgeblie­ben und warf die Gabel fort. Finger sind auch Gabeln, dachte er, und fahre mit den Händen in den Napf! — Da wat die Geduld der Mitessenden zu Ende. In hellet Wut entbrannt — sie waten schon sowieso ärger­lich, datz ihnen die Wirtsftau Heringe statt Bratwurst gespendet — begann ein Bombar­dement mit Heringsbrocken und Pellkartoffeln gegen Schnnttbartsdicken, und zuletzt fahte ein Bursch den ganzen Napf mit der He- ringsbtühe, die schon mehr rote eine trübe Buttermilch aus sah und stülpte ihn dem Dicken auf den Kopf, dah ihm alles über Gesicht und Bart floh und er aussah wie ein begossener Pudel. Der so Zugerichtete griff in seine Tasche nach dem Stecheisen. Heute sott Blut fliehen! — Doch halt! Er hat ja einen besseren Rock beim Fortgehen unge­zogen und das Stecheisen vergessen. Das hatten auch die Burschen schon beobachtet. So muhte er stch in der Desenswe halten und seine Wut bemeiltern. Viele Hunde find des Hasen Tod. Und am Ende fahte ihn der Wirt am Aermel und förderte ihn in nicht ganz sanfter Weise durch die Tür die Treppe hinunter ins — neue Jahr!

Schnurrbarts Dicker aber reinigte sich am Dorsbach ganz gründlich und begab sich in das andere Wirtshaus, in den „Schwarzen Adler", um dort weiter zu feiern. Da roar zwar das Festessen durch, aber es gab genug zu trinken, und es gefiel dem Dicken so gut, dah er noch mit einigen Nachzüglern am Neujahrsmorgen im „Adler" sah, als die Bauersleute ichon dem Vieh die erste Mahlzeit brachten. Was nun geschah, schil­dert ums nachstehendes Gedicht:

Der Neujahrschmorge roor schon do; Noch log in Ruh Dorf Schlennio. Nur enge en d'r Wertschaft dort Sührt Schnurrbarts Dicker das grehte Wort, ie Gäst, die sähe die Tesch entlang Oen söffe Bier ön Schnaps dermang.

Es prohlte der Dicke, es Jadjte die Eäst; So scheen roor lang kenn Fest gewest.

Onn der Dicke word fredjt ön schemmt off seng Weibel: „Ich rooll, datz se bah! langt d'r Deiwel!" Hä säht, bann er käm Heern, Dann sill erscht ernt Mann mohl sehn. Emm ahle Johr härt he geschwegge. Em nauroe sill je 's Ongleck kreche. He wär jetzt müd dos schwere Los, Dos emm bereit dos Deiwelsoos.

Es wär doch bahle rein zum Platze, Seng Ahle wär die reinste Katze. — — Onn steh onn sieh! Onn offner Tür Sieht er zwee Oege rot wie Fier.

Es roor [eng Ahle met dem Bese; So bees roor die noch nie gewcse. Dem Dicke schlottern alle Knie, Denn so roas passierte emm noch nie. Onn eh' er eromericbaut seng Los, Do droch öch schon 's Gewetter los: Den Bese schroong sc kriminal. De Dicke roorbe ehrefahl.

Se botzt emm Kopp. ön Noos zerecht. So harre se noch nie gekrecht.

Oen eh dos Erotzmöil sichs versehn, Do sog merrs arretieret gehn.

Oen bann berhem, dos äh ganz wahr. Hort sie „gewenscht" ämms

Nauwe Johr!---

C. Liese.