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Rach Feierabend

Unterhaltungs-Beilage der Oberhessischen Zeitung

Wechnacht und »er Deutsche

Bon Prof. Dr. Karl Roth -München.

Ueberall und schon in uralten Zeiten löste der an den Umlauf der Erde um die Sonne gebundene Jahreswechsel mit dem damit zu­sammenhängenden Vergehen und Werden des vegetativen Lebens religiöse Vorstellungen aus, und damit gestalteten sich die letzten Tage eines scheidenden Jahres zu Feiertagen. An einer Grenze standen hier beieinander Tod und Leben, Trauer und Freude. Deshalb verband sich in diesen Tagen um die Jahres­wende bei vielen Völkern mit den Freuden- friern auch ein Totenkult. Die Trauer um den sterbenden und die Freude ob des zu neuem Leben erwachten Sonnengottes finden wir bei allen historischen Völkern, ob es nun der ägyptische Osiris oder der sumerisch-baby­lonische Nergal-Tammuz oder der vorder­asiatische Attis-Adonis war. Auch bei den indogermanischen Völkern hatte das Mitt- winterfeft die Doppelbedeutung eines Freu­den- und Totenfestes, wie Spuren davon noch beute vorhanden find. In diese Zeit, in der im alten Rom das Fest der Wintersonnen­wende in den ausgelassenen Feiern der Bru- malien und Saturnalien seinen Ausdruck fand, legte nun auch die junge christliche Kirche die Geburtstagsfeier Christi. Man konnte pdj den allgemeinen Festbräuchen nicht entziehen und den Sol invictus ja ebensogut in Christus sehen. Der wirkliche Geburtstag des Herrn war ja unbekannt.

Und es ist auch gut so, daß wir nichts Ge­naues wissen; denn nie würde unser Weih­nachten das herrliche Fest sein, wenn es nicht mit dem alten Mittwinterfest zusammenfiele. Dadurch unterscheidet sich das nordische Weih- nochtsfest von alten Weihnachtsfeiern des Südens. Als Feier des Wunders von Beth- fe$on konnte der Tag als rein kirchliches Fest zu jeder Jahre^eit nrit gleicher Feierlichkeit vor sich gehen. Als Feier, zusammenfallend nrit dem Mittwiuterfest, einte sich mit dem christlich-kirchlichen Feste ein anderes aus »r- (jjm im Unterbewutztsein des Volkes fortlebendes religiöses Element. Wer nicht dr» harten nordischen Winter zu erleben ver­mag, wenn Eisriesen alles Leben in todähn- lichen Schlaf scheuchen, wenn dichte Rebel- wünde wochenlang den Anblick der Sonne ver­hindern, der kennt nicht die Sehnsucht des nordischen Menschen nach Licht und Mrme, «ach wieder erstehendem Leben. Diese Gefühle i» all ihrer Tiefe, in ihrer Umsetzung in reli- gäSfe Anschauungen kann der Siidmenfch gar nicht hegen, über dessen Haupt sich auch in dicher Zeit ein blauer Himmel wölbt. Im Eegentetl, dort ist die lebenmordende Zeit der glühheihe Sommer, der den Boden zum Ausüörren und dessen Pflanzeuwuchs zum Sterben bringt. Dtefc Anschauung tritt auch

dort in den alten religiösen Anschauungen und Bräuchen zutage. Und wo daneben den unseren ähnliche auftreten, wurden sie von wandernden Nordvölkern hierher gebracht. Mehr als der Südmensch hatte sich der nörd­liche mit der Natur auseinanderzusetzen. Er, der einst am Rande des zurückweichenden

Eises lebte und mit des Winters langem Grimm zu kämpfen hatte, begann, die Natur in ihrer göttlichen Schönheit überhaupt erst zu sehen und zu erkennen. Da entdecke er in den langen, garten Winternächten auch das eigene innere, da regte sich in ihm all das, was in seinen Sagen widerklingt, da ent­

wickelten sich neben den im Kampfe um das Sein sich stärkenden geistigen Kräften ganz unbewußt jene seelischen Keime, die eben nur im Herzen des Nordmenschen wachsen konnten, seine sittlichen Auseinandersetzungen mit den Naturmächten, in denen er waltende Gott­heiten sab, Regungen, die in unserem deut­schen Weihmlchtsseste und seinen Bräuchen noch zum Ausdruck kommen.

