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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Frankreichs goldene Knute
Österreich erhält einen Kredit zur Abdeckung alter Schulden - Das Anschlutzverbot verlängert
Die französische Kammer hat in dea späten Abendstunden den Eesetzesvorfchlag der Regierung über die Garantie für die österreichische Anleihe mit 352 gegen 188 Stimmen angenommen. Der Ministerpräsident hatte die Vertrauensfrage gestellt. Der Zusatzantrag des Abgeordneten Marin, den Zinssatz ans das in Frankreich übliche Matz herabzusetzen, wurde abgelehnt.
Damit ist die Entscheidung nunmehr dem Senat überlassen worden. Ministerpräsident Paul Boncour erklärte vor der Abstimmung, daß er eigentlich aehofst hatte, die Vertrauensfrage nicht stellen zu muffen, datz er aber diejenigen habe decken wollen, die dafür stimmten, weil er der lleberzcugung sei, daß es sich um den Eckstein des Gebäudes handele, dessen Einsturz er verhindern wolle.
Der Senat hat mit 242 gegen 6 Stimmen vas Budgetzioölstel mit nur geringfügigen Abänderungen am Text der Kammer angenommen. Auch mit der beantragten Heraufsetzung der Höchstgrenze der auszugebenden Schatzbonds auf fünf Milliarden hat er sich einverstanden erklärt.
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Die gestrige Kammersitzung, auf deren Tagesordnung der osterreichisckie Anleiheplan steht, für den der französische Staat einen Betrag von 100 Millionen Schilling garantieren soll, begann mit einem Angriff des Abgeordneten Louis Marin, der die Gelegenheit benutzte, sämtliche Argumente gegen die Vorlage anzubringen, die von der rechtsstehenden französischen Preffe in den letzten Tagen angeführt worden waren:
Frankreichs Finanzlage sei mehr als schlecht, und nachdem man die Amerikaner nicht bezahlt habe, könne man unmöglich an die Oesterreicher Held geben, um so weniger, als Oesterreich ein Fatz ohne Boden sei und irgendwelche Garantien gegen den Anschluß illusorisch bleiben. Der Eeneralberichterstatter Lamoureux, der ex officio bestellt worden war, da kein anderes Mitglied des Finanzausschusses sich zur Uebernahme des Berichts bereitfinden wollte, wies darauf hin,
datz das Protokoll vow 15. Juki ausdrücklich an die Verpflichtuug des Protokolls von 1922 erinnere, nach dem Oesterreich versprach, seine Unabhängigkeit nicht zu veräutzern und von jeder wirtschaftlichen oder finanziellen Berhaudlung abzusehen, die
diese Unabhängigkeit gefährden könnte.
Die Anleihe werde von den Sachverständigen als geeignetes Mittel angesehen, die österreichische Wirtschaft ein für allemal zu sanieren. Sie sei auch ein uner- iätzliches Mittel für den Wiederaufbau der Donaustaaten.
Im Namen des Auswärtigen Ausschusses befürwortete der Abg. Bis not die Anleihe. Nachdem man die Zahlung an Amerika verweigert habe, würde die Weigerung, die in Lausanne Oesterreich gegebenen Garantien einzuhalten, einen Verzicht auf die Politik der internationalen Solidarität und einer absichtlichen Zurückziehung Frankreichs auf sich selbst glpichkommen. (Lebhafter Beifall links.)
In der allgemeinen Ausspräche bekämpfte der ehemalige Finanzminister FIandin die Vorlage. Er verwahrte sich gegen die mögliche Schlußfolgerung, datz etwa er und seine Freunde damit irgendeine Feindseligkeit gegenüber Oesterreich, seine Regierung oder seine Politik äutzern wollten. Er sprach von der „deutschen Karte", die Bundeskanzler Schober mit seinem Zollunionsplan zum Schaden Oesterreichs ausgespielt habe.
Im Mittelpunkt der Nachmittagssitzung stand eine Rede Herriots. Der frühere Ministerpräsident erinnerte daran, datz die österreichische Anleihe mit jenen früheren Anleihen, die Frankreich gewährt habe, nichts gemein habe. Oesterreich habe zwei Möglichkeiten, aus der schweren Lage herauszukommen: den Anschlutz oder den Völkerbund. Herriot schilderte die „Gefahren" des Anschluffes mit beredten Worten und setzte sich für den zwei-
Wo bleibt der Völkerbund?
Immer noch Krieg in der Mandschurei
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Japanische Kavallerie auf dem Vormarsch.
Die letzten chinesischen Berichte ans M « k d e n und Peking sprechen von neuen erbitterte« Kämpfen der chinesischen Freiwilligen mit den vordringende« Japaner«. Eine offizielle Meldung aus Mulden besagt, datz die Stadt A n h u a u südwestlich E h a r b i n s vo« chinesischen. Freischärlern besetzt worde« sei. Sie versuchten durch Zerstörung der Bahnlinie dea Eisenbahnverkehr zu hindern, find c^er von japanischen Panzerzügen zurückgeschlagen worden.
ten Weg ein. Die Verantwortung der französischen Kammer sei besonders groß, weil durch die Verweigerung der Garantie die gesamte Anleihe zusam- menbrechdn würde. Oesterreichs Existenz und seine Kultur stehe aus dem Spiel.
