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Nr. ?9i

OdervessNche 3ettnng, Marborn a. L. Montag, den 19. Dezember 1932

Sette 3

Der 31. Dezember 1932 Verjährung droht!

Im Rechtsleben macht der Zeitablauf manches Beweismittel wertlos und wnche Abwehrwaffe stumpf. Infolge- essen ist ein Schuldner, der noch nach -ähren von seinem Gläubiger wegen eines — vielleicht sogar unbegründeten — Anspruchs verklagt wird, oftmals we­gen des Verlustes der Beweismittel nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Deshalb hat der Gesetzgeber zum Schutze des ein­zelnen Staatsbürgers, zur allgemeinen Rechtssicherheit und im Interesse des Nechtsfriedens die Verjährung ein- geführt. Dieser im öffentlichen Interesse liegende Schutz kann durch private Ver­einbarungen nicht beseitigt werden; das Gesetz hat sowohl eine Ausschließung der Verjährung durch Rechtsgeschäft als auch eine Verlängerung der Verjährungsfrist verboten. Dagegen ist eine Abkürzung der Verjährungsfrist, also eine Erleichte­rung der Verjährung, zuläffig.

Welche Bedeutung hat nun der 31. De­zember 1932 für die Verjährung? An die­sem Tage verjähren insbesondere die An­sprüche aus den Rechtsgeschäften des täg­lichen Lebens, die im Jahre 1930 entstanden sind. Es handelt sich I hier namentlich um die Forderungen bet I Kaufleute, Fabrikanten und Handwerker an Privatpersonen für Waren und Arbei­ten, ferner um die Sortierungen der Landwirte für die in den Haushalt des Schuldners gelieferten landwirtschaft­lichen Erzeugnisse, sodann um die An­sprüche der Gast- und Speisewirte an ihre Gäste, sowie um die Lohnforderun­gen der PrivatangesteWen und Arbeiter. Eine längere Verjährungsfrist dagegen haben die Forderungen der Kaufleute, Fabrikanten und Handwerker, sofern sie aus Lieferungen fift den Gewerbe­betrieb des Schuldners entstanden sind, ferner auch rückständige Zinsen so­wie Miet- und Pachtgelder. Bei diesen Forderungen tritt am 31. Dezember 1932

die Verjährung nur ein, wenn sie im Jahre 1928 fällig geworden sind.

Die Verjährung bewirkt nicht ohne weiteres einen Verlust des Anspruchs.

Schuldner hat aber das Recht, die Leistung unter Berufung auf die Verjäh­rung zu verweigern. Wird der Schuldner trotzdem verklagt, so muß er im Prozeß ausdrücklich den Einwand der Verjährung erheben. Der Rich­ter darf die Verjährung von Amts wegen nicht berücksichtigen.

Der Gläubiger hat die Möglichkeit, sich gegen die eintretende Verjährung zu schützen Das geschieht in der Regel durch eine Unterbrechung der Verjährung. Diese hat zur Folge, daß eine neue Verjäh­rungsfrist zu laufen beginnt. Die Unter­brechung der Verjährung erreicht der Gläubiger aber niemals, wie so häufig angenommen wird, durch eine Mahnung oder Zusendung einer Postnachnahme. Erforderlich hierzu ist vielmehr, daß der Schuldner die Forderung aner­kennt oder der Gläubiger den Schuldner verklagt. Ein solches Anerkenntnis wird zweckmäßig schriftlich gegeben. Es liegt aber auch schon dann vor, wenn der ^huldner eine Zins- oder Ratenzahlung leistet oder um Stundung bittet. Ist der Schuldner aber zur Er­teilung eines Anerkenntnisses der Schuld nicht zu bewegen, dann muß der Gläubi­ger den Schuldner verklagen oder bei dem Rechtspfleger des Amtsgerichts den Erlaß eines Zahlungsbefehls beantragen Auf biefe Weise erlangt ber Gläubiger ein rechtskräftiges Urteil ober ben Vollstrek- kungsbefehl. Er kann bann unbebenklich abwarten, ob sich bie Vermögensverhält- nfffe des Schuldners hn Laufe der Zeit bessern. Denn eine rechtskräftig festge­stellte Forderung verjährt erst in 30 Jahren.

