Sonnabend, den 24. Dez. M2
Die .Oberhessische Zeitung^ erscheint sechsmal wöchentlich. Dr- zugSprei« monatl. i. Marburg 2.10 GM. einschl. Zustellungsgebühr, bei unsren Agenturen 1,93 GM. zuzügl. Zustellungsgebühr, durch die Post 2.25 GM. Für etwa durch Stieil, Maschinendefe kt oder elementare Ereignisse ausfallende Rmnmern wird kein Ersatz geleistet. Verlag, Dr. §. Hitzeroth, Druck der Unib-Buchdruckerei Job. Aug. Koch, Markt 21/23. Lernsprecher: Rr. 2054 u. Nr. 2055 Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion bon 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere knrhesfifche) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
eihnachten im Zeichen der Not
Angesichts der kritischen Entwicklung der öffentlichen Finanzen hat die Bemerkung des Reichskanzlers in seiner Rundfunkrede, wonach die Regierung ohne neue Steuererhöhung oder Gehaltskürzung im laufenden Haushaltsjahr auskommen werde, Aufsehen erregen müssen, umsomehr, als gerade in der letzten Zeit die Ansicht Platz gegriffen hatte, daß ohne eine nochmalige Kürzung der Personalausgaben bzw. etn erneutes Anziehen der Steuerschraube keine Möglichkeit vorhanden sein würde, das wankende Finanzgebäude zu stützen. So erfreulich nun auch die genannte Ankündigung des Reichskanzlers gewesen ist, so sehr sind doch die Zweifel berechttgt, ob diese opttnristtsche Auffassung des Regve- rungschefs auf die Dauer aufrecht zu er» hatten fein wird. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kanzler die Berechttgung für diesen Optimismus weniger aus dem Studium der Lage der Finanzen von Reich, Ländern und Gemeinden gewonnen hat — der tatsächliche Stand der öffentlichen Finanzen gibt dazu absolut keinen Anlaß — sondern aus der recht vagen Hoffnung auf eine Konjunkturbesse- rung, die im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsprogramm und dem berühmten Silberstteifen am Horizont der „Weltwitt- schaft" offenbar für Beginn des Jahres erwartet wird und die dann die Helferin aus allen Röten sein würde.
Wie liegen die Dinge, wenn man sich auf einen ungewissen Wechsel auf die Zukunft nicht verlassen will, in Wirklichkeit? In einigen Zahlen läßt sich die erschreckende Bilanz sehr deutlich zum Ausdruck bringen: Im Jahre 1929 brachten die Steuereinnahmen noch 9,2 Milliarden RM., während sie im laufenden Haushaltsjahr recht vorsichttg nur auf 7,5 Milliarden RM. geschätzt wurden. Die tatsächliche Entwicklung hat selbst diese vorsichtige Schätzung über den Haufen geworfen. Man rechnet jetzt mit einem Steuereingang für das laufende Haushaltsjahr höchstens im Betrage von 6,7 Milliarden RM. Das bedeutet gegenüber 1929 einen Rückgang um 2,5 Milliarden RM. und gegenüber dem Haushaltsvoranschlag einen Fehlbettag von 800 Millionen RM., der aber leicht noch höher werden und die Mil- liarden-Grenze erreichen kann. Dazu kommt die katastrophale Entwicklung bei den Finanzen der Länder, vor allem aber oer Gemeinden. Gerade von der Seite der kommunalen Finanzen her droht die größte Gefahr, weil die Gemeinden in der vordersten Front stehen und die Erschütterungen der Krise in erster Linie auffangen müssen. Dazu kommt die gänzlich unbefriedigende Regelung der Erwerbslosenunterstützung, die die Gemeinden so belastet, daß sie schon gezwungen sind, Steuereinnahmen, die an das Reich abgefühtt werden müssen, einzubehalten und für die Auszahlung der Wohlfahttsunterstützungen zu verwenden. Eine weitere Folge, die in der letzten Zskt ebenfalls bedenklich zugenommen hat, ist die Tatsache, daß die Gemeinden nicht mehr in der Lage sind, die laufenden Zahlungen für Kredite und Zinsen M leisten — eine Entwicllung, die, wenn sie weiter geht, schwere Erschütterungen Hervorrufen muß. Zur Zeit schätzt man den Rückgang der Steuereinnahmen bei Ländern Und Gemeinden auf eine Milliarde RM., nämlich von 4,3 1929 auf 3,3 Milliarden RM. 1932.
