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Sir. 293

OverveMMe jrrtwtn, M«vnrg a. L, MMwoch. een 14. Dezember 1932

Sette 3

285000 Mann im Arbeitsdienst

Aus einer Unterredung mit Nerchsarbeitsminister Syrup

Berlin, 12. Dez.

Anläßlich des Kabinettswechsels sins an den Reichskommissar für den frei­willigen Arbeitsdienst zahlreiche Wünsche aus den Arbeitslagern hinaus­getragen worden, die sich auf die Or­ganisation und die Erweiterung der Arbeitsbeschaffung beziehen.

Mehr als ein Jahr besteht nun der frei­willige Arbeitsdienst. Die Statistik gibt uns einen Einblick in die erfolgreiche EntwicklMg dieser Einrichtung. Die Zahl der Arbeits- dienstwilligen stieg seit September 1931 von 106 auf 6800 im Januar, auf 74 500 im Juli und beträgt nun schon 275 000, womit selbst alle Erwartungen der Reichsanstalt für Ar­beitsvermittlung übertroffen wurden. Den großen Aufschwung verdankt der Arbeitsdienst der Verordnung der Reichsregierung vom Juli dieses Jahres, welcher die Präambel oorangestellt ist:

terialkosten und Maschinenverschleiß ver­ursachen. Diese Möglichkeiten beschränken be­reits erheblich die Möglichkeiten der Arbeits­beschaffung. Demnach bleibt ein ganz be­schränktes Betätigungsfeld bestehen, das etwa folgende Gebiete umfaßt: Meliorationen, Was­serregulierungen, Deicharbeiten, Anlegung von Feld- und Forstwegen, Aufforstung, Einebnen von Bodensenkungen, Mitarbeit im Sied­lungsbau usw. Erst in zweiter Linie kom­men die nichtproduktiven Projekte, wenn sie auch im Interesse der Volksgesundheit er­wünscht sind, wie zum Beispiel die Anlage von Sportplätzen und Badeanstalten.

Häufig taucht auch die Frage auf, warum nicht von zentraler Stelle aus eine große Lan­

desplanung über das ganze deutsche Gebiet durchgeführt wird. Das ist jedoch nicht ein­fach an Hand der Landkarte zu entscheiden, denn es kommt nicht einfach auf die Art der Böden an, sondern auch auf Verkehrspro­bleme ufw. Ob sich häufig größere Aufwen­dungen lohnen, kann örtlich entschieden wer­den. Wie die Arbeit, so möchte man auch die Arbeitnehmer von einer zentralen Organisa­tion aus zusammenfassen. Bekanntlich re­krutieren sich die Arbeitsdienstwilligen vor­nehmlich aus Verbänden und Bereinigungen, deren Mitglieder durch Gemeinschaftsideen verbunden sind, also Jugendbünde, Wehrver- bnnde, kirchliche und karitative Verbände, Turn- und Sportvereine. Immerhin sind diese

Verbände im Lager nicht für sich abgeschkos- fen «ad müfjea daher dort ihre Verbands- intereffen zurücktreten lassen, denn dort kom­men aste Schichten zusammen: Arbeiter, Stu­denten. Bauern und Handwerker. Der Auf­bau aus den Verbänden gibt dem Arbeits­dienst den lebendigen Impuls, während eine Organisation von oben zu einer unpersönlichen Bürokratisierung führen würde.

Es ist auch verfehlt, mit besonderen geistigen und wisienschaftlichen Ideen tn die Arbeits­lager einzudringen und die Jugend schul­meisterlich belehren zu mosten. Unterhaltung und Bildung muß aus ihren Reihen selbst kommen und die Fragen der politischen, wis­senschaftlichen, sozialen und religiösen Lebens­gebiete müsien aus ihrer Arbeitsgemeinschaft erarbeitet werden. Dadurch kommt man am ehesten zur geistig-sittlichen. Erüchtigung, zur Erziehung zur Volksgemeinschaft und zum Dienst am Volk. M. P.