Weöuflo tes Stiffler- an) LMMnMi»; Ziehen*

Niederasphe, 16. Dez. Heute abend hatte sich in der groben Turnhalle, die bis auf den letzten Platz gefüllt war, unser Krie­ger- und Landwehroerein vollzäh­lig versammelt, um eine vaterländische Kund­gebung zu begehen. Unser prächtiger, uner­müdlicher Vorsitzrtider, Kamerad Gnau.be- grübte die Versammlung, $u der eingetroffen waren vom Kreiskriegerverbandsoorstand Marburg: der Vorsitzende, Oberst a. D. Immanuel, die Kameraden, Schriftführer Wanger mrd Kassenwatt Piscator, so­wie Heinrich Kaiser-Eölbe. Die Zugend- turngruppe des Krieger- und Landwehroer­eins Niederasphe unter ihrem tüchtigen Vor­turner Heinrich Trusheim bot ausge­zeichnete Leistungen am Reck und Barren, um einen Beweis zu liefern, wie die Iugend- ettüchtigung zu arbeiten hat. Reicher Beifall lohnte die Künste jedes einzelnen Iungturners. Dann gab Oberst a. D. Immanuel folgende Auszeichnungen aus: den Allveteranen Johann Heinrich Wagner - Sjmtshausen u. Johann Heiner- Niederasphe je ein schön gerahm­tes Lindenburgbild mit Urkunde für 40- jährige getreue VereinszugehSrrgkert, und dem Kameraden Michael I n e r I e - Niederasphe

das Krkegervereins-Ehrenkreuz 2. Klasse für vorbildliche Kameradentreue. Hierauf hielt Oberst a. D. Immanuel auf besonderen Wunsch des Vereins, der etwas Packendes aus der älteren Heimatgeschichte hören wollte, einen knapp einstündigen Vottrag über die Schlacht an der Brücker Mühle bei Simone« bürg am 21. September 1762, dem letzten groben Kampf des siebenjährigen Krieges. Der Redner gab keine dürre Beschreibung, sondern ent lebensfrisches, buntes, grobge­schichtliches Bild, das die Zuhörerschaft, auch die Jugend, im Banne hielt. Er legte aus, rote diese Schlacht ein Erfolg der Deutschen — hier der Hessen-Kasseler und Hannoveraner — über die Franzosen war, wie der Geist Friedrichs des Groben auch im Heere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig lebte. Er hob Friedrich den Groben als den größten Vertreter der Persönlichkeit, als den unerreichten Feldherrn und Herrscher aller Zeiten hervor, und wies darauf hin, daß nur der Geist der praktischen Pflichterfüllung Deutschlands Erhebung bringen könne. Als Äatte diente dem Redner die soeben ausge­gebene ganz vorzügliche Karte des neuen Kreises Marburg. An die geschichtliche und

soldatische Schilderung der Amöneburger Schlacht knüpfte der Redner ernste, tiefbe­gründete Mahnungen an die Männer und die Jugend der deutschen Kriegervereine: Stellung des Vaterlandes über die Partei­wirtschaft, Einheit, Wehrgeist, Opferwillen, Bekenntnis zum Deutschtum. Mit dem drei­fachen Hoch auf das Vaterland und zwei Sttophen des Deutschlandliedes, schloß der eindrucksvolle Vottrag. Der Posaunenchor Niederasphe und der Männerchor des hie­sigen Krieger- und Landwehrvereins trugen zur Belebung des Abends bei. Der Verein form mit Stolz auf diese schöne, einfache, an= regende Feierstunde pirückblicken. Er ist ein Vorbild emsigen treue'1 Oatneradentmns. Eine Mützmsammlung für - ie K r i o g e r w a: r e n- häuser ergab einen hübschen Ertrag. Han­delt alle hiernach. Kameraden in Stadt und Land! Es tut Not! M. N.

In unsere Agenturen!

Ab heute fügen wir die Zeitungen für die Abonnenten, welche ab 1. Januar 1933 bestellt haben, bei.

Geschäftsstelle der Oberhessisdien Zeitung

Kreis Dillenburg

o. Biedenkopf, 16. Dez. In einer Ver­sammlung der Baugenossenschaft wurde zu der Frage der Kreiszusammenlegung Stellung ge­nommen und die dadurch entstandenen Schä­den der Genossenschaft erläutert. Eine Reihe von Wohnungen stehen durch die Versetzung von Beamten frei. Es soll dahin gewirkt werden, daß die Wohnungen bald wieder be­zogen werden. Besondere Maßnahmen des Aufsichtsvats und des Vorstandes zur Minde­rung der Schäden wurden gutgeheißen.

o. Wommelshausen, Kr. Dillenburg, 16. Dez. Der Eemeindeetat des neuen Rech­nungsjahres schließt mit einem Fehlbetrag von über 6000 HJt ab. In Anbetracht der derzeitigen Lage der Gemeinde hat die Auf­sichtsbehörde die Erhebung der 500 Prozent Bürgersteuer angeordnet. Ebenso wurden die Gemeinderealsteuern erhöht.

