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Weihnachtsfeier auf dem MeereSvrunt

Me seltsame Christnacht eines deutschen Untersee-Bootes. — Einer von „UC 64“ erzählt.

Aeberall auf der Erde, in den entlegend- sten Winkeln und Fleckchen, manchmal un­ter den eigenartigsten Umständen flammt am Abend des 24. Dezember der Christ- baum auf. Das höchste Fest der Mensch­heit hat Feiern erlebt, ist dort durch ver- zweifelt dem Augenblick abgerungenen Frohsinn, durch stille feierliche Besinnlich­keit geehrt worden, wo selbst kühne Phan­tasie sich Weihnachtssymbol und ver­träumte Inbrunst nicht vorstellen könnten.

Das sonderbarste Weihnachtsfest, bas wohl je gefeiert wurde, aber erlebten die dreißig deutschen Seeleute des Unterseebootes „UC 64".

Es war in der Adventszeit 1917. „UC 64“ gehörte zu den zwei II-Boot-Flo- tillen, die damals in Brügge stationiert waren und über Zeebrügge in See gingen.

Am 20. Dezember, schon hatten die Männer von „UC 64“ alle Vorbereitun­gen zur Feier ihres deutschen Weihnach­ten in der bescheidenen Unterkunft getrof­fen, da bekam der Führer des Untersee­bootes. Oberstleutnant z. S. Hecht einen gefährlichen Sonderauftrag.

In der Eile des Alarms dachte nur der Wachoffizier des Bootes, der fetzige Kor- vettenkavitän Lange, daran, daß ja in vier Tagen Weihnachten sei.

Das Nennen, das er in der halben tiot der Ausfahrt nach einem klei­nen, recht kleinen Weihnachtsbäumchen für den schmalen Raum des Innern des Boo­tes anstellte, ist wohl einer der rührend­sten Lanqstreckenläuse, die je von übermü­deten Menschenbeinen ausgeführt wurden. Bestimmt aber ist er die größte svortliche Leistung des damaligen Wachoffiziers der „UC 64“ Lange.

Gestreckter Galopp durch ganz Brügge, späterhin in aleichem Temvo eine kleine Seitenpatrouille an den Schleusen von Zeebrügae und das Bäumchen, keinen hal­ben Meter hoch, war erobert.

„UC 64“ gehörte zu den modernsten Typen der deutschen Unterseeboote. Neben den Torpedo-Lancierrohren trug es die ungeheuer gefährliche Last von Minen, die — so ganz nebenbei — noch ausgelegt werden sollten.

„UC64* kreuzte bis zum Weibnachts- morgen am Südausqang des Kanals, hatte dauernd englische Zerstörer hinter sich, und am Morgen des 24. Dezember war die Situation so, daß feindliche See- flugzeuge, Mei Zerstörerflotillen und einig« Torpedoo-boote systematische Treib­jagd auf das deutsche Schiff machen konn­ten.

Unter geschickter Ausnutzung einer Ne­belbank aber und durch raffiniertes Ma­növrieren wurden die Verfolger abgefchüt- telt, und jetzt ging „UC 64“ selbst auf die Jagd. Ein französischer Trans­porter mußte zu seiner schwersten Ent- >" '' una merken, daß seine fröhliche und unbekümmerte Zuversicht auf den Weih­nachtstag und die zu erwartende Abwesen­heit der deutschen .Husaren der Tiefjee" ein reichlich verfehlte Spekulation war.

Dann wurde es dunkel. Schattenhaft am Horizont erschienen die Rauchfahnen einiger feindlicher Zerstörer, die wieder auf die Spur gekommen waren, aber für einigen Stunden wenigstens wollten die Männer von „UC 64" ihre Brüderschaft mit dem Tode vergesien. Mit dem Kom­mando: „Alles klar auf Tauch­station !“ brach das seltsamste deutsche Weihnachtsfeft an, das wohl je gefeiert wurde.

Unbemerkt 00« bete Feinde legte sich »UC 64* auf de« Meeresgrund. Unend­lich weit von der Heimat entfernt, dicht am Südwestzipfel England«.

Dreißig Männer, alles bewährte Käm­pen, ewige Nachbarn des Sensenmannes wurden nun zu Kindern. Vierzig Meter unter der Oberfläche, leis vom Getriebe der Gezeiten gewiegt, war ihnen ihr Boot jetzt Heimat und Deutschland. Weih­nachten ist da . ..

Wie immer war das unentbehrlichste Requisit des Bootes, das Erammaphon, bei dem Tauchmanöver zu Boden geplauzt. Wie immer hatte es sich in seine einzelnen Bestandteile ausgelöst, und wie immer wachten sich die Männer unverdrossen daran, es wieder zu flicken. Eine Arbeft von einer guten Stund«, aber mit dem

Weihnachtslied auf den Lippen eine herr­liche Beschäftigung.