Und da fand auch die Kunde vom Wunder in Bethlehem einen ganz anders vorbereiteten Boden, als es bei den Südländern der Fall war. Darin liegt das Geheimnis unseres von einem geheimen Zauber gehobenen Weih- nachtsfühlens, das uns von allen anderen Völkern unterscheidet, das wir als herrlichstes Erbgut in uns tragen. Heilig-Geheimnis­volles aus Urväterzeiten mischt sich glücklich mit der frohen Botschaft von Bethlehem wie nirgends sonst auf der Welt. Mögen die kirch­lichen Feiern des Weihnachtsfestes mit noch soviel Aufmachung vor sich gehen, was süd­liche Völker treiben, ist mehr und mehr Kar­neval, lärmendes Treiben auf den Straßen, voll besetzte Tafeln. Es fehlt die Innerlich­keit, mit der wir das Fest begeben. Den Weih­nachtsabend als Familienfest kennen sie nicht, und unser Weihnachtsbaum ist bei ihnen ein Fremdling, importierte Ware. Bei uns aber darf er nicht fehlen, nicht im Palast, nicht in der Hütt«. Uns ist er altes VStererbe, mit seinem nie vergehenden Grün das Sinnbild des „Neuen Lebens". Ihn setzte schon der alt­germanische Hausvater vor sein Haus, und mit frohen Festtagen beging er den neubegin- nenden Aufstieg der in seinem nordischen Nebellande so lange entbehrten Sonne. Fest­tage, die heute noch bei uns in unseren Volks­bräuchen als die sogenannten Zwölften" oder „zwölf heiligen Nächte" fortleben. Noch heut« spricht zu uns das Weihnachtsfest die gleiche Sprache wie vor Jahrtausenden, eine Stimme, die nicht hindert, daß wir mit gleich frommem Sinne uns auch vor der Krippe zu Bethlehem neigen. Eben weil wir unser Weihnachtsempfinden aus zwei Strömen schöpfen, ist es erhabener und poesievoller als das anderer Völker.

Deshalb hat unser Weibnachtsfest auch in anderer Beziehung noch hohe Bedeutung für uns, Wie kein zweites mehr ist es das Fest, das alle Volksgenosien an die gemeinsamen Wurzeln erinnern sollt«. Wie die Familie ge­eint, fern allen Haders, um den leuchtenden Weihnachtsbaum steht, so sollte jeder im Volke sich dessen bewußt werden, was die Heiligkeit des Tages ausmacht Hier in den alten Bräu­chen, die Hoch und Niedrig gleich übt nach alter Väterweise, stehst du als Bruder zum Bruder. Reichen alle Volksgenosien einander brüderlich die Hände, dann wird die herrliche Weihnachtsbotschaft „Friede auf Erden" zur Wahrheit werden.

^ünbeiung des beugen Kindes“

MeioMfca-Refie! von Andree della Rodln (1435—1525)

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Wir große Rojikrr WrißmÄleo Werten

Bon Wilhelm Hei mau»-Weimar.

Palestriua, der «rotze, italienische Organist, der vor vier Jahrhunderten die Sirtinische Kapelle in Rom gründete, erfand all weihnachtlich ein Lied. Tief in der Nacht wanderte der Organist in die Peterskirche, stieg zur Orgel empor und präludierte ganz geheimnisvoll in seligstem Moll.... Er schrieb über einen lateinischen Tert große Noten köpfe, und der Weihnachtschor war fer­tig. Mte Aufzeichnungen tagen, daß dieser Mklestrina immer wochenlang vor Weihnach­ten still an der OrgÄ saß unb daß dann in der Mitternachtsmesie am Heiligen Abend von derselben Orgel herab Weisen erklangen, die geradezu die Engel selbst geschrieben ha­ben konnten. Ja, dieser Palestrrna hatte noch etwas von seligster Weihnachtsrnnigkmt i» keiner MrHkk.

