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Anzeiger fiir (das frühere knrhesfifche) Oberhessen
Nr.M 87. NW.
Marburg a. »ahn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Kabinett Herriot gestürzt
Zahlung der Schuldenrate an Amerika mit 402 gegen 187 Stimmen abgelehnt
möglich erachtet hätten. Herriots Rede schloß um 4.20 Uhr Pariser Zeit und wurde mit Beifall ausgenommen. Die Abstimmung begann mit dem Antrag Chan- v i n, der im wesentlichen die Regterungs- oorlage enthielt. Herriot stellte dazu die Vertrauensfrage.
Eine Anfrage an Herriot.
Kurz vor der Abstimmung richtete der Eeneral-Berichterstatter, der radikale Abgeordnete Lamoureaux, an Herriot die Frage, ob es stimme, daß Amerika die englischen Vorbehalte an-
Verworrene Lage
Wer wird Herriots Nachfolger?
fl. P a r i s, 14. Dez. Nach dem Sturz der Regierung Herriot ist die politische Lage insofern verworren, als das Ab-, stimmungsergebnis dem Präsidenten der Republik keine politischen Anhaltspunkte dafür gibt, welche Persönlichkeit am besten geeignet sei, das neue Äa» binett zu bilden. Die Mehrheit, die Herriot heute gestürzt hat, setzt sich nämlich aus Abgeordneten zusammen, die p.a r t e i- politisch unterschiedlich eingestellt find. Heute vormittag nennt man als Kandidaten den Abgeordneten Daladier.
Eisenbahnunglück bei Luzern
Zwei Schnellzüge im Tunnel zusammengestotzen - 9 Tote
genommen habe. Der Ministerpräsident habe im Laufe seiner Ausführungen darauf hingewiesen. Es war Lamoureaux unmöglich, eine Antwort zu erhalten, da der Ministerprästdent ihm das Wort a b s ch n i t t und ihn dringend ersuchte, nicht auf die Frage zu bestehen. Hierauf wurde der Antrag des Abg. Chauvin, der den Regierungsentwurf wieder auf-, nimmt, von der Kammer mit 402 gegen' 187 im Plenum abgelehnt. Rach Verkündung des Ergebnisses haben Ministerpräsident Herriot und sämtliche Minister den Sitzungssaal verlassen.
Die mit der Geschäftsführung beauftragte Regierung mutz den Text der von der Kammer heute früh angenommenen Entschließung nach Washington übermitteln.
Amerika hält die Verhandlungen mit England für beendet.
Washington, 13. Dez. Staatssekretär Stimson erklärte, als er nach der dritten Konferenz mit Hoover und Mills das Weihe Haus verlieh, man könne die Verhandlungen mit England über die am 15. Dezember fällige Kriegsschuldellrate als beendet ansehe«.
ft Paris, 14. Dez. Die Regierung Herriot ist am Mittwoch 5.15 Uhr gestürzt worden. Sie wird sich in den ersten »ormittagsstunden geschlofien ins Elyfee begeben, um dem Präsidenten der Republik ihren Rücktritt zu unterbreiten. Die Kammer hat den Entschlietzungsan- trug Chauvin, zu dem Herriot die Ber- ttaueasfrage gestellt hatte, und der die 4 Punkte der Regierungsvorlage enthielt, mit 402 gegen 187 abgelehnt und da - Mit die Zahlung verweigert.
Die Rachtsitzung in der französischen Kammer.
ft Paris, 14. Dez. Die entscheidende Schuldenaussprache in der Kammer, die um 21 Uhr . wieder ausgenommen wurde, dauerte mit einer kleinen Zwischenpause um 5.45 Uhr Pariser Zeit noch an. Nach„ einem kommunistischen Redner, der gegen die Zahlung sprach, begründete der Sozialist Vincent Auriol den mit 80 gegen 70 Stimmen gefaßten Beschluß seiner Frak- tton, gegen die Zahlung zu stimmen.
Rach Vincent Auriol verteidigte der radikal-sozialistische Abgeordnete Col nochmals den Entschluß der Regierung, die Zahlungsverpflichtung einzuhalten, indem er besonders auf die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit England hinwies.
