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vberSess:-ich- Scitung. Marburg a. L. Freitag, beit 16. Dezember 1932

Seite 5

Der Mann, -er nicht versessen konnte

Ahasver in Feldgrau — Jagd nach der Vergangenheit

Dicht am Anhalter Bahnhof der Reichs- Hauptstadt, unweit vom brausenden Weltzen­trum des Potsdamer Platzes ist mitten im Strom der Geschäfte, eingeschmiegt zwischen die Schaufenster des Gewerbefleifees, des Wirtschaftssjnnes, ein Stück deutscher Ge­schichte zu ergreifend naher Lebendigkeit auf- gewachsen. Da erstand die Ausstellung „Die Front".

Alles an diesem sehr spontan entstandenen Museum des deutschen Frontkämpfers ist er­wähnenswert, ist wohl auch schon erwähnt worden. Wichtig aber, weil in jedem Detail erschütternd, ein Memento aber, das erhal­ten bleiben sollte, auch für spätere Zeiten ist /in Teil dieser Ausstellung, der natur­getreu nachgebildete Erabenunterstand.

Da fehlt nichts, was eine Lücke der Realität liefee. Da sind die Rattenspuren im Boden, da ist das Tropfen des Wassers von Decke und Wänden, da hockt in jedem Winkel das Grauen und der Trotz dagegen, der Soldaten­mut, Jeder Gegenstand, das mit Sägemehl verkleisterte Komißbrot, die Schicht Kriegs- marmelade darüber, alles sind Sinnbilder der heroischen Widerstandskraft und des unaus- benfbaren Leides.

Um diesen Unterstand nun spinnt sich eine kleine Episode unserer Tage, die aber zu düsteren Dimensionen aufwächst, wenn man über die Simplizität der Tatsachen die Hin­tergründe nicht übersieht.

Richt? großartiges geschah. Ein Mann, ein rheinländischer Kaufmann besuchte diese ^Ausstellung und drang nun mit einer ab­sonderlichen Bitte in die erstaunte Ausstel- lungsleitung. (Eine Nacht, nur eine Nacht möge man ihn in diesem Unterstand schla­fen lassen.

Er gab nicht viel weitere Erklärungen. Man lehnte es ab und der Mann bot große Geld­summen. versuchte alle Wege, von denen er annahm, daß sie ihn zum Ziel führen könn­ten. Er soll sogar den Versuch gemacht haben, sich eines Abends unbemerkt einschlietzen zu lassen.

Immer wieder tauchte der Mann auf. Fasziniert, unwiderstehlich angezogen von dem Stück Weltkrieg, das sich jählings mit dem Deffnen einer Ladentür erschließt. Lange Zeit ging das so. Lange Zeit ging der Kampf des Mannes um die Erfüllung seiner unheimlich anmutenden Sehnsucht.

Eines Tages war er so spurlos, so spukhaft schnell verschwunden, wie er aus der anonymen Masse der Besucher aufgetaucht war, aber dieser oder jener hörte doch von ihm, und so ist es gekommen, daß man auf einen Kriegs­kameraden des seltsamen Mannes stieß, der vielleicht als einziger Mensch Klarheit und Auskunft über eine, in ihrer Eigenart er­schütternden Soldatentragödie Klarheit schaf­fen kann.

Der rheinische Kaufmann lag vier Jahre an der Front. Infanterist. Vier Jahre Kämp­fer im ersten Graben, mit ganz geringen Un­terbrechungen, und in diesen vier Jahren nicht ein einziges Mal verwundet. Der einstige Kamerad dieses Mannes erzählt, daß der Rheinländer allmählich aus dieser Tatsache, daß ihn auch nicht ein Splitterchen kratzte, in eine Neurose der Furchtvorstellungen ge­riet. Eine eigenartige heroische Angstpsychose erfaßte diesen Mann. Er habe und suchte schließlich mit einer eigenartigen Verbissen­heit die Gefahr und den Tod. Dazu kam, daß er sich — natürlich ein Resultai krank­haft überreizter Nerven — in einer seltsamen Weise vor den anderen, mehrfach verwunde­ten Kameraden vom Geschick vorgezogen fühlte und tatsächlich alles daran setzte, diesen Vor­zug auszumerzen. Er wollte getroffen, er wollte verstümmelt werden. Er wollte nichts vor dem Leid der Kameraden im voraus haben.