XX Dodenau, 19. Dez. Der hiesige Spottverein veranstaltet am 2. Weihnachts­tag eine größere Theateraufführung im Saale der Wirtschaft Gläser. Das Hauptstück im Rahmen des Programms ist die Aufführung „Die HeimatschoNe". Eifrig find die Mit­glieder des Vereins und dre Spieler be­müht den Abend so angenehm wie möglich zu gestatten.

l. Holzhausen b. Gladenbach, 14. Dm. Die hiesige Volksschule feierte ihre Weih­nachtsfeier im Beisein der Eltern und Ange­hörigen im Gemeindehaus. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, ein Zeichen, daß Schule und Elternhaus immer vertrau­licher werden. Hauptlehrer Saun eröffnete die Feier mit der Oberstufe mit dem Liede „Heidenröslein"; so dann spielten die Kleinen „Der dicke Weihnachtsmond" unter Fräulein Straßinger. Die Mittelschule brachte unter Leitung des Lehrer Diehl „Weihnachten im Gasthaus zur grünen Tanne", was sehr span­nend vorgetragen wurde. Die Oberstufe unter Leitung des Hauptlehrers L a u n trug vor „Der bezauberte Vogel". Mehrere Lachsalven wur­den hier hervorgeholt. Durch schöne drei- stimnnge Lieder, wie Morgenrot usw., die ein­

wandftei vorgettaaen wurden unter Leitung des Hauptlehrers Laun, fand die schöne Feier ihr Ende. Man hörte von vielen älteren Be­suchern sagen: Ja, ja, die Kinder heute, ler­nen und sind doch viel freier als wir zu un­serer Zeit." Möge das Vertrauen zwischen Schule und Elternhaus so weiter bestehen, zum Wohle der Gesamtheit!

Feuer.

Bottenhorn, 16. Dez. In unserem Dorfe, m dem es seit Jahren nicht mehr gebrannt bat. ertönte am vergangenen Mitt­woch plötzlich Feueralarm. Aus den Fenstern des am äußersten Ende des Ottes gelegene^ Hauses von Wilhelm Enners jr. schlugen um die Mittagszeit plötzlich Flammen. Die rakch herbeieilende Feuerwehr von Botten- horn konnte nicht sofott eingreifen, da wegen der hohen öttlichen Lage zunächst Wassermangel hrtrschte. Es bestand die große Gefahr, daß die Flammen auf das mit dem brennenden Hause eng verbundenen Nachbar­haus übergreifen würden. Als jedoch die Wassettrage endlich gelöst war, vollbrachte die Freiwillige Feuerwehr von Bvttenhorn eine Großtat: Sie vermochte das Nachbar­haus zu retten und sogar am eigentlichen Brandherd das Feuer zu besiegen, so daß der erste Stock des Hauses erhalten blieb. Da das Haus, von dem zweiter Stock und Dach­geschoß den Flammen zum Opfer gefallen sind, erst vor wenigen Jahren erbaut worden ist, ist der entstandene Schaden sehr beträcht­lich. Der von dem Unglück bettoffene W. Enners fr. ist außerdem arbeitslos. Die Ur­sache des Brandes ist vorläufig nöch unge- llätt.

Kreis Sronfenbcro

xx Frankenberg, 19. Dez. Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, veran­staltete in Gemeinschaft mit dem Bund „Königin Luise" am vergangenen Sonnabend im „Hessischen Hof" einen Unterhaltungs­abend. Die VeranstattuM war statt besucht und nahm einen guten Verlauf.

br. Frankenberg, 16. Dez. Ein be­dauerlicher Unfall, dem der Kommunalbeamte Eatterdam-Frankenberg zum Opfer fiel, er­eignete sich in der Bunstruth. E. hatte eine Leiter an einen Baum angelegt um Mistel­zweige zu pflücken. Doch bte Leiter glitt an der nassen Rinde des Baumes ab. G. kam zu Fall und blieb besinnungslos mit erheblichen Verletzungen am Boden liegen. Der sofort aus Gemünden zu Hilfe gerufene Arzt stellte schwere Kopfverletzungen und Schlüsselbein­bruch auf der Körperfette fest, an der der Ver­unglückte schon eine schwere Kriegsverletzung hatte. Auf Anraten des Arztes wurde der erheblich Verletzte in die Chirurgische Klinik nach Marburg überführt.