Gegen 2.35 Uhr Pariser Zeit bestieg Herriot die Redner-Tribüne. Er kündigte die Vertrauensfrage an. Der Rechten warf Herriot vor, sie wolle die logische Schlußfolgerung nicht daraus ziehen, daß sie selbst die heute sich auswirkenden Schuldenverträge unterzeichnet habe. Zur Linken gewandt, schilderte Herriot die Gefahr der Vereinsamung, der Frankreich ausgesetzt werde, falls es eigene Wege gehen sollte.
3n dem Augenblick, so sagte Herriot u. a., in dem die Gefahr der Dittatur über gewifien Ländern steht, und in dem durch die Möglichkeit des Ausscheidens des Staatsoberhauptes in einem Lande eine Herrschaft wieder hergestellt werden könnte, die der Vor- krieg^eit zum mindesten sehr ähnlich wäre (diese Anfpiegelung geht auf Deutschland), wolle man wegen 480 Mill. Franken, die in monatelanger Arbett wiederhergestellte Einheitsfront zwischen Frankreich und England zerstören.
Herriot verlas ferner eine ihm während seiner Rede zugegangene Mitteilung aus Washington, in der Präsident Hoover ihn benachrichtigen ließ, daß er das Studium des Schuldenproblems noch einmal aufnehmen wolle. „Wollen Sie", so fuhr Herriot darauf fort, „für 480 Mill. Franken Frankreich seiner materiellen und moralischen Mittel zum Verhandeln berauben? Glauben Sie ferner, daß England noch lange seine Schulden stunden würde, wenn Frankreich jetzt seine Zahlung ablehnen und damit die Uebereinstimmung Mtt England aufgeben würde?"
Weiter wies der Ministerpräsident darauf hin, daß alle Sachverständigen, die die Möglichkeit eines Schiedsgerichts geprüft hätten, seine Einwendungen für un
Luzern, 13. Dez. Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich im Eütsch-Tun- nel, durch den die Eisenbahnlinie aus dem Sackbahnhos Luzern hinter der Stadt herführt, um daun wenige Kilometer später nach Bellinzona einerseits und «ach Basel- Zürich andererseits abzuzweigen. Der Gotthardt-Schnellzug 554 stieß hier mit dem Züricher Schnellzug zusammen. Bisher sind neun Tote (nach einer anderen Meldung acht Tote) geborgen worden. Bier Menschen werden noch vermißt. Zwölf Personen wurden schwer verletzt. Die Lokomotivführer der beiden Züge befinden sich ebenfalls unter den Toten. Die Rettungsarbeiten in dem dunklen und engen Tunnel find sehr schwierig. Die Ursache des Zusammenstoßes liegt darin, daß der Züricher Schnellzug bei der Signalstelle Sentimatt das geschlofiene Einfahrtssignal überfuhr und dadurch in die auf den Gotthardt-Schnellzug gestellte Ablen- kungsweiche hineinfuhr. Die beiden Lokomotiven rasten dann gegeneinander. Glücklicherweise hatten sie noch nicht das volle Tempo, sonst wäre das Unglück ein noch viel größeres geworden. Der Eisenbahnverkehr von und nach dem Bahnhof Luzern ist vollständig unterbrochen.
Die Aufräumungsa rbei'ten im Gütsch-Tunnel werden sehr erschwert, weil sich die Trümmer der Lokomotiven und Wagen dis zur Dunneldecke türmen. Die Schweihapparate find ununterbrochen in Tätigkeit, um die ineinandergepreßten Eisentelle zu lösen. Aach dem Zusammenstoß entstand im Tunnel durch Kurzschluß ein Brand, der aber
bald gelöscht werden konnte. Hm 19 Hhr befanden sich keine Verletzten mehr unter den Trümmern. Durch den Zusammenstoß wurden beide Lokomotiven, die Gepäckwagen und zwei Personenwagen zer- trümmett, die glücklicherweise nur schwach besetzt waren.
Die Verletzten weisen Schädel- brüche, Schenkelbrüche, Ellenbogenfrak- turen Und Quetschungen auf. Erschütternd war es, wie die unverletzt gebliebenen Passagiere einer nach dem andern, wie aus einer Hölle entronnen, aus dem Tunnel wankten. Mehrere hatten einen Nervenschock erlitten.
Weshalb der Führer des Züricher Eilzuges das Haltesignal überfuhr, ist noch nicht geklärt. Die Luzerner Eisenbahn- direstion hat sofott die Hnterfuchung aufgenommen.