Der Krieg ging zu Ende und an dem Rheinländer vollendete sich das Wunder, daß einer jahrelang mitten im Chaos und im Grauen lag, ohne erfaßt zu werden.

Aber die dauernde dreifache Erregung, un­ter der dieser Mann gestanden hatte, wirkte abgründiger in ihm fort, als in manchem anderen, die erst nach Jahren den Krieg ver- geffen konnten, die es erst viel, viel später verstanden, sich vom Frvnterlebnis zu lösen, da? ein Teil ihrer selbst geworden war.

Dieser rheinische Kaufmann, der vielleicht seinen ganzen Besitz hergegeben hätte, wenn man ihm erlaubt hätte, eine Nacht in dem Unterstand in der Königgrätzerstraße von Berlin zu schlafen, der hat den Krieg nicht vergessen können.

Er ist so verwachsen mit der Atmosphäre der Front, daß er nicht atmen, nicht leben zu törnien vermeint ht der Atmosphäre, wie un­sere Tage sie schaffen.

Und so ist er ein Ahasver in Feldgrau geworden. Sein Kamerad, der ihn vor Jah­ren einmal bei einer Kundgebung in Köln wiedertraf, weiß, daß dieser Mann einen furchtbaren Kampf mit der Gegenwart um — die Vergangenheit kämpft. Monatelang trägt er den Alltag des Heute, aber dann kommen Wochen, roo er es nicht mehr aushält, wo es chn nicht im Bett, nicht in den Straßen duldet. Er braucht die Uniform, er braucht die Todesnähe, zummdestens die Ahnung da­von.

Gr fährt dann die alten Kampfgegenden <w. Er jagt nach der Vergangenheft. Nir­gends fdjeint er sie zu finden. Auch das Ee- stcht der allen Kampfzonen hat sich geändert.. w nicht mehr Vergangenheit, sondern schon Gegenwart geworden.

Nur dieses eine Mal, in diesen Vorweih- nachtstagen 1932 ist dieser ewige Soldat bes bes Schicksals seiner Vergangenheit begegnet. In der Königgrätzerstraße der deutschen Reichshauptstadt. Pappmachö und einige reale Dinge liefern sie vor ihm auferstehen: die Phaniasmagorie, nach der er seit vier- zehn Jahren hetzte, war greifbar nahe. Sein

Schicksal wollte es, daß ihm die karge Erfül­lung — selbst für die Dauer einer Nacht — versagt werden mufete. Es wäre ja wohl auch nur ein Wasjettropfen für einen Verdursten­den gewesen.

Welcher Dichter wird das Schicksal dieses deutschen Soldaten gestalten? Gibt es einen größeren Stoff?

Wintermärchen im Harz

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Ein schönes Bild von dem tiefverschneiten Weg auf den Brocken

Alkohol auf der Fifth Avenu

Das Weihnachtssest wird dieses Jahr ht allen Bundesstaaten ganz im Zeichen der Profeibitionsdämmerung stehen. Zn Neuyorks berühmtester Geschäftsstraße, der Fifth Avenue, gibt es keinen einzigen Laden, m dem nicht irgendwelche Lurusgegenstände an- geboten werden, die den Verbrauch von Li­kören und Weinen angenehmer gestalten sollen.

In Chicago läßt die Qualität des vorläu­fig noch illegftimen Alkohols sehr zu wünschen übrig. Gute Neuyorker, die ihren Chica-

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Antonie Strafemann.

die bekannte Sportfliegerin, befindet sich ge­genwärtig auf einem Flug quer durch Süd­amerika. den sie als Werbeflug für die deutsche Industrie unternimmt. Antonie (Strafemann, die als einzige Frau den Ozeanflug "des „Do X" rnitgemacht hatte, montierte im Hafen von Pernambuco eigenhändig ihr Flugzeug.

goern Verwandten eine Weihnachtsfteude machen wollen, setzen sich also auf die Bahn und packen ihre Koffer mtt Flaschen „echten" deutschen Bieres und französischen Cham­pagners voll.

