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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Rundfunkrede v. Schleichers
Einstellung auf die nächsten Gegenwartsaufgaben — Keine grundlegende Schwenkung des bisherigen Regierungskurses
2$ tri in, 15. Dez. Reichskanzler von Schleicher sprach am Donnerstag im Rimdftmk. Seine Rede wurde von alten deutschen Sendern übernommen. Der Reichs- kamter begann damit, daß er die Bemerkungen des Generals und Alterspräsidenten Litzmcmn im Reichstag über den Reichspräsidenten aufs schärfste zurückwies. .Wenn auch die historische Persönlichkeit des Herrn Reichspräsidenten weit über derartigen Angriffen sicht, so bleibt es doch tief bedauerlich, daß em angesehener General des Weltkrieges mit diesen Angriffen nicht nur gegen das Staatsoberhaupt, sondern auch gegen den alten Kameraden und seinen großen Führer int Weltkriege Stellung genommen hat. Dies hier zum Ausdruck zu bringen, ist mir Pflicht und Bedürfnis sowohl als Reichskanzler, rote auch als Soldat".
Der Reichskanzler fuhr fort: Er habe gegen die Annahme des Kanzleramtes die aller« schwersten Bedenken ' gehabt. Einmal, weit er nicht Nachfolger seines Freundes Popen fein roollte, vor allem aber, weil der Wehrminister als Reichskanzler „nach Mi- titärbittatur rieche" und die Wehrmacht zu stark in die Politik gezogen werden könnte. Nur die lleberlegung, dah eine solche Maßnahme den Ernst der Situation kennzeichnen und auf gewisse Unruhestifter so abkühlend wirken würde, daß dadurch der tatsächliche Einsatz der Wehrmacht verhindert werden kann, hat mich zur Zurückstellung meiner Bedenken veranlaßt. Ich möchte deshalb auch an alle Volksgenossen die Bitte richten.
in mir nicht nur den Soldaten, sondern den überparteilichen Sachwalter der Interessen aller Beoölkernngsschichten für eine hoffentlich nur kurze Notzeit zu sehen, der nicht gekommen ist, das Schwert zu bringen, sondern den Frieden. Es sitzt sich schlecht auf der Spitze der Bajonette, d. h. man kann auf die Dauer nicht, ohne eine breite Bolksstimmung hinter sich zu haben, regieren. Ich gebe mich über die Schwere meiner Aufgabe keiner Illusion hin. Zunächst werde ich schon zufrieden sein, wenn die Volksvertretung, der ich für diese Zeit gern eine starke Dosts gesunden Mißtrauens zubillige, der Regierung ohne Hineinreden und die hinlänglich bekannten parlamentarischen Methoden Gelegenheit gibt, ihr Programm durchzuführen. Dieses Programm besteht nur aus entern einzigen Punkt:
Arbeit schaffen
Ml« Maßnahmen, die die Reichsregierung in den nächsten Monaten durchführen wird, werden mehr oder weniger diesem einen Ziel dienen. Ich habe mich davon überzeugen können, daß den Deutschen aller Stände der eine Gedanke beherrscht: Gebt uns Arbeit und damtt die Hoffnung zum wirtschaftlichen Wre- derauf stieg!
Alles andere interessiert uns nicht, am wenigsten Verfassungsänderungen
und sonstige schöne Dinge, von denen wir nicht satt werden. In allen Bevölkerungsschichten kämpft man mit demselben Mut und derselben verbissenen Zähigkeit wie im Kriege heute gegen die schweren wirtschaftlichen Nöte unserer Zeit. Das ist höchster Bewunderung wert, und deshalb muß es oberstes Gesetz jeder Staatsführung sein, diesen Kampf zu unterstützen und einer Derzweifltmgs- und Katastrophenstimmung vorzubeugen. Das ist aber nur zu erreichen, wenn man neben den wirtschaftlichen auch psychologische Gesichtspunkte zur Geltung kommen läßt.
