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Bet V rlam ^es SBitL

Dberbemtoe Zeitung. Marburg a. L, Freitag, beit 30. Dcnmbrr 1932

Seite 3

den Vater wünscht man nicht bei dem Kind zu sehen.

Inzwischen erholte sich Klein-Rosemarie ausgezeichnet, ist froh und vergnügt und weiß nichts davon, wie sehr ihr Schicksal die Allgemeinheit interessiert.

Wie jedes Ding seine zwei Seiten hat, eine gute und eine schlechte, so auch bei Rosemarie. Das verabschcuungswürdige Verbrechen, das ihre Mutter an ihr be­ging, hat aus dem armen, gequälten Kind ein glückliches, zufriedenes Mädchen ge­macht. Und lächelnd sagen die Aerzte und Schwestern im Krankenhaus, wenn ste von Klein-Rosemarie sprechen: „Sie ist eine gute Partie geworden!"

Varik-Sililerintlkn in 10 raven

Der französische Flieger Leseore hat die 12 000 Kilometer lange Strecke Paris—Saigon (Kotichinchinal in 10 Tagen zurückgelegt und damit den ausgesetzten Preis des französischen Staatspräsidenten gewonnen.

Lachen ist gesund.

Hänschen: „Sammelst du auch Flieger­bilder?"

StrRein, ich sammle die schön­sten Frauen"!

Deutschen Theater in Berlin

Silvesternächte -es Grauens

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ersten derartig Dez. Im Deutschen Theater r e b e r i ck abend bei der Ausführung des Keuch',«»tt, Kaiser und Bauer" Haq aus de« Reihen des Publikums -vei tin < wische« Mihfalleuskuudgebu«-

■’**, die sich zu tumultartigem Lärm stei- «». Erst das lleberfallkommando stellte Ruhe wieder her, indem es zehn lärmende Besucher aus de« Theater wies und eine wei­tere Anzahl Ruhestörer verwarnte. Die Auf­führung konnte sodann ohne neuen Zwischen­fall beendet «erden.

*

Das Theater geschlossen.

Wegen der Ablehnung, die das Schauspiel bei einem großen Teil des Publikums gefun­den bat und wegen der daraus erfolgenden Störungen hat, wie die Blätter melden, die Direktion des Deutschen Theaters nach einer Besprechung im Polizeipräsidium auf die weitere Aufführung des Stückes verzichtet. Das Deutsche Theater bleibt daher vorläufig geschlossen.

Die „Germania" meint, man solle nicht glauben, daß der Friede wiedergewonnen sei. Es sei eine entscheidende Frage, ob es heute

Sin Staatsprüfi-ertt auf -er Därenjag-

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noch möglich sei, mehr als ein Drittel des deutschen Volkes so zu beleidigen in ihrem Glauben, in ihrer religiösen Gesinnung, ohne daß sich dieser Volksteil mit allen ihm zu Ge­bote stehenden Mitteln vor seine und die Ehre seiner Kirche stelle. Hier sei mit den Mitteln der Eeschichtsfälschung und der übelsten politischen Tendenz- und Verhetzungs­dramatik die Institution de: Kirche und ihres Oberhauptes, ja, der Name Gottes selbst in eine schmutzig-zynische Debatte gezerrt worden.

„Der Angriff" beschäftigt sich eingehend mit den Protestkundgebungen bei der Aufführung des Theaterstückes „Gott, Kaiser und Bauer" im Deutschen Theater und bezeichnet das Stück als eine unerhört zotige Schmiererei, die darauf angelegt sei, Kaisertum und Geistlichkeit des Mittelalters zu diffamieren. Besonders erregend sei in diesem Falle die Tatsache, daß preußische Po lizeibeamte von ihren vorgesetzten Dienststellen dazu eingesetzt würden, um die nur allzuberechtigten Proteste des anständigen deutschen Theaterpublikums zu unterdrücken. Man müsse erwarten, daß Dr. Bracht nach Kenntnisnahme von Inhalt und Art des Sudelstückes unverzüglich weitere Aufführun­gen untersage oder jedenfalls den polizeilichen Schutz zurückziehe.