Weniger Freude hat das bevorstehende Ende der Prohibftion natürlich den Schmugg- lern und den Besitzern der „Speak Saftes" gemacht. Sie sind aber nicht untätig ge­blieben. In Chicago haben sich die Anhänger M Capones zusammengeschlossen und eme offiziell angemeldete „Vereinigung der Ee- I tränkehändler" gebildet. Die Mitglieder müs­sen eine ^Aufnahmegebühr von vier Dollar j zahlst und monatliche Beiträge von Zwei

Dollar. Nach Aushebung der Prohibftion will man sofort ganz im Erofeen mit dem Wein- und Bierhandel anfangen und so allen Konturrenten zuvorkommen. Indessen — die Konkurrenz, bestehend aus den alten Fach­leuten der Brauereien und aus den Winzern, ist auf dem Posten. Mehrere Dutzend Brauereigesellschasten haben sich formiert. Ihr Kapital steigt in die Millionen. Sie wollen zugleich den Kleinverkauf an sich ziehen und lehnen es natürlich strengstens ab, mit den „gangsters" auf eine Stufe gestellt zu werden. Mit ben Winzern steht man tn Unterhand­lung und es sieht so aus, als ob sich nach der Freigabe des Alkohols ein erbitterter Kampf zwischen Brauern und Winzern einerseits und den Mftgliedern der früheren Schmuggler­banden ab spielen wirb, der sich wohl nicht auf eine einfache geschäftliche Konkurrenz be­schränken wird. Vorläufig freilich blasen alle noch in dasselbe Horn. Denn noch besteht bas Alkoholverbot, und man will sich nicht um bas Fell des Bären streften, bevor man ihn hat.

Jeder sein eigener Puppendoktor

Für die Mütter kleiner Kinder bringt die Weihnachtszeit zahlreiche Sorgen mti sich. Neue Spielsachen, vor allem neue Puppen, sind für viele nur noch schwer erschwinglich, ja, man weife oft nicht einmal, wo das Geld für ben Puppendoktor Herkommen soll, dem man bas Puppenkind zur Auffrischung über­geben will. Aber eine geschickte Hausfrau kann, wenn die Schäden noch nicht allzu groß sind, selbst einige kleine notwendige Re­paraturen vornehmen. Neue Puppenlleider und neue Puppenwäsche wird die Mutter selbstverständlich ohne Schwierigkeften herstel- len. Gröfeere Sorge wirb schon der Ersatz eines beschädigten Puppenkopfes machen. Aber ht den Spielwarengeschäften gibt es ja soviel Ersatzteile, bafe man sie ohne gröfeere Mühe auswschsetn kann. Allerdings sollte sich die Mutter — wie P. Kaldewey tm „Da­heim" rät —, bet der Auswahl der Ersatzteile m die Psychologie ihres Kindes versenken. Meist wird ein Kind nicht entzückt davon seht, wenn es das Angesicht ferner Puppe allzu verändert findet. Ein Kind, das lange Zeit eine Puppe mit blonden Locken und blauen Klappaugen besessen bat/ wird nicht sehr erfreut sein, wenn ihm plötzlich ein Puppenkind mit dunklem Bubenkopf beschert wird. Früher pflegte man Wert darauf zu legen, bafe die Puppenkinder richtiges Menschenhaar trugen, aber heutigentags be­gnügt man sich damit bafe die Puppenkinder einen Schopf aufweisen, der früher die An­goraziege schmückte. Weisen die Puppenköpfe Schmutzfiecke auf, die von den allzu zärtlichen Küssen der Kinder herrühren, so tupft man die Stopfe am besten mtt einem Wattebausch ab, der vorher mit Benzin angefeuchtet wurde. Allerdings muß man dies Abtupfen mehrmals vorsichtig vollziehen. Verblaßte Wangen frischt man mit dem Tuschkasten wieder auf, doch muß man natürlich vor­sichtig die entsprechende Farbtönung wählen, denn es steht nicht hübsch aus, wenn bas Puppenkind zinnobesate Flecken aufweift, die