Der Nieger Settern kehrt «ach Australien zurück.
Surabaja (Jawa), 14. Dez. Der deutsche Flieger Bertram, besten Flugzeug gestern bei einem Startversuch beschädigt wurde, beabsichtigt, nach Australien zurückzukehren, um nachmals den Versuch zu machen, in sieben Tagen von Australien nach England zu fliegen.
Schwere Pockenepidemte in Teheran. 228 lote.
Teheran, 13. Dez. Hier herrscht seit einigen Monaten eine furchtbare Pockenepidemie. Von 42j Pockenkranken find seit dem 1. Oktober 258 tödlich verlaufen.
Was will Schleicher?
„Was will Schleicher?" — so tontet diel Heberschrist eines Artikels in der „Bör^ sen- Zeitung", dessen Verfasser mch drei Sternen zeichnet. In diesem Aüfsatzj wird u.a. hervorgehoben, daß Schleichers kein Staatsmann wäre, wenn er die ihm zur Verfügung stehende Wacht einsetze, so<s lange es nicht unbedingt nötig sei. Deutsch« land komme aus einer Phase der inneren« Politik, die sich durch einen Kampf ttmi Grün dsätze und Prinzipien der Staatsordnung ausgezeichnet habe.- Werde der General — so müsse man sich fragen — diesen Kampf fortsetzen? „Er wird es sicher nicht tun. Grundsätze kann man haben. Aber es ist nicht nötig, sie immer auszusprechen, besonders nicht in der Politik." Zu Zetten, so heißt es dann weiter, könne es nützlich sein, die öffentliche Meinung durch grundsätzliche Forderungen zum Aachdenken über den Staat und über die Brauchbarkeit seiner Grundsätze anzu- regen. Das sei unter der Aera Papen ausgiebig, geschehen. Jeder wisse nun.^> worum es gehe. Es gehe einzig und allein darum, daß das Volk Frieden, Arbeit und Brot habe, daß es zum allgemeinen Mutzen gut legiert werde und daß alle Dtaats- bürget zu ihrem vornehmsten Recht kämen, nämlich ihre Pflichten gegen den Staat zu erfüllen.
Der Verfasser des Artikels kommt dann auf das Problem der Regie rungs- form zu sprechen. Er schreibt dazu: über, präsidiale oder parlamentarische Regierungsformen brauchen wir uns nicht mehr zu ftreiten. Wenn Herr von Schleicher mit dem Parlament auÄommt, warum sollten wir ihn tadeln?
Dieselben Feststellungen hätten auch für die Wirtschaftsformen Geltung. Wit Theorien und Plänen sei Deutschland in diesem Jahre gesegnet worden. Schleicher werde die Wirtschaftsform bevorzugen und fördern, die am wirksamsten sei, um Arbeit und Brot auf lange Sicht zu schaff fen. Auch sei das eine Frage der Methode, die sich nur Nus der Praxis ergeben könne. Ein anderes Bekenntnis als zu den Pflichten des Staates dem Volke gegenüber werde man von Schleicher nicht erwatten können. Mit doktrinären Parolen wittschastspolitischer Projekte- macher werde sich der General nicht identifizieren dürfen.
Dann wird an einen Reichswehr- erlaß erinnert, den General von Schleicher im Jahve 1923 entworfen und den von Seeckt unterzeichnet hat. In diesem Schreiben heißt es: „Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten, daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder innerer Revolution das Hell kommt, sondern daß uns nur hatte nüchterne Arbett die Mö-glich- kest Mn Weiterleben gibt." Die Wehrmacht und chr politischer Führer solle nicht als Herr uttd Direktor stimmen, sondern als Rothelfer des Volkes in schwerster Stunde.
!Zum Schluß wird die Fruge aufgeworfen, auf welche Patteien sich der ReichS- kanzler stützen werde. In diesem Zusammenhang kommt der Verfasser auf die NSDAP, zu sprechen. Er gelangt dabei zu folgendem Schluß: „Aus der Kraft dieser Partei allein ist die Erneuerung des Reiches nicht möglich. Sie kann nur erfolgen unter Führung derjenigen Kräfte, auf denen der preußisch-deutsche Staat sich von jäher im Kern begründete. Aber sie kann nicht erfolgen, ohne das Bündnis mit der Volksbewegung, heute so wenig