Nachspiel zum Sklarek SkanSal

Die Verhaftung des Verkehrsdirektors Brolat

Die Verhaftung des früheren Direktors der berliner Verkehrsgesellschaft. Brolat, hat m Berlin allergrößtes Aufsehen erregt. Brolat war erst vor kurzem im Zusammenhang mit dem Sklarek-Skandal seines Postens als Direk­tors der BVG. enthoben worden. Seine c Freunde von der SPD hofften zwar, daß er sehr bald wieder auf seinen Posten zurück­kehren würde, nunmehr aber scheint die Meineidsbeschuldigung gegen Brolat. die wahrscheinlich zu einer Neuaufrollung der ! Sklorek-Affäre führen wird, das Schicksal m dieser Revolutionsgröße endgültig besiegeln sp, zu wollen.

Fritz Brolat, der ursprünglich Schlosser von ,. Beruf war, wurde in den Tagen des Um­sturzes 1918 Mitglied des Vollzugsrates. Da­mit begann seine politsiche Karriere. Er ver­stand es, sich bei seinen Parteigenossen in ein günstiges Licht zu setzen, so daß er bald sozial­demokratischer Stadtverordneter und später Direktor der Städtischen Brennstoffgesellschaft wurde. 3m November 1928 gelangte er in den Auffichtsrat der Berliner Berkel,.sgesellschaft, wo er zwischen der Arbeiterschaft und den Angestellten einerseits und der Geschäftsfüh­rung andererseits zu vermitteln hatte. Auf Grund dieser Tätigkeit wurde er zum Per­sonaldirektor ernannt. Der Name Bro­lat wurde bekannt, als seinerzeit der Sklarek- Skandal anrüchig wurde.

Es stellte sich heraus, daß der Berkehrs- direktor zum engsten Freundeskreis der Brüder Sklarek gehörte und es wurden in diesem Zusammenhang auch zahlreiche Vorwürfe gegen ihn erhoben.

Er behauptete jedoch stets, vollkommen un­schuldig zu sein und irgendwelche Vorteile durch seine Freundschaft mit den Sklareks nicht gehabt zu haben. 3m Verlaufe des Disziplinarverfahrens, das im Auftrage des Obcrpräsidentcn gegen verschiedene hohe Be­amte der Berliner Stadtverwaltung, darunter auch gegen Oberbürgermeister B ö tz und ver­schiedene Sradtbankdirektoren eingeleitet wor­den war. hat Brolat wiederholt Aussagen ge­macht. Er beteuerte aber auch hier seine lln-

»om Zimmer des Untersuchungsrichters aus verhaftet, mit der Begründung, daß mit der Möglichkeit eines Fluchtversuchs gerechnet werden müsse. Das Verfahren wird wahr­scheinlich so schnell wie möglich durchgeführt werden. Bekanntlich schwebt gegen Brolat außerdem noch ein weiterer Prozeß wegen Körperverletzung, weil er vor einigen Wochen den Vertreter einer kommunistischen Zeitung, die Brolat heftig angegriffen hatte, in einem Lokal geohrfeigt hatte.

Der Massenmord im Erafenschlotz

Die letzte Nacht des alten 3ahres wird auf der ganzen Welt in ausgelassenster Stimmung Gefeiert. Ueberall herrscht» F.- "de und Fröh- ichkeit, überall feiert man den 3ahreswechsel in rauschenden Festlichkeiten. Althergebrachter Brauch, geheiligte Tradition ist es, das alte 3ahr in freudigster Weise zu Grabe zu tragen und das neue ebenso zu beginnen.

Wenn es nun Ausnahmen gibt, Ausnah­men, die aus Silvesternächten des Glückes und des Frohsinns Nächte des Grauens gemacht haben, so ist es verständlich, daß derartige letzte Stunden des 3ahres in die Welt­geschichte eingegangen sind. Vielleicht eignen sich gerade Silvesternächte besonders zu furcht­baren, grauenerregenden Taten, jene Nächte, in denen die Allgemeinheit an nichts Böses denkt und sich unbesorgt und ungetrübt der Festesfreude hingibt. Solches Nichtsahnen zu schrecklichen Verbrechen auszunützen, blieb ein­zelnen Scheusalen vorbehalten.

Eines der grauenhaftesten Ver­brechen, das jemals begangen wurde, er­eignete sich in der Silvesternacht des 3ahres 1857. 3n einem feudalen Schloß der eng­lischen Grafschaft Worchester feierte man wie überall den Beginn des neuen 3ahres, Zahlreiche Gäste aus der Umgegend waren geladen. Die Damen strahlten" im Glanze eleganter Toiletten und des wert­vollen Familienschmuckes, die Brillantknöpfe in den Hemdbrüsten der Herren blinkten und blitzten in ' der feenhaften Beleuchtung des großen Festsaales. Es floß der Seit und der Alkohol tat seine Wirkung.