öilbelm Busch und das Sauerkraut

Mit einer bet unangenehmsten Begleit­erscheinungen des Winters für die Hausfrau ist die Beschaffung von Gemüsen. Im Win­ter muh sich der Küchenzettel fast ausschließ­lich auf eingemachtes Gemüse beschränken, wenn man von Konserven absieht. Da ist es vor allem bas Sauerkraut, das dank seiner Billigkett und Schmackhaftigkett im ganzen Reich außerordentlich beliebt ist. Schon der Altmeister des deutschen Humors, Wilhelm Busch, mufe eht begeisterter Verehrer bes Sauerkrautes gewesen sein. Oft finden mir bas Sauerkraut ht seinen Werken erwähnt Im „Mar und Moritz" heißt es z. B.

„Eben geht mit einem Teller Witwe Bolte ht ben Keller, bafe sie von dem Sauerkohle eine Portion sich hole, wofür ste besonders schwärmt, wenn es wieder aufgewärmt."

Besonders reizvoll und nicht allgemein be­kannt ist jedoch das folgende Gedicht aus „Zu guter Letzt":

„Unter all den hübschen Dingen ht der warmen Sommerzeit ist ein Korps von Schmetterlingen recht ergötzlich insoweit.

Bist du dann zu beinern Wohle in ben Garten hin spaziert, siehst bu über deinem Kohle munt’re Tänze aufgeführt.

Weiß gekleidet und behende flattert die vergnügte Schar, bis daß Sieb und Lust zuende wieder mal für dieses Jahr.

Zum getreuen Angedenken auf ben Blättern kreuz und quer lassen sie zurück unb schenken dir eht schönes Raupenheer.

Leidest du, daß diese Sippe weiter frißt, wie sie begeht, kriegst du, nebst dem Blattgerippe nur noch Proben ohne Wert.

Mso ist es zu empfehlen, lieber Freund, bafe du dich bückst und sehr viele Raupenseelen Pftsch, aus ihren Hauten drückst.

Denn nur der ist wirklich weise, der auch ht die Zukunft schaut, denk an deine Lieblingsspeise: Schweinekopf mit Sauerkraut."

eher nach heftigem Fieber als nach Gesund­heit aussehen. Wenn man ein wenig Sinn für künstlerische Dinge besitzt, kamt man überhaupt mit dem Pinsel kleine Verschöne­rungen am Puppengesicht heroorzaubern. So sollte man den Augenbrauen der Puppe ein roentg Aufmerksamkeit schenken, sie nötigen­falls auffrischen und nachziehen. Das ist eine Beschäftigung, die manchen Damen ja recht geläufig ist.

Deutschlands neuer Sesandler tn Argentinien

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Dr. Heinrich von Kaufmann-Asfer, der frühere stellvertretende Leiter der Reichs- prejsestelle ist zum neuen deutschen Gesandten für Argentinien ernannt worden.

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Brandschaden gedeckt.

Worms, 15. Dez. Der an der Festhalle durch Feuer und Wasser entstandene Schaden wird jetzt doch höher eingeschätzt. Verschie­dentlich bezfffert man ihn bereits auf 250 000 Mark, doch bedarf diese Angabe noch der Nachprüfung. Bürgermeister Metzelei, der mtt Oberbürgermeister Rahn an der Brand­stelle war, teilte mtt, bafe aus ben Mitteln der Hessischen Brandversicherungskammer, bei der das Gebäude versichert war. die Bettäge zum Neuaufbau des Theaters wieder herein« kommen werden. Auch die Versicherungsge­sellschaften, die ben Schaben an Mobiliar zu tragen haben, werden zum Wiederaufbau des Theaters beisteuern. Besonders schmerz­lich wird von der Bevölkerung empfunden, bafe bas Theater gerade zu Beginn der neuen Spielsaison abgebrannt ist. Die Einbrecher haben mtt einem Nachschlüssel ben (Eingang zum Büro der Theaterverwattung geöffnet und dann alle Pulte und Schränke aufge­brochen. Sie haben sich dabei offenbar sehr sicher gefühlt, denn dicke Holzbretter wurden von ihnen weggesprengt, ohne dafe es von außen bemerkt wurde