„Morgen Kinder wird's was geben“, fingen die Männer, basteln am Grammo­phon, schaben den Dreitage-Bart, waschen die ölbefleckten Gesichter. In der Meße bauen die drei Offiziere die Weihnachts­geschenke auf, und dann flammen die elek­trischen Kerzen des Bäumchens, dann

stehen fie alle die Dreißig beisammen und inniger ist wohl niemals das alte deutsche Weihnachtslied von der stillen, von der heiligen Nacht gesungen worden als in die­sem Augenblick.

. . alles schläft, einsam wacht . .

Da kommt von oben ein Mahlen und Rauschen, immer drohender and immer

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„Die heilige Familie"

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stärker, und dann hängt es sekundenlang direkt über ihren Köpfen. Die englischen Zerstörer find da.

Und die Männer singen weiter. Sie wären auch gestorben mit dem Lied auf den Lippen in diesem Augenblick, wenn der Feind eine Tiesseebombe hinuntergesandt hätte.

Weihnachten auf dem Meeresgrund. Ein Stück Deutschland dicht vor dem Land des

Gegners. Dreißig Männer weinen und schämen sich ihrer Tränen nicht. Das Grammophon knarrt: „O du fröhliche, 0 du selige .. ", aber ihnen ist es ein herr­licher, dröhnender Choral.

Kleine, ganz kleine Geschenke hat es ge­geben, aber eine Streichholzschachtel als Weihnachtsgeschenk wäre in dieser Lage auch als Beglückung gekommen.

Immer wieder kommen die Schrauben­geräusche der Zerstörer, die oben in gnaden­

los tastenden Scheinwerfern nach dem Feind suchen, von dem sie wifien, daß er irgendwo in bei Nähe sein muß.

Ein lecker Oeltank, der seine Spuren nach oben schickt, der muß jetzt den Tod bringen. Aber sie denken nicht daran, die Leute von „UC 64“, fie wollen nicht daran denken. Sie wollen Weihnachten feiern...

Die aber oben haben alles andere als Weihnachtsgedanken, und plötzlich läßt ein furchtbares, entsetzliches Geräusch die II» Boot-Männer zusanmenfahren.

Es ist bas Knirihen «nb Wispern bes U-Boot-Todes, bas Scharren bet Such- gerate bet Zerstörer, hinter bene« gleich bas Netz kommen wirb.

Sie singen „Oh Du fröhliche, oh Du selige..."

Sie fingen „gnadenbringende Weih­nachtszeit ..." und da ist schon das Netz über ihnen. Es schleift und scharrt, und dann, bann hakt es einmal — bie weit auf­gerissenen Augen bei Männei sehen förm­lich bas Bild bei tastenden Spinnenfinger aus Stahldiaht — und dann ist es auf einmal übei sic hinweg

Weitei singen sie, inniger als jemals, von der Sekunde restlos zu wundergläu­bigen Kindern gemacht, die alle Menschen am Heiligen Abend sein sollen und wol­len. Bestimmt ist nie das Wunder der Erlösung tiefer begriffen worden als hier im „UC 64“.

Noch immer sind die Zerstörer da, aber jetzt haben sie die Befreiung zum Lachen in sich. Sie lachen und scherzen als das herrliche Weihnachtsmahl — seit Wochen und Monaten freuen sie sich darauf — Biicküenschinken und Rührei gebracht wird, da ist auch die Hochstimmung der weih­nachtlichen Fröhlichkeit da.

Nicht lange.

„Es war uns allen wie ein plötzlicher Stich in das Herz“, erzählt einer der Männer vom ,UC 64“ „ganz «bwach, aber entsetzlich klar hörten wir die Detona­tion eines Torpedos. Vielleicht gar nicht weit von uns hatte der Tod zu- gegriffen. In der Weihnachtsnacht. Ob es ein Kamerad war, der... Wir sahen uns an und sekundenlang wagte niemand ein Wort zu sagen. Ganz still, ohne daß bas Kommando schon gefallen wäre, stan­den die Männer auf und gingen in ihre Tauchstationen. Hecht und ich sahen auf die Uhr. Es war zwölf. Mitternacht. Unser „Weihnachtsurlaub" war zu Ende. Wir mußten wieder heraus...

Die Nacht war sternenklar geworden. Wir fuhren wieder, den Tod zu bringen und — zu suchen. Bis zum Morgen­grauen kreuzten wir, aber wir stießen auf kein feindliches Frachtschiff. Wir brauchten den Tod nicht auszusenden, und wir waren insgeheim froh darüber. D-nn es war Christnacht...“ M. P.

zwei finten den WMaWmann

Eine Weihnachtsgeschichte

von SamtsW. Kappler-Oberschr«iberhau.