In diesem Zusammenhang erwähnte von Schleicher die Ernennung des
Reichskommisiars für Arbeitsbeschaffung. Seine Aufgabe wird es fein, jeder A r - beitsmöglichkeil nachzuspüren, ein großzügiges Arbeilsbeschaffungs - Programm auszustellen und seine Durchführung zu überwachen, wobei er bürokratischen und sonstigen Hemmungen gegenüber die Rolle des Schäferhundes übernehmen muß.
Das Programm muß in erster Linie auf Instandsetzung der vorhandenen Produttions- Süter und auf ihre Verbesserung abgesteKt
werden und die Bergebung der Arbeiten an Unternehmer ist der Ausführung in eigener Regie oorzuziehen. Außerdem wird sicher- gestektt werden, daß die bereitgestellten Geldmittel ausschließlich für die Finanzierung dieser Arbeiten verwendet werden. Entscheidend wichtig war es. daß eine Lösung gefunden wurde, die
jede Inflation -usschließt.
Dafür bietet die Mitarbeit des Reichsbank- präfidenten Luther, den man wohl als den Gralshüter der Währung bezeichnen darf, die sicherste Garantie.
In kurzen Sätzen kann man die Finanzlage
wie folgt charakterisieren:
1. Wir werden im laufenden Haushaltsjahr ohne neue Steuern und ohne
wertere Kürzungen der,Personak- ausgaben durchkommen.
2. Das Reich Hilst Ländern und G e - meinden, deren finanzielle Verhältnisse zum Teil sehr schwierig liegen, durch organisatorische und finanziell« Maßnahmen.
Zur
Siedlungsfrage
erklärte der Reichskanzler: Gerade auch als Wehrminister muß ich auf die Siedlung unserer Ostmark den größten West legen. Hm in der Siedlungsfrage künftig schneller oorwästs zu kommen, ist innerhalb des Reichskabinetts dem Reichskanzler und in seiner Vertretung dem Reichskommissar für die Arbeitsbeschaffung ein besonderer Einfluß auf das Siedlungswesen eingeräumt. Für das Jahr 1933 sind zunächst 50 Millionen RM. für die Siedlungen im Haushaltsjahr bereit-
Das Urteil der Presse
Zn den Kommentaren der Morgenbltit- ter zu der Rundfunkrede des Reichskanz- - lers wird fast übereinsttnmrend hervvrge- haben, daß der Eindruck der Rede in erster Linie nicht den General, sondern den Poli- ttker estennen ließ. Eine ganze Anzahl Blätter, die der früheren Reichsregierung Papen in scharfer Opposttion gegenüber« standen, spricht von einem Gegensatz in der Tonast gegenüber Papen.
So schreibt die „Germania" unter der Heberschstft: „®in anderer Ton": Dost die Dorliebe für die schneidige, forsche Tonast. Hier ein Mann von beinahe leidenschaftsloser Kühle, fast gänzlicher Verzicht auf rhetorischen Glanz, eine Dikfton, die mehr an einen Kaufmann als an einen General erinnert. Ein überlegender Stratege, der atffcheinend sehr beloußt alle psychologischen und Politischen Faktoren in sein Programm einschaltet. Diese Rede scheint in all ihren Teilen zu bestätigen, daß dieser Kanzler die Klugheit als seines Amtes besseren und wichtigeren Teil von vornherein erfannt hat. Wir glauben durchaus, so sagt das Blatt, daß die gestrige KanKerrede die Entspannung und Beruhigung unserer Politik, dse schon der Kanzlerwechsel einleitete, weiter fördern wird.
Das „Berliner Tageblatt" fü^rt aus, sein offenes Bekenntnis, dah die autoritäre Staatsfühvung der Zusammenarbeit mit dem Parlament bedürfe, daß er es ablehne, sich in einen Konflikt hineintreiben zu lassen, lasse vermuten, daß er West darauf legt, einen anderen Kurs zu steuern als Herr von Papen.