Johann Sebastian Bach, der tachige Eisenacher, der größte Organist aller Zeiten, hat sich in seinen jungen Jahre» von den Thüringer Konsistorien oft denKirchenschlMel geben lassen; mancher Pfarrer war damit nicht einverstanden, weil man nicht haben wollte, daß Bach in lÄchtllcher Stunde immer so wÄtvergessen in die Tasten griff. Um die Weihmrchtszekt-aber, da merkte man nicht, daß Bach bis tief in die Nacht Sinern spielte, denn fast im Dmckl saß er atef der Orgel- bank; zwischen die OrgÄprofpekte hatte er ein Kerzlein gestellt. Bach gÄtaltete einen Weih- nachtschoral, ein Stück voll himmllfcher <5eßg« keit und Freude zugleich. So ein Werk schrieb er mit dicker Gänke^xer auf gelbes, Harles Papier, wenn er ss vor Weihnachten auf der Orgelbant saß. — Bach hatte fn zwei Ehen zusammen 22 Kinder; als sie Skier wur­den, war es seine größte Freude, mit ffinen. die alle ein Instrument gut fpfeten konnten, ein Weihnachtslied einzuüben; die Kleinsten mutzten singen. Die Bachrn sang ordentlich mit. Und wem» mm Weihnacht tcjsu drau­

ßen tiefer Schnee lag, da umßte das ganze Städtchen, daß es in Bachs Hause wieder ein FHt gab: Die Kinderlein spielten und sangen. Dem lebenstrutzigen Johann Sebastian Bach, der es gar schwer hatte mit den vie­len Kindern und dem kleinen Kantorenge- haü, kamen oft die Tränen. O 'Eötter- gobe Musik, was wäre die Weihnachtszeit ohne dich? . . . Und so htelten's dann die Bachkinder bis zu dem Tage, da der letzte Bach die Fiedel aus der Hand legte. Der alte Johann Sebastian aber mag in der Heiligen Nacht gar ost vom Himmel herunter­geschaut haben $n den Kindern, die da musi­zierten wie er einst.

Dmdwig van Beeth»o<n ans Bonn war eine absonderllche DdlMrntengestalt. ein ost aufbrausender Hitzkopf. ein harter SdxJ* del. Er ging immer steinen eigenen Weg. Ihn zog es selbst um die Weihnachtszeit selten in die Kirche. Ganz wenig hat er in di« Orgeltasten gegriffen, ihm war die klarlinige Meloda aus dem KZamer, aus dem Spinett lieber. Dieser übermSnnliche Beethoven wurde weich, wenn die Weihnachtszeit tarn; da spielte er Iftmer auf dem Klavier als sonst, so lange, bis der Wirt des Hauses kam und sagte: „Herr Beethoven, wir wol­len schlafen. Warum spielen Sie denn wieder bfe ft» Me Nacht hinein?" Worauf Beet­hoven gar Mne Antwort gab, sondern vor Wut noch fester in die Tauen griff. Dann schlug er die düsteren Akkorde ans den ersten Tasten der fünften Stnfome an. Ans war es mit der Wechwmhtsstknmneng! In Wien «g er abends gerne hinaus in Gottes freie Natur, in die weihnachtliche Gegend. Lichter ans friedvoll träumenden Häusern vergolde­ten bie Welt. Beethoven Lebte es, auf An­höhen zu stehen, auch zur Winterszeit, um weit AuSschan zu Bdlten. And wenn die Welt so MI tmb friedlich vor ihm Tag, da weih- nachtete es in keiner Seele, da wuchsen die Melodien aus seinem 3rmern heraus. Er nahm ein Stücklein Papier, schrWb'eim' lieb-, liche Melodie darauf und versteckte sfe ßUM

stimmte eine Hymne an auf Gottes Güte, die den Menschen einen Tag des wahren Frie­dens schenst. Abends nahm er dann die Melodie, wand Zweige vom Tannenbaum darum und sentte das Hauvt darüber. Der stutzige Beethoven ward wieder zum Kind.