AoS dem Edertal

XX Holzhausen (Eder), 19. Dez. Am 16. d. Mts. feierte der ehemalige Bürger­meister Krumm, hier, in körperlicher und geistiger Frische und unter herzlicher Anteil­nahme fernes großen Freundeskreises seinen 70. Geburtstag. Der Mannergesangverein ließ es sich nicht nehmen, sein Ehrenmitglied mit einem Ständchen zu beehren. Sodann hielt der Dirigent eine zu Herzen gehende Gebuttstagsrede.

Kreis Aesenimin

a. Treysa, 17. Sept. Die erfreu« riche Entwicklung, die unser aufstreben­des Schwalmstädtchen in den letzten Jahren Snmen hat, tritt vor allem in der regen

ätigkeit in Erscheinung. Das erhellt auch daraus, daß im letzten Baujahr — also in der Zeit vom 1. Oktober 1931 bis 30. Septem­ber 1932 — trotz der darniederliegen den Wittschastslage 13 neue Häuser mit ins­gesamt 24 Wohnungen fettiggestellt werden konnten. Auch im neuen Baujahre wird es weiter vorangehen, da noch im Spätherbst 6 neue Häuser mit 13 Wohnungen im Rohbau vollendet werden konnten, denen im Frühjahr noch andere folgen werden.

€fnt Mn vielen

Preisgekrönte

Skizze von Rudolf Presber.

Vor Jahren lernte ich einen netten jungen Menschen kennen.

Auf dem Fundament der Dolksschulbildung hatte er, Buch um Buch aus Bibliotheken leihend, als Autodidatt mit Bienenfleiß ein ganz beachtenswettes Wissen und Können auf- aebauf. War erst in der Schreibstube einer Nervenheilanstalt beschäftigt, dann Privat- settttär bei einem meiner Freunde, der ein bißchen eitel, aber ein anständiger Kerl, eines Tages ettlätt hatte: „Sie find zu schade, lieber Winkler, acht Stunden am Tage meine zwar guten, aber Ihre Bildung mH weiter fördernden Romane abzuschreiben. Ich habe Ihnen bei einer Vorortzeitung das Pöstchen als Redatteur für das Losiöe und Mkge- meine verschafft."

So kam der junge Muller in die jour- naliftksche Laufbahn. Er nahm seinen neuen Posten ernst. Schrieb nette Attikelchen über den ersten Maikäfer, die letzte Rose, den frühen Schnee und die alten SyloesterbrÄrche. Strich den Repottern ihre Grevel-Berichte zusammen, gedachte der goldenen Hochseiten in den westlichen Vorotten, beerdigte die „ver­dienstvollen Mitbürger" und warnte in den Hundstagen die Jugend vor dem Trinken von zu kaltem Wasser. Nebenher aber be­reitete er sich fleißig, mäßig und strebsam, wie er war, auf die Nachlieferung des Abiturs vor. Büffelte Lateinisch. lernte nach einer aus 52 Lehrbriefen bestehenden Methode „perfett Französisch" mA nahm bei einem wegen Trunksucht zwangspensionietten Ober­lehrer bllsigen Unterricht in der höheren Mathematik. Ganz in der Ferne seiner Hoff­nungen winkte rooftf der Dottork"-^

Das alles hatte mir m$in FremK, der Romanschriftsteller, angedeutet, durch den ich Mlli Winller auch persönlich kennen lernte.

Mr beide wohnten damals im Südwesten, Muller und ich. Durch Zufall Haus an Haus in der Großbeerenfttaße. Ich mit meiner jun­gen Frau in einer hübschen aber dunklen Erd- geschoßwohmmg, er oben vier Treppen hoch, sehr hell, in einem flcinen aber sauberen Zimmerchen. Das hatte er als anspruchs­loser Vollpensionär einer reichlich gezierten, aber gutmütigen, ehemaligen Schauspielerin abgemietet, einem Fräulein Linda Latusch die ihn — vielleicht mehr aus Sparfamlert, als aus innerster Ueberzeugung — zur vege­tarischen Lebensweise bekehrte und mit Obst­suppen, Gemüsekoteletten und Rübemmdding — für meine Begriffe schauersich — ernährte.

Ich fand Gefallen an dem sttebsamen jungen Burschen, stellte ihm gdegentlidj meine Bibliothek zur Verfügung und ließ von mei­ner Frau sein durch die 52 Uebungsbriefe redlich erworbenes Französisch in der Aus­sprache, die sich derm doch „brieflich" mcht ganz pariserisch entwickln läßt, zurechttichten.