Um das Ausmaß dieses Rückganges ganz zu erfassen, muß man berücksichtigen, daß in den letzten drei Jahren Steuer- echöhungen und Einführungen neuer Steuern in einem Ausmaß erfolgt sind, wie man das zunächst nicht für möglich gehalten hatte. Theorettfch hätten diese neuen Steuern ein Mehreinkommen von 2.5 Mil-
Aufruf zum Notwerk der deutschen Jugend
fk. B e r l i n, 24. Dez. Die Rot der Arbeitslosigkeit lastet schwer gerade auf der deutschen Jugend. Weder Arbeitsbeschaffung noch Arbeitsdienst können verhindern, daß mit Einbruch des Winters Hunderttausende von jungen Deutschen mit dem Schicksal der Arbeitslosigkeit und der Untätigkeit zu ringen haben. Darum rufen Reichspräsident und Reichere g i e r «n g das deutsche Volk am Weihnachtstage zum Rotwerk der deutschen Jugend auf. Das Rotwerk soll der arbeitslosen Jugend Gelegenheit zu ern ft Hafter beruflicher Bildungsarbeit bieten und ihr sonstige sinnvolle geistige und körperliche Betätigung ermöglichen. Es soll ihnen hier in Verbindung damit täglich eine gemeinsame warme Mahlzeit sichern.
Gemeinsinn unh Hilfsbereitschast aller Teile der Bevölkerung müßen in diesem Notwerk Zusammenwirken, um die arbeitslos« Jugend körperlich und geistig gesund und lebensfähig zu erhalten, und ihren Willen zu gemeinschaftlicher Selbsthilfe zu stärken. Die freiwilligen Anstrengungen der Bevölkerung werden die planmäßige Unterstützung des Reiches erfahren. Di« Reichsregierung stellt für geeignete Einrichtungen, insbesondere auch freiwillige Kameradschaften junger Arbeitsloser, die sich iu den Dienst des Rotwerkes stellen und es praktisch verwirklichen, Beihilfen zur Berfüguug, die vor alle« die vorgesehene Verpflegung ermögliche«.
Die Förderung des Rotwerkes der deutschen Jugend ist dem Reichsarbeitsminister übertragen. Er wird die notwendigen Anordnungen treffen.
Berlin, den 24. Dezember 1932.
Der Reichspräsident: ». Hindenburg.
Die Reichsregieruug: v. Schleicher, Reichskanzler.