Wolfgang Amadäus Mozart war meist melancholisch. Seine schwache Gesund­heit ließ starken Lebensmut nicht aufkommen. Aber er fühlte sich wohl im ersten Schaffen. Mozatts Vater, ein unsteter Mensch, war nicht gut zu dem kleinen Jungen, der schon mit sechs Jahren oft Tag für Tag in öffent­lichen Konzerten spielen mußte. Aber an einigen Tagen des Jahres durst» der Heine Mozart ganz für sich sein. Der Vater wollte ihm sogar Noten schenkten. Mozart aber nahm statt der Noten die paar Kreuzer, kaufte sich Papier, Tinte und zwei Gänsekiele, setzte sich sich ans Klavier und schrieb — Weih­nachtsmelodien. Nur für sich . . . Wfe das perlte und aus dem Spinett melobierte! Mo­zarts Schaffensdrang war unbegrenzt. Nach den Helligen großen Tagen nahm er die Notenblätter und trug sie zur Kirche, in eine Orgel, ganz uef in deren Leib verwahtte er sie. Und so vergingen die Notenblätter, vom Zahn der Zett zernagt; sie hatten ihre Aufgabe erfüllt, dem Meister hatten sie himm­lische Weihnachtsstunden bereitet, sonst me- mtntben auf der West.

Anton Bruckner, der Oesterreicher, nahm in der Weihnachtszeit große Bogen Pa­pier hervor, ans einem alten, eichenen Schrank, der so zufrieden in die Welt schaute wie der Amtor Bruckner selbst. Auf dem ersten Blatt stand mit verschnörkelten Buchstaben: „Dem lieben Gott gewidmet." Das war jene große Sinfonie, die Bruckner dem Herrgott schenkte. Der Tondichter saß in seinem einsamen Hei­nen Stübchen, spielte und glaubte, die Engel flatterten um ihn her und summten ihm die Melodien ins Ohr. Wemsts draußen weih- ngchstte, Üpnen*rte Bruckner am liebsten, ,,tei

bette am Heiligen Abend zur Bamberger Altenburg, sperrte mit einem großen, rostigen Schlüssel das kleine Zimmerchen an der Turm­mauer auf, schaute vom hochgelegenen Fenster frierend und sorgenvoll in die ahnungslose, stille Weite und — weinte. Denn sein Leben war bart. Das Theater konnte ihn nicht mehr bezahlen; und morgen, am ersten Werh- nachtsfeiettage mutzte der Kapellmeister Hoff- mann trockenes Brot essen oder wieder einen Rock verkaufen. Das war eines deutschen Musikers Weihnacht. Hoffmann nahm Holz­stücke, legte sie in den Kamin, holte vom nahen Burgwald einen Heinen Tannenbaum in sein Zimmerchen und — spielte auf dem alten Spinettchen, bis er innerlich froh wurde. DaM zog er gen Bamberg. Daheim aber lag ein großer Brief mit einigen Talern, von einem Freunde aus Würzburg. Froh im Herzen zog Hoffmann wieder durch das weih­nachtliche Bamberg hinauf zu der Altenburg windumbrausten Höhen, machte im Turmzim- mer alle flehten Fenster auf und spielte Weih- nachtsfreuden-Melodien hinaus ins göttliche All . . .

Der Hilfsgeistliche Joseph Mohr ans Oberndorf bei Salzburg war ein stiller Mensch, der Sinn für Musik beim Gottes­dienst hatte. Mit ihm zusammen roirfte der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber, der am Ersten Weihnachtsfeiettag 1787 das Licht der Welt erblickte. Um die Weihnachts­zeit gefielen ihm die Stücke nicht mehr, die immer wieder aus dem alten, abgegriffenen Kirchen-Orgelbuch genommen werden mutzten. Am Heiligen Abend, 1818 watts, setzte er sich an die Orgel, und es fielen ihm Tränen von den klugen. Er strich diese heimllch weg. griff in die Tasten, dem» Musik ist eine gött­liche Trösterin. Er tPitite mit dem Herzen und nun wurde bie Melodie: „Stille Nacht, beütge;Stoßt“ geboren. Arn sel- Liedtett erdacht. ■ 1834 ward dies stoch heute klingt Zeit der weiten

ben Abend hatte Thth en Suchers