Die „Vossifche Zeitung" nennt die Regie ru ngse rklti rang alles in allem ohne hast gezeichnetes, scharfes Profil. Ein Avtstandsprogramm, dessen Dominante die Arbeitsbeschaffung sei, sei auf eine gewisse Wartezeit abgestellt. Wie jede Regierung werde man auch das Kabinett Schleicher weniger nach dem gesprochenen Wost und mehr nach dem getanen West zu beurteilen haben.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung meint, daß als Summe der angekündigten Maßregeln weite Kreise der Bevölkerung einen neuen Hoffnungsfchimmer auf Beruhigung unter einer gerechten Staatsführung entnommen haben dürften.
Der „Börsen-Courier" betont,daß die erst geweckte, dann durch politische Kämpfe wieder geschreckte Unternehmungslust in Deutschland wieder befestigt werde durch die Versicherung, daß keinerlei Wist-
schastsexperimente zu befürchten seien, und daß der Kern des Papenschen WistschaftS- ss Programms aufrecht erhalten bleibe.
Der „Lokal-Anzeiger" beschäftigt sich vor allem mit den Ankündigungen des Kanzlers über das Arbeitsbeschaffungs- Programm, dessen „Stimme“ gebaut werden sollten, auch wenn sie „nicht hundest- prvzenttg den strengen Gesetzen der wist- fchafilicAn Vernunft entsprachen". Das Matt fragt, ob nicht dabei die ungeheure Gefahr eines Dcnmnbruches besieh«, nach dem dann alles viel schlimmer sei, als wenn man die Wasser nicht erft künstlich aufgestaut hatte? Rechtzettig handeln sei gut, und nach alter Soldatenregel sei oft ein Fehlgreifen in der Wahl ber Mittel dem Aichthandeln vorzuziehen. Aber ob diese Soldatenregel auch dann gelte, wenn man eine ungeheure Wirtschaftskrise beheben wolle?
Der „Tag" vermißt eine Antwost auf die entscheidende innerpolitische Frage, der Wachtauseinandersetzung zwischen dem Parlament und dem Kanzler einer Regierung, die das Recht und die Pflicht habe, Staat und Ration autoritär zu führen. Gerade diese Frage sei schicksalhaft. Kein Kanzler einer autoritären Staatsführung könne ihrer letzten Entscheidung aus- weichen.
Der „Vorwärts" weist daraufhin, daß der Ansager im Rundfunk nach den Ausführungen des Kanzlers sagte: „Es sprach General von Schleicher". Das Entscheidende sei damit schon ausgesprochen. Goebbels habe dem Kanzler Opposition nach Weihnachten angekündigt. Die Sozialdemokratie brauche ihre Opposttion nicht erst anzukündigen. Sie mache sie schon. Und ste bleibe dabei. Außer der Svzial- demokratte kündigen nur noch die Kommunisten dem Kanzler sofostige unbedingte Opposttion an.
Die „Rote Fahne" bezeichnet die Ausführungen des Kanzlers über die kom» munisttsche Bewegung als eine Kriegserklärung. Der „soziale General knallte den Säbel auf den Äsch. Das ganze Volk Höst es und wird zu handeln wissen".
Die „Kreuz-Zeitung" nennt die Rede „ein Programm der Tat" und meint, gegenüber Befürchtungen, die nach dem Antritt der neuen Regierung geäußert worden seien und die zweifellos ernsteste Aufmerksamkeit auch in Zukunft effordern, könnten die deutlichen Worte an die Parteien und das partei-staatliche System in gewissem Umfange Beruhigung bringen.
gestellt, weitere 50 Millionen werden unter Mitwirkung der Reichsbcmk voffinanziest. In den Landbezirken Ostpreußen, Grenzmark. Pommern und Mecklenburg wird der Siedlung folgendes Land zugefühst werden: m Ostpreußen etwa 800 000 Morgen, Grenzmark etwa 100 000, Pommern etwa 280 000, in beiden Mecklenburg etwa 120 000. Es ist damit zu rechnen, daß sich diese Zahlen m der Abwicklung des Osthilfeverfahrens, die aufs äußerste beschleunigt wird, noch sehr erheblich erhöhen werden. Man daff nicht die Augen davor verschließen, daß jeder Siedlung besonders durch den Tiefstand der Preis« der Veredelungsprodutte ernste Gefahren drohen. Die Reichsregierung hat bereits durch den Rentensenkungserlaß geholfen und wird
durch weitere Maßnahmen die Rotlag« der Siedler zu lindern suchen.