Das Notwerk der deutschen Jugend, zu dem Reichspräsident und Reichsregierung aufrufen, wird auf Anordnung des Reichsarbeitsminister durch die R e i ch s a n - st a l t für Arbeitsvermittelung und Arbeitslosenversicherung durchgeführt.. Für das Notwerk stehen Reichsmittel in dem laufenden Haushaltsplan von 9 Millionen Reichsmark zur Verfügung. Hieraus dürfen Beihilfen solchen Einrichtungen und insbesondere auch solchen freiwilligen Kameradschaften gewährt werden, die allein oder im Zusammenwirken mit anderen Stellen junge Arbeitslose im Alter bis 25 Jahren außer zu gemeinsamer Mahlzeit durchschnittlich mindestens vier Stunden am Tage zusammenhalten. Hiervon sollen nach Möglichkeit zwei Stunden der beruflichen Fortbildung dienen, die übrige Zeit sportlicher Betätigung und geistiger Bildunasarbeit gewidmet sein. Die B^bilfen sollen so berechnet werden, daß höchstens, je nach den örtlichen Ver- bältnisien, 15—2 5 R e i ch s p f e n n i g e für jeden Teilnehmer gewährt werden. Sie haben regelmäßig zur Voraussetzung. daß sich auch andere — private oder öffentliche — Stellen mit eigenen Mitteln an der Verpflegung und den sonstigen Aufgaben des Notwerkes beteiligen. Die Reichsanstalt für Arbeitsvermittelung und Arbeitslosenversicherung wird die hiernach erforderlichen Maßnahmen im engsten Einvernehmen mit den Körperichaften. Verbänden, Vereinigungen und allen sonstigen Stellen einleiten und durchführen, die sich nach ihrem Aufgabenkreis mit der Hilfe für die arbeitslose Jugend befaßen. Zur Förderung des Not- werkes sollen unverzüglich in ben Bezirken aller Arbeitsämter Arbeits- kameradschaften gebildet werden. Sie sollen unter Vermeidung überflüssiger Organisationen alle Stellen zusammenfassen. die sich der arbeitslosen Jugend annehmen: neben dem Arbeitsamt vor allem die Gemeinden (Jugend- und Wohlfahrtsämter, Berufsschulen), hie Freie Wohlfahrts- und Jugendpflege (insbesondere die Winterhilfe), die Eeistlich- kett und Lehrerschaft, die Jugendverbände aller Art, die Berufsverbände der Arbeitnehmer, Arbeitgeber- Vereinigungen usw.
Der Reichsarbeitsminister hat sich an sämtliche Länderregierungen sowie an die kommunalen, charitativen, wirtschaftlichen und sonstigen in Betracht kommenden Spitzenverbände gewandt, und sie um Unterstützung des Notwerkes und Mitwirkung bei seiner Durchführung gebeten.
liarden erbringen müssen, so daß also die tatsächliche Verschlechterung der gesamten öffentlichen Finanzen von 1929 bis 1932 6 Milliarden RM. bettägt. Die Frage ist nun, was mit dem Haashattssehlbettag werden soll, bzw. wie er gedeckt werden soll. Dabei liegt eine Schwierigkeit sofort auf der Hand: Der früher übliche "Weg, den Fehlbetrag durch eine Anleihe zu decken, ist heute nicht mehr gangbar. Das bedeutet aber zugleich die Gefahr, daß der Haushaltsfehlbetrag sich zu einem Kassenproblem auswächst. Bisher sind die Finanzminister in dieser Situatton bekanntlich immer so verfahren, daß man mit drakonischen Sparmaßnahmen die Finanzen durch die Krise hindurchzusteaern ver
suchte. Also scharfe Drosselung der Sach- und Personalausgaben, verbunden mit gleichzeitiger Erhöhung des Steuerdrucks. Das konnte eine Zritlang gut gehen, aber bann mußten sich die Folgen einstellen, die dann auch tatsächlich eingetreten Jirtö: diese Sparmaßnahmen wirkten wieder ttisenverschärfend, weiterer _ Kauflraftschwund und weiterer Steuerrückgang waren die Folge, und so kam man in einen verhängnisvollen Kreislauf, der den Schrumpfungsprozeß immer mehr fortsetzte.
Die Einsicht in die Unmöglichkeit, den Deflattonsweg weiter zu gehen, hat dann schließlich zur Herumlegung des Steuers geführt. Man versuchte durch Ankurbelung
/Fortsetzung siehe Seile 2*
Weihnachtsstimmung
Non Professor Ottomar Enking.