Zu dem vereitelten Attentat auf Wilhelm II.

„Der freiwillige Arbeitsdienst gibt den jun­gen Deutschen die Gelegenheit, zum Nutzen

i Dr. Martins,

[bei bisher als vartragender Legatümsrat hn- Auswärtigen Amt arbeitete, ist zum deutschen Gesandten in Riga, der Hauptstadt der Repu- 6fit Lettland, ernannt worden.

der Gesamtheit in gemeinsamen Dienst freiwillig Ernste Arbeit zu leisten und zugleich sich kör­perlich und geistig sittlich zu ertüchtigen."

’ * Bon der Einführung der Arbeitsdienstpflicht ist zunächst abgesehen worden, da infolge der Bewegtheit und politischen Zersplitterung der Jugend die Dienstpflicht nicht ohne Gefahr ßhwerer innerer Spannug durchgeführt wer­den kann.

Zum freiwilligen Arbeitsdienst ist bekannt- lich jeder Deutscher bis zum Alter von 25 Iichren zugelassen, wobei natürlich die arbeits­lose Jugend besonders berücksichtigt wird. Während des Arbeitsdienstes erhält der Ar­beitslose keine Unterstützung, jedoch wird ihm die Zeit auf die Unterstützungsdauer in der Arbeitslosenversicherung nicht angerechnet. Dem Arbeitswilligen wird eine tägliche Bei­hilfe von höchstens 2 Mark für Verpflegung, Unterkunft ufw. gewährt und zwar im allge­meinen bis zur Dauer von 20 Wochen.

Für das Haushaltsjahr bis zum 31. März 1933 hatte die vorige Reichsregierung einen Betrag von 50 Millionen Mark bereitgeftestt, der jedoch infolge der großen Beteiligung an den Arbeitslagern schon jetzt verbraucht ist. Es war dem Reichskommissar, dem jetzigen Minister Syrup, vor kurzem gelungen, von der alten Regierung noch einen Betrag von 25 Millionen aus den Ueberschüsien der Reichs­anstalt für Arbeitsvermittlung zu erhalten, womit er bis zum 31. März durchzuhalten hofft. Der Winter bringt naturgemäß eine Entlastung, da die Außenarbeiten wegen der Witterung eingeschränkt werden müsien. Die „offenen Seyer“ oder Tageslager, die ihre Mitglieder nur bei Tage zusammenhalten, werden über den Winter aufgelöst, während die „geschloffenen Lager“ mit ständiger Lager­gemeinschaft nach Möglichkeit beibehalten werden sollen, lieber weitere, grundsätzliche Maßnahmen für das kommende Jahr wird Minister Syrup noch mit dem Reichskobinett beraten.

Jedenfalls wird die gegenwärtige Siegelung, die sich bestens bewährt hat, im allgemeinen beibehalten werden. Täglich roerben neue Vorschläge gemacht, wie man die Arbeitsmög- lichkeiten erweitern kann, aber man ist er­staunt, wie oft die etaf ochsten, praktischen Vor­aussetzungen unbeachtet bleiben. Als oberster Grundsatz gilt, daß die Arbeiten des Arbeits­dienstes zwecklos stnd, andernfalls würden sie den Arbeitswillen Mtergraben, was auch feine Nachwirkungen owf das spätere Erwerbsleben hat. Andererseits sollen die Arbeiten nur zu­sätzlich und gemeinnützig fein, d. h. es dürfen nur Arbeiten ausgeführt werden, die in ab­sehbarer Zeit auf regulärem Wege nicht aus­geführt werden können. Ferner sind auch solche Arbeiten auszuscholtery die große Ma­