Für das alles war er mir sichtlich dankbar. Ms ich den darob Hocherfreuten einmal in seiner bescheidenen Behausung aufsuchte, fand ich ein nut peinlicher Sorgfalt gehaltenes Junggesellenzimmer. Die schadhafte giftgrüne Tapete war durch schlicht gerahmte Steindrucke von Hans Thoma gemildett und erttäglich ge­macht. Die Bücher in zwei Schlachtordnungen ackfgestellt. Auf der Altmodischen Kommode, bescheiden im Dunkel, die geliehenen und mit sichtbarem Stolz im Hintergründe eines zum Schreibtisch erhobenen mit Stoff überzogenen Küchentisches aufgebaut, die mit eigenem Geld — messt antiquarisch erworbenen Wette. Eine Dantebüste in Gips ziette den Kleiderschrank. — Es roch ein wenig nach Grünkohl.

„Verwandte haben Sie hier in Berlin wohl keine, Herr Winkler?"

Es bauerte eine Weile, bis er antwortete. Dann sagte er: „Nein, Verwandte habe ich nicht."

„Und heiraten wollen Sie auch nicht?"

„Dafür", er reichte in einem Kästchen nicht sehr ansehnliche Zigarren, „dafür ist wohl noch Zeit, wenn ich einmal wirklich etwas bin. Ein Mädchen aus gutem Hause macht doch seine berechtigten Ansprüche. Nicht wahr?"

So schsicht das vor geb rächt war — es klang deutlich hörbar aus den Worten von „Mädchen ans gutem Hause" der Ehrgeiz, der dcwt auf dem Tisch das lateinische Lerikon neben die Odyssee, die Edda neben Goethes Faust gestellt hatte. Der Ehrgeiz, auch ge­sellschaftlich sich mtt der Zeit eine Stellung ju erkämpfen.

Häufig morgens, wenn ich mit meinem alten Jagdhunde den unser beider Knochen zuträglichen Morgenspaziergang machte, traf ich Willi Winller, der, bie Mappe unter dem Arm, stets um dieselbe Minute sein Büro auffuchte. Mr gingen dann wohl ein Stück Wegs zusammen. Sprachen von Politik und Literatur und aktuellen Nichtigkeiten. An der Ecke der Königgrätzerskraße trennten wir uns dann meistens. Dort, wo auf einem dürftigen Feldstuhl die alte Zeitungsfrau, im Sonnen­schein nicht anders wie bei Wind und Wetter, saß und ihre Mvrgenblätter und illustrierte Wochenzeitungen feil hiell. Es war eine be­tuliche kleine, rundliche Frau. Auf dem schloh­weißen scharf gezogenen Scheittt sich ganz oben, wie ein schwarzes Krönchen, eine all- modische kleine Haube. Aus dem von Sonne und Mnd gerieten und vom Lehen reichlich gefalteten Gesicht ober leuchteten, klar und

gutmütig zugleich, zwei ganz blaue, zwei witt- sich veilchenblaue Augen.

Und diese Augen erzählten, was man sonst schwer geglaubt hätte. Diese alte verwitterte Frau ist einmal em hübsches, ein durch den Aufschlag dieser oellchenhellen Augen viel­leicht manchem Männerherzen gefährliches Mädchen gewesen . . .

Während ich dann mit meinem Hektor den Rückweg antrat, kaufte sich Winkler hier bei der Alten stets eine Reihe von Morgenblät­tern. die er in seiner Mappe mitnahm. Wenn ich manchmal zurücksah, stand er noch bei der Alten, die ihren guten Kunden aus den im verwitterten Gesicht jung gebliebenen Augen anstrahlte.

Es war drei Wochen etwa nach meinem Be­such, da wurde ich eines Morgens vorn Fern­sprecher gerufen. Als ich mich meldete, hörte ich eine Stimme, die ich sofort wieder er­kannte. Eine pathetische, etwas gezierte Frauensfimrne rief: „Mein Zimmerherr ist schwer erkrankt." — Dann war das Gespräch schon abgebrochen. Ich wartete eine Welle. Nichts mehr.

Das Unglück wollte es, daß mich auf der Treppe noch ein Bekannter in einer wichtigen Sache aufhielt. So stand ich erst reichlich eine halbe Stunde später im vierten Stock vor der Flurtür, an der ein blankes Messingschild meldete: „Linda Latusch, Schauspielerin". Darunter eine Visitenkarte: „WM Winller, Redatteur."

Die Tür wurde geöffnet, ehe ich klingelte. Die alte Komödiantin, ungeschminkt und ver­weint, öffnete und verschwand sofort wieder »ach ihrer kleinen Küche.

Ich tastete mich im Halbdurckel nach der Tür zu Winllers Zimmer. Den Anblick, der sich mir bot, werde ich mein Lebtag nicht ver-