Früh und früher versinkt der Tag in Dämmer und Dunkel, aber heller und immer heller wird es in den Herzen, denn es kommt die wundervolle Zeit, in der wir Menschen einander Freundliches erweisen. Zu unseren Häupten flammt der Stern der Liebe, und mag das Auge das ganze Jahr voller Sorgen an der Erde haften: jetzt wird es doch von den milde herniederträufelnden Himmels- strahlen unwiderstehlich ungezogen; der Blick hebt sich empor, und die alltagverängstigte Seele staunt darüber wie viel Schönheit sie zu empfinden vermag, sobald sie es nur einmal wagt, sich vom Suchen nach dem Eigenen zu lösen und an andere zu denken. Der riefe Sinn des Wortes „unser Nächster" offenbart sich uns; weit und fast unbegrenzt dehnt sich der Kreis derer aus, die zu uns gehören. Keine Not und keine Enttäuschung hat es zustande gebracht, daß wir uns nicht um Weihnachten dem Zauber der Traulichkeit und Besinnlichkeit hingeben. Die alten lieben Lieder erschallen, Kinder jubeln, und niemand braucht sich zu schämen weil ihn im Tannenduft und Kerzenglanz etne weiche Stimmung überkommt. Sie ist die Sehnsucht "nach der Jugend, ist das innige Verlangen nach dem Ausruhen von dem ewigen Kampfe und von der schweren Pflicht des Tages.
Das Leben wandelt sich, und mannigfacher werden feine Erscheinungen von Jahr zu Jahr; stets neue Kräfte arbeiten daran, uns von uns selber abzulenken, und auf Schritt und Tritt dringen Gewalten in den Menschen ,ein, die es scheinbar nicht ertragen können, daß er ein Inneres besitzt, ein Heiliges, dem man Achtung und Ehrfurcht schuldet. Uns im stillen Bauen an unserer Persönlichkeit möglichst zu stören, das betrachtet vorteilssüchtiger Materialismus als seine Ausgabe; wir sollen seinen Zwecken dienstbar werden. Schwer fällt es jedem, sich gegen diese Einflüsse, die eine Verödung des Gemüts zur Folge haben, wirksam zu wehren. Wohl haben wir in ernster Kunst und Wissenschaft gute Helfer in solchem Streit um unser Bestes, und nichts wäre verkehrter als die Behauptung, der reine Idealismus sei ausgestorben. Aber den sichersten Schutz für unser eigentliches Wesen werden wir immer in der Pflege unserer Beziehung zu Gott finden, wie wir ihn nun auch auffassen und erkennen. Und das ist gewiß: in der erhabenen Engelsbotschaft, durch die nach dem Lukasevangelium die Geburt des Heilands verkündet ward, in dem Chorus, der Gott in der Höhe pries und von Frieden auf Erden unter Menschen des Wohlgefallens sang, in allem, was zu jener über dem kleinen Bethlehem ruhenden Nacht geschah., können wir eine Genüge haben, die uns sonst die Welt nicht bietet/ Wollten wir uns durch seine Urkraft niederdrücken laßen, dann hätten wir keinen Grund, den Geburtstag Christi zu feiern, sondern der Tannenbaum sollte lieber im Walde bleiben, und wir selbst müßten uns. trauernd in - die Einsamkeit zurückziehen, wofern wir ützerbaupt den Zusammenhang einer über uns waltenden Macht spürten und nicht in völligem Fatalismus erstarrten.
Unendlich viel fehlt, bis wir uns zu einer ganz entfernten Ebenbildschaft Gottes durchgerungen haben werden. Christus hat in der kurzen Spanne seiner Lehrtätigkeit eine alle Verhältnisse umfaßende Größe und Lauterkeit der Weltanschauung gezeigt. Wir stehen in ratloser Bewunderung vor „seiner sittlichen Vollkommenheit, die den Schöpfer als liebenden Vater schaute und von ihm ausgehen und in ihm endigen wollte, und wenn wir unsere Unzulänglichkeit an Christus messen, beschleichen uns Gedanken des Verzagens und Verzichtens. Aber wie kein Genius, so darf uns erst recht ein Christus nicht geboren sein, um uns zu beschämen und zu lähmen. Seine Gottdurchdrungenheit ist trotz aller Anfeindung, trotz aller Abkehr eines sehr beträchtlichen Teils der Menschheit von ihm zur bloßen Beachtung der technischen Fortschritte auch heute bei uns lebendig.
Mit wieviel Wärme hat der Deutsche die Krippe umgeben, darin das Kindlein schlummerte! Wie ist'er nicht müde geworden, das Geburtsereignis in holdmystische Legenden uub Märchen einzuspinnen, das Göttliche zu