Der spröde Fassadenkletterer

Am immer sonnigen japanischen Badestrand kannte jeder die Vielumschwärmte. Sie war reizend, und der Badeanzug verriet das Ebenmaß ihres Körpers; dazu hatte sie an­scheinend Geld in Hülle und Fülle, die lleine Hiso, und einer gelegentlichen Unterhaltung mit einem höflichen Jüngling ging sie tags­über durchaus nicht aus dem Wege. Nur abends nach acht Uhr wurde sie spröde. Sie erschien wohl in den besten Gaststätten in Abendlleidern, die den hellen Neid ihrer weniger glücklichen Schwestern erregten und die Herrenwelt entzückten, aber sobald die Uhr acht schlug, löste sie sich aus dem Kreis ihrer Bewunderer und sagte mit rührender Bescheidenhett: „Ich Muß nach Hause. JH habe meinen Verwandten versprochen, um die Zeit im Hotel zu sein." Alles Bitten und Flehen half dann nichts mehr, und die Schöne verschwand im besten Hotel des Bade- ottes. So pries man zu allen ihren Vor­zügen auch Hisos Züchtigkeit. Einmal meinte eine etwas neiderfüllte junge Dame: „Viel­leicht muß sie so früh zu Hause sein, um ihre vielen Juwelen und ihren sonstigen Schmuck vor dem geheimnisvollen Mssadenlletterer zu schützen, der uns seit einigen Wochen heim­sucht." Möglich. Denn Hiso besaß tatsäch­lich einen auserlesenen Schmuck, von dem sie dann und wann etn Stück in der Deffentlich- fert sehen ließ. Außerdem machte tatsächlich reit Wochen ein unbekannter Einbrecher alle Hotels des Badeortes unsicher, ohne "daß es der geängstigten Polizei gelungen wäre, auch mir die geringste Spur zu finden. Dann aber kam plötzlich völlig unerwartet die Auf­klärung. Eines schönen Abends war Hiso wieder um ihre gewohnte 3eit entschlüpft, um züchtig nach Hause zu gehen. Die unge- ftilRe Liebesglut im Herzen eines ihrer eifrig­sten Bewunderer trieb den jungen. Kühlung suchenden Mann ms Freie, und einsam wan­derte er durch den nächtlich stillen Badeort, deffen Leben sich um diese Stunde auf die erleuchteten Gaststätten beschränkte. Da sah er plötzlich, wie vom Balkon eines Hauses der dunkle Schatten eines Menschen sich vom schwachen Schein einer fernen Bogenlampe abhob: der längst gesuchte Fäffadenlletterer! Der Jüngling schlug Lärm, im Hause wurde ein Fenster aufgerissen, zwei Minuten spä­ter wehrte sich der Fassadenkletterer umsonst gegen die wenig liebevolle Umarmung seiner Verfolger. Bald darauf stand der Einbrecher neben dem jungen Manne, dem man den guten Fang verdantte, vor der Polizeiwache. Man riß dem Uebeltäter die Maske vom Ge­

sicht, und der tapfere Jüngling fiel vor Ent­setzen beinahe in Ohnmacht: Vor ihm stand Hiso, die Angebetete seines liebeshungrigen Herzens. Die junge Dame mußte nun ein volles Geständnis ablegen: Sie war das Haupt einer gut organisierten Einbrecher­bande, die in wenigen Wochen in verschie­denen Badeorten große Wette erbeutet hatte. Sie selbst beteiligte sich hervorragend an den nächtlichen Streifzügen, und so war es kein Wander, wenn sie jeden Abend so pünttlich um 8 Uhr „von ihrm Verwandten erwartet wurde".