Der Reichskanzler sprach dann über die Entwicklung, die sur Zusammenballung der Menschen in den Großstädten geführt hat, deren Fehler zu beseitigen, der Arbeit einer Generation bedürfe, und über die Notwendigkeit der inneren Kolonisation im Sinne Friedrich des Großen. Es liegt auf der Hand, daß alle diese Probleme aufs engste mit der .
Frage unserer Gesamtwirtschastsfiihrung
verbunden sind. Für den Chef einer Regierung wird es nicht immer ganz leicht sein, aus dem Wirrwarr der oersckiiedenen Ansichten eine Lösung zu finden. Ich bin ketzerisch genug, einzugestehen, daß
ich weder ein Anhänger des Kapitalismus noch des Sozialismus bin.
daß für mich Begriffe wie Privatryirt- wirtschaft oder Planwirtschaft ihr« Schrecken verloren haben, ganz einfad), weil es diese Begriffe in absoluter Reinheit int Wirtschaftsleben gar nicht mehr gibt, auch gar nicht geben kann. Deshalb vertrete ich den Standpuntt, man soll in der Wirtschaft das tun, was im gegebenen Augenblick vernünftig ist, und sich nicht eines Dogmas wegen die Köpfe einschlagen. In diesem Sinne häü die Reichsregierung zurzett folgende
wirtschaftlichen Richtlinien
für vernünftig, was nicht ausschließt, daß nach Jahr und Tag die Situation ander« Maßnahmen erfordert:
Es gilt den effreulich hohen Stand der Erzeugung der Nahrungsmittel zu erhalten und der Landwirtschaft gesunde Erzeugungsbedingungen zu verschaffen. Die Arbeitslosigkeit kann auf die Dauer nur vermindert roerben, wenn es gelingt, den Umfang der gewekblichlichen und industriellen Tätigkeit erheblich $u verbreitern. Die Regierung wird daher nach wie vor ihr Augenmeff in erster Linie auf eine Belebung des Binnenmarktes richten, der die stärksten Schrumpfungen aufweist. Dom Binnenmarft allein aber wird es nicht möglich sein, im eigenen Lande genügend Arbeitsmöglichkeiten bereit zu stellen. Wir müssen für einen erheblichen Teil unserer Bevölkerung Beschäftigung dadurch schaffen, daß wir Waren für das Ausland erzeugen.
Wir muffen auch den Warenaustausch mit dem Auslände pflegen.
Das Wistschaftsprogramm der früheren Regierung hält auch die gegenwärtige Regierung in seinen wesentlichen Teilen für eine geeignete Grundlage. Sie ist sich darüber Har, daß es noch einer größeren Zeitspanne bedarf, um die vollen Auswirkungen jenes Programms festzustellen. Das gilt umso mehr, als wichtige Telle, wie z. B. die Steuergutscheine und Beschäftigungsprämien erst zu einem geringen Bruchteil, oder noch gar nicht, in Wirkung treten konnten. Auch die Durchführung der öffentlichen Arbeitsbeschaffung in Höhe von einer Milliarde wird in ihrer vollen Auswirkung erst nach Monaten in Er- scheinung rieten. Darüber hinaus wird die Reichsregierung die öffentliche Arbeitsbeschaffung noch erheblich erweitern.
Um den Röten der Landwirtschaft abzu- Helsen, wird die Reichsregierung die