Fiebernd und von freudiger Erwartung erfüllt standen Ilse und Annelies vor den ein wenig geheimnisvoll lächelnden Eltern. „Dürfen wir noch nicht in bas Zimmer?“

„Nein, Kinderchen", erklärt bie Mutter. „Das Beste für euch neugierige Mädels ist gewiß ein kleiner Spaziergang auf die Straße. Bleibt dabei aber hübsch brav vor der Haustür und schaut, ob ihr hinter den Fenstern der Nachbarhäuser einen Weihnachtsbaum im Lichterglanz entdecken könnt! Inzwischen werden wir fein aus« packen, was der gute alte Weihnachtsmann euch geschickt hat, nicht wahr?"

Ilse und Annelies schlüpften gehorsam ht ihre warmen Mäntel und schritten bann, ein wenig zögernd noch, die Treppen abwärts. Langsam traten sie auf die Straße hinaus und wanderten Hand ht Hand vor dem Hause der Eltern auf und ab.

Die Kinder lugten neugierig zu den er­leuchteten Fenstern der Häuser empor, und ein verhaltener Jubelruf entschlüpfte ihrem Munde, wenn sie hier und da zwi­schen nicht völlig geschlossenen Fenstervor- hängen den flimmernden Kerzenschmuck eines Tannenbäumchens zu entdecken ver­mochten.

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als auf der einsamen Straße die Ge­stalt eines Mannes auftauchte. Ilse und Annelies drückten sich scheu in eine Nische der Haustür.

Nur langsam kam die gebeugte Gestalt näher, um schließlich unweit der beiden Mädchen stehen zu bleiben. Der Mann schien nicht bemerkt zu haben, daß er nicht allein auf der Straße war. Er hob das bärtige, zerfurchte Gesicht und schaute lange und unverwandt in den nächtlichen, fun­kelnden Sternenhimmel. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut aus dem Munde des Alten.

Annelies drückte sich fester an ihre Schwester. „Er betet gewiß?“ flüsterte fie bebend, und ihre Augen waren groß und erfüllt von dem weihnachtlichen Geschehen.

Ilse nickte, ihren Blick nicht von dem ein­samen Manne lastend.

„Ob es vielleicht gar — der Weihnachts­mann ist?" fragte Annelies von neuem.

„Wollen wir ihn fragen?“ gab Ilse zurück.

„O ja?" rief Annelies frohlockend aus und klatschte vor Freude ht die kleinen Hände.

Der Mann war erschrocken zusammen­gefahren und wollte, in seiner Andacht so jäh gestört, rasch davon eilen, als ihn vier Kinderhände an seinem Rock ergriffen. „Wir haben ihn — wir haben ihn — den Weihnachtsmann!" rief Klein - Annelies jubelnd.

„Was wollt ihr von mir?“ fragte der Greis nicht unfreundlich und fuhr sich mit der zitternden Hand über die müden Augen.

Annelies richtete fich auf ihren Zehen empor und schaute vertrauensvoll und zu­versichtlich zu ihm auf. „Gelt — du bist der Weihnachtsmann?"

Aber sie wartete vergebens auf eine Ant­wort. Der alte Mann schien mit sich zu kämpfen. Die großen Kinderaugen waren so voller Hoffnung auf ihn gerichtet, daß er fühlen mochte, wie schwer ein „Nein" der Kinder Seele treffen mußte.

„Bist du der Weihnachtsmann?“ fragte nun auch Ilse ein wenig drängend.

„Ja, Kinder“, antwortete der Mann endlich mit rauher, etwas spröder Stimme, in der ein verhaltenes Beben war.

„Und wo hast du den Sack mit den vie­len Aepfeln und Rüsten?“ wollte Annelies wisten.

„Ich — ich — habe alles verschenkt und — habe jetzt — nichts mehr...“

„O —", rief Ilse bedauernd, „bann hast bu wohl selbst auch nichts mehr und bist gar hungrig?“

Der Greis schüttelte, unfähig zu einer Antwort, heftig den Kopf, aber da hatten schon zwei kleine Mädchen seine Hände er­griffen und zogen ihn durch eine Haustür, zogen ihn beharrlich einige Treppen hin­auf, bis fich eine Tür rasch öffnete.

„Mutti! Wir haben ihn! Wir bringen den Weihnachtsmann“, riefen die Mädels triumphierend, und in ihren glänzenden Augen war eine helle, schöne Freude.

Sekundenlang standen die Eltern er­schrocken. dann aber gewahrten sie in dem eisgrauen Bart des alten Manne;, der seine Blicke zu Boden gesenkt hielt, einige schimmernde Tropfen. Von neuem reichten sich dem Einsamen zweier Menschen Hände.

„Komm, tritt ein, Weihnachtsmann!“ sagten leise zwei große Kinder, die schon lange, lange nicht mehr — an den Weih­nachtsmann geglaubt hatten.