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Kaum je ist der politische Charakter der französischen Anleihen an die Südoststaaten und an Mitteleuropa deutlicher hervorgetreten als in dieser Debatte um das Geld für Oesterreich. Man mutz dabei wiffen, datz die Oesterreich in Lausanne zugebilligte Anleihe ohnehin schon an die Bedingung einer nochmaligen feierlichen Bekräftigung des Genfer Protokolls von 1922
Aus Tientsin wird berichtet, datz die Ehinesen über den Vormarsch der Japaner stark beunruhigt find und eine Gefahr für Rord-Ehina fürchte«. A« den Grenze« Nord-Chinas werden in der Umgebung oon Peking und Tientsin grotze Truppenmassen zusammengezogen. Ebenso hat fich die Lage an der Grenze der Provinz Jehol weiter verschärft. Die Japaner setzen ihren Bormarsch fort.
geknüpft war, das schon von fich aus praktisch einen Anschlutzverzicht darstellt. Es ist aber ein neuerlicher Beweis dafür, wie man in Paris den Wert papierener Verträge einschätzt, wenn man bei jeder Gelegenheit immer von neuem feierliche Erklärungen und Versicherungen verlangt in dem Glauben, damit endlich Oesterreich wirksam zu feffeln und es in den Kreis der französischen Vasallenstaaten in Südosteuropa einzubeziehen. — Eine besondere Tragik liegt darin, datz Oesterreich — selbst wenn es endlich zu der Anleihe kommt — kaum von dem Geld Gebrauch machen kann, da dessen größter Teil vertraglich zur Abtragung der alten Schu'd aus der Völkerbundsanleihe bestimmt ist.
Der Pfahl im Fleisch
Nach den gewaltigen Ereignissen des 'Weltkrieges hat das deutsche Cßolt fast ein Jahrzehnt gebraucht, um sich der Gröhe des Anrechts bewußt zu werden, das ihm entgegen der feierlichen Versprechungen der noch heute führenden Großmächte im Norden und Süden, im Westen und Osten zugefügt wurde. Gewaltig und unmeßbar groß sind die Verluste, die Deutschland im Wellkrieg erlitten hat. Die deutschen Menschen, die auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges für die Ehre des Deutschtums und für die Ehre des Vaterlandes gestorben sind, und diejenigen, die noch heute verkrüppelt und an Leib und Seele gebrochen weiterleben. die Kolonien, die uns geraubt wurden, die Flotte, die den deutschen Damen auf alle Meere hinaustrug und die abgeliefert werden mußte, die Einbußen am Volksdermögen und am Volkseinkommen, die Wlieferungen an Waffen und Kriegsmaterial, die Zerstörung volks- wirtschastlicher Werte ungeheuren Ausmaßes — das alles ist zum allergrößten Teil schon zahlenmäßig erfaßt und fest- gelegt worden. Was aber noch nicht berechnet wurde, ja, was durck keine Statistik festzustellen ist, ist der Verlust an Land und Gut, an jahrhundertelanger Kulturarbeit und deutscher Pioniertütigkeit, an deutschem Boden und deutschen Menschen, an dem allen, was uns in den geraubten Gebieten verloren gegangen ist. Das Saargebiet, das Elsaß, Schleswig, Danzig, der Korridor. Oberschlesien — oas sind Wunden, die am lebenden deutschen Volkskörper brennen.
Heute erwacht im ganzen deutschen Volk das Bewußtsein und stärkt sich die Aeber- zeugung, daß wir uns mir den hier geschaffenen Zuständen nicht abfinden können, daß die Zerreißung deutschen Gebiets im Versailler Vertrag nicht nur ein Unrecht am deutschen Volk, sondern auch ern politischer Ansinn gewesen ist. And heute wird insbesondere immer wieder das Bedürfnis wach, mit aller Eindringlichkeit auf die Zustände im Osten hinzuweisen. Es darf dort nicht so bleiben, daß ein Teil Deutschlands vom Reich abgetrennt ist und damit den Angriffen machthungriger Nachbarn ausgesetzt wurde, es darf nicht so bleiben, daß ein anderer Teil Deutschlands diesen beutegierigen Nachbarn überantwortet wurde unter Mißachtung des geschichtlich Gewordenen, unter Mißachtung von Recht und Gerechtigkeit und vor allem unter Mißachtung der wirtschaftlichen Tatsachen, deren kühne Beiseiteschiebung durch die Versailler Friedens- v.acher ganze Landstriche zu Not und Elend verurteilt hat. Nicht aus deutschem Munde, sondern von Engländern. Amerikanern und Italienern, ja, selbst von Franzosen stammen die Worte, daß Korridor und Danzig den Grund für einen neuen europäischen Krieg gelegt haben, daß dieses Gebiet im deutschen Osten ein Pfahl im deutschen Fleisch ist und daß Deutschland. politisch national und wirtschaftlich gesehen, sich auf die Dauer mit den dort geschaffenen Zuständen gar nicht abfinden kann, wenn es sich selbst und seine Zukunft nicht aufgeben will.
Seit Jahr und Tag sind also Auseinandersetzungen im Gange, die in der Weltöffentlichkeit die Voraussetzungen für eine Aufrollung der deutschen Ostgrenz« schaffen müssen. Wenn von deutscher amtlicher Seite bis heute nur zögernd in diese Aussprache eingegriffen worden ist, so mag das zu einem Teil daran liegen, daß wir bisher gewohnt waren, die wichtigsten Entschei-