Ein neues

Schnellverkehrsmittel

Ein neues Schnellverkehrsmittel ohne Schaffner und Führer, ohne Bahnhof, mit einer ununterbrochenen Kette von Schnell­wagen, die niemals anhalten, obwohl Fahrgäste ein und aasfteigen, ist die neue sensationelle Lösung für das großstädtische Derkehrsproblem, die Norman William Stover, ein Ingenieur der Wettinghouse Electric-Company, in Vorschlag bringt. Sein Plan sieht zwei nebeneinanderlau- fende endlose Rollsteige vor, die in Ab­schnitten von drei bis vier Metern anein­andergekettet find, damit die Kurven leich­ter genommen werden können. Eine der beiden Wagenketten bildet den ununter­brochenen fahrenden Schnellzug, die zweite den Lvkalzug, der einmal in der Minute zehn Sekunden lang anhält, um Fahrgäste von und nach dem festen Bahnsteig ausstei­gen am Lokal-Rollsteig kann an jedem be- umfaffenden Bahnstrecke in ihrer ganzen Länge umgibt. Dieses Ein- und Ausstei­gen an Lokal-Rollsteig kann an jedem be­liebigem Punkte der gesamten Ringstrecke geschehen. Bei einer Fahrt auf dem von Stover projektierten llntergrundrollsteig wartet man auf dem Bahnsteig höchstens 40 Sekunden bis der Lokalrollsteig anhält. Die Türen öffnen sich automatisch, man tritt in den Abschnitt, der grade vor einem hält, ein Gong ertönt, und die Türen schlie­ßen sich wieder. Der Lokalrollsteig hat keine Sitze, da man sich nur für Sekunden darauf aushält. Auf der dem Bahnsteig

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Wilhelm II. mit seiner Gattin Haus Doorn,

auf dem Spaziergang. der WohnfiF Wilhelm II.

In das Haus Doorn, die Besitzung des früheren deutschen Kaisers, drang ein Unbekannter ein. der offenbar einen Anschlag auf das Leben Wilhelm U. vorbereitet hatte. Der geheimnisvolle Eindringling, der aus Düffeldorf stammt, war schon bis zu einem Gemach neben dem Arbeitszimmer des Kaisers gelqngt, als Diener ihn entdeckten und ihn überwältigten. Bisher verweigert er alle Angaben über seine Person und seine Absichten.

gegenüberliegenden Seite des Lokalrollstei­ges steht man die Schnellzugsabteile in un­unterbrochener Reihe vorbei sausen. Der Lokalrollsteig setzt sich in Bewegung, und während er seine Fahrt beschleunigt, scheint der Expreßrollsteig neben ihm die seine zu verlangsamen. Dreizehn Sekunden nach Abfahrt des Lokalzuges fahren die beide« Züge gleich schnell auf den parallelen ©lei* sen nebeneinander her. Die Türen de» Lokalzuges und die Türen des Schnellzuges öffnen sich. Man steigt in den Schnellzug. über und nimmt dort Platz. Dann schließen: sich die Türen, und der Lokalzug beginnt seine Fahrt bis zur nächsten Haltestelle zu! verlangsamen, während der Schnellzug weiter eilt. Die Herstellungskosten des Rollsteiges betragen nach Stoves Angabew nur zwei Drittel derjenigen einer gewöhn­lichen Untergrundbahn, während die Be­triebskosten nur einen Bruchteil der heuri­gen ausmachen werden. In Stadtteilen mit vielen Wolkenkratzern soll der Roll­steig als Hochbahn durch Gebäude und von einem Gebäude ins andere über glasum­schlossene Brücken führen.

WtWathtWen

Lehrauftrag für Eisenbahnrecht.

X Wie wir erfahren, ist der Reichsbahn­direktor Dr. Theodor Kittel beauftragt worden, im Sommersemester 1933 in der phi­losophischen Fakultät der Universität Ver- l i n Vorlesungen über Einführung in das Eisenbahnrecht und in die Verwaltung der Deutschen Reichsbahn zu halten.

X Der frühe« langjährige Vertreter der österreichischen Geschichte an der Prager deutschen Universität Dr. phil. et jur. Samuel Steinherz begeht am 16. Dezember seinen 75. Geburtstag.

X An Stelle des verstorbenen Pros. Dr. Sterl ist der Maler, Professor Ferdinand Dorsch in Dresden zum stellvertretenden Vorsitzenden der Sächsischen Sachverständigen­kammer für Werke der bildenden Künste er­nannt worden.

X Prof. Dr.-Jng. E. h. Heinrich Span­genberg in München hat den Ruf auf den Lehrstuhl für Eisenbeton- und Massivbrücken- bau an der Technischen Hochschule in Ber- l i n abgelehnt.