Um Mitternacht war die Stimmung aufs höchste gestiegen. Mit dem Elockenschlag 12 erlosch nach alter Sitte das Licht. Es ertönten die 12 Schläge — ungeheurer 3ubel — Rufe — Schreie!! Niemand ahnte, daß sie etwas anderes bedeuteten wie Ausdrücke höchster Fröhlichkeit. Bis ein markerschüttern­der Hilferuf durch den Saal gellte! Alles war plötzlich still und lauschte. — Man hörte ein furchtbares Stöhnen!

Man schrie nach Licht — kein Lämpchen flammte auf. Es blieb alles finster. Bis auf

<8 schuld. 3nsbesondere bestritt er, von den Ska- a£ reks Pelze gekauft zu haben, und sich auch sonst an den Machenschaften der Sklareks be- 5, heiligt zu hoben. Als er später vor dem Skla- ek-Untersuchungsausschuß des Landtags ver- ' ommen wurde, sagte er aus, daß er wieder- olt versucht hätte, die Pelze zu bezahlen, daß 1« der das Geld von den Sklareks nicht ange- ö uommen worden wäre.

Im weiteren Verlauf des Verhörs stellte 4$ dann heraus, daß Brolat einige Tage nach feiner Vernehmung durch Oberregierungsrat Tapolski zu dem Pelzhändler, von dem die Sklareks die Pelze gekauft hatten, gegan­gen war und dort zur Bezahlung der Pelze gegen Quittung sich bereti erklärt hatte. Weiter wurde offenbar, daß Brolat im Interesse der Sklareks bei den Stadtbank- reoisoren Besuche abgestattet und zur Ret­tung seiner Freunde alles Mög­liche unternommen hatte. Schließlich verwickelte er sich auch bei seinen Aussagen im Sklarek-Prozeß selbst in Widersprüche, so daß er seinerzeit nicht vereidigt wurde.

Die Slaatsanwaltschaft hat nach der Ver­urteilung der Brüder Sklarek die verschie­densten Aussagen Brolat» miteinander ver­glichen, worauf ein Ermittelungsver- ähren wegen des dringenden Ver- flchts des Meineids eingeleitet wurde. :J.f Grund der gegen Brolat erhobenen Be- -ulbigungen sah sich der Aufsichtsrat der LG veranlaßt. Brolat von seinem Amt zu uspendieren. Bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter des Amtsgerichts 3, Landgerichtsrat Nittendorf, bestritt Brolat erneut, sich strafbar gemacht zu haben und er­klärte, daß er bei seiner Vernehmung durch Oderregierungsrat Tapolski falsch verstanden worden wäre und daß sich daraus die Unstim­migkeiten in seinen Aussagen erklärten. Dieser Angabe hat der Untersuchungsrichter aber auf Grund des vorliegenden, für Bro- Iat schwer belastenden Materials keinen Glauben geschenkt. Er wurde

Der volnische Präsident Moscicki auf seinem Weihnachtsurlaub mit einem riesigen braunen Bären, den er erlegte. Polen ist bekanntlich noch immer ein äußerst ergiebiges Jagdrevier! in dem selbst Eroßtiere. die im übrigen Europa schon seit Jahrhunderten ausgestorben sind, zu finden find.

Klein-Rosemarie

Berge von Gaben - Kleidungsstücke für zwanzig Jahre

Die fleine Rosemarie Boddin, die seit dem furchtbaren Verbrechen, das ihre Mutter an ihr beging, im Lazarus- Krankenhaus in Berlin liegt und jetzt schon vollkommen wieder hergestellt ist. hat ein Weihnachtsfest erlebt, wie es selbst Kindern sehr reicher Leute heutzutage nicht geboten werden kann. Schon seit Wochen türmen sich im Krankenhaus die Berge von Geschenken, sodaß man gezwun­gen war, ein eigenes Zimmer dafür zur Verfügung zu stellen.

Neben den Geldbeträgen, die eingingen und die vom Jugendamt für Klein-Rosemarie verwaltet werden, hat man das Kind mit S p i e l s a ch e n und praktischen Gegenständen über­reich. bedacht. Von der kleinsten Puppe bis zum größten Kinderwagen ist alles vertreten, was nur das Herz eines kleinen Mädchens erträumen kann. Kleider und Wäsche vom billigsten bis zum feinsten be­sitzt Rosemarie in solcher Hülle und Fülle, daß sie zwanzig Jahre lang ein kleines Kind bleiben müßt^, um alles auftragen zu können. So will man nun die Genehmigung des Jugend­amtes einholen, um mit einem Teil der

Eeschenle, die Rosemarie erhalten hat, auch andere arme Kinder zu bedenken.

Den heiligen Abend verbrachte die Kleine inmitten aller kleinen Kranken bei der großen Weihnachtsfeier für die Kinderstation. Aengstlich vermeidet man irgendeine Bevorzugung, damit sich die Kleine ja nicht womöglich als interesiante Persönlichkeit vorkommt. Das Mädchen hat keinerlei Erinnerung mehr an die furchtbare Tat, der sie zum Opfer gefallen ist. In ihrer tiefen Bewußtlosigkeit, die sie die Tage nach dem Verbrechen ver­brachte, blieb alles, was sich auf der Brücke und dem Bahndamm ereignete, zu­rück.

Auch an den Weihnachtstagen wurden zu Rosemarie keine Besuche gelasien, ob­wohl es vielfach versucht wurde, zu ihr oorzudringen. Frau Boddin, die im Un­tersuchungsgefängnis der Verhandlung entgegenharrt, hat auch zu Weihnachten nicht versucht, ihrer kleinen Tochter eine Mitteilung zukommen, zu lasten. Selbst­verständlich hätte man das auch im Jafall der kleinen Rosemarie verschwiegen. Selbst

- Die Hochzeitsfeier im Eispalast

einmal heller Feuerschein an den hohen Fenstern sichtbar wurde, und Rauch und Brandgeruch die Gästeschar in Schrecken vei- ietzte. Jeder versuchte in der Dunkelheit eine Türe zu erreichen, um ins Freie zu gelangen. Alles war versperrt! Ein wildes Hand­gemenge begann, ein rücksichtsloser Kampf unter den Eingeschlossenen. Man zertrüm­merte die Fenster, sprang hinunter in die dunkle Tiefe! Höchstes Entsetzen! —

Der aus den umliegenden Dörfern herbei, geeilten Feuerwehr gelang es nach stunden­langem Bemühen des Feuers Herr zu werden. Die Entdeckung, die man aber nachher machte, erhellte eines der furchtbarsten Verbrechen, die die Kriminalgeschichte Englands jemals gekannt hat.

3m großen Festsaal lagen 17 Personen mit durchschnittenen Kehlen, aller Schmuckgegen­stände beraubt. Außerdem noch 8 Frauen, die im Tumult totgetreten oder im Rauch erstickt waren. Von den Geretteten waren 4 Frauen und 3 Männer in Wahnsinn verfallen.

Niemals wurden die Bestien, die diese ent­setzliche Tat in der Silvesternacht begangen batten, entdeckt, und heute noch getraut man sich in der Grafschaft die Silvesternacht nicht in unbekümmerter Fröhlichkeit zu begehen.

*

Eine der grauenhaftesten Silvesterüber­raschungen, die die Geschichte kennt, bot die brutale und tyrannische Zarin Anna Iwanowa im Jahre 1738 ihren Silvester­gästen. Es war einer der strengsten Winter, die man in Rußland erlebt hatte, und djk Zarin ließ gegenüber ihrem Palais auf der Newa einen Palast aus Eis bauen. 3n der Silvesternacht wurde dieser Eispalast mär­chenhaft erleuchtet und bot den Gästen, die versammelt waren, einen feenhaften Anblick. In übermütiger Saune rief plötzlich die Zarin: „In diesem Palast dort drüben soll heute nacht mein Lieblingsnarr, Fürst Eolotzin, Hochzeit feiern!“ Der Fürst mußte sich sogleich eine der Hofdamen zur Gattin wählen. Die junge Gräfin Panin war die Erkorene.

Fohgestimmt fuhr nun die ganze Gesell­schaft in Schlitten zum Eispalast. Hier for­derte die Zarin das Paar auf, die Pelze ab- zvlegen und seine Hochzeitsnacht in diesem Palast aus Eis zu verbringen. Aufgestellte Wachen mußten mit ihrem Kopf dafür bür­gen, daß das Paar den Eispalast nicht ver­lasse.

Nachdem tüchtig gezecht worden war, fuhr die Hofgesellschaft mit Ausnahme des jungen Hochzeitspaares in betrunkenem Zustand da­von. — Als man am Neujahrsmorgen das „glückliche Paar" abholen wollte, fand man zwei Erfrorene eng aneinandergeschmiegt auf dem